Ausgabe 
17.3.1910
 
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Dsnnerrtag den (7. März

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Droesigl.

Dloniön von Georg Freih errn von Ompteda.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Während die kleine Frau sprach, immer kecker werdend, den Mann, den sie in seinem Wissen und Wollen so hoch über sich fühlte, zu wecken, ihn sich ganz zu gewinnen, biß er die Lippen aufeinander, in der Weise, als wenn ein Höherer ihm die Wahrheit geigte. Er ward rot und blaß, die Adern schwollen an seinem Hals, aber immer weniger widerstrebte er. Mit einem Mal urnschlang er sie und war es Jubel, daß sie ganz eins geworden; war es-Glück indem er den Weg nach oben nun klar vor sich sah; war es der Wein, der den Mut, seine Seele entblößen gestärkt hatte und sich nun in Tränen entlud kurz, Ludwig Droesigl begann zu schluchzen wie ein kleines Kind. Sie zog seinen Kopf an ihre Brust, darin das treueste, beste, einzigste Herz schlug, das er chesaß. Dann schwiegen die beiden lange Beit, bis sie endlich leise fragte:

Ludwig, hat deine kleine Frau nicht recht?

Woher weißt du das, Agathe?

Sie preßte ihn an sich und ries in dem nächtlichen Schweigen:

Weil ich dich lieb habe.

Dann hielte,! die beiden sich lange umschlungen. Als sie sich los ließen, fragte sie nur:

Wirst du mir jetzt immer alles sagen?

Er blickte ihr in die Augen:

Ja!

Mehr sprach er nicht. Es war, als bedürfe dieser Mann, der bisher sein ganzes Leben hindurch gewohnt gewesen, in keinem anderen Herzen Widerklang zu suchen, Zeit, sich hinüber zu finden in den neuen Zustand. Es wühlte und arbeitete in ihm, das Blut stieg ihm -zu Kops, und er fragte:

Ist es nicht fürchterlich heiß?

Auch Agathe glühten die Wangen. Er zog die Decke über sie, daß nur ihr Gesicht herausfah, stopfte das Laken an der Seite ein, und dabei beugte er sich nieder und suchte ihre Lippen. Dann ging er ans Fenster, und als die kalte Winterluft hereinströmte, fächelte er sie mit dem Taschentuch sich entgegen. Er fühlte sich so unsäglich glück­lich, er trug keine Maske mehr vor seiner Frau! Ihm schien, als sei seine ganze Vergangenheit versunken, er dachte nur an das neue Leben. Und in seinem Glücksrausch blieb er lange stehen, die Blicke auf die Linden hinaus gerichtet, die schweigend in dem durch winterlichen Nebeldunst nur matt strahlenden Licht der elektrischen Lampen lagen.

Agathe rief,

r Ludwig, lieber Ludwig, erkälte dich nicht!

Da schloß er das Fenster, zog sich langsam aus und streckte such in seinem Bett neben dem ihren- Als er das

Licht gelöscht, tastete er in der Dunkelheit nach ihrer Hand. D-ann zog er sie zu sich herüber und hielt sie fast. So schliefen die beiden Menschen, die heute ganz eins geworden waren, einen tiefen, glückseligen Schlummer bis in den späten Morgen.

*

Schon im April wurden die Rüstungen um das Palais in der Wilhelmstraße errichtet. Die Dachdecker gingen an die Arbeit, im Ehrenhof und im Park waren die Gärtney beschäftigt, das Gitter an der Einfahrt wurde neu ver- goldet. Im Innern klang Hämmern und Sägen und bis Schritte des Heeres der Arbeiter. Stukkateure, Vergolder, Maurer, Anstreicher, Maler, italienische Marmorarbeiter^ Tischler, Klempner, Schlosser, Zimmerleute, Wasser-, Lichtq und Heizungs-Installateure waren am Werk.

Ludwig kam jede Woche mehrmals von Kölln herüber, alles zu beaufsichtigen. Er sagte zu seiner Frau:

i Entweder werden die Kerls nicht fertig oder sie Übervorteilen uns, wenn ich nicht nach dem Rechten sehe.

Wenn ihm auf den vielen Eisenbahnfahrten nach Berlin! ein neuer Plan einfiel, war sein erster Gedanke, sie zu fragen, was sie darüber dächte. Und wenn er müde dis Augen schloß beim Rütteln des Zuges und beim Rattern; der Räder, schwebte ihm das Bild seiner Frau vor, wiS sie vor ihm gelegen, das Laken über die Schultern ge­zogen, und ihn so glückselig angeblickt. Da kam ihm flüch­tig noch einmal der Gedanke: daß er sich die Liebe zu Agathe einst vorgegaukelt habe, nur um durch seine Ehs mit ihr Eintritt in die von ihm so heiß ersehnte Gesell- schaftswelt zu gewinnen, die Liebe, die er heute wirklich! empfand. Was wußte er heute noch von der Vergangen­heit! Es lag in seiner Natur, immer nur nach vorwärts! zu denken, den Weg zu überschauen, den er zurückzulegen hatte noch oben.

Verschwunden war jegliches Mißtrauen. Jetzt fühlte er wirklich das Bedürfnis, sich ihr anzuvertrauen. Wo er sie früher mit Fertigem überrascht, wollte er nun immer ihre Meinung hören. Sie ivar sein treuer Kamerad. Ihr Urteil, ihr Rat war ihm unentbehrlich. So folgte er auch jetzt bei der Neueinrichtung des Palais ihrem feinen Ge­fühl. Sie mußte Zeichnungen begutachten, und in Berlin lagen Tapeten und Stoff- und Farbenmuster, ihres dis­kreten Geschmackes wartend.

Grade in dieser Soinmerzeit war bei Helbing in München eine große Versteigerung. Es handelte sich ums die Kunstsammlungen eines verstorbenen russischen Groß^ fürsten, der im Ausland leben mußte, weil er eine kleine Ballettratte geheiratet, ohne den Zaren zu fragen. Da hatte er denn ein Schloß in Oberbayern erworben und dort sein Riesenvermögen geteilt zwischen dem Schmuck, den die kluge, tauzende Gemahlin sich für alle Fälle für die Zukunft schenken ließ, und Auticfuitäten, die er mit Leidenschaft sammelte. Er war, wie jetzt Ludwig und Agathe,- auf jeder Versteigerung zu finden gewesen,, nm zuerstehe«,