Ausgabe 
16.7.1910
 
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voller geschieht als durch liebloses Fortweisen. Man mutz aber 'auch über einige recht kräftige Redensarten verfügen, um den sich um die Person des Reisenden balgenden Eselstreibern und Fremdenführern die Wege zu weisen. Gegen das allbekannte! Jmschih" sind die Söhne des Deltas wie der Wüste schon ab- gebrüht: man suche sich also aus den Sprachführern oder Gram­matiken einige derbere Wendungen aus: mit angemessener Be­tonung losgelassen, erfüllen sie meist ihren Zweck.

Noch immer kommen dann in der Reihenfolge der Wichtigkeit weder Hauptwörter noch Zeitwörter, sondern wichtiger sind einige Fragewörter: Wo? Wohin? Wieviel? (Kostet" ist nicht unbedingt notwendig.)

Alsdann erst empfehle ich, sich die wichtigsten Zeitwörter, obenan die Wörter für:Gib mir! Bringe mir!" einzuprägen, Und dann beginnt die Reihe der Zeitwörter für die menschlichen Bedürfnisse: Essen, Trinken, Waschen usw. Daß der Reisende« ferner imstande sein muß, auf anständige Weise sich nach gewissen Verschwiegenen Oertlichkeiten zu erkundigen, sieht der Leser ein. Erst dann präge man sich die wichtigsten Hauptwörter, aber 'äuch nur die allerwichtigsten, ein. Mit 50 wird man reichlich Auskommen, wenn man jedes zu erlernende Wort auf seine Un­entbehrlichkeit prüft. Unentbehrlich sind Wörter wie Wasser, mehr Wasser Brot, Fleisch, Eier, Handtuch: vielleicht noch die Be­nennungen der wichtigsten Wäschebestandteile, die Namen den mit häufigsten genossenen Landesfrüchte und dergleichen.

Ich wünschte, unsere bekannten Reisebücher oder ein er­fahrener Reisender mit philologischer Bildung stellte einnnal nach sorgfältigster Prüfung das wahre Notwörterbuch eines Reisenden zusammen, der eben nur ohne Schwierigkeit sich in fremden Ländern durchhelfen will. Der Verfasser eines solchen Notwörterbuchs wüßte sich aber selbst die niedrigste Grenze ziehen, die etwa zwischen 150 und 200 Wörtern zu liegen hat. Jedes gelernte und zu so­fortigem Gebrauch bereite Wort eines solchen Notwörterbuchs wird dem Reisenden ein bis zwei Mark ersparen, wird ihm über­dies seine Unabhängigkeit, die so notwendige Einsamkeit der Seele sichern ulnb die Grundlage bilden für ein tiefer ein­dringendes Studium der freinden Sprache, zu dem ja durch eine Reise oft genug angeregt wird.

So viel steht fest: bei schärfster Prüfung der unabweislichen Bedürfnisse eines Reisenden wird sich Herausstellen, datz er viel Weniger Wörter nötig hat, als er selbst und die Verfasser dep bekannten Sprachführer für Reisende glauben.

Aus dürrer Heide.

Warum sollt ich denn im Gehn Durch mein Perspektiv nicht sehn? Schön ist es auch anderswo. Hier bin ich mal sowieso.

Hier habt ihr ihn in Buschs wohlwollendem Konterfei, hem ihr in erfreulicher Wirklichkeit auf jeder Sommerwanderung in deutschen Landen, zumal an Aussichtspunkten begegnen könnt, Pon einem vielbesuchten Berge meiner Heimat sieht man weit in eine gesegnete Ebene hinaus. Draußen im blauen Duft wird an klaren Tagen ein letzter vereinsamter Bergkegel schwach sichtbar. Rach ihm fragen die Perspektivleute zuerst. Sehen sie ihn nicht, find sie schwer enttäuscht, steigen wohl auch bald wieder ins Tal und fühlen sich kaum ein wenig getröstet durch das Gefühl, >,dagewesen" zu sein. Zu ihren Füßen lag im schöngeschwungenen Flußtal ein Garten in voller Sommerpracht, ein feingeformtes Bergland, die im Sonnenglanz schwimmende Ebene aber was hilft ihnen das alles, denPunkt am Horizont" haben sie nicht gefehlt, den Punkt, der doch ausweislich der Karte am weitesten Weg ist.

Ihr Gilten, seid ihr denn eigentlich gekommen, um irgend etwas Abstraktes zu genießen? Das Bewußtsein, ausgemessene Ititb -gerechte dreißig Meilen weit zu sehen? Es kann wohl Nicht anders sein: ja, ihr genießt abstrakt. Dagewesen sein/ konstatieren, was andre gesagt haben, Entfernungen zurücklegen !und prüfen, darin besteht das Genießen der Augenlosen. ArMei Teufel ihr, hat man's einmal erkannt, so kann man nicht einmal über euch lachen. Wie ärmlich, wie armselig steht ihr oft mitten tut lleberreichtmn der schenkenden Natur! Am Gardasee, an einem tiefsounigen Tage, da die Olivenwäldchen wie silberne Nebel an den edelgeforntten Felsbergen schimmerten und der See in dunkelstem Veilchenblau leuchtete, hörte ich, wie zwei Gymnasial­professoren den Ponalefall beim ersten Anblick mit der Gasteineh Ache verglichen und ihlt doch recht geringfügig fanden. Ein solcher Vergleich itnd die enttäuschte Miene, mit der er angestellt wird, spricht Bände. Alles nur durch die Sinne zu Erfassende war für diese Männer der Wissenschaft und der Schule nicht da, sie gingen vuf den Kern: Verdient der Wasserfall nach dem BegriffeWasser­fall" als solcher eine gute Zensur? Der Trost, wenn einem weh werden könnte aus Mitleid mit ihnen und ihresgleichen/ ist nur der: sie alle ahnen so wenig wie der Blindgeborene) was ihnen fehlt und entgeht.

