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Währenddessen Kar Agathe von den Herren begrubt Vörden, hatte oen Damen die Hand gereicht oder sie nm- trmt.' Alte, die Frau Droesigl als Mädchen gekannt, betrachteten sie neugierig, als müsse sie geivissermaßen verändert feilt. Aber nicht lange blieben dre Blicke auf chr suhen, sondern wandten sich zu ihm, den ein großer ^eti 'annte. , y „
Herr Droesigl stand da, vielleicht der am besten a»v- lehendfte von alten, in seinenr unauffällig tadellosen Anzuge, an dem nur die gelben Lackstiefel und die Handschuhe ei» wenig zu frisch waren. Gräfin Lindenbach stellte vor:
— Herr Droesigl. ,
Ludwig verneigte sich vor jeder Dame. Die Herren nannten ihrs Namen, und man schüttelte sich die Hand.
Die junge Gräfin Räguier bot Tee an. Zuerst hatte die Unterhaltung etwas Steifes, während man doch vor Eintritt der Droesigl sehr lustig geivesen zu fein schien. Ludwig nahm bei den Damen Platz, ohne sich anzulehnen, etwas außerhalb des Kreises. Er führte nicht das Wort, antwortete nur, ganz allmählich das Gespräch erweiternd. Als die Stimmen lauter klangen, flüsterte einer dem andern etwas zu über den Eindruck, den der neue Nachbar ihm gemacht. Die einen fanden ihn gut aussehend, ein Ruf, der ihm längst vorausgegangeii war, andere meinten, er fei zu geschniegelt und gebügelt. Die Damen konnten es nicht erwarten etwas zu hören über Besuche, die das Ehepaar zu machen gedächte. Man forschte mit scheinbar tiefem Interesse nach dem Schloß, und was dort geändert worden fei. Man hätte ja Wunderdinge gehört.
Endlich ergriff Ludwig das Wort, Er fagte sehr bescheiden :
— Was sich historisch entwickelt hat, darf man nicht zerstören. Ich habe es immer als Barbarei empfunden, wenn die Nachfolgenden zum alten Eisen werfen, ivas ihrs Vorgänger geschaffen haben. Es gibt Dinge, die fort müssen, nämlich Geschmacklosigkeiten aus geschmacktosem Zeitalter, so zum Beispiel das meiste aus den mittleren Fahren des 19. Jahrhunderts. Aber ich meine, wenn jemand durch Wechselsalle des Lebens etwas erwirbt, das einer alten Familie gehört hat, must er es, soweit irgend möglich, aus Pietät erhalten.
Zustimmende Gesichter regten ihn an, fortzufahren. Er sagte, die Erwerbung dieses Besitzes, der einst seinem Schwiegervater — dem Worte verlieh er einen gewissen angenehmen Nachdruck — gehört, habe nicht etwa von Anfang an festgestanden. Wenn irgend ein männliches Mitglied der Familie Kölln Anspruch erhoben hätte, so würde er sieh geivi.ß zurückgezogen haben. So aber habe er und ivohl auch sein Baier es für besser gehalten, daß „Kölln" nicht etwa in die Hände einer Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht fiele, die ein Sanatorium daraus machte. Er sprach das Wort „Gesellschaft" mit einer aetoiffen Mißachtung aus. — Da habe er aus Pietät für Die Familie, für den alten seligen Herrn, es gern gesehen, daß fein Vater es ihnen beiden, feiner Fran und ihm, zum tzochzeitsgefchenk gemacht hätte.
Die Mitteilung, daß es beiden gehörte, nahm man ehr wohlgefällig auf. Es der jungen Frau allein zu chenken hatte etwas Protziges gehabt, es dem Sohne zu geben, ivürde die Uebertragung auf die Droesigl bedeutet haben. So war die Tochter des Schlosses assermaßen wieder zur Herrin eingesetzt. Eine zart Lösung.
Ein paar Damen rückten auseinander, daß Herr Droe- sigl näher an den Tisch heran konnte, um seine Tasse besser zu erreichen. Dadurch schob er sich gewissermaßen in den Kreis der übrigen.
Er sagte zu Graf Tiefenau, einem riesigen, blonden, ehemaligen Garde du Corps-Offizier:
- Auf Kölln ruht gewissermaßen eine Tradition: die Jagden. In der ganzen Provinz gibt es kein Gut, das sich in dem Maße zu Parforcejagden eignete wegen der großen Heidestrecken, während anderwärts der Boden meist unter bent Pfluge steht.
Graf Tiefenau fragte, während andere Herren die Hälse reckten:
— Si e gedenken also, eine Meute zu halten-
-Nun begann Ludwig von englischen Jagden zu erzählen, doch nur int allgemeinen. Lord Fitzvenor tauchte nicht auf. Er schloß unter billigendem Schweigen der anderen
Herren: es stünde ihm als eben in die Gegend Gekommenem nicht zu, derartige Entscheidungen zu treffen.
Agathe sagte mit ängstlichem Blick über den Tischst
— Dann sind wir ja auch noch in Trauer!
