507
8 ßotheketz „Ratsapothek e". Ihre Vorsteher bezogen ein bestimmtes Gehalt, waren aber bestrebt, selbst in Besitz dieser Patronatsapotheken zu gelangen. Die Herstellung der Arzneimittel war höchst einfach und geschah meist nach Anweisungen italremscher Arzneibücher. Die Kräuterpflanzen zog man in den ber der Apotheke gelegenen Hausgärten. Fremdländische Arzneistoffe wurden von Materialisten in Frankfurt, Nürnberg rind Augsburg. bezogen. Zur Bereicherung der Pflanzenkenntnis nützten die seit Anfang des 17. Jahrhunderts angelegten wissenschaftlichen Kräutergärten. Die 1607 gegründete Gießener Hochschule war eine der. ersten Universitäten in Deutschland, die neben Leipzig, Berlin, Breslau, Heidelberg im Jahre 1609 ihren botanischen Garten erhielt. Im 17. Jahrhundert hielt die Chemie ihren Einzug itt die Laboratorien der Apotheken,! «und damit war die Grundlage gewonnen, Arzneimittel auch auf chemischem Wege herzustellen.
In Gießen werden wohl schon im 16. Jahrhundert sogenannte Mrzneihandlungen oder Winkelapotheken, wenn wir sie so nennen wollen, vorhanden gewesen sein, wenn uns darüber auch jede Nachricht fehlt. Von einem „examinierten" Apotheker konnte noch keine Rede sein; man verfuhr bei der Herstellung von Arzneimitteln handwerksmäßig nach der 1564 erschienenen „Augsburger Pharmakopeia". Bald nach Gründung der Gießener Hochschule wird auch eine unter ihrer Kontrolle stehende Universitäts- vpotheke gegründet worden sein, wie es dem Wunsche des Landesfürsten entsprach. Dies bezeugt der „Extract Privilegiorum academ., welche von Weyland H. Landgraf Ludwigs Hochfürstl. Durch!. Hochs. Andenkens Anno 1607 gnädigst ertheilet", in dem es heißt:
„Und derweil zu einer Universität ein Nota- Pius, Apotheker, Buchdrucker, Buchbinder von Nöthen, so wollen Wiroieselbevon Bürgerlichen Beschwerden auch befreyet haben,"
Eine Notiz unter den Papieren der Engelapotheke von 1611, deren Herkunft allerdings nicht ermittelt werden konnte, besagt, daß der Besitzer dieser Apotheke seinen Hopfen an 200 Malter, im Burgmannenhaus lagernd, der Universität verpfändet habe. Darnach wäre der Universitätsapotheker auch noch Hopfen-Großhändler gewesen; er mußte wohl wegen rückständiger Abgaben an die Universität Sicherheit stellen. Mit Verlegung der Gießener Universität nach Marburg im Jahre 1625 scheint auch die Universitäts-Offizin dorthin gewandert zu sein; denn 1678 erklärt der Besitzer der Universitätsapotheke Dr. GießweiU in der Klagesache des Bürgermeisters und Rats zu Gießen gegen ihn wegen Veranlagung zu Gemeindeabgaben: „Die Officin aber ist, wie ich Nachricht habe, niemals, sowohl hie, bevor zu Marburg, als auch nachgehends hier zu Gießen in einigen steuer stock Komme n." Apotheke und Universität waren immer eng miteinander verbunden. Gießwein sagt in einer Eingabe von 1678 an das Rektorat und Dekanat: „Bei r e st a u- pation dieser Hochschule (1650) haben dieselbe mich hochgeneig- test zu einem Universitätsapotheker angenommen"... Somit steht fest, daß die Universitätsapotheke bald nach 1607 errichtet wurde, dann nach Marburg wanderte und 1650 als solche wieder neu, aufgetan wurde. Mit einer nochmals möglichen Verlegung der Universität scheint man immer gerechnet zu haben; denn nach dem „Extractu ex Protocollo Academiae Gießensis"! von 1678 muß der neu angenommene Universitätsapothekep Joachim Schnell schwören, „daß er der Universität auf den Fall der Translocation folgen werde". Noch 1792 erklärt der Apotheker Kunhardt, „bey meinem damaligen Eyd ist mir besonders auferlegt worden, daß, wenn die Universität nach diesem verlegt werden sollte, ich mich verbindlich machen solle, derselben nach zuziehe u". So berichtet auch unter anderem, als es sich 1792 um eine etwaige Einziehung der Universitätsapotheke handelte, der Universitätssekretär (Oeconomus) Oßwald: „Wenn sie auch jetzt entbehrlich seh, so könnten doch Fälle eintreten, wo es für die Universität nicht ohne Nutzen, wenn der Apotheker der Universität folgt, wie bei einer all» faltigen Verlegung oder Auswanderung wegen Pest und Krieg . . ."
