Ausgabe 
17.3.1910
 
Einzelbild herunterladen

170

Was es nur Kostbares gab. Allerdings hatte man ihm auch Fälschungen aufgehangen, aber die große Firma schied die augenscheinlich unechten Sachen aus. Ludwig bestimmte bei der Vorbesichtigung nach dem Katalog, worauf sein Strohmann biei-m sollte. Da nun wegen des Minen- und Kupferkrachs die Engländer, wegen einer Hausse im Bom­benwerfen die Russen, wegen eines wütenden Spionage­kampfes die Franzosen und wegen der Präsidentenwahl die Amerikaner fehlten, so stiegen die Preise nicht hoch.

Im Herbst kamen die Sachen in Berlin an: Teppiche, Tapisserien, italienische Reualssancemöbel, ganze Zimmer im Stil Ludwig XV. und XVI., Boule-Arbeiten, deutsche, französische und italienische Bronzen, alte Sammete, Da­maste, Brokate, Zellen-Schmelz-Arbeiten, Reliquienkästen, gotische Kelche, Turmuhren der Renaissance und vene­zianische Glaslüster. Während Ludwig mehr aus den Ein­bau von Türfüllungen und Täfelungen, von Plafonds, von Kaminen sah, kümmerte sich Agathe um die wohn­liche Einrichtung.

Obwohl sie schon beim Kauf bemüht gewesen, daß es nicht auffallend würde, tat sie jetzt immer noch dieses oder jenes beiseite. Wie er ihr früherprotzig" nach­gesprochen, so bediente er sich jetzt ihrer Worte:es müsse ruhig wirken". Agathe hatte Farbensinn, wenn sie auch nie ahnte, ob etwas falsch oder echt sei, und trotz heißer Bemühungen nie gelernt hatte, die Zeitalter zu unter­scheiden. Er aber beherrschte, was durch den Verstand zu erreichen war, durch Nachschlagen von Werken, durch Sehen und Vergleichen. So ergänzten sie einander.

Die Heranwachsenden Jungen mußten jetzt länger und länger bei ihrem Latein und Griechisch sitzen, so gewann sie Zeit, den ein wenig engen Frauenhorizont zu weiten. Sie ward freier in Geschmack und Ansichten. Er, der nie mit ihr über Geld gesprochen, gab ihr jetzt Einblick in seine Ein­künfte. Nun sah sie mit Staunen und Bewunderung, wie ihr Mann sich um die Anlage des nicht verbrauchten Ein­kommens bekümmerte, denn nachdem erst einmal die großen Anschaffungen gemacht, blieben von Rreseneinkttnften auch Mesensummen übrig.

Zuerst hatten die Zahlen sie fast geblendet. Immer wieder mußte sie sich daran gewöhnen, nicht ängstlich zu sein, wenn er viel ausgab. Als er nicht gezögert, für eine Sofa-Garnitur aus dem Besitz der Marie-Antoiuette sech­zigtausend Mark zu zahlen, da schlug sie doch die Hände zusammen. Er aber sagte lacheno:

Kind, das ist nie verlorenes Geld. So etwas ist einzig I

Und als er einen Tisch des Papstes Julius II. er­worben, meinte sie:

Ludwig, was haben wir davon?

Der Kenner werd sich freuen. Und ist es nicht ein schöner Gedanke, daß auf diesem Tisch vielleicht Michel Angelos Pläne zur Kuppel der Peterskrrche gelegen haben?

Sie verstand nicht ganz. Doch immer mehr suchte sie in seine Gedanken einzudriugen. Und eines Abends Ttt Kölln bat sie, ihr Bücher zu geben. Er hakte sie unter und ging mit ihr zur Bibliothek:

Was willst du haben?

Ja, daß ich mich ein wenig bilden kann. Dir sprachst da von Julius II. und Michel Angelo.

Er suchte ihr eineEinführung in die Renaissance" heraus, gab ihr Bilderwerke dazu, und jeden Wend bat sie, die eifrig gelesen und sich alles eingeprägt, noch um Erklärungen. Er schien überall beschlagen. Sie fragte:

Ludwig, woher weißt du alles das?

Ich bin fleißig gewesen.

Aber du hast doch Jagden geritten und mit den Weltmeuschen dich unterhalten?

Ja, aber während oie dann ihre Zeit tot schlugen . . .

Sie drohte mit dem Fiirger:

Ludwig, du hast auch mit ihnen geieitt!

Er nahm ihre Hand und umschloß ihre' kleinen Finger mit seinen großen:

Du liebes Kind. Willst du das Geheimnis wissen? Wirst du mit friesischen Schiffern von Gemsen reden? Oder in einsamer Jagdhütte droben im Gebirge vom Heringsfang? Die größte Weisheit dieser Welt ist, mit denen, in deren Kreis man sitzt, in das gleiche Horn zu blasen... in das Jagdhorn wie in Kölln!

