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ftrtWäHrendM Abwesenheit seines Leiters beträchtlich! gelittütt. Hätte eS nicht das in jeder Beziehung ausgezeichnete Künstler- EnsömWe, die Uebelstiände hätten fidj iwch viel offsnlmrer gezeigt. Der Baron ist sicherlich ein genialer Thsatermianw. Seine EiN- studiermtaen waren ersten Ranges, Vv'll Gröhe in der Auffassung, teil Feinheiten in der Ausführung. Mer das Schauspielhaus lieh sich in den letzten Jahren alle Erstaufführungen von Bedeutung wn anderen deutschen Bühnen wegnehmen. Mit Berlin zu wetteifern — was es Hütte können, was es auch hätte müssen, wenn es tvirMch auf der Höhe bleiben wollte — den Ehrgeiz hatte es schon lange nicht mehr. Aber auch München, Köln, Düsseldorf, Mannheini!, Stuttgart zeigten größeren Ernst und Eifer und kanten ihm stets' und ständig zuvor. Es folgte nur immer „getreu in glänzender Spur". Es zeigte ferner zu wenig Interesse am Experiment, das nicht nur der Entwickelung der Schauspielkunst- svndem auch der Förderung der Bühnendichtung notwendig ist. Baron Berger hat in Schriften und Vorträgen Mancherlei Ideen zur Entwickelung und Unterstützung beider aus- Ssprvchen. Er hat aber nicht einmal den kleinen Finger gerührt,
: praktisch zu erproben. Er tat seine Pflicht sozusagen; aber nicht mehr. Zuletzt fast noch weniger. Viele Einstudierungen Überließ er seinen Regisseuren, die anerkannt tüchtig und strebsam' sind; aber das schlaffe Regiment führte doch zur Annahme einer ganzen Reihe sehr minderwertiger Stücke, die nie auf dieser vor- nehmen Bühne hätten erscheinen dürfen. Der Baron stand eben Mit enrern Fuße immer im Hauptbahnhof; er blickte wie hypnoti- siert nach Wien, und wenn er nur irgend abkontmen konnte, ent- schwand er für Wochen nach der Kaiserstadt an der Donau. Es war schließlich ein offenes Geheimnis: er benutzte seine hiesigen Leistungen nur, irtn1 den Wienern zu zeigen, welchen Hexenmeister sie an ihrer verschkentherten Burg haben könnten, wenn sie nur wvl'lteu. Es kam die Schlentherkrtft, und dev Baron ward immer üusickstbarer. Nun natürlich, man wußte ja, er hatte seinerzeit die Leitung des Schauspielhauses nur unter der Bedingung über- NvMinen, daß eine Berufung cm die Burg alle Verträge null. Nird nichtig mache. Aber, wie gesagt, man verließ sich„da>-.gnf baß ««viss« Hindernisse in Wien Wh-Uni der'MKomatie Bergers Nicht Überwunden werden Grauem So erschien der Bawn Plötzlich nn S?«tte 'ititer Lieben, der Schauspielhausi-Getreuen, redete- ch'Iicre ihnen die Hände, hatte Tränen im Auge, sagte MM Schluß mit belegter und bewegter Stimme: „Run habe rch's überwunden, ich bleibe auf immer eiter!" Diese Wirkung! Man haschte nach der Hand des edlen Mannes, Man drückte sie — Rührung auf der ganzen Linie! Und der Baron, der immer eine leise Schwäche für melodramatische Effekte hatte, erschien auch auf der Bühne unter seinen Schauspielern, und die gwße Szene spielte sich noch einmal ab. Gegenseitiges' Treuegelübde war ihr krönender Schluß. Schöner Traum ! Aber: weg, du Traum, so Gold du bist. Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder! Tie witzigen Hamburger waren platt. Ihre Gesichter zogen sich in eine ganz unwahrscheinliche Länge. Tas eben noch so gerührte Schauspielhaus-Konsortium schrie nach niederschlagenden Pulvern. Nach fürchterlicher Verwirrung sammelte es sich denn Mt einer männlichen Erklärung. Aber zwischen den Zeilen klang der fassungslose Grimm, düpiert worden zu sein, nur allzu deutlich hervor.