Das könnte berechtigen, die da nicht sehen können, sich selber zu überlassen. Wurmte nicht das Bewußtsein, daß auch .ihnen!

das himmlische Licht mit aller Fülle scheinen könnte, wenn nut! ihre Sinne geübt, wenn ihre Augen nur nicht verkümmert tuntenti Und dann der Gedanke: datz sie auf die Welt wirken nach dem! Maße dessen, was sie von ihr sehn. Daß sie besten Glaubens! und sichersten Gewissens das ihrige tun können und tun werden! und tun, um auch im vollen Lebensgarten um sich nur das arme! Stückchen Dürrheit zu pflegen, das ihnen als Alles erscheint,« Und daß deshalb die Blinden zu solchen werden können, W andere blenden. K. Hermann.«

VeekMehtes.

* Die! schwarze! Frau im Charlottenburger! Schlosse. Wie an den Tod so vieler anderer fürstlichen Persön­lichkeiten knüpft sich, auch an das Dahinscheiden der Königin Luise im Juli 1810 ein geheimnisvoller Vorfall, der von der aber­gläubischen Hofgesellschaft als ein gespenstisches, übernatürliches Vorzeichen .des nahen Todes der Königin gedeutet wurde. Am 14. Juli, also fünf Tage vor Luisens Ableben, war der Hof in Abwesenheit des Königs dabei, den Tee im Gartensalon des Charlottenburger Parkes einzunehmen, als eine in tiefster Trauer- kleiduug gehüllte Fran plötzlich, ohne datz ein Lakai sie hätte kommen sehen, vor der Glastür des Salons stand und sich, zum Eintreten anschickte. Dem General von Kökeritz, der aufstand, um sie nach ihrem Verlangen zN fragen, erwiderte sie, daß sie! dem König eine überaus wichtige Mitteilung zu machen habe. Von Kökeritz, der sich erbietet, ihr Anliegen dem König vvrzu- tragen, um ihre Wünsche befragt, besteht sie darauf, den Mo­narchen persönlich zu spreehen. Was sie mitzuteilen habe, sei in drei Worten gesagt. Man deutet auf den Kronprinzen und sagt, er sei der König, worauf sie erwidert, sie wisse sehr gut, daß dies nicht wahr sei. Wahrend darüber noch hin- und hergeredet wird, greift der Kronprinz in der von ihm beliebten scherzenden Art in das Gespräch ein, erhält aber schroffe Vorwürfe von ihr, daß er sie unschicklich behandele. Gleich darauf ruft sie:Nun kommt der König" und richtig tritt auch einige Augenblicke später Fried­rich Wilhelm, dessen Nahen niemand gehört, in den Saal. Als man ihm meldet, daß die fremde Frau behaupte, ihm mit wenigen Worten eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit, aber auch nur ihm allein sagen zu wollen, wird der König ärgerlich.Sie solle gehen, dummes Zeug wolle er nicht hören. Sei es etwas Vernünftiges, so solle sie es frei sagen, sei es eine Bdttelei, so werde sie Geld erhalten." Die Fran besteht nochmals darauf, nur ihm eine Sache von höchster Wichtigkeit initteilen zu wollen, Geld brauche sie nicht. Fortgewiesen, bricht sie in die Worte aus: Nun! ich iverdö gehen, weil der König mich nicht hören will. Aber er wird es bereuen; denn ein nahes großes Unglück bedroht ihn und durch meine Warnung hätte es abgewendet werden können." Als sie beim Passieren des Vorzimmers sich noch immer unwillig über die Abweisung' und das schnöde Anbieten von Geld äußert und die Lakaien ihr Vorwürfe darüber machen, daß sie es nicht genommen habe, greift sie in die Rocktasche und hält den verblüfften Bedienten eine ganze Hand voll Louisdor unter die Nasen. Dann ist sie verschwunden, als ob die Erde sie verschlungen. Als die Nachricht von der schweren Erkrankung der Königin bekannt wurde, erinnerte utitn sich des Vorganges, der nach Luisens Tode zu einer unheimlichen Sensation für die Hofgesellschaft .wurde. Die Charlottenburger Polizei erhielt den! Befehl, nach ihr zu forschen, war aber nicht imstande, auch uuy die leiseste Spur ihres Verbleibens zu ermitteln.

* Ohrenschmaus.Eulalia Lämmerschwanz hat alls Augenblicke neue Handschuhe."Ja, im Ledermannschen Ge­schäft ist jetzt ein hübscher junger Mann, und wenn sie den sagen hört:Darf ich um Ihre Hand bitten, gnädiges FrAch« lein?" dann ist sie im siebenten Himmel!"

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer:

Joel Öctave Haleb Akademie Nesseltuch Niger Palme Eiderstedt;

Johann Peter Hebel.

Redaktion: I V.: E. Hetz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«