Wer er war jetzt nicht mehr mit vollem Herzen bei den Jagden, als träume er von einem neuen Ziel. Wie, er einst, da es! ihn in gewisse Kreise am bequemsten hinein-.

brachte, gespielt, um es daun aufzugeben, weil sein Haus rein bleiben sollte, so dachte er jetzt an eine andere Ge­sellschaft als solche, die nur im Sattel saß, bei der die Jugend überwog, das einflußreiche Alter meist fehlte, die Damen gering vertreten waren.

Generalleutnant zur Disposition von Herrnwerth ivar noch immer der Master. Das ließ er sich nicht nehmen. Much Graf Rsguier erschien zu jeder Jagd, wenn auch mehr, weil er in Kölln sozusagen als Verwandter, wie er sich selbst nannte, zum billigen Löffel lebte. Patsch hatte nämlich mit jungen Herren gespielt, als rege sich das Blut ihres Vaters. Da sie ihnen nun ost Erhebliches abgenommen, so fühlten die sich jetzt, wo sie einmal ver­loren, nicht genötigt, einer Dame gegenüber schonungs­voll aufzutreten, sondern wollten ihr Geld haben. Graf Regnier hatte für seine Schwiegertochter, die nichts besaß, zahlen müssen. Nun wollte er von ihr nichts mehr wissen,; schlug ihre Einladung in die Garnison ab und blieb in Berlin. Dort hatte er ausposaunt, ohne Mftrag freilich/ jetzt würden im Palais Droesigl der Wilhelmstraße Mär­chenseste beginnen.

Aber seine Prophezeiungen erfüllten sich nicht. Ganz still zogen die. beiden Menschen mit den Jungen, dem Haus­lehrer und der vielköpfigen Dienerschaft ein. Ganz still verlebten sie dort die erste Zeit, schwelgend im Glück ihres neuen Besitzes. Ludwig verriet mit keinem Wort seins Freude, nicht vor Oskar, nicht vor dem Hauslehrer. Aber wenn er allein war mit seiner Frau, liefen sie von einem Raum in den andern, sich an all den Herrlichkeiten zu freuen und nachzudenken, wie etwas noch schöner gestaltet werden könne.

Valy nahm die Gelegenheit wahr, als Hausbesuch ein paar fröhliche Wochen in Berlin zu verleben. Eine Reihe vo-. Bekannten des prinzlichen Paares machten ihm einen Gegenbesuch und mußten aus Artigkeit auch für Droesigls eine Karte abgeben. Agathe meinte, das sei reine Form­sache. Ludwig stimmte ihr zwar bei, sagte jedoch:

Schade eigentlich, daß wir sie nicht kennen lernen.

Da erzählte Valy beim Frühstück, Graf und Gräfin Fritz Egern hätten eine Andeutung gemacht, sie würden gern mit Ludwig und Agathe verkehren, könnten sie aber/ da sie den ersten Besuch gemacht, nicht zuerst eiuladen.

Als Droesigls von der Oper nach Hause fuhren, fragte Agathe: Wie wäre es, wenn mir Graf und Gräfin Egern em» lüden?

Merkwürdig, das wollte ich dir in diesem Augenblick sagen.

Bor dem Einbiegen in die Wilhelmstraße mäßigte der Kutscher den Gang der Pferde, trotzdem glitt das Sattel­pferd auf dem Asphalt aus und fiel bei dem leichten Glatteis, das sich in graupelndem Regen gebildet hatte.

Agathe zuckte zusammen. Ludwig beruhigte sie:

Es ist nichts, Kind!

Ein war Schritte nur von ihrem Palais waren sie auf die Straße gebannt, Agathe in ihren Seidenschuhen und großer Toilette.

Ludwig meinte ärgerlich, das könne bei einem Automobil nicht passieren. Und gewohnt, jetzt seiner Frau nichts zu verbergen, neigte er sich zu ihrem Ohr, als wolle er es nicht laut sagen:

Es bringt Beziehungen. Ich könnte in den Klub ein» treten.

Und er setzte ihr mit jener Begeisterung, die er immer für alles Vorwärtsdeutende zeigte, auseinander, es würde nicht mehr lauge dauern, so stünden die Pferde als Sehens­würdigkeit im Museum.

Da hatten Kutscher und Diener mit Hilfe von eilt paar Leuten endlich das Pferd wieder auf die Beine gebracht.

Zu Haus sah Agathe wie täglich nach den Jungen, als ob sie noch ganz klein wären. Beide lagen in ihren Zimmern in tiefem Schlaf. Dann saß sie mit ihrem Manu am Kamin, in dem ein elektrisches Scheinfeuer brannte, und sie sprachen noch einmal die Leute durch, die sie einladen würden. Ludwig meinte:

Vielleicht ginge es, dem Herzog von Kaschäu nahe zu legen, ob er nicht sein ehemaliges Palais in der neuen! Gestalt sehen möchte?

Agathe redete es ihm aus, nicht mehr ängstlich, daß er es Übel nehmen konnte, sondern sie waren wie zwei Menschen, die bei gleichen Interessen miteinandcr Vor- und Nachteile besprechen. (Fortsetzung folgt.)