* Ei n ergötzliches Geständnis hat ein der Berliner Kriminalpolizei als Stellenschwindler bekaimter Theatergarderobier Stanislaus Weyreuther im Justizgefängnis zu Stettin abgelegt. Der Verhaftete hat folgendes Selbstbekenntnis niedergeschrieben: „Ich habe im Januar 1906 in Sorau in der Niederlausitz mit einen« impatentierten Pappkarton und einem schwarzen Lappen ehte Unmenge Geld unredlich verdient. Tie Sorauer Polizei wird sich mit Hilfe der Polizeiakten erinnern, daß in den ersten Januartagen 1906 in dem Eckhotel auf dem Markte eilt Künstler wohnte, der mit seinem Apparat in der Stadt und Umgegend Aufnahmen machte, nteist Geschäftsleute, Hotelivirte, Fleischer nsw. besuchte, dieselbigen, nachdem ihm zehn bis zwanzig Mark angezahlt waren, in Positur stellte und, nachdem er seinen Riesenapparat mit einem großen, schwarzen Lappen bedeckt (unter welchem er sein Lachen verbeißen mußte, was ost nicht leicht war) zu photographieren vorgab. Tie von mir „Äufgenominenen" bekamen ihr Bild nie zu sehen, nur ick« ihr Geld, den Vorschuß. Nachdem die Zeitungen mir mein Arbeiten durch ihr Zetergeschrei unmöglich gemacht, suchte ich anderswo Kundschaft. Der Riesenapparat war nichts anderes als eilt Pappkarton, der durch geschickte Hände das Aussehen eines photographischen Apparates erhalten hatte. Bevor ich die Stadt verließ, bezahlte ich meine Hvtclrechnung. Wegen eines Diebstahls, .den ich zu gleicher Zeit bei einem Sorauev Malermeister verübte (W. mietete sich bei diesem als Geometer ein und stahl unter anderem zwei Bilder im Werte von 450 Mark. T. Red.) bin ich in Posen abgeurteilt. Tiefe Sache habe ich immer bestritten, mich auf mein verändertes Aussehen stützend. Und habe dann nichts weiter gehört. Daß ich auch einen Kvnp kurrenten hatte, der später auch „alle" wurde, ist mir bekannt. Derselbe war mir nicht so ganz fremd, denn ich wohnte oft mit thm in demselben Hotel. Bitte nnt weitere Anzeige an die Staatsanwaltschaft. Stanislaus Weyreuther, zurzeit Stettin, Justiz-Gefängnis, ab Januar 1910 in Kiel im Jüstizgefäugnis zu finden."
. . "re e t g c N a r t t g' e W e t t d, die iM Lauft 'dieses JähreS noch ihre Erledigung suchen wird, wird, wie man bent Tag miss-, teilt, zurzeit in Paris viel besprochen. Ms die Welt-Ausstellung' von 1900 geschlossen wurde, ließ man die große Uhr des' sogeuanniKst „Petit Palais" an der Alexaitderbrücke stehen und zog sie seither nicht wieder auf, vermutlich', weil kein Funktionär als Uhraufzieher im Budget der Stadt Paris stand. Ein Amerikaner, bet! Paris gut kennt, wettete damals mehrere tausend Dollar, daß die Uhr wenigstens zehn Jahre lang unaufgezogen stehen bleiben, werde. Jetzt sind mehr als neun Jahre unt, und die Uhr zeigt! noch immer wie beim Schlüsse der Welt-Ausstellung sechs Ulm zehn Minuten. Pouvard, der Architekt der Stadt Paris, stellt nun aber den Antrag, gewisse Reparaturen am' Petit Palais auszuführen, unter denen auch das Wicderaufziehen der 'Uhr figuriert. Es fragt sich Nun, ob diese schwere Arbeit bis zum November dieses Jahres getan sein wird oder nicht. J'm letzteren Falle hätte der! Amerikaner seine Wette gewonnen.
