Ausgabe 
17.1.1910
 
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jOrei Schwestern knieten, wo sie gestanden hasten, die eine verbarg ihr Gesicht in den Händen, die beiden anderen suchten Schutz in enger Umschlingung.

Lautlos kamen die beiden Stollbergs herein, und der jüngere sagte hingerissen:Sie hat sich ihm selbst entrückt, durch ihre große Liebe und ihr tiefes Verstehen. Das wurde ihr tödlich/ daß sie alles erkannte. Ihn wollte sie nicht binden und euch nicht kränken."

Wir gehen zu ihm."

*

Die schöne Hülle der Sommerseele lag schlafend im weißen Sarg, unter Blumen, einen weißen Rosenkranz. auf dein bleichen Haupt.

Mutter und Schwestern, Uerle und die Stollbergs hegten Und schmückten das stille Geschöpf.

Nachts vor dem Begräbnis wurde sie im offenen Sarg poil Uerle und einem chraven Menschen, den er rannte, sowie den beiden Stollbergs nach Süßcnbortl getragen. Die zwei Söhne des Lehrers von dort trugen Fackeln und- wechselten mit den Trägern.

Tas alles hatte Uerle so gewollt.

Ulrikchen blieb bei der Mutter und beim Bübchen. Die beiden anderen Schwestern folgten dem Sarge.

Es war eine schöne, milde Sommernacht.

Tie Pfarrerin sah, wie sie ihr gutes Kind den schmalen Weg durch bis, Felder trugen. Der Himmel war

'LWM'ukelud. W sanfte Nachtluft strich über das geliebte, tote Gesicht.

Und aus der Ferne hörte die Mutter zwei verschleierte Mdchenstinlmen eine Strophe mi» ihres Kindes Lieblings­lied singen.

Der Weizen wüchset mit Gewalt,, Darüber jauchzet Jung und Alt Und rühmt die große Güte, Test der so überflüssig labt Und mit so manchem Gut begabt, Das menschliche Gemüte.

Welch hohe Lust, welch heller Schein Wird wohl in Christi Garten fein, Wie muß es da wohl klingen?

Da so viel tausend Seraphim

Mit unverdroßnem Mund und Stimm'

Ihr Halleluja!) singen.

Das mochte der Pfarrerin eilt gar schmerzvolles Lied lein.

Das stille Mädchen lag ihre letzte Nacht auf Erden in dem Süßenborner Kirchlein zwischen sechs brennenden Kerzen.

Ihre alte Kinderfrau, die noch im Süßenborner Pfarr­haus bei den neuen Psarrersleuten ihres Amtes waltete, gatte es sich nicht nehmen lassen, bei ihrem guten Kinde zu wachen.

Uerle und die beiden Mädchen gingen langsam und schweigend dem Häuschen aus dem Horn wieder zu.

Die beiden Stollbergs aber eilten.Wir müssen zu ihm! Wir sahen sie in ihrer Schönheit bis zu dieser Stunde. Es war ein so ruhiges Verlöschen, so begreiflich, als wenn die Sonne untergeht. Er kämpft mit Unbegreiflichem. Uns zeigte die Natur im Bilde, wie weit ije begriffen sein will. Er geht ins Ungemessene. Er leidet tiefer als wir alle."

*

Aus Goethes Gartenhaus an der Ilm schimmerte spät in der Nacht ein einsames Licht aus offenem Fenster heraus auf die nebligen Wiesen. Die hohen Wipfel der Bäume jm Garten und in der ganzen Weite, am Horn und an den Ufern der Ilm wurden von keinem Windhauch berührt. Die Nebel lagen wie schimmernde Schleier.

Mts dem Garten begannen zarte Geigentöne sauft hiu- aus in die Nacht zu klingen.

Zwei Freundgestalten standen unter dichten Bäumen nicht allzufern vom erleuchteten Fenster und spielten eine ernste Weise.' Sie wollten eine große, beraubte Seele be­ruhigen, eine, der alles Lebensleid zu Musik werden sollte.

Auf ihren Geigen spielend, gingen sie lautlos im Grase Ms und nieder, so daß die Töne dem', der int erleuchtetetz

Stübchen war, bald nah, bald fern klingen mochten. Ein' kaum vernehmbares Aufschluchzen vom Hause her ließ die Geigentöne verstummen.

Ter Morgen graute.

lieber die Wiesen sah man die beiden Gestalten durch die Nebelschleier gehen, immer geigend, der schlafenden Stadt zu.

*) Der zu astronomischen Zwecken benutzte Tenr'MturM vv'st Bvrsippa bei Babylon hießTer Tempel der sieben Befehisüoer- mittler Himmels und der Erde". Tie Tempeltürmc! waren stehest-, stufig und stellten diePlaiwtenbahsten," vvr.

