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Märschen endlich daN ersehnte Meer erblickten!, in maßlosem' Entsticken: „Thälatta! Thälatta!" Wir, die wir $ur Avantgarde des Gardekorps gehörten, wären glücklich gewesen, als wir am frühen Morgen des 19. September auf dem Straßenknotenpunktei La Patte d'oie anlangten, in Begeisterung rufen zu können: »,Paris! Paris!" Aber es ging beim besten Willen nicht, denn von Paris waren irgendwelche Spuren kaum zu sehen, nur einige von Dunst und Nebel halb verschleierte Maulwurfshügel, die indessen Kenner für den Arc du Triomphe und die Kuppel >des Vnvalidendomes erklärten.
Nichtsdestoweniger schaute man von La Patte d'oie mit Und vhne Glas gespannt in die Ferne, besonders nach Süden hm. Von wo dumpf und schwer Kanonendonner herüberdrang; — das 6. Korps, im Anmarsch auf Versailles, schlug mit Unterstützung einer Brigade des 2. bayerischen Korps vor Petit-Bicstre einen Angriff zurück. Dann, nach kurzem Schweigen, wiederum viele Stunden lang dumpfes Kanonengedröhn, gemischt mit rollendem Salvenfeuer; — die braven Bayern, von den Franzosen gewöhnlich als „grands barbares" bezeichnet, vertrieben den Feind vom Rande des Plateaus zwischen Plessis-Piquet und Chütillon und eroberten die Schanze bei Moulin de la Tour, wo sie zu ihrer Freude sieben verwaiste Zwölspfünder vorfanden. Auch das 6. Korps hatte seine Feldgeschütze und Zündnadeln tüchtig zu nutzen, ehe es sich dauernd in der Linie Chevilly-Choisi le Roi- Boneuil festsetzen konnte. Nur wir und unser rechter Nachbar, das 4. Korps, hatten verhältnismäßig wenig zu tun, denn beim Vormarsch auf die vor der Nordsront gelegenen Ortschaften wurde der Feind leicht herausgedrückt.
Dort ein Dorf, . . Widerstand war nicht anzunehmen, berat augenscheinlich beabsichtigte die Besatzung, sich in den Schutz der Forts zurückzuziehen. So trabten denn recht flott Garde- bufaren in das Nest hinein, trieben die Mobilgardisten vor sich her, erschossen' einen Offizier und ruhten nicht eher, bis von den Kämpen pour la gloire et la Patrie nichts mehr zu sehen war.. Die Infanterie hatte das Vergnügen, das Dorf schleunigst zu besetzen raib mit Hilfe von Pionieren vorpostenmäßig in Verteidigungszustand zu setzen, wobei Barrikaten angelegt, Schießscharten gebrochen, Stellagen für die oberen Schützenreihen er- richtet und weite Durchgänge nach rückwärts geöffnet wurden.
Natürlich waren sehr begehrt die Dachluken. Jeder suchte sich eine möglichst günstige als Observatorium aus, um das Worterrain bequem überschauen zu können. Wie die Ameisen arbeiteten dort die Franzosen — sie hoben Gräben ans, legten Erdwerke an, schanzten, schleppten Sandsäcke herbei, errichteten Verhaue, warfen Mauern um, fällten Bäume und marschierten in Trupps hin und her, wobei zuweilen sehr melodische Signale ertönten. Aus dem Hintergründe drohten in kilometerweiter Entfernung unheimlich düstere Massen. Man unterschied allmählich Wälle, Mauern und Kasernen. Das waren die Forts La Briche, Double Couronne, De l'Est und Aubervilliers. Und hinter ihnen lagerte sich eine Stadt, aus der besonders stattlich und stolz eine Kirche mit hohem Turm und ein schloßartiger Bau ragten. Die Kirche war die altersgraue Kathedrale von St. Denis, in deren Krypta die französischen Könige, beginnend mit dem 638 gestorbenen Dagobert L, den ewigen Schlaf schlummern, und der schloßartige Bau war die berühmte alte Abtei, die Napoleon zur Maison d'sducation de la Legion d'honneur umgewandelt hat. Ein Park mit breitästigen Baumriesen verlieh dem Bilde landschaftlichen Reiz, idyllischen Zauber, als ob die Kriegsfurie schon längst schlafen gegangen sei.