Nach der Rückverlegung der Universität von Marburg nach Gießen im Jahre 1650 beherbergte die Universitätsoffizin das B ur g m a une nhau s am Kirchenplatz, am Eingang in die Kaplaneigasse. Das Haus war ehemals gemeinschaftliches Eigentum der Burgmannen v. Schenk,». Senft zu Pilsach Und v. Schwalbach, an deren Nachkommen die Universitätsapotheker bis zum Jahre 1765 „Haus- und Kellerzins" bezahlen Mußten. Daß von Anfang an das BurgMannenhaus am Kirchenplatz das Heim der Offizin war, läßt sich annehmen, da die Notiz von 1611 von dem Hopfenlager des Universitätsapothekers! daselbst spricht. Außer dem Hauszins, der durchschnittlich 11 fl. jährlich betrug, mußte der Universitätsapotheker von dem auf dem Burgmannenhaus ruhenden Steuerkapital von 153 fl. an „R itte r st euer" 3 fl. 26 alb. bezahlen; für die Offizin hatte er von einem Steuerkapital jährlich 5 fl, 3 Pfg. an die Universitätskasse zu entrichten. Dafür war er aber auch von allen bürgerlichen „yneribus", „vom Eisbrechen, dem Wachten auch Soldaten Quartier, und Quartier- Geldern" befreit.
Die Steuerangelegeuheit der Univcrsitätsapotheke beschäftigte oft Bürgermeister und Rat der Stadt, die die Offizin zu den! bürgerlichen Lasten heranziehen wollten, aber stets ohne Erfolg.! Schon 1678 ergeht folgende fürstliche Resolution: „Zu wißen sehe hiermit, Alß Bürgermeister und Rat allhier zu Gießen sich anmaßen wollen, die Gießwein'sche Universitäts-Apotheke dieses Orths in den Bürger l. Steuer stock zu ziehen und bey dem Wevland Durch!. Herrn Ludwigs des Aelteren Landgraf von Hessen, nunmehr in Gott ruhenden Fürsten und Herrn Gießweinj sich darumb beschweret und gebetten, Wey! Er mit der Apotheke; nicht unter hießigem Statt Rath und Bürgerschaft stehe und zu der Universität gehöre ... so sind Bürgermeister und Rat mit ihrer Sache ab und zur ruhe zu weisen." In der gleichen Sache berichten 1696 Kanzler, Dekan und die medizinische Fakultät an den Landesfürsten, daß nach dem Privileg von 1607 „Ew.- Hochfürstl. Durch!. Academia eine von bürgerliches Beschwehrten befreyte Apotheke zu halten befugt ist. . ." 1713 muß wieder Landgraf Ernst Ludwig erklären^ daß es billigerweise sein Bewenden habe, wenn die Universitätsapotheke mit 200 fl. Steuerkapital'bei dem „Universitäts-Steuer- Stock beygesetzt ist Und dabeh wirklich versteuert werde".
