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*— Freust du dich denn nicht?
— Aber Ludwig, ich weiß ja von gar nichts.
Er begann zu lachen und strich ihr das Haar aus der Stirn. Sie stützte sich aus den Ellbogen. Weindunst schlug ihr entgegen. Sie dachte: mein Gott, Ludwig hat etwas getrunken, und war erschrocken, denn das tat er sonst nie. Sie sagte zögernd:
r— Wo bist du denn gewesen?
Er wollte sich ausschütten vor Lachen und begann zu erklären:
— Regnier hat mich nämlich auf ein Haus aufmerksam gemacht, auf der Wilhelmstraße, ein paar Schritte nur von uns. Ich hab dir's ja vorhin beschrieben. O, der Park! Er geht durch bis zur Königgrätzer Straße, denke dir mal! lind die Nachbarschaft! Es liegt zwischen der englischen Botschaft und dem Reichskänzlerpalais. Agathe, das suchte ich ja! Aber wie soll man auf so was kommen! Ich habe mir immer eingebildet, die Peruanische Gesandtschaft besäße es. Dabei wohnen sie nur zur Miete. Der Gesandte, Regniers Freund, erzählte, es könne jeden Tag in der Zeitung stehen, daß sie in ihr eigenes Palais übersiedeln. Da sind Regnier und ich sofort zum Herzog von Kaschau gefahren, dem's gehört. Aber das habe ich dir doch alles schon erzählt? Ich bin ein bißchen konfus. Die Geschichte hat verflucht lange gedauert.
Agathe fing an zu lachen:
— Ludwig, wie sprichst du beim heute? Ich glaube gar...
Er begann wieder zu lachen. Und nun kam heraus: der Herzog war nicht zu Hause gewesen, er saß mit Bekannten bei Hiller. Ludwig hatte es nicht für passend gefunden, den alten Herrn im Restaurant zu belästigen, aber Graf Regnier, der mit dem Herzog die Schulbank gedrückt, hatte ihn in ein Einzelzimmer gerufen.
Der Herzog befaß am Leipziger Platz ein Palais, das viel länger in seiner Familie war, während den Palazzo an der Wilhelmstraße erst sein Vater gebaut hatte. So war er nicht abgeneigt zu verkaufen, aber als ausgezeichneter Geschäftsmann, der er war, hatte er eine sehr hohe Summe genannt, schon inehr einen Liebhaberwert. Ludwig schloß:
— Am ersten April zieht die Gesandtschaft ans. Bis zum Dezember haben wir Zeit zum Einrichten. Am Tage nach Hubertus siedeln wir nach Berlin über.
Agathe blieb aus den rechten Arm gestützt schweigend liegen. Er rieb sich die Hände, lief im Zinnner auf und ab und blieb plötzlich stehen:
— Udbrigens, Kind, ich weiß schon, was du denkst, weil du so still bist: ich hätte mich im ersten Augenblick hinreißen lassen. O, nein! Der Wert steigt unbezahlbar. Und wenn die Kinder einmal parzellieren wollten. . . das Areal zur Königgrätzer Straße ist ja riesig. Darin liegt der Wert! Viel mehr als in dem Palais, das immer nur ein vornehmer Herrensitz bleibt.
Er ließ die Worte „vornehmer Herrensitz" rvohlgefüllig klingen. Als sie noch immer schwieg, fragte er:
*— Kind, freust du dich denn nicht?
Er kniete nieder an ihrem Bett:
— Siehst du nicht, wie glücklich ich bin? Ich bin lange nicht sv guter Laune gewesen! Aber du sollst an allem teilnehmen! So sage doch ein Wort!
Ein wenig matt gab sie zurück:
— Ich freue mich ja sehr.
Er nahm sie bei den Schultern und rüttelte sie:
— Ach, du bist noch verschlafen. Denke dir mal, lvas das heißt. Hier in Berlin muß man sein, au der Quelle. Paß auf, wir werden den Leuten noch. . . aber freust du sich denn gar nicht?
Agathe sagte leise:
— Doch, ich freue mich ja für dich, Ludlvig, aber warum teilst du mir deine Pläne nie vorher mit?
Der Mund blieb ihm offen stehen:
— Ich habe es doch selbst nicht gewußt.
Sie blickte ihn ungläubig an.
— Du glaubst mir wohl nicht? Heute, als ich hier! fort ging, wie die Gräfin bei dir saßi, hatte ich noch keine Ahnung. In ein paar Stunden war die ganze Geschichte erledigt!
Da sie fühlte, daß sie ihm die Freude gestört hatte, wollte sie ihre Stimmung erklären und erzählte von den Geldverlegenheiten ihrer Schwester.