Unter dem Sternhimmel.

k-k. Tie am Jahresbeginn 72 OOO Mitglieder umfassende Kvs- MVS-Gesel'lschast bietet ihren Mitgliedern zur Orientierung über die Wunder des Weltenraumes ein von Robert Heuseling geschriebenes, sehr preiswertesSternbüchlein für 1910" dar. Tie «M Ems- gange des Buchest gegebene stimmungsvolle Schilderung des Nuchh- himmels lassen wir hier folgen:

Ein Tom von erhabenster Majestät, so dehnt sich über Uns! das Firmament in sternenklarer Rächt. Tas Gleichnis ist, gckviß abgebraucht, aber es trifft doch wie kein zweites. Tritt cttfl in den Kreis auswärts strebender Pfeiler. Tie Scharen derer, die sich hier versammelt hatten, sind hinausgerntscht. Wenigs Nachzügler suchen die Portale. Tie Türen schlagen ent. Deck letzte Orgelton verhallt. Nun schweigt es. Hoch und fern rungt Mocken ton. Ta redet der Raum seine eigene, große Sprache. An weiten Gewölben, fühlt sich der Blick empor. Die ausgcspanntej Weite hebt dich über dich. Tein Inneres öffnet sich zn Höhen und Fernen. Tn selbst wächst in die Weite; dir schwenden drei engen Gefühle des Jchs. Uraltes Sehnen der Menschheit, hier erfüllt es sich: du schwebst! Frei tem. Ketten körperlicher schwere schwebst du, frohen Fühlens unbegrenzter Freiheit Vock. ist, wie Schwind Meister Erwin schaute.

Komm hinaus wo über dunAes 'Erdenfeld die Sterne der! Nackt herausgestiegen sind. Weit hinten lärmt die Stadt. Tort herrscht in allem Treiben, Drängen, strecken das All- töglich-Enge, Kleine. Tort ist der Mensch das Maß der Truge Was aber ist der Mensch, was.sind all seine Sargen, was' Inta alle menschlichen Tinge, gemessen an. der Größe des' Kvsmos? In Wahrheit imendNch spannt sich die Weite dieses Tomes'. Ab­gründe des Raumes tun sich ans.Wenn du droben einen Hammer würfest, sieben Tage und sieben Nächte würde er fallen, bis er! zur Erde gelangte." Unzählbar flimmern, funkeln, stammen oorr die Sterne. Still ziehn die .Scharen ihren Weg. Wie sie uni Westen sinken, so hebt der Osten sie.empor. Die eherne Große! des ewigen Gehens und Kommens berührst, befreit. Ruhevoll glänzt der nächtliche Bogen des Friedens, das hehre, silbergewebte! Band der Milchstraße, dort,wo Heros Milch verschüttet ivard". Friedvoll umhüllt der Mond die Dinge der Erde mit miidweißeist Licht, große stetige Gesetze verkündend im immer gleichen Wandel seiner Lichtgestalt. Leichter atmet sichs hier draußen, und deck große Anblick des Himmels ist glättendes Cd über erregten Wellen des inwendigen Menschen.

So mag der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts fühlen'.

Vieles bedeuteten seit Urzeiten dem Muschei» die Lichtzeichest des Himmels. Tage und Monde, Jahre, Lustren und mancherlei räumliches Maß lernte er nach fcen wechselnden Erscheinungen zu bemessen. Vom kosmischen Frühausgang der Pleraden rech­neten die brasilianischen Tapnjas' und manche Jndiauerstämme Nordamerikas den Anfang des Jahres; ebenso bestimmen vte Tajaks ans Bornes noch heute.den Beginn der FeldaestellnNg, die Atchinesen die Zeit zur Aussaat des Reises. Mit Gölteclraft erfüllte die ehrfürchtige Meinung des alten Slegyplers denLicht- könig Sonne (Osiris oder Ra). Als Herrn der Oberwelt und Vater der Götter verehrten die Babylonier den Mond,, und dw Sterne verkündeten den babylonischen Weisen das Schicksal der Götter und Menschen. Diesieben Planeten" mit ihren stsisaM verschlungenen Bahnen waren ihnen die Dolmetscher des gött­lichen Willens, nnd der Tierkreis, in dem sie sich bewegen', war der Ort, an den sie ihre WeisHettche»chM schrieben,, nnd den FixsternhimMel der ans den Rand des Htmmelsbnches geschrieben« Kommentar.*) Dem Babylonier war der Himmel das Vielbe­beutende Urbild alles Irdischen. Richt unähnlich diesen Alien! schaute der swm'me Christ des europäischen Mittelalters zum Himmel: wenn ungewöhnliche Zeichen; seine»» Blick auf sich lenkten, so waren sie ihm besondere Verkünder des göttlichen Willens. Als im Jahre 1466 derselbe Komet am Himmel stand, der. nach vierundsiebzig jähriger Panse im Jahre 1910 wieder in un­serem Gesichtskreis erscheint, da ergriff alle! Völker der Christen­heit ein großes Entsetzen vor dem Bloten des göttlichen Zornes, und Papst Calixtus ordnete Gebete zum Schutze vor den Kometen ( und vor den Türken) an. Roch vor wenigen JahrhuUderteul war die Astrologie in höchster Blüte, und ernste Männer mühtest sich, aus den Sternen. Völker- und Menschenschicksale zst ergründen; noch ein Wallenstein glaubte mit der ganzen! Kraft, seiner seelö an sein Horoskop. Und in vielerlei Gestalt des Aberglaubens