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Unsinnes scheitern läßt". Dar!» in selbst hätte den letzten Schl ns; über die Abstimmung des Menschen von einem Stamme, der den Asien verwandt ist, ans seiner Lehre erst dann gezogen, oder! doch erst baiut ausgesprochen, nachdem die Affenabstammung des Menschen bereits von seinen Freunden proklamiert war. In dem oben erwähnten großen Werke hatte er absichtlich die Darstellung seiner Auffassung über diesen heiklen Punkt vermieden. Er war ein unerbittlich scharfer Denker, und in keiner Periode seines Lebens ist ihm verborgen geblieben, daß das Studiuni der Natur, so wie «er es betrieb, ihn langsam aber sicher von der nawen! Strenggläubigkeit und kindlichen Frömmigkeit seiner Jugend entfernte. Schon mehrere Jahre vor dem Erscheinen seines ersten Buches über die Entstehung der Arten war die Schöpfungshypothese slir ihn keine wissenschaftliche Erklärung, sonder;: „nur ehrerbietige Form für den Satz, daß es so ist, tote es ift', ünd im Jahre vor den: Erscheinen des Buches schrieb er an) Wallace: „Sie fragen, ob ich den Menschen mit in d:e Erörterung ziehe. Ich denke, dies ganze Kapitel zu vermeiden, da es so sehr moit Vorurteilen umgeben ist; obgleich ich völlig zugestehe, daß es das höchste und interessanteste Problem für den Naturforscher ist."
Der Gedanke nun, daß der menschliche Stammbaum verwandt Je: mit dem Stammbaume unserer heutigen Menschenaffen, ist seit >er Zeit, da ihn bedeutende Vertreter des Darwinismus, tote Ernst Haeckel, Kprl Vogt u. a. mit aller Bestimmtheit ausgesprochen, oft wiederholt worden. Emst Haeckel hat auch versucht, den Stammbaum für den Menschen aufzustellen. Allmählich ist Haeckels Ansicht in den Kreisen der Naturforscher herrschend getvlorden, und noch in einer seiner letzteit Arbeiten aus denk Jahre 1908 „Unsere Ahnenreche" hat dieser Naturforscher einer: solchen Stammbaum angegeben, der die verschiedenen, heute lebenden Menschenrassen durch 7 Vorsahrengeschlechter hinaufgeführt bis zu der „g e m e i n s a m e n Stammform aller P r t - malen", d. h. der Mett scheu und Affen. Von den ersten fünf Gliedern dieser Ahnenreihe ist bis jetzt aber nur ein Glied, die Pachylemuren, die Stammväter der heutigen Halbaffen, fossil bekannt geworden. Auch die 6. und 7. Stufe, der pliocaene Vithecanthropus erectus und der diluviale Homo Primi g en ius , sind nach den neuesten Ergebnissen der Wissenschaft litt dieser Reihenfolge nicht mehr mit Sicherheit aufrecht zu erhalten.
Anders als Haeckel denkt sich der Straßburger Anatom S ch w a l b e die Abstammung des Menschen. Nach ihm soll sich der Mensch aus den Halbaffen zum Homo recens, dem modernen, Menscher:, entwickelt haben. Als Zwischenglied gilt ihm ein Menschenaffe, dessen Unterkiefer man in dem Miozaen Frankreichs wiederbolt gefunden hat. Ihm folgen die beiden genannt«: Pithe- cartthropus erectus und Homo primigenius als Vorläufer der moverueu Menschen. Der PUHecanthropus erectus spielt also ,in bett beiden Stammbäumen Haeckels und Schwalbes eine wichtige Rolle. Nun fand der holländische Militärarzt Eugen Dubois auf Java in den Jahren 1889—1893 ein fossiles Schädelstück, einen Backenzahn und einen Oberschenkel, die er für Ueberreste des so lange gesuchten Uebergaugsgliedes zwischen Mensch und Affe hielt. Er gab diesem Wesen eben jenen Namen Pithecan- thropus erectus, d. h. aufrecht stehender Menschenaffe, und man glaubte damals, fcliefe Reste würden die wichtigsten Beweise für die Afsenabstammung des Menschen fein.
, Dazu kau: ein zweiter Beweis. Lange wußte man schon, daß sich Blut von artverwandten Tieren wie Gift zueinander verhält. Tie roten Blutkörper der einen Tierart werden von denen der! anderen Art ausgelöst und das Tier, bei dem die Mischung vor- genommen wurde, geht zu Grunde. Sind die Tiere aber sehr nahe verwandt, so lösen sich die Blutkörper nicht auf, sondern die beiden Blutarten mifdjen sich und das Tier lebt weiter. Tas Blutserum des Menschen löst beispielsweise die roten Blutkörper von Orang und Schimpanse nicht. Also ist der Mensch mit diesen Assen blutverwandt. Endlich noch hatte Schwalbe den Nachweis dafür geliefert, daß int mittleren Diluvium Europas eine affenähnliche Menschenrasse gelebt hatte. Im Jahre 1854 wurden Nämlich beim Bahnbau in einer Höhle int Necmdertal zwischen Düsseldorf und Elberfeld Knochenreste gefunden, die man einem Menschen der Vorzeit zuschrieb. Schwalbe nannte diesen Homo primtgenius oder Neandertalmensch. 1904 wurden Ueberreste derselben Menschenrasse in der Nähe des belgischen Ortes Spy in einer Höhle aufgefunden. Seitdem zweifelte niemand mehr an der Existenz einer Neandertal-Spy-Menschenrasfe. So schien denn die Beweiskette geschlosseit und die Afsenabstammung des Menschen -unabweislich richtig zu fein: Im Pliocaen ein Affe mit menschlichen Eigenschaften, im mittleren Diluvium ein Mensch mit Assenähnlichkeit, und dazu die Blutreaktion unter den lebenden Menschen und Menschenaffen! ,
lind dennoch gab es immer Zoologen, die an dem Stammbaume zweifelten. Insbesondere waren der Breslauer Zoologe Klaätsch u. a. der Meinung, daß der Stammbaum des Menschen gar nicht auf die Anthropoidenaffen, sondern auf viel tiefere Tierzustände znrüch- sührte. Eine Reihe von Merkmalen am Menschen, wie z>. B. die Hand und das Gebiß, sind viel primitiver, als bei irgend einem Affen. Tiefe können deshalb nach der Ansicht dieser Gelehrten stur auf direktem Wege von einem Vorfahren vererbt worden feilt.
der während der ältesten Stufe der Tertiärformation, Sem Eozän- gelebt hatte. Klaatsch stützt seine Beweisführung auf ein Gesetz, das in der Paläontologie gilt. Nach diesem Gesetze kann ein Organ keine rückschreitende Entwickelung machen, wenn es schon einmal! jin einseitiger Richtung besonders hoch ausgebildet war. So flammt beispielsweise unser heutiges Pferd von einem Sohlengänger ab, der ii(n der ältesten Tertiärzeit lebte und einen Fuß mit fünf Finger:: hatte. Aus den: fünffingeiigen Fuße dieses Pferdeahnen entwickelte sich die einfingrige Hand des Pferdes, Aus dieser Hand kann nach den: erwähnten Gesetz aber niemals wieder jener fünffingrige primitivere Fuß entstehen. Ebensowenig! könnte aus der sehr hoch spezialisierten Affenhand jemals die viel primitivere Menschenhand durch Rückbildung hervorgehen. Unb| nun tarnet: in den drei letzten Jahren die Gegenbeweise des alten Stammbaumes Schlag auf Schlag: Entdeckungen folgten sich!, welche diesen Stammbaunr des Menscher: erschüttern mußten. Dai wollten manche Gelehrte den Javamenschen des Tr. Dubois nicht als beweiskrästig anerkennen. Man rüstete eine Expedition aus und 'beauftragte sie, am Fundorte Dubois auf Java rurch toeiterenf Resten zu forschen und vor allen: das zoologische Alter bezt Erdschichten aufs genaueste zu bestimmen. Dabei stellte sich nun heraus, daß sich Dubois sehr geirrt hatte, als er glaubte, es seien Tertiärschichte:: gewesen, in denen seine Funde gelagert hatte::, Tas waren in Wirklichkeit Schichte:: aus viel jüngeren Erdperioden, aus einer Zeit, aus der in (Europa bereits Menschen bekannt! waren. Damit aber hatte der Javamensch Dubois feine Bedeutung als Glied (in dem Stammbaume des Menschen völlig verloren- denn wenn zu der Zeit, in der er gelebt hatte, bereits Menschen existierte::, so konnte er selbstverständlich nicht mehr za: ben Ahnen-; geschlechtem dieses Menscher: gezählt werden. Damit aber noch nicht genug. Fast um dieselbe Zeit, in der die Javaexpedition ihre Entdeckung gemacht hatte, stieß man in Europa auf einen! menschlichen Rest, der noch viel älter war als der Java-Affen-! merrsch. „
Der Heidelberger Gelehrte Schoetensack fand nämhdj 1907 in einer Sandgrube bei den: Orte Maner, 10 Kilometer (unweit Heidelberg, einen menschlichen Unterkiefer auf. Dieser! menschliche Ueberrest ist zweifellos das älteste Stück, das man bis heute vorn Menscher: überhaupt besitzt, denn der Sand seines Fundortes gehört nach den ©äugetierfunben, die man dort machte, zum Tertiär. Das Wesen, dem der Unterkiefer einst gehört hatte, ist also weit älter als der Javanrensch, der Pithecanthropus, und! diesem höheren Alter entspricht denn auch fein primitiver Zustand, An der Stelle, wo die Unterkieferäste miteinander verwachsen sind, gleicht er dem Unterkiefer des Gorilla; nach einer anderen Stelle könnte er einem Gibbon angehört haben. Der Unterkiefer! allein würde also noch kein Beweis für seine Herkunft vom Menschen fein. Tiefe Zweifel wurden aber durch die sämtlichere noch vorhandenen Zähne gelöst. Tie Zähne nun sind „der acholuk fidjere Beweis dafür, daß wir es mit einem menschlichen Teils zu tun haben. Die vollständig erhaltenen Zähne tragen den! Stempel „Mensch" zr:r Evidenz. Die Eckzähne zeigen keine Spur einer stärkeren Ausprägung den anderen Zahngruppen gegenüber; diesen ist insgesamt die gemäßigte und harnronische Ausbildung ergen, wie sie die rezente Menschheit besitzt," sagt Schoetensach in seiner Beschreibung des berühmten Fundes. Das Wesen, von dem jener Unterkiefer stammen mußte, zeigte aber auch wesentliche! Unterfchiede gegenüber dem bereits genannten Neandertalmenschen, Er erhielt deshalb den Namen: Homo heidelbergensis. Wendet man nun auf diesen Unterkiefer mit seinen Zähnen das oben erwähnte Gesetz der Paläontologie an, so folgt daraus, daß de« Träger seine Zähne nur unmittelbar von einem primitiven Vorfahren ererbt, daher rriernals das bereits höher spezialisierte Affenstadium durchgemacht haben kann.. Dagegen ergibt sich weiter, daß man einen uralten gerne:n- f am en Urzustand annehmen muß, aus dem sich Men sch en und Affen gemeinsam entwickelt haben, Diesem Urzustände aber stehen die Menschen körperlich noch viel näher als die Affen.
Frühere Forscher hatten sich einen Uraffen gedacht, von dem Menschen und Affen gemeinsam abstammen sollten. Seit dem Funde vor: Heidelberg könnte man an seine Stelle eher einem Urmenschen setzen, der als Unahne für Menschen und Affen gelten kann. Gegen eine solche Annahme spricht auch der aufrechte Gang des Menschen nicht. Das Ausrichten des Körpers ist eine Eigentümlichkeit, der man im Tierreiche oft begegnet und die vieler!« Ursachen haben kann. Auch die langen Beine ru:d die kumm, Arme des Menschen im Gegensätze zu dem umgekehrten VerhältrnM beiden Menschenaffen sprechen nicht dagegen, wie die Anthropologe nachweist. Haben doch auch viele Halbaffen, an die man das Menschen- und das Affengeschlecht gemeinsam ankmipft, btefö langen Beirre und kurzen Arme.
Wenn nun jemand aus den neuen Forschungsergebnissen den Schluß ziehen wollte, der Mensch sei überhaupt nicht mtt den! Tieren verwandt, so toäre dieser Schluß ganz verfehlt. Dazu! haben Mensch und Tier denn doch zu viele gememsame Merkmale, Das hat Huxley schon im Jahre 1863 in seinen: Werke „D:ü Stellung des Menschen in der Natur" bewiese::, und der Fre:- burger Anatom Wiedersheim hat neuerdings erst toteber alle die vielen gemeinsamen Punkte beim Menschen und Asien w sammengestellt, um zu zeigen, wie „der Bau des Menscher: als