Die Sonne sank — der eiserne Gürtel um Parts hatte srch geschlossen, hatte das Zentrum der großen Welt, mit der es durch taufeno Fäden innig verbunden gewesen, abgesperrt. Das Kunststück, eine Millionenstadt, deren Hauptenceinte einen Umfang von vier Meilen und deren Peripherie in den Forts einen solchen von fast acht Mellen besaß, durch eine undurchdringliche Zernierung slime von elf Meilen völlig in Banden zu schlagen, war mit nur 146 000 deutschen Soldaten, darunter 24 000 Mann Kavallerie, und 622 Geschützen zur glänzendsten Ausführung gebracht. Grund genug, daß man in triumphierender Freuds die Hoffnung hegte, bald in Paris einziehen und dann zur fernen Heimat tzurückkehren zu können. Aber es kam anders ....
Als die Nacht am 19. September ihren Schleier über bte Erde gebreitet hatte und am Firmament kalt die Sterne blinkten, trat nach all dem Strellen und Hasten Ruhe ein. Schwelgend spähten die Vorposten ins Dunkel, und lautlos glitten bte Patrouillen über bie Felber nahe an dm Feind heran. Nur hin und wieder ein Anruf und kaum ein Schuß. Doch seltsam/ wie sich plötzlich bas Dunkel lichtet! Da und dort zuckt tut' Borterrain ein Flämmchen auf, die Flämmchen mehren sich, jte werden zu Flammen, sie wachsen zu gewaltigen ^analen, bte sich in wilder Lust zum Himmel reckm, die ganze Landschaft in Höllische Glut tauchend. Und es faucht und prasselt und knistert grauenvoll zu uns herüber. Die Dämonie des Krieges rast und vernichtet, was fleißige Hände in jahrelanger Arbeit geschaffen. Was da stammt und lodert, als ob der Satan mit dem Blasebalg dreinfahre, sind Häuser, Gehöfte, Scheunen, Stalle, Schuppen — der Feind hat sie in Brand gesteckt, um für seine Kanonen freie Schußlinien zu schaffen. So brmnt und brerall es die Nacht hindurch, bis alles zu Schutt und Asche zusammen- fintt .,,,
Wochen vergingen, die Blätter fielen von dm Bäumm, kalks Nebel fliegen auf — und wir standen noch immer auf Vorposten^ Am 7. Oktober zogm hoch über unsere Stellungen Luftballons, nach denen eifrig geschaut und ohne Ergebnis geschossen würde^ Lautlos und schnell verschwanden die kühum Segler im grauen Gewoge der Wolken. Die Ebme vor uns war zum Teil unter Wasser gesetzt und glich einem großen See — der Feind hatte! die Ueberschwemmung kunstgerecht durch Sperren verschiedener Bäche bewirkt. Unheimlich lagen hinter der blinkenden Wassern släche die Werke von Fort De l'Est. Von Zeit zu Zeit blitzt« es von dm Wällm feurig auf — ein Rauschen und Sausen in der Lust, ein Doraiergekrach vom Einschlagen der Granate, und bann Stille.
In ben von Einwohnern verlassenen Quartierbörfern hatte! man sich so bequem als möglich eingerichtet. Es gilt ja nach bett 24 stündigen Anstrengungen des Vorpostendienstes einen oder zwei Tage „behaglich" zu rasten, bis die Pflicht aufs neue hinausrieft Man spielte Skat, putzte Gewehr, Koppel, Knöpfe und Stiefel, trat zur Stiefelparabe oder zur ärztlichen Untersuchung an, exerzierte fleißig, schoß nach Scheibe, fegte die Straße, holte Proviant und kochte, briet und schmorte, so gut es anging, Mit Freuden wurde die erste Erbswurst begrüßt — sie ergab beim! Kochen einen steifen Brei, in dem der Löffel senkrecht stehen! blieb. Doch Erfahrung macht klug — und so fenfte man nicht mehr die ganze Wurst ins kochende Wasser des Kochgeschirrs, sondern nur ein kleines Fragment. Das Ergebnis war, so lange die Erbswurst frisch und nicht ranzig schmeckte, eine Suppe, die trefflich mundete. Auch Kaffeebohnen gab es. In Ermangelung einer Kaffeemühle wurden sie in einem Säckchen zwischen Steinen klein „gekloppt". Jede sparsame Hausfrau würde in Entsetzen! geraten sein über den Bohnm-Chimborasso, dm Mann für Maral zur Bereitung einiger Tassen des braunen Trankes Arabims für absolut notwmdig hielt. Ja, der Kaffee war. nicht schlecht, aber um so miserabler warm die Zigarrm, euphemistisch „Liebesgaben" genannt. Diese Glimmstengel, an Odeur die chinesischen Stinkbomben übertreffend, veranlaßten den Magen zu .... . Schwamm drüber! Gott sei Dank, fehlte es nicht an Rotspon und Kognak. Ebenso nicht an Trauben, Obst, Gemüse und Kartoffeln — Keller, Felder und Gärten gabm, da kern Besitze!« zu sehm war, ihre Schätze willig her. Zudem wurde von unserer! Jntmdantur, die Großartiges geleistet hat, Brot, Hammelfleisch, Speck, Reis und Salz in achtungswerter Quantität und Qualität geliefert, während der Marketender alle „feineren" Genüsse, tote Schokolade, Zucker, Heringe, Käse, Wurst und Schinkm, betds sehr wahrscheinlich von Rössern, spendete, allerdings nur gegen riesige Summen. Wenn so ein halber Hammel für die Korporalschaft herangeschleppt war, wurde er je nach der Zahl der aus drei ober vier Mann bestehenden Kochgemeinschaften in sechs, sieben ober acht Telle zerlegt. ,
Dann fommanbierte der Herr Unteroffizier mtt feierlicher Miene: „Sie, Müller, drehen Sie sich 'mal zur Wand um!" Und Müller wandte sein freundlich grinsendes Gesicht der! ^an,^$Ber soll das Teil haben?" Bedächtig antwortete Müllers „Die dritte Kochgemeinschaft!" ,
„Und wer das?" „Die fünfte Kochgemeinschaft!
In dieser Weise ging bie Geschichte in Wahrung höchster Gerechtigkeit weiter, bis ber halbe Hammel verteilt war. Nur? merkwürbig, baß dabei auf die Kochgemeinschaft des „Häuptlings" stets die prächtige Hinterkeule fiel. Oh, es gab Kniffe, über bie sich mit Ausnahme des Häuptlings und ferner Koch- Tollegen, ber beiden „Jnnjährigm", die ganze übrige Korporalschaft fast den Kopf zerbrach Doch man ließ sich über solchen Kniffen die Lust am Bratm und Kochen nicht verdrießen, bis! es — einen fürchterlichen Krach gab und bie einschlagende Granate im Handumdrehen unter Brechen, Splittern und Bersten einen Lichtschacht vom Dach bis zum Keller schuf. Na, ben Staatsbesuch war noch gut abgelaufen — es wurde Weller geschmort und gebraten.
Sie schossen nicht schlecht, diese Artilleristen ber französischen Forts Unsere Vorpostendörser waren von ben Granaten wie burchsiebt. Le Bourget, Pierrefitte, Stains, Montmagny — tote sahen sie aus! Und auch ben Quartierdörfern wurde von ben riesigen Klötzen, den Zuckerhüten, unaushörlich übel mllgespieltt — bald flog ein Torpfeiler, bald ein Dach, bald ein ganzes Haus ineinander. Die schöne englische Villa in Pierrefitte war mit ihrer reichen Gemäldesammlung Ruine geworden. „Datrull pa« un obus franyais" hatten wir an die noch ragende Frontmauer geschrieben. Und ein Homerkundiger und Prophet hatte nahebei an der Gartenmauer griechisch zitiert: „Einst wird kommen den Tag, da das heilige Ilion hinsinkt." Leider dauerte es noch sehr lange, ehe der erhoffte Tag kam.
Aus dem Herbst wurde der Winter, Schnee Wirbelte, sachte hernieder und deckte leise das Land zu. Auf der Höhe hei Montmagny standen wir auf Vorposten und schauten ernst urch still auf das weiße Leichentuch. Rechts von uns ragte der Kirchturm von Villetaneuse. Das Zifferblatt seiner Uhr trug bte Umschrift: „Ora, ne te rabiat Hora." Vom Fort La Brrche her zuckte ein Feuer ström — eine Granate fegte heran, fünfzig Schritte! von uns einschlagend, und Eisenfplitter, Sterne und Erdbrocken iü zerschmetterndem Rasen rrmherschleubernd. Und unser. Blick


