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ich eso unglücklich war und mich gar uit schicken könnt', hat De mich immör so schön getröst'. Un et is ja auch schon besser geworden, Gott sei Dank!" Sie faltete die Hände. „Un et wird noch immer besser, sagt de Herr Bitar. Aber traurig is dat doch> bat ich nit verstehen kann, wat Je in der Kirch' sagen. AM zweiten Wrihnachtsfeiertag kriegen ivir en deutsch' Predigt, sagt de 5zerr Vikar, aber wat is dar doch noch eso laug hin! Ich soll mir nur Müh' geben, sagt de, bat ich sein' Predigt verstehen lern', — und wenn ich se auch uit verstäub', zum Segen töt se mir doch gereichen. Dat soll ja wohl eso sein, wann de Herr Vikar bat sagt — -aber, kucken Se, lieber Herr, er hängt doch un jeder an seinem Glauben, und et is mich doch immer so, als wär bat hier wat ganz andres. Ich sagt' als zum Peter, ba^ drum möcht ich de Herr Baron wohl em al fragen, bat wird ße sicher verstehen, wenn de auch nit nnsern heiligen Glauben hat!"
' Sie sah den Herrn vertrauend an, über und über errötend ob ihrer Kühnheit.
(Fortsetzung folgt.)
Was Mich der Reisende von fremden sprachen wissen?
Von Eduard Engel- Berlin.
(Nachdruck verboten.)
Ich kehre von einer Reise nach Aegypten zurück un!) Habs dort, wie so ost in fremden Säubern mit schwieriger, wenig bekannter Sprache folgende Beobachtung gemacht: überall stieß ich auf Reisende, die mit Fremdenführer oder Dolmetscher ihre Wanderungen und Besichtigungen vornahmen und dadurch natürlich jede Selbständigkeit, nach meiner Meinung den größten Reiz einer Reise, einbüßten. Alles wurde ihnen in ihrer Sprache bequem entgegengebracht, das eigene Aussuchen wurde ihnen erspart, Abenteuerliches, Unvorhergesehenes war ausgeschlossen, und vor allem irgend eine menschliche, geistige Beziehung zu den Eingeborenen! gab es nicht. Diese Art von Reisenden reist nicht, sondern sie! wird gereift, wenn die Grammatik diese Wendung zuläßt.
Die anderen Reisenden sehen alles, was die von Fremdenführern und Dolmetschern herumgeschleppten Reisenden zu sehen bekommen, aber sie sehen noch etwas mehr, denn sie werfen doch hier und da einen Blick in die Seele des sie umgebenden Volkes — und, was auch nicht zu verachten ist, sie behalten das Geld! für die Reiseführer in ihrer Tasche. Daß sie obendrein sich ihre Unabhängigkeit, ihre freie Bewegung wahren, ist noch mehr wert, als die ersparte Ausgabe für die Fremdenführer.
Das Geheimnis besteht natürlich in der Kenntnis der fremden Sprache. — Ganz gut, denkt der Leser, aber man kann doch Unmöglich die Sprachen all der vielen Länder beherrschen, hie heutzutage nacheinander von einem Reisenden ausgesucht werden; das würde ja einen so ungeheuren Aufwand geistiger Kräfte, eine solche Anspannung des Gedächtnisses fordern, daß nur außergewöhnliche Menschen mit besonderer Sprachbegabung dem gewachsen wären. Da ist es doch wohl zweckmäßiger, man spart seine Geisteskräfte für wichtigere Lebensaufgaben, bezahlt einen Fremdenführer, sieht alles aufs bequemste, strengt sich geistig nicht an und kehrt, zwar ohne eigene innere Reisetätigkeit, aber behaglich und reich belehrt in die Heimat zurück. Oder, .was das Beste ist, man schließt sich gleich von Hause aus einer Reisegesellschaft an, also ein Deutscher etwa der deutschen Führung von Stangen, und laßt sich als Nummer soundsoviel einer. Stangenschen Reisegesellschaft durch das fremde Land schleppen oder, wie man es höflicher nennt, bugsieren. Für eine Reise nach Frankreich und England hält sich der gebildete Deutsche zur Not auch ohne Stangen und Fremdenführer für genügend vorbereitet; dagegen schon nach Italien reist er unter Umständen „geführt"; denn Italienisch hat er in der Schule nicht gelernt, und für Länder wie Spanien oder gar für den Orient, also die Türkei, Palästina, Aegypten, auch Griechenland, glaubt der durchschnittliche Reisende ohne Führer unmöglich auszukommen.