Ludwig meinte, als sei ihm das nichts Neues:
l— Ach Gott, wenn man sich darübeö aufregen woMe!
— Ja, weißt du denn etwas davon?
In diesem Augenblick, wo er unter den lösenden Geistern des Weines ein wenig die Straffheit seiner Gedanken verloren hatte, dachte er an manches, das er von seiner Schwägerin eingesteckt, und wie sie dann später vor ihm zu Kr?uz gekrochen, um, sobald er ihre Bitte um Geld erfüllt, nieder die Hochmütige zu spielen:
— Sie hat mich oft genug angepumpt!
Agathe setzte sich aufrecht im Bett:
— Patsch?
— Ich tat es ja gern!
■— Was sagt e r. denn dazu?
— Er weiß es doch natürlich nicht.
Agathe sank in die Kissen zurück:
— Du hast mir kein Wort davon gesagt!
Y— Papperlapapp!
— Nein, Ludwig, du hast kein Vertrauen zu mir
Er erregte sich mit einemmal furchtbar:
■— Trage ich dich nicht auf Händen? Ich kann dir! sagen, ich könnte gar nicht leben ohne dich! Totschießest wurde ich mich, wenn dn nicht lebtest.
Sie meinte, ohne ihn anzusehen:
— Mer du vertraust, mir nicht! Du sagst mir nicht die Wahrheit.
Wie er sie erschrocken anstarrte, kam der Mut über sie, zu vollenden, wozu sie schon so und so oft angesetztz Sie bat ihn, sich zu ihr zu setzen, und sie begann:
— Wenn ich dir alles sagen soll, mußt du mir dann nicht auch alles sagen? Wollen wir nicht, wie es in dep Bibel heißt, ein Geist sein und ein Fleisch? Und in dir ist immer etwas, das du mir nicht anvertraust. Ich würde stolz sein, alles mit dir zu tragen, aber dazu müßte ich dich kennen bis zum letzten Grund, wie du jede Faser meines Herzens kennen sollst. Ludwig, auch ich habe dir etwas nicht gesagt. Als ich zu deinem Vater su.hr, kurz ehe er starb, — erinnerst du dich? — hat er, der bei meinem Brautbesuch sagte, er mache sich nichts daraus, daß seine Schwiegertochter eilte Gräfin sei, mir erzählt, ihm sei der Adel augeboten worden.
Ludwig sprang auf:
— Und er hat ihn — nicht . . /
i~ Er hat ihn abgelehnt. Für seine Person abgelehnt. Hat aber angebeutet, wenn einmal für seine Nachkommen etwas getan werden sollte, würde das mit Dankbarkeit angenommen werden. So habe ich es verstanden. Ich sollte es dir erst sagen, wenn ich glaubte, der Augenblick sei gekommen. Ich weiß jetzt, warum du so glücklich bist über deinen Kauf von heute ovend; du wirst jetzt Fuß fassen.
Er trat dicht an das Lager:
- Ich?
—■ Also wir, wir werden jetzt Fuß fassen, wir werden hier leben und ich, die ich lieber in unserem stillen Kölln bin, will mit dir leben und dir helfen als dein treues! Weib. Habe ich je verlangt, daß etwas nach meinen Wünschen geschehen sollte?
— Nein!
— Siehst du, also schütten wir unsere Herzen gegen einander aus. Wenn ich dir sagte, ich finde das taktvoller so oder besser so, ist da nicht ein Gedanke in dir gewesen, oaß du der Bürgerliche wärest und dein Verkehr, deine Umgebung, deine Verwandten nicht?
Er sah sie nicht an:
!— Ich kann doch nichts dafür.
h~ Nein, du kannst nichts dafür, aber habe ich darnach ge- sragt, als ich dich geheiratet habe? Und es ist ganz gleich und du kannst stolz sein auf deinen Vater. Aber wenn du geadelt wurdest, wäre dir das nicht recht?
giim bliche er sie an: Für unsere Kinder . . .
Sie zog ihn an! sich und hauchte ihm ins Ohr:
— Ludwig, überwinde dich einmal deiner Frau gegenüber. Nicht der Kinder wegen ist es! Sage, daß du es für dich willst, daß du glücklich darüber wärest.
Sie erinnerte ihn daran, wie er mit diesem Verkehr gesucht und jenem ansgewichen, wie er Geschenke gemacht, wie er sich allmählich in den Nachbarkreis gefunden, wie er das Regiment herangezogen, wie er die Jagden eingerichtet, Wie er sich verletzt gefühlt, daß der Herr von Jstrow ihn, den Titellosen, nur „Herr Droesigl" genannt.
(Fortsetzung folgt.)