. Welche Personen, die ersten Universitätsapotheker bei Gründung der hiesigen Hochschule waren, kann nicht seftgestellt werden, da vermutlich die betreffenden Personalakten nach Marburg wanderten. Nach Wiederherstellung der hiesigen Universität im Jahre 1650 wurde der Apotheker Gießwein als Universitätsapotheker angenommen. In seiner Eingabe an den Rektor und Dekan von 1678 bittet er um Uebertragung der Apotheke an seinen Schwiegersohn Joachim Schnell, bei welcher! Gelegenheit er sich selbst folgendes rühmliche Zeugnis ausstellt j „Bey restauration dieser Hochschule haben Dieselbe Mich hoch- aeneigtest zn dem Universitäts-Apotheker angenommen und bestellt biß hier auch habe Ich, so wohl vor alß post impetratos houores Doctorales, die Apotheke vonanfangan ohne Eitelen beygelegten selbst eigenen Ruhm mit frischen felecten materialibus und medicinalibus Versehe n." Gießwein will sich künftig „von dem Corpore pharmst- ceutico ab ad praxin medicam" begeben. Er war auch später! Physicus in Butzbach.
Gießweins Nachfolger war sein Schwiegersohn Joachim Schnell von Quedlinburg. Er wurde am 18. Februar 1678 von der medizinischen Fakultät „gebührend examiniret, approbirett und auf begehren mit einem Testimonio versehen". Schon am 28. Februar fand eine Visitation der Universitäts-Apotheke „zuM Engel", wie sie jetzt zum erstenmal genannt wird, statt, und „sowohl guae simplicia, als quae compositst allerdings gut unä wohl bestellt gefunden worden".
1712 „Ist Engelbert Rittershausen seinem Schwie- gerb. Joach. Snell adiungirt und ao. 1715 an Eydespflichtest bei L, Univ, genommen worden."
Ihm folgte als Universitätsapotheker 1755 sein Sohn A M a st- du s R i t t ers h a n s e n. Er erwirbt 1765 das ehemalige Äurg- mannenhaus, in dem seine Vorgänger nur Mieter waren. Trotzdem war er ein schlechter Verwalter der Offizin; unter ihm geht die Apotheke sehr zurück. 1792 wird aktenmäßig festgestellt, daß Rittershausen „einzig und allein durch Faulheit und Caprica nun seit 6, höchstens 8 Jahren so in Verfall seiner Nahrung; geraten, daß nur seit solcher Zeit seine Apotheke außer Thätigkeit gekommen ist." 1792 erwirbt Kunhardt aus Neuhaus iM „Bremischen" bei der öffentlichen Versteigerung von Amandus Rittershausen Haus und Apotheke für 7050 fl. und zwar „das freyadliche Wohnhaus nebst dazu gehörigem Hinterhaus und allem Zugehör an der Hauptstraße der Stadtkirche, neben der Fräst Geh. Hofrätin Heß Behaußung gelegen, wie auch die darinnen befindliche sogenannte Universitäts-Engel-Apotheke mit allen Medikamenten, Privilegien, Recht und Gerechtigkeit, nichts davon ausgenommen, wie solches frei) adeliches Wohnhaus und Hinterhaus nebst Apotheke zeithero inne gehabt und besessen hat". 1828 erwirbt die Universitätsapotheke Brüel aus Verden, dem das Privileg erneuert wird. Spätere Besitzer der 'Engelapotheke wärest St. George, bann Sau Binger, Knoch, Colima n n, Döring, Weber, Roth. Von diesem erkaufte sie am 1. Juli 1899 Theodor Sch wieder, der die Offizin iM September 1904 in das neue Gebäude: Marktplatz-Sch u l- straße verlegte. Tie Seitenwand des neuen Gebäudes uach der Schulstraße hin trägt in Stein eingehauen folgende Inschrift:' „Medicinae Tabernae Ex anno MDCL academicae quae nomen habet ab aureo angelo vicini priori9 aedificii vice Hane domum opera ar chi tectorum Stein et Meyer exstruendam curavit TheodoruS Schwieder Pharmacopola a. d. MDCCCCIIIL“ (Ast Stelle des früheren benachbarten Gebäudes der Universitätsapotheke aus dem Jahre 1650, die den Namen Engelapotheke trägt, ließ der Apotheker Theodor Schwieder im Jahre 1904 durch die Architekt en Stein, und Meyer dieses Haus errichten.)
(Schluß folgt.)