Ich kann von mir nicht behaupten, daß ich. die Sprachen aller Länder, in denen ich gereift bin, beherrsche; dennoch habe ich niemals einen Fremdenführer gebraucht, habe mich auch nie-! Mals einer Reisekarawane angeschlossen, sondern bin stets meine eigenen Wege gegangen und — bin keinen besonderen Schwierigkeiten dabei begegnet. Ich führe das letzte Beispiel aus in einem Reiseleben an: meine Reise in Aegypten. Ich hatte wenig Zeit, um ägyptisches Arabisch gründlich zu lernen, konnte auch meinem strapazierten Gedächtnis nicht mehr eine so schwierige Aufgabe zumnten. Ich habe es aber so gemacht, wie ich es in ähnlichen Fällen seit vielen Jahren zu machen pflegte: ich habe die Grammatik und das Wörterbuch des Reisenden vorher in iveniger als einem Monat gelernt, bin vortrefflich damit dnrchgckommen und teile jetzt meine Erfahrungen zum Nutzen hoffentlich recht vieler Nachfolger mit. Sie lassen sich natürlich auch auf alle andern Sprachen anwenden, die ein Reisender braucht.
Ueber die sprachlichen Anforderungen an einen Reisendien int Orient herrschen die übertriebensten Anschauungen. Selbstverständlich gehört ein Studium von mindestens einem Jahr dazu, um es in einer so schwierigen, formenreichen Sprache wie Arabisch so weit zu bringen, daß in ast über alle Gegenstände eine flotte! Unterhaltung mit einem Aegypter, nun gar mit einem gebildeten, führen könnte. Für Reisende, die sich die höchsten Ziele stecken, die Land und Leute gründlich erforschen wollen, bedarf es natürlich eines gründlichen Sprachstudiums, und für Reisende dieser Art sind meine Betrachtungen nicht bestimmt. Dagegen braucht der flüchtige Reisende, der „Tourist", der ohne wissenschaftliche Zwecke reift, der gewissermaßen nur den leichten Schaum von der Oberfläche des Lebens eines fremden Landes abschöpfen will,- eine erstaunlich geringe Sprachkenntnis. Wir wissen ja aus. eingehenden Feststellungen, daß überhaupt der Verbrauch von. Sprachstoff für das gewöhnliche Leben, zumal in den unteren Gesellschaftsschichten, ein äußerst geringer ist. Sprachforscher haben feftgeftellt, daß z. B. der ganze Wörterschatz eines Bauern in abgelegener Gegend Höchstens 400 Wörter umfaßt. Es wäre also möglich, nach Erlernung dieser 400 Wörter sich mit einem! solchen Bauern über alle Gegenstände zu nnterhalten, die in den Kreis seines täglichen Lebens und Denkens fallen. Ich behaupte nun, daß ein Reisender, zumal im Orient, nicht annähernd soviel Wörter zu lernen braucht. Ich habe für meine Reise nach Aegypten! höchstens 150, sorgfältig von mir ausgewählte, gelernt, das heißt, mir so eingeprägt, daß ich ohne Besinnen darüber verfügen konnte, und ich habe davon noch eine ganze Anzahl ungebraucht zurückgebracht. Man bedenke wohl: einen wesentlichen Teil der Sprache! eines fremden Reisenden, also eines sprachkundigen, bildet die! Gebärde. Mit der bloßen Gebärdensprache drückt der Reisende vielleicht mehr als die Hälfte aller seiner Wünsche und Bedürf-, nisse aus und wird damit meist besser verstanden, als mit seinen schlecht ausgesprochenen und falsch betonten Wörtern der fremden Sprache. Wenn ich also das Wörterbuch des Reisenden auf höchstens 150 bemesse, so erhöht sich durch die Gebärdensprache dieser Wörterschatz mindestens auf 300, wahrscheinlich auf 4—600, nutz damit kann man schon das meiste ausdrücken, was man bei den vorübergehenden, wenig tief dringenden Beziehungen des Reifenden zu den Bewohnern eines fremden Landes braucht.
