Ausgabe 
15.10.1910
 
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Bekommen: neben einer straffen Disziplinierung deI Aeußern die leichte Beweglichkeit des gesellschaftlichen Um­gangs, neben dem Zwang der Form auch etn erhöhtes Kraftbewrrßtsein. Wer der Dienst langweilte ihn. Einen Muter durch hatte er sich zur Zentraltnrnanstalt nach Berlin kommandieren lassen. l®;aS war nichts als eine Wwechslung gewesen. Auch den Rennstall gab> er leich­ten Herzens wieder aus; da wollten Sportsman und Kauf­mann sich nicht die Wage halten.

Der Gedanke, daß die Firma, die seinen Namen trug, einmal in andere Hände übergehen würde, hatte ihn ehe­mals ziemlich kühl gelassen. Tie Erinnerung an seine erste Lehrzeit war noch zu lebendig in ihm: an die weindunstigen Kellereien, die endlosen Proben, die öden Stunden aus dem Bureausessel. Und dann war, inmitten des Garnison­dienstes, allmählich das Interesse für das Geschäft in ihm erwacht. Er fühlte wohl: da drüben in Schrattstein ging nicht alles mehr so, wie es sein sollte. Der Vater drängte auf eine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, der Opa schritt mit finsterer Miene umher, Kesselholz kam aus dem Schulterzucken nicht mehr heraus. Auch der lange Rickert aus Rüdesheim hatte ihn bei Gelegenheit beiseite genom­men und in ihn hineingeredet: es sei doch eine wahrhafte Schande, ein so altberühmtes und glänzendes Geschäft nicht in der Familie lassen zu wollen. . . . Der lange Rickert hatte eine leichte Zunge; er redete viel. Ernster nahm Fritz eine Unterhaltung mit demBauern" Nidderkopp, der in der Garnison der Husaren ein großes Restaurant begründet hatte, für das er die Weine lieferte. Wenn er herüberkam, pflegte er wohl auch Fritz dann und wann zu besuchen, und