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17.8.1910
 
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Mittwoch den 17. August

1910

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Das schlafende Heer.

Äoma,ir von Clara Biebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

16.

Doteschal hatte sich die Sache lange überlegt: nein, unter keinen Umständen würde er zum Wunsch des jungen Ansiedlers fördernde Hand bieten! Es tat ihm leid, wenn Walentin Bräuer sein Versprechen zu haben glaubte mochte er ihm denn zürnen und seine Dankbarkeit sich in Unmut verkehren! Es war jedes Mannes Pflicht, diesen Knaben von deut unbesonnenen Schritt zurückzuhalten. Wenn die Pacht des Kruges ihm nicht zugesprochen wurde, hatte die Heirat wohl noch gute Wege.

Aber nichts Heimliches wollte Doleschal unternehmen, und so fuhr er, ungefähr eine Woche nach dem Besuch des jungen -Rheinländers, hinüber zur Kolonie. Dort hatte der Bau des neuen Wirtshauses große Fortschritte gemacht; ein frischrotes, leuchtendes Ziegeldach war schon aufgesetzt, und die Sonne spiegelte sich schon in den Fensterscheiben. Bei den am Neubau Beschäftigten trieb sich Valentin Bräuer herum, aber Doleschal vermied es, den ganz in Anspruch Genommenen zu begrüßen. Er fuhr gleich beim Alten vor.

Sowie der Wagen hielt, kam die Frau herausgestürzt, streckte beide Hände in den Wagen und drückte und schüttelte Doleschals Hand:

Ne, Herr, wat Sie doch eso gut sind! Ne, Herr, wir danken Ihnen auch, eso vielmals! Wat is de Valentin eso ^glücklich! Nu hat er die Wirtschaft. die andern Mußteil all' abziehen gestern haben se mit ihm der Kontrakt gemacht!"

Was Kontrakt?! Doleschal war ganz betroffen: wie war das möglich, wie war das nur so rasch gekommen?! Vor acht Tagen schien der. junge Mann doch noch gar keine bestimmte Aussicht zu haben!

'Gott, och Gott, is dat en Glückseligkeit!" Man sah Fran Kettchen die frohe Teilnahme an.Mer wird selber noch entöl jung derbei, wenn nrer dat Pläsier mit ansieht! Dat vergessen wir Ihnen nie, Herr von Doleschal!"

Ich nein, ich bin ganz ltnschuldig daran! Ich 1 ich habe keinen Schritt dafür getan," wehrte Dole­schal ab.

Sie hätten nix dafür getan?" Die gute Frau blieb dabei.Wat Sie sagen! Ach ne, dat reden Sie mir nit vor, Herr Baron, dat Sie sich nit für de Jung verwend' haben!"

Rein, mein Wort! Ich bin nicht derjenige!"

Und als Frau Kettchen ihn noch immer ansah, so un­gläubig, so zweifelnd wie ein Kind, mit dem man seinen Spaß treiben will, sagte er ernst:Ich würde mich hüten. Meine Hand zu so etwas zu bieten. Ich halte es geradezu für ein Unrecht, für einen Unfug, Ihrem Sohn die Kachs,

hing zu übertragen, da man doch weiß, daß er sich mit einem polnischen Mädchen verehelichen will!"

Och, Herr!" Gekränkt zog die Mutter ihre Hand zurück. Dat is doch keine Unfug, wenn de Valentin die Wirtschaft kriegt! De js 'ne ordentliche Jung', und sein' Braut is auch en sehr ordentlich' Mäochen, sie wird uns alle Tag' lieber, litt in drei Wochen, auf Michaelis Tag, is die Hochzeit!"

So, also die Hochzeit war schon festgesetzt, und der Pachtkontrakt war schon unterschrieben?! Was war da noch zu tun? Gar nichts! Da konnte er nur gleich wieder fortfahren. Eine Unterredung mit dem Vater, dem altert Bräuer, hatte nun auch keinen Zweck Mehr. Zu spät!

Doleschal fühlte die plötzliche Kühle deutlich, mit der sich Frau Kettchen von ihm verabschiedete. Er hatte das freundliche, saubere .Weib immer gern gehabt, nun tat's ihm leid, daß er ihr hatte so schroff erscheinen müssen'. Gitte plötzliche Verzagtheit kaut über ihn ach, er machte es eben keinem Menschen recht! Da waren doch so viele, die nicht halb das Interesse hatten für die Kolonisation wie er, und doch wurden sie freundlicher gegrüßt und mehr angesehen wie er. Vor ihnen flogen die Hüte, vor ihm, der jetzt den Kutscher langsamer fahren ließ durch die An­siedlung, wurden die Hüte lässig gezogen. Oder dünkte ihn das nur so?!

Mit einem gewissen Mißtrauen flogen des Deutschauers Blicke n«ch rechts und links: er gierte förmlich nach einem treuherzig-fröhlichenGrüß Gott" des Schwaben, an dessen Häuschen er jetzt vorbeifuhr. Aber dasGrüß Gott" des Mannes, der vor seiner Tür Holz, sägte, klang gedrückt.

Warum war der nicht heiterer?! Nun, natürlich, auch der hatte etwas gegen ihn wie alle alle!

Den Grübelnden überlief plötzlich, ein Schauer. Sich ganz in seine Wagenecke drückend, ließ er den Kutscher Trab fahren. Er wollte nach der Kreisstadt zum Landrat der wenigstens war sein Freund! Schneller! Warum denn wie mit Schneckenpost? Schneller! Der Kutscher hieb auf die Pferde.

Als sie durch Pociecha-Dorf rasten, wär gerade die Religiousstunde der Kinder, die nächste Ostern zur heiligen Kommunion gehen sollten, zu Ende. Mit ihrem Katechis­mus unterm Arm standen die Knaben und Mädchen am Pfuhlrand, zwischen Schule und Propstei, und ließen deu Wagen passieren.

Keines der Kinder grüßte; sie glotzten nur. Aber als der Wagen vorbeigesaust war, kam eilt Steinwurf nach- gesaust, 'und eine Knabenstimme kreischte gellend hinter­drein:

Niemiee, Niemiee, Hundeblut!"

*

Die drei Wochen bis zum Michaelistag waren schneller dahingegangen, als selbst Valentin Bräuer, der ungeduldige Bräutigam, es geahnt hatte. Mit den Schwalben, die fort» gezogen, wären auch die Tage geflogen.