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Alle waren dazu erbötig.
Ein zerlumpter Bursche trabte vorauf. Doleschal trabte nach; seine Augen waren nicht hell, der Kopf war ihm schwer. Die Weine beim gestrigen Diner konnten das nicht gemacht haben, die waren gut gewesen, aber doch war ihm, als hätte er einen Katzenjammer.
Helene hatte schon geschlafen, als er nach .Hause gekommen war, und es hatte ihm leid getan, sie zu wecken. Er hatte nur an ihrem Bett gestanden, die Kerze hochhaltend, daß ihr Schein voll auf das helle Gesicht fiel, und ihren Schlaf betrachtet. Die Lider waren so sauft geschlossen, die Stirn glatt — sollte er diesen Frieden stören? Es dünkte ihn grausam, wußte er doch, beim ersten Wort würden sich diese graben Brauen gespannt ängstlich hochziehen —• nein, nicht sie erschrecken! Warum hatte er sich auch zu einem Benehmen fortreißen lassen, das ihn jetzt reute?! Er hatte das Gefühl, etwas Dummes gemacht zu haben und wußte doch nicht recht, was — nein, zu erzählen ivar da eigentlich gar nichts! Und das mit der Ciotta erfuhr sie morgen noch zeitig genug!
Am andern Morgen aber fühlte Helene sich nicht ganz wohl, und so 'konnte er ihr dann auch nichts erzählen, würde sie doch sicher darauf bestanden haben, ihn trotz ihrer Erkältung nach Pociecha-Dorf zu begleiten. Also später, später einmal! —
Der Niemczycer mußte sich bücken, als er jetzt unter der Ciotka Tür trat. Er fand sie nicht allein, ein halbes Dutzend Weiber waren bei ihr; die Stube war voll von Ge-- schwätz und Gestank. Es verneigten sich alle ties.
Die Ciotta, die bäuchlings zwar, aber sonst ganz vergnügt auf der Ofenbank lag, erhaschte seinen Mantelzipfel: „Ter gute gnädige Herr, der beste gnädige Herr im ganzen Königreich! Jesus Christus und feine Mutter Maria sollen es ihm geseguen, millionenmal, ihm und seinen Kindern und seinen Kindeskindern!" Nein, es ivar gar nicht schlimm, es hatte ihr gar nichts getan, nur der Schreck hatte sie zu Boden geworfen, nur der Schreck! Wenn der gnädige Herr nur ein paar Groschen würde geben, um Feuerung zu kaufen, und ein paar Groschen für Brat, würden alle Heiligen es ihm gesegnen Hundertmillionenm al!
Wie? Hatte sie denn noch kein Geld bekommen?! Er hatte doch Frelikowsti solches für sie eingehäudigt!
Nein, so wahr ihr Gatt Helse! Gleich auf der Stelle wollte sie sterben, fahren in die unterste Hölle, wenn sie schon hatte einen Pfennig gesehen. „Daß der Wolf in fresse, der Donnerstein ihn erschlage, den Dieb, den Schinder, den Räuber, den Zagac!" Sie schrie Zeter.
Mit glänzenden Augen lugten die Weiber: nun würde der Herr Baron gleich seine Börse ziehen! Ach, sie lvaren auch alle sehr arm, sehr bedürftig! Kalte Zeit und keine Feuerung, hungrige Zeit, kein Mehl im Kasten, die Kartoffeln schlecht geraten -- bitte, bitte!
Sie drängten sich alle um ihn und küßten seinen Nock. Die Giotka ließ den Zipfel seines Mantels nicht fahren
Er teilte noch einiges aus, vertröstete auf Frelikowsti der mußte das Gelo ja bald bringen! — und entkam so altS der Hütte, von den Segnungen der Weiber umrauscht. Draußen bei dem Burschen, der das Pferd hielt, hatten sich einige Männer, eingefunden. Demütig zogen sie die Hüte tief: sie waren auch Treiber gewesen'gestern bei der Jagd, iveuig gefehlt, und der Herr Baron hätte auch ihnen eine Ladung Schrot zu kosten gegeben — sollten sie denn gar nichts haben? Ein Äröscbchen für ein Bier, ein halbes Gröschchen nur für einen Wodka!
Aber Doleschal schwang sich aufs Pferd: „Ans dem Weg!" Das fehlte noch, das Schnapstrinken nnterstützen! Rasch ritt er davon.'
Eine große Erleichterung fühlte er, als er zum Dorf hinaus ivar: Gott sei Dank, mit der Ciotka stand es gar nicht schlimm! Ter Kopf war ihm auf einmal viel leichter, der Nebel, der ihm vor dem Blick gefegeit, verschwand. Ter schwarze Kirchturm blieb hinter ihm zurück, vor sich sah er die sauberen Häuschen der Ansiedler und drei kleine Mädchen, die auf Pociecha-Kolonie znwanderten. Alle drei waren in wolleneu Käpüzchen, darunter hingen die blonden Zöpfchen ordentlich geflochten. Als drei trugen Tafel und Griffelbüchse und ein Büchlein unterm Arm,
Aber was wär ihnen denn? Tie Größte in der Mitte weinte laut, und die Kleineren, rechts und links, troddelten still betrübt. Arine Kleinen! Ter: Wind hätte sich: in ihre
Röckchen verfangen und trieb sie vor sich her Ivie vom Stengel gerissene Blumen.
