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17.1.1910
 
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Montag »en p. Januar

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Sommerseele.

Bon Helene Böhlam

(Nackdruck verboten.)

(Schluß.)

Schwere Tage zogen über das kleine Haus hin. Die beiden jungen StoUbergs gingen ein und aus, als wären sie die Brüder der Pfarrerskinder.Wir müssen ihm Nach­richt bringen. Er verzehrt sich' dort unten vor Sorge."

Und kommt nicht ein einziges Mal," meinte die Pfar­rerin.

Er kamr nicht," sagte der jüngere Stollberg.Rechnen Sie ihm das nicht an. Und Mma will es nicht. Beide sind sich gar wunderlich gleich Rühren wir nicht daran!"

Ja," sagte die Pfarrerin;Gott möge ihm helfen, baß er so lieben und leben tarnt, wie er lieben und leben muß. Wir anderen werden nicht gefragt, was wir wollen und tonnen."

Seien Sie nicht bitter, liebste Frau. Er ist wie aus einer anderen Welt, er steht unter anderen Gesetzen, und Mma, Ihr Kind, auch. Wir werden lebensstark durch unsere Liebe, unb Ihr Kind liegt davon niedergeschmettert."

Ich rühre ja an nichts," tagte die Pfarrerin trübe. Wir lebten so still und glücklich, und nun spüren wir mit einem Male die Hand Gottes, die uns einen schweren, nie gesehenen Weg auftut."

*

jJa, die Pfarrerin ging idbten schweren Weg. Ihr Kind blieb nicht in der tiefen, lautlosen Fieberdumpfheit Liegen wie in den ersten Dagen. Die lebensselige Sommer­natur glühte in der Fieberglut der schweren Krankheit zu einem leidenschaftlichen Leben auf. Ohne Bewußtsein sang sie mit unendlich klarer, reiner Stimme Strophen aus dem alten heiligen Sommerlied:

Die Bäume stehen voller Laub,

Das Erdreich decket seinen Staub

Mit einem grünen Kleide.

Narcissus unb die Tulipan,

Wie gießen sich viel schöner an, Ms Salomonis Seide.

Hub sie sang dieselben Worte wieder und wieder. Oft Mch fand sie keine Worte, nur jubelnde Töne, hell, bebend vor Seligkeit, daß sich allen, die es hörten, das Herz vor Weh zusammenzog.

Die Stimme war so überströmend von Erbenwomte, baß sie erschauern nrachte.

Die Fenster mußten immer geöffnet sein, denn sie ertrug den geschlossenen Raum keinen Augenblick, und so drang die unaufhaltsame, kristallklare, schöne, selige Stimme hinaus Über die Felder bei Tag unb bei Nacht.

Anbetungswürdig ist diese Seele," sagte Uerle gur Pfarrerin,daß sie solch große Seligkeit in sich trägt.i

So singt eine Lerche im Himmelsraum, wie ur?/>-e heilige Sommerseele. Hören Sie doch ihren Gesang, sündlos und rein unb daß ein Geschöpf solche Wonne im Herzen trägt!"

Ja," sagte die Pfarrerin trostlos,dazu muß es von Sinnen sein."

Wer sagt Ihnen das?" fragte Uerle.Sie sieht nur uns nicht. Sie weiß von nichts um sich her. Sie sieht nur in sich selbst hinein, und in ihr ist- es so weiß unb hell und wonnevoll, wie ihre Stimme ist. In ihr ist eine große Herrlichkeit. Geboren gelebt, wie ein seliges Kind anfgesahren gen Himmel sitzend zur rechten Hand Gottes!" Uerles Stimme bebte von verhaltenen Tränen. Er verbarg hastig sein Gesicht am Fensterkreuz, vor dem sie standen.

Uerle, was reden Sie?" sagte die Pfarrerin erschrocken.

Uerle aber wollte die Pfarrerin mit solch wunderlich wehen Worten trösten. Kein Arzt brauchte ihm zu sagen, daß seine Sommerseele im Entschweben war.

*

Nachdem das Fieber alle Kräfte verbrannt hatte, sank die Lebenswärme zu einer schauerlichen Kühle.

Die Schwestern sagten:Das Fieber ist vorüber," Uerle aber unb die Pfarrerin wußten es anders.

Ganz leise flüsterte das Mädchen, zu Uerle gewendet, der an ihrem Bette saß, unb so, als läge zwischen ihrem letzten unb wieder ersten bewußten Wort keine lange, bange Zeit:Wo ist er?"

Er ist voll Bangigkeit um Sie, Mma."

Was mich hinderte, ihn zu lieben, ist nun fortgegllihk, Nun liebe ich ihn bis in alle Ewigkeit. Sag ihm, nun werd' ich ihm nah' sein."

Uerle hatte ihre letzten Worte gehört ihr letztes Be­wußtsein empfunden. Bon nun an sank sie in eine kühle, bleierne Ruhe, die dem Tode voranging.

*

Im Hanse regte sich stundenlang kein Laut. Die beibett StoUbergs standen draußen an einem der niederen Fenster, durch die der warme Sommerwind ins Zimmer drang, unb schauten auf das stille Verlöschen unb den schweigenden Schmerz derer, die zurückblieben.

Die Pfarrerin hielt die erkältende Hand ihres Kindes in der ihren, mit der Ruhe, welche das Leben jenen Schmerz-- geprüften gibt, die den größten Teil des Weges schon ge­gangen sind. Die sind so schmerzbekannt, so schmerzver- wandt, daß sie sich mit einer Würde betragen, die bett Jungen, Ungeprüften wie ein Wunder erscheint.

Die drei Töchter hingen mit ihren Blicken au ihrer Mutter, als käme von ihr in dieser fremden, bangen Stunde Rat und Hilfe.

Ms die Pfarrerin sich über ihr Kind beugte und ihm die Hände ineinander faltete, da wußten sie alle, daß es geschehen war. Die Pfarrerin blieb stumm über ihr Kind gebeugt, Uerle staub am Fußende des Bettes, und die