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Nun war die Stasia sein Weib ; sie schwur ihm Treue fürs ganze Leben vor Gott. Der Priester weihte ihren Bund.
Walentins Brust hob sich unter schwellendem Atemzug des Glückes: nun war sie sein! Sein, die hier so schön, so zierlich neben ihm stand! Es siel ihm darüber gar nicht auf, daß er eigentlich kein Wort verstand von dem; was da am Altar gesprochen wurde.
Piotr Stachowiaß der Propst, lag an einem neuen Gtcht- ansall, so traute sie der junge Vikar.
Aber er hielt die Traurede polnisch. Nur als er sich direkt an den Bräutigam waudte: „Ich frage dich, Valentin Bräuer, Junggeselle, willst du diese hier anwesende Jungfrau Stanislawa Marianna Frelikowska, als dein christliches Eheweib hochhalten und lieben dein ganzes Leben lang, so antworte: ja" — sprach er deutsch. Aber er lispelte es rasch, leise und unsicher, wie mau eine fremde Sprache spricht, die man nicht ganz meistert.
Desto lauter klang des Bräutigams „Ja!" durch die Kirche. Er rief es heraus aus voller Brust, so ehrlich- zuverlässig, daß selbst die Neugierigen, die sich aus dem Dorf eingefunden hatten, dieses „Ja" verstanden.
Stasia sagte „tat"*).
Unter dem mit Rosmarinzweigen besteckten Brautmützchen, das sie, wie alle polnischen Landbräute am Hochzeits- tag trug, schaute sie beharrlich zu Boden. Es war ihr nicht so gar leicht zumute. Gestern toar sie noch einmal gur Beichte gewesen, und mit weinenden Augen hatte sie den Beichtstuhl verlassen. Es war doch eine nicht so leichte Aufgabe, der sie entgegenging — des war sie sich im Beichtstuhl erst ganz bewußt geworden.
Sie machte ein ernstes Gesicht. Es hellte sich auch nicht Ms, als der Kutscher des Hochzeitswagens, eiu wehendes, buntseidenes Tuch ins Knopfloch geknüpft, kunstvoll mit der laugen Peitsche knallte, daß es klang wie Pistolenschüsse. Sie lächelte nicht, als der Wind sie mit den vielen flatternden Bändern vom' Rosmarinsträußchen ihres Hochzeiters kitzelte, lachte nicht, als beim Hochzeitsschmaus der Vater und der Schwiegervater, die beide kräftig getrunken hatten, Brüderschaft schlossen, und dann plötzlich draußen vorm Haus die Musikanten von Pociecha-Dorf, die man nicht bestellt, aber die sich doch eingefunden hatten, den Krakowiak zu spielen anfingen. Und sie spielten doch so flott, daß der nimmermüden Michalina, die den ganzen Tag Küchen und Braten Mfgetragen und Bier und Wein eingeschenkt hatte, die Füße juckten.
Sie schaute erst zuversichtlicher drein, als ihr die Brautjungfern um Mitternacht das Brautmützchen abgenommen und ihr als Zeichen der Würde die Frauenhaube aufgesetzt Latten. Die würde sie nicht immer tragen, bewahre! Auf das besorgte FWstern ihres Ehemannes: ob sie denn von nun ab ihr schönes blondes Haar verdecken wolle, schüttelte sie lächelnd den Kopf — o nein, nein, mau hielt eben nur fest >an den alten Hochzeitsbräuchen!
Gegen das nun einmal Hergebrachte ließ sich nichts agen. Das hatten auch die Eltern Bräuer eingesehen, wenn- jleich Fran Kettchen art dem Hochzeitstag oftmals recht un- icher blickte. Es kam ihr alles so sehr fremd vor, und sie, >ie die Hochzeit eifrig betrieben hatte, konnte ein paar 'eichte Seufzer nun doch nicht unterdrücken.
Schon daß die Braut keinen Myrtenkranz trug, wollte ihr nicht in den Sinn — war sie denn ein Mädchen, dem die Myrte nicht mehr zukam?! Doch, doch freilich! Wer der Rosmarin war nun einmal hier Sitte anstatt der Myrte.
Verstohlen suchte ihr Blick üb ernt Sofa das Glas käst ch en, darinnen ihr eigner Brautkranz hing — ach, den hatte sie immer so hoch gehalten! Und sehnsuchtsvoll flogen ihre Gedanken zurück m jener Zeit, da in der kleinen Dorfkirche am Rhein ihr Glück begründet worden war. Und eine Sorge kam' sie an: ob die hier auch glücklich werden formiert?!
Vater Bräuer war es auch nicht einerlei gewesen, daß der Sohn aus dem Hause ging. Aber darüber uachzudenken, dazu kam er vor der Hand nicht. Es war nun vor Winter noch eine Menge Arbeit zu erledigen, und aus bett neugebackenen Ehemann war in dieser Zeit nicht viel zu rechnen. Der mußte nun erst einmal die eigne Wirtschaft begründen, und — hatte Man wohl je ähnliches erlebt? — der hing seiner jungen Frau ja förmlich am Schürzenzipfel. Alle seine Gedanken waren «nur bei ihr, kaum war er einmal weg vom eignen Herd, so saß er auch schon wieder daran, fe-r-t—H
*) Ja,
Das würde sich' ja hoffentlich legen mit der Zeit. Ein Glück, daß die Schwiegertochter nichts Unbilliges verlangte, denn wahrhaftig, — Vater Bräuer schüttelte oft genug mißbilligend den Kopf — der Junge ließ ja alles mit sich machen!
Nun war der Winter gekommen. Weiß lagen die unabsehbaren Flächen, und Schneehaufen gleich, kaum sich hebend vom' Boden, die niedrigen Hütten der Komorniks.
Der Ackerbau ruhte. Die Pflugschar rostete.
Ties unterm Schnee schliefen die, winzigen Hälmchen'. Wer konnte jetzt schon sagen, ob sie einst hoch und kräftig emporschießen, reife, wiegende Ae'hren werden würden, die sich neigten unter der eignen Fülle — oder ob sie verkommen würden, ersticken unter der Last, die der Himmel mit jedem Tag auf sie heruntersenkte?!
Bon November an fiel der Schnee stetig. Kein Sonnenwetter gab's mehr. Auch kaum einen Wind. Ruhig blieb der weiße Mantel liegen; kein Ast, kein Nestchen der Akazien! von Przyborowo und der Pappeln von Chwaliborczyce war nackt. Jeden Morgen das gleiche Weiß, dieselbe weiche, fleckenlose, jeden Schall dämpfende Hülle. Lautloser Friede lastete üb ernt Lysa Gor a.
Auf dem platten Lande machte sich die Langeweile breit. Zu Sommerzeiten wurde nie so viel geklatscht. Löb Scheftel brauchte, wenn er jetzt mit seinem Wägelchen herumfuhr, immer länger und länger zur Tour. Und das war nicht die Schuld des Schnees allein, der sich den Rädertl anklebte, Schuld trug auch nicht, daß er nun alles allein zu besorgen hatte — sein Sohn Isidor half ihm nicht mehr, der war im Herbst fortgezogen — das Schwatzen machte es, das ihn in jeder Küche festbannte, beim kleinen Mann sowohl wie in der Herrschaftsküche.
„Gott der Gerechte und Weh geschrien!"
Der Händler hatte viel zu jammern: wie sollte es werden, wenn die neuen Zölle durchgingen?! Wie teuer würde man dann 's Fleisch erst einkaufen! Gott soll hüten!
Wie man in der Zeitung las, die der Herr Kestner hielt — der Briefträger, den Scheftel auf seinem Wägelchen täglich ein Stück Wegs mitnahm, ließ ihn zum Dank dafür immer ins Kreuzband gucken —, war Zollerhöhung auf! die Einfuhr vom Ausland das einzige Mittel, die heimische Landwirtschaft zu heben.
Klug gesprochen! — das meinte Löb Scheftel auch. Mochten sie nur immer die Einfuhrzölle erhöhen, hierzulande wuchs ja auch Getreide, und Kälber wurden auch geboren und Lämmer und Ferkel! Aber — weh geschrien — nun wollten die großen Herren auch gleich denselben Preis für ihre Produkte Machen, wie der für die auswärtigen war, die doch den hohen Zoll auf sich hatten. Ja, auf diese Weise verdienten wohl die großen Herren — aber andere?!
Wenn die Futtergerste, der Mais, die Oelküchen, über- häupt alle Futtermittel so teuer wurden, wie sollte da der kleine Besitzer die Aufzugskosten erschwingen? Dann mußte er ja ein Stück Vieh fast so teuer verkaufen, wie früher zwei, und hatte doch noch keinen großen Profit dabei. Und der Händler, der 's Rind und 's Schweinchen und 's Hämmel- chen so hoch bezahlen mußte, konnte das Fleisch nun doch auch nicht mehr so billig weggeben!
„Schlechte Zetten! Teure Zeiten!" Löb Scheftel rechnete es allen, die ihm mit besorgten Mienen zuhörten, an den' zehn Fingern vor, warum er auf alles Fleisch zehn Pfennige pro Pfund aufschlagen mußte. „Wenn der Isidor würde sein noch hier, würde 's Fleisch gewiß aufschlagen utrt fünfzehn Pfennige, denn der rechnete besser, und" — Scheftel zog die Achsel hoch und machte ein bedauerndes Gesicht — „wer kann wissen, ob's nicht zu Ostern schon kosten wird zwanzig Pfennige mehr per Pfund!"
(Fortsetzung folgt.)
Zur Geschichte der Apotheken in Gießen.')
Schon im 13. und 14. Jahrhundert gab es Handlungen Mit Arzneimitteln, die der damalige deutsche Sprachgebrauch schon als Apotheken bezeichnete. Diese Apotheken wurden meist auf Rechnung der Klöster, Fürsten und Städte betrieben; daraus deutet hin die noch hier und da übliche Bezeichnung: „K lost er -
*) Benutzt wurden hauptsächlich die Universitäts- Archiv-Akten, die Universitäts-Apotheke betreffend, außerdem die im Besitz der hiesigen Apothllenbesitzer befindlicher^ privaten Aufzeichnungen,