Doleschal hielt sein Pferd an — das waren deutsche Kinder! „He, ihr da, warum weint ihr?"
Zu Tode erschrocken blickten die kleinen Mädchen auf. Er lächelte sie freundlich an, aber scheu sich an den Händen! fassend, rannten sie davon, querfeldein, bis sie sich duckten im nächsten Graben. —
Doleschal ritt durch die Ansiedlung. BoM Haus der Rheinländer her wurde ihm ein Gruß. Tas stand nun schon seit Ende Oktober recht stattlich unter Dach, aber die Hilfe der Kommission hatte man doch noch in Anspruch nehmen müssen, sonst wäre es nimmer so rasch fertig geworden, der Winter wäre einem über den Hals gekommen.
Peter Bräuer -stand unter seiner Tür, breitbeinig die mächtige Gestalt hingestellt. Aber seine Stirn war nicht' frei; dem Wind entgegen, der ihm ganze Hände voll Winterhärten Ackerstaubes ins Gesicht warf, blinzelte er finster in die Weite.
„Kommen Sie von Poeiecha-Torf, Herr? Haben Sie mein' Kinder nit unterwegs gesehen?"
„Ich sah drei kleine blonde Mädchen unterwegs —i lveun das die Ihren waren?" Doleschal hatte angehaltech
Bräuer kam dicht zu ihm heran. „Wissen Sie, Herr," sprach er gedämpft, „mer darf et ja nit laut sagen —: hier nebenan die polackschen Weiber tun einem sonst gebrannt' Herzeleid an, die Poln'schen hängen ja all zusammen wie die Kletten — aber dem Ruda, dem Kerl, dem Schwein, dem brech' ich noch cns dal Genick! Tat will 'ne Lehrer sein?! De verwechselt ja die Antillen un mir un mich, wie die ganz gewöhniglichen Leut'! Aber de soll't dat doch besser toi)feit, de soll doch die Kinder wat lernen!" Er schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Ich begreife Sie nicht" Doleschal war ungeduldig, immer, wenn er den Mann traf, hatte der was zuüiägen — „der Ruda ist doch ein tüchtiger Mensch uiib auf dem! deutschen Lehrerseminar in Fraustadt gebildet!"
„No, da hat de aber sein Deutsch schnell verschwitzt!" Bräuer lachte erbittert. „Un denn hat er mich bat Sett- chen als schon e paarmal nachsitzen lassen. Dat is! doch en klug' Kind un macht fein' Arbeit — bat darf de Kerl nit tun! Tat hat mer nit nötig, sich gefallen zu lassen! Hören Sie, Herr," — etwas ruhiger werdend lenkte er das Pferd am Zaum seinem Hause zu — „steigen Sie 'ne Momang ab! Tat Kettche möcht' Ihnen doch so gern' wat sagen!"
Was war denn nun schon wieder?! Es war wirklich schlimm mit den Bräuers, so .umgänglich sie auch schienen, so kribbelig waren sie! Und so breitspurig!
Tie klobige Gestalt des starken Mannes füllte fast bett! ganzen Flur aus. Bor seinem Gast herschreitend, ritz er die Tür zur Küche auf: „Kettche, da ist de voni Doleschal!"
„O, nit hier ereilt," rief erschrocken die Frau, die beim Abwaschfaß stand-, „drüben in die gute -Stilb’!" Und die nassen Hände an der Schürze trocknend, stürzte sie vor den Männern her und riß das weiße Schutzlaken vom Kanapee. Nun stand es, prangend in seinem geschonten grünen Rips mit seiner Garnitur Häkeldeckchen unter dem Glaskästchen mit dem Goldrahmen, darin die Frau ihren Brautkranz verwahrt hielt.
Doleschal wollte ihr ein Vergnügen machen und sah sich um. „Wie hübsch haben Sie's hier!" sagte er, obgleich ihm die seuchtiaite Luft im Zimmer unangenehm aufsiel. An der Wetterwand drohte die neue Tapete schon wieder abzufallen; das Haus war gar zu schnell bezogen worden.
„Gelt ja, dat is ganz nett hier," seufzte die Frau und strich wie zärtlich mit der Hand über die Häkeldecke der Kommode, auf der Familienphotographien standen und bunte Tassen mit Goldrand. „Se sagen all, bat wär ’ne Unsinn, dat wir so viel hierhin mitgeschleppt hätten, aber mer kann sich doch nit von allen Andenken trennen! Taust fühlt mer sich ja nie zu Haus!"
„Und geht's denn jetzt besser?" Doleschal nickte ihr zu; ihr Wesen und- ihr Gesicht, das einst hübsch gewesen seist mochte, -als es noch rund war, gefielen ihm wohl.
„Och -eja, danke, et is ja soweit ganz gut hier! De Herr Probst is 'ne freundliche Mästst, und de Herr Vikar hat uns als en päarmäl besucht, IN der ersten Zeit, als