Ludwig nahm es auf:
— Gewiß, schon die Trauer würde es nicht erlauben. Aber iveim ich einmal später merken sollte, daß, Stimmung dafür ist, ließe sich darüber reden.
Graf Tiefenau, bot ihm eine Zigarre an. Die andern hätten Ludwig Droesigl sagen können, daß es ein fürchterliches Kraut sei, denn der einstige Reitersmann ging nur auf die Menge, aber Ludwig zündete die Zigarre an, wehte sich wohlgefällig die blauest Wölkchen ins Gesicht, betrachtete das Deckblatt und nickte, so daß der Graf sich freute.
Bald wurde aufgestanden. Da Graf Lindeubach sitzen blieb, nahm Ludwig neben ihm Platz.
Währenddessen zerstreute sich ein Teil der Gesellschaft im Park, der auf der Ostseite unvermittelt in Felder überging. Da der Boden tief war, krempelten die Herren die Hosen auf, zum Gange auf schmalem Rain durch die Felder. Schwer stand das goldene Körn in der Frucht, und als in der hohen Sommerwärme ein Lufthauch gestrichen kam, neigte es sich leise, und die Halme lispelten und rauschten. Nun sah man über den Wellen des wogenden Meeres die Gestalten der Herren schreiten, während die Damen auf der Wiese Feldblumensträuße pflückten, von der alten Gräfin ermuntert, die ihnen zurief:
— Bitte, sucht nur recht viele. Ich habe so viele Basen!
Den Augenblick benutzte sie, legte den Arm um ihrs Wahl-Nichte und fragte:
— Nun?
Die junge Frau preßte der Tante die Hand:
i— Ich bin so, so, so glücklich.
(3-ortieijumj talgt.)
Mio ruimlha!.')
Das Charakterbild eines Erfinders.
Bvn Gustav Lilienthal.
Otto Lilienthal gehörte zu denjenigen Menschen, die in ihrer äußeren Erscheinung, Temperament und Wesen, ganz das ausdrucken, was das Streben und der Inhalt ihres Lebens ist. Die Art reiner geistiger Veranlagung gab auch seinem äußeren Auftreten das Gepräge. Seine unverwüstliche Gesundheit, seine strahlende hettere Miene, seine immer gleich bleibende Energie liehen dem glücklich veranlagten Manne, der feinen blonden Kcauswvf so kühn und hocherhoben ans seiner schlanken elastifchen Figur trug, in Wahrheit das Bild der personifizierten Hoffnung und Zuversicht.
In der Tat gab es für ihn, den geschulten Ingenieur, luttl technische Schwierigkeiten. „Technische Unntö glich ketten gibt es nicht," war sein Wahlspruch, und so erfaßte er seinen Berns. Sä)ou in früher Jugend zeigte er eine außerordentliche Spannkraft der Nerven. Als Wir einst mit anderen Jungen in unserem im ersten Stock des Elternhauses in Anklam gelegenen Zimmer uns eigenhändig S-nsteßpulveri bereiteten, dessen Wirkung wir durch Schießen mit einer kleinen Messingkawme in die gegenüberlie-wndg Tür des Nachbarzimmers erprobten, erwog unser würdiger ein die Art und Weise, tote man sich bei Plötzlich nnSbred/L virt Feuer retten könnte. Als wir anderen noch über den besten Weg über die Dächer uns stritten, sagte Otto kein Wort, sondern schwang sich auf die Brüstung des offenen Fensters und sprang von. dort! auf d-.n gepflasterten Hof, gerade vor den Augen unserer zuni Tode erschreckten Mutter, die glaubte, es wäre jemand herabgestürzt. Kein Wunder, daß er von allen Verwandten und Freunden für leichtsinnig gehalten wurde. Diesen Zug von TollNhnheit hat er behalten zu seinem Schüben und der Welt zum Nutzen, denn! dieGle.tftügc, welche ihm daS Leben kosteten, waren sehr gefährlich, aber auch sehr lehrreich
Mit erstaunlicher Ausdauer ertrug er Strapazen. Im Feldzug nahm er ost den ermatteten Kameraden das Gewehr ab und gab ihnen so Gelegenheit, sich etwas zu erholen auf den anstrengenden! Märschen. Ich bin selbst gerade kein Schwächling, aber mein Bruder war mir ein gut Teil überlegen. Als junge Leu tu ver-
*) Wir veröffentlichen in folgendem rin ErüincrMsMatk, das Gustav Lilieuthal dein Andenken feines Bruders widmet. Er ist wie kein anderer berufen, von dem Mesen und Werden des großen Märtyrers der Fluglechnik zu -erzählen, der dis heutigen! Errungenschaften durch feilte bahnbrechende Versuche erst ermvgp lichte. Gustav Lilienthal hat mit dem Bruder m allen Stadien! seines Wirkens Schütter an Schulter gestanden; et wird diesem Aufsatz noch einige andere Arbeiten über dis Bedeutung der Likiew- thalschen Flugversuche und die Fortschritte der Fliegekimst folgen: laßen. Tie Red.