Obenan steht für mich als Reisenden in Ländern fremder Zunge die genaue Kenntnis ihres Geldes. Nicht nur den Geldwert sollte man kennen, sondern auch die Münzstücke selbst, was ja nicht übermäßig schwer vor Antritt einer Reise zu bewerkstelligen ist.
An Wichtigkeit in der eigentlichen Sprachkenntnis stelle ich zu oberft die Zahlwörter. Diese nicht sttimperhaft, sondern mit möglichst richtiger Aussprache flott anzuwenden, bedeutet drei-, viertel der Grammatik und des Wörterbuches eines Reisendem Es ist nicht nötig, zu wissen, wie 1902 auf Aegyptisch-Arabisch! heißt; dagegen muß man die Zahlen von eins bis zwanzig am| Schnürchen haben. Sehr nützlich, wenn auch schon weniger wichtig, ist die Kenntnis der höheren Zehner, deuii der gewöhnliche Tages-, verkehr des Reisenden bemegt sich meist innerhalb des Zahlen-, gebietet von eins bis zwanzig. Fast allen Sprachen gemeinsam' ist die Erscheinung, daß nur die Zahlen von eins bis zwölf als ganz fremde Vokabeln auswendig gelernt werden müssen, während sich die Zahlen von dreizehn bis zwanzig aus den Grundzahlen keicht ergeben. Die Erlernung der Zahlwörter stellt also keine! allzu hohen Anforderungen an das Gedächtnis. Wie nützlich es fein kann, die Zahlwörter mindestens bis 100 zu beherrschen, das habe ich in dem einzigen Falle erfahren, in dem ich während! des ganzen Aufenthaltes in Aegypten vorübergehend in einen schwierigen Lage war. Ein Kutscher, den ich auf Zeit genommen hatte — der Ausdruck „auf Zeit" gehört natürlich auch zu den notwendigen Vokabeln des Reisenden — und dem ich vorher deutlich und von ihm richtig verstanden gesagt hatte, was ich alles 4» sehen wünschte, versuchte unterwegs beit Vertrag nmzustoßen durch die Behauptung, ein bestimmter Punkt des Weges liege außerhalb des Gebietes für den Zeittarif. Er stieg vom Bock, hielt mir mit orientalischer Lebhaftigkeit eine längere Rede, biß ich nur zur Hälfte verstand, die mich aber gar nichts anging, dck wir uns vorher über Weg und Berechnung geeinigt hatten, und wurde ungemütlich. Ich blickte auf seine Droschkemtummer, sie war 109, sie lag innerhalb der Grenze meines bescheidenen Wörterbuches, und ich hielt ihm folgende eindrucksvolle Rede auf Arabisch: „Mije tissa! Karakol!" Meine Rede wirkte wie ein Zauber: lachend stieg er auf den Bock, und alle Schwierig-, keilen waren gehoben. Die Uebersetzung meiner großartigen Rede lautet einfach: „109! Polizei!" Abkürzung für: „Du wortbrüchiger Schlingel, deine Droschkcnmimmcr ist 109, und wenn du jetzt nicht auf der Stelle tust, was wir verabredet haben, so zeige ich dich der in Droschkenkutschersachen unerbittlichen Polizei von Kairo an, und bann weißt du, was die Folge ist."
Außer Wörtern wie Ja und Nein, Halt und Vorwärts'/ Langsam Und Schnell (bei der Benutzung von Kamelen oder! Eseln) muß der Reisende int Orient — im Okzident schaden sie auch nichts — einige kräftige Wörter der Abwehr fertig bei der Hand haben. Ein gewisser Reichtum auf diesem Gebiete macht sich gut bezahlt. Man muß wissen, wie man sich freche Bettler Mit heilen Gliedntaßeit vom Leibe schafft, was im Orient mit einer liebreichen Wendung wie: Gott möge dir geben! wirkungs-


