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fünfen' in Hellborfs Hause! Und diese geschmeidige Jutri- igantbt war die Herzensfreunbin Eldringens. . . . „Was nimmt deine Frau für ein Interesse an meinem Geschick?" fragte er.
„Ein nienschliches. Sie hat dich persönlich gern. Sie kapriziert sich darauf, deine alte Wneigung gegen fie zu brechen. . . Der große Mensch schnellte plötzlich in bte Höhe. . .. „Friedelchen, ich will dir keine Faxen vor- machen. So — so — ivemt es so weiter geht, end «ich einmal in der Gosse. Ich habe die Frau geheiratet, die ich unaussprechlich liebte — trotz ihrer Vergangenheit und aller mahueuben (Stimmern Und wäre glücklich geworden, so weit eilt alt werdender Kerl, dein das Leben nur noch verflucht wenig zu bieten hat, auf seine Art glücklich werden kann — wenn die Gesellschaft mich nicht brrltalisiert hätte!"
„Du mußtest es erwarten, Albert. Weshalb zogt ihr nicht fort?" t c
„Herrgott, weil ich keinen Käufer fand! Und bann: der Diane gefiel es hier. Sie hoffte wohl auch noch, wenn nicht im Handumdrehen, so doch allmählich in die Gesellschaft zu kommen. Es war das Streben in ihr, sich über den i— den ganzen Jux der Vergangenheit fortzuhelsen — sie wollte den Beweis erbringen, daß sie eine anständige Frau geworden war — verstehst du? Ist das ■— zum Donner-- wetter, ist das psychologisch nicht ganz begreiflich?"
„Gewiß, Albert."
„Und ivarum erschwerte man ihr das durch den rohen Abbruch jedes Verkehrs mit mir? Warum hast du, mein ältester Freund und mein bester, mich nicht mehr kennen wollen? Du kannst mir antworten: „weil ich Anstoß nahm an der Vergangenheit Dianes." Wer, Friedel, das ist em Standpunkt der Unfühnbarkeit, der unerhört grausam ist!"
„Es ist der Standpunkt der Gesellschaft, Albert, und es ist wiederum ihr gutes Recht, sich eigene Gesetze zu geben."
Helldorf lachte auf. „Natürlich! Die chinesische Mauer, durch die sich auch das wärmste Herz absperren läßt! — Ach nein, das soll nicht etwa bitter klingen! Ich bin ja selber vorsichtig gewesen. Ich habe den Reserverock aus- gezogen und den "Borussen höflich mitgeteilt, daß ihr alter Herr bebaute, nicht mehr im Korpsverbaube bleiben zu können. Respekt vor ber chinesischen Mauer und allen Scheuklappen einer wohlbuftenben Kinberstube! — Aber, Fritze, hier lag die Sache doch noch anberg. Ein Freund stolperte, Und da versuchtest du nicht, ihm zu Hilfe zu kommen, sondern «unbekümmert weiter — und die andern folgten dir.
riedel, das muß ich dir sagen: du hast den Anfang gemacht! Die Leute warteten darauf, nie du dich benehmen würdest — und sie hatten in ihrer Weise recht, wenn sie achfelzuckestd meinten: „Lieber Himmel, Helldorfs intimster Freund hat ja den Verkehr mit ihm aufgegeben — da werden wir uns erst recht nicht genieren!"
Das Gesicht Fritzens war finster geworden. . Er grub die Zähne in die Unterlippe und schaute vor sich iniebieu Und antwortete nicht.
Helldorf aber kam in wachsende Erregung. „Das klingt alles so, als wollte ich dir posthume Vorwürfe machen!" rief er. „Meinetwegen — faß es auf, wie du willst! Tatsache ist: auf dich hatte ich sicher gerechnet. Ich hielt Unsre Freundschaft für fester als die schwankende Sittsamkeit. Missionsbruber bist du nie gewesen. Ich sagte mir auch: lernt er Diane erst einmal näher kennen, dann ist alles gut. Wer es kam gar nicht dazu. Und da ßd u nicht wolltest, wurde unser Unglück! . . ." Und plötzlich wurde die rauhe Stimme des Mannes sehr weich. Er haschte nach der Hand des alten Freundes. . . . „Friedel, ich bitte dich, versuche gut zu machen, was du mir Böses getan hast! Komm wieder! Komm wieder, Fritz! Wir jagen das Gesindel aus dem Hause, du sollst eine reinliche Stätte finden. Diane ist ungeheuer von äußeren Einflüssen abhängig. Du tust ein gutes Werk — du holst uns aus dem Sumpfe heraus!"
Noch immer blieb Fritz stumm. Da spielte Helldorf feinen letzten Trumpf aus. „Friedel, die Sache ist ernst," fuhr er fort. „Wir sitzen beide in der Patsche und können Uns gegenseitig helfen. Wenn du mir versprichst, deine Aversion gegen Diane aufzugeben, garantiere ich dir, daß die Miquelons sich binnen acht Tagen mit dir geeinigt haben."
Fritz furchte die Stirn unb schüttelte mit dem Kopf.
„Das klingt nach Pression, Albert sei mir nicht böse. Und zwingen laß ich mich nicht."
„Ein schlecht gewähltes Wort, Friedel. Vergrß nicht, daß ich als ehrlicher Friedensvermittler gekommen bin."
„Ja — aber mit dem Frieden, den ich nicht annehmen! kann. Gesetzt den Fall, ich — ich überwände das, was du Aversion nennst — was aber aus tieferen Gründen kommt, als du ahnst — ich sagte Ja und Amen und knixte vor deiner Frau, und ihr und ^(bringen gelänge es, den Streit mit ben Miquelons zu schlichten: was hätte ich dabei gewonnen? Wie Ihr bie Geschichte auch fingern würbet — als schäbiger Rest bliebe boch immer bas Faktum, baß Kl A. Friedet klein beigegeben hätte. Das aber will ich nicht. Ich will meine ehrliche Sache ehrlich zu Enbe führen. Ich bin moralisch im Recht. Unb so weit sind wir gottlob nut unsrer juristischer! Weisheit noch nicht gekommen, baß äußerer Formelkram das sittliche Recht totschlagen könnte!
„Das heißt also: bu lehnst meine Vermittlung ab?
„Ich bin es ber Ehre unseres Hauses schulbig."
Hellborf nahm bie teere Champagnerflasche unb hielt sie gebankeiilos gegen bas Licht. Dann goß er Jid) abermals einen Kognak ein unb trank ihn aus.
„Gut," sagte er, „bagegen ist nichts zu wollen. . . .1 Er schlüpfte in feinen weiten Havelock und griff nach seinem Hut. Wer er ging bock nicht gleich. Er blieb wie unschlüssig stehen; fuhr mit der Hand über sein stures graues Haar unb warf Fritz einen seltsamen Blick zu, einen Blick flehender Bitte. . . . „Und willst auch nicht zu uns kommen?" fragte er mit matter Stimme.
Fritz zögerte mit der Antwort. Er hatte diesen Blick aufge äugen, aus verschwommenen Trinkeraugen, in denen etwas von hündischer Unterwürfigkeit schimmerte. Der alte Freund tat ihm bitter leid.
Wieder begann sich bas Mitgefühl zu regen. Wie lag denn bie Sache? Eine Leichtsinnige hatte eine anftanbige Frau werden wollen. Derlei kommt hunbertfach vor, unb in ben Großstübteii pflegt man über Fragen wie diese auch liberaler zu denken: das bringt schon der Strom des Lebens mit seinen nivellierenden Ein,sichen so mit sich. Hier war es anders. Die Gesellschast hatte Diane bie Aufnahme verwehrt. Ober nein — es lag etwas Richtiges in ber Bemerkung Hellborfs: sie hatte sich zunächst aowarlenb verhalten. Hätten bie Friebels ben Bann gebrochen, vielleicht wären bie anberen gefolgt. Unb vielleicht hätte bann über bas Haus Hellborf ein sreunblicherer Stern geleuchtet als jetzt.
Das sagte sich Fritz — unb bennoch schüttelte er ben Kopf. Es wäre ihm, um sich einem Freund hisireich zu erweisen, in einem anberen Falle nicht barauf an gekommen, sich einmal gegen Sitte .unb Gesellschaft zu wen- ben — zumal jetzt, ba ihn sein Abschieb bestimmt formulierter Verpflichtungen enthoben hatte Aber ber Dirne Diane verzeihungbittenb bie Haub zu küssen — bas vermochte er nicht. Sie war bie äußere Veranlassung seines Duells mit Spannuth, war sicher auch an ber Denunziation beim Militärgericht beteiligt gewesen; und ebenso si .er hatte sie bei ben Intrigen bet Miquelons bie Hand int Spiel: bafür war Eldringen ihr Freund — unb bafür stand ihr eigener Mann als Uiwerhänbler vor Fritz.
„Albert, ich kann nicht," antioorteie ex Er ruate und zuckte mit den Schultern; er war innerlich verzweifelt, „Schlage mich tot — ich kann nicht!"
„Gut," sagte Hellborf nochmals. Er stülpte den Hüt auf ben Kopf. „Also umsonst!" — Er lachte heiser auf. „Na! . . ." Er preßte bie Haub des verlorenen Frennbesi stark zwischen seinen Fingern und ging ohne Lebewohl.
(Fortsetzung folgt.)
Stammt der Mensch vom Assen ab?
Von Professor Otto Hesse.
Charles Darwins berühmtes Buch „lieber die Entwicklung der Arten durch natürliche Auswahl" erschien im Jahre 1859. Es wurde die Grundlage für die moderne Naturforschnnw Vom ersten Tage an aber ist die darin vorgetragene Lehre anfsj heftigste bekämpft worden. Auf der Naturforscherversammlung zu Oxford im Jahre 1860 veranstalteten die Gegner einen wahrest Sturmlauf gegen Darwin, der nicht selbst anwesend war, und! gegen dessen Freund, den ausgezeichneten Zoologen Thomas H u x l e y, der die Lehre Darwins verteidigte.
e Wie vor 50 Jahren, so gibt es noch heute Gegner der Entwicklungstheorie, die behaupten, der Darwinismus untergrabt die Basis unseres Staatslebens und führe uns „auf ein schwankendes Meer, welches die Menschheit schließlich, an der Klippe des