. * Eine sympathische Sekte. Im Kaukasus hat sich emo neue L>ekle gebildet, bereit Grundsätze geeignet sind, ihr tit der ganzen Welt zahllose begeisterte Anhänger zu verschaffen. Schon ihr Name klingt äußerst sympathisch. Sie nennt sich die -L-ekte der Faullenzer. Ihr Stammgebiet ist Grusien. Dort tanchtö vor kurzem ein Prophet auf, der von der herrlichen Faulheit zu predigen begann. Er erzählte bm Leuten, biß von allen Seitost herbeiströmteit, intti die neue Heilsbotschaft zu vernehmen, daß matt bloß 3'A Tage in der Woche arbeiten dürft, die anderen 8’1/2 Tage aber dem köstlichen Nichtstun weihen müsse. Diese angenehme Weisheit fiel sofort auf fruchtbarsten Boden. Zu Hunderten be* kehrten sich die Hörer zu der neuen Lehre. Sie arbeiten fortMtz nur um Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Die anderen Tage bleiben „blau". Wer sich eines Ungehorsams gegen die Satzung zu schulden kommen läßt, muß Straft zahlen. Die Geldstrafen schwanken zwischen 25 und 50 Rubel. Bon Grusien aus vev- breitet sich di-e neue Lehre auch auf andere Gebiete des Kaukasus, und- hgjftnklich wird sie in hinein die russische Westgrenze dmch Mitteleuropa hin überschreiten. Man darf annehmen, daß sich bald auch eine radikalere Gruppe bildet, die sich gegen die noch übrig gebliebenen 31/2 Arbeitstage wendet.
* Verdächtig. „Was würden Sie tun, wenn Sie auf der Straße einen Hundertmarkschein fänden?" — „Ich würde mich nmsehen, ob der Verlierer tn der Nähe ist."
* Widersprach. „Huber, jetzt sollt Ihr Euch doch etwas vorbereiten zur Reise in die Ewigkeit." — „Wissen Sie, Herr Pfarrer, vorläufig bin ich gar nicht reiselustig!"
* Zerstreut. Professor: „Also Sie sind der Mann, benii ich vor drei Jahren den Magen operierte; ich wollte mich immer mal nach Ihnen erkundigen, — sind Sie denn damals am Leben geblieben?"
Literatur.
— „Musik für Alle". Das soeben im Verlage von Ullstein u. Co., Berlin, erschienene neueste Heft der Zeitschrift „Musik für Alle" bringt Lortzings „Wildschütz". Die sonnige Heiterkeit, die über dieser Partitur liegt, wird in dem Heft vortrefflich zum Ausdruck gebracht. Es sind die schönsten Szenen aus diesem Meisterwerk der „Komischen Oper" zum Abdruck gelangt.
— Die Innendekoration, die von Hofrat A. K0ch herausgegebene angesehene Zeitschrift für Wohunugskuust und den gesamten inneren Ausbau, beginnt mit dem eben erschienenen Januarheft den 21. Jahrgang. Was die „Innendekoration" in den 20 Jahren ihres Bestehens geleistet hat, kann nur der Fachmann ermessen, aber auch der Laie weiß, daß sie Führer auf bent Gebiete der Wohnungskunst gewesen ist. Daß sie diese bedeutende Stellung nicht aufgeben, sondern in erhöhtem Maße in bestem Sinne ausbauen will, das beweist der reich illustrftrte Inhalt des neuen Heftes, das folgende Aufsätze umfaßt: Arch. E. Newton u. C. R. Ashbee-London: Englische Landhäuser: Prof. Emanuel v. Seidl-München: Billa Dr. Richard Strauß und Landhaus v. Seidl-Murnait; Prost Bruno Paul-Berlin: Speise- und Schlafzimmer ; Prof. Carl Sieben-Aachen: Herrensitz Hupertz-Aachen; Arch. I. A. Campbell - München: Landhaus Schickendanz; Die Arbeiterwohnungs-Ausstellung in Zürich. Ferner: Halle im Schlosse Baron v. Waldhausen, von A. Bembs-Mainz; Caftz Palace-Wien, von Leopold Forstner-Wien; Mosaiken, Korb- und Gartenmöbel, Blumentische, Vorhänge, Beleuchtungskörper usw.» und viele anregende Text-Beiträge. — Verlag von Alexander Koch in Darmstadt.
Rätsel.
An den Ufern des Rheines war einstmals unsere Heimat! Schlägst du ben Kopf uns ab, ivinkt dir ein labender Trank.
Auflösung in nächster Nummer,
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer r P a r s e v a l, Parsiial.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'fchen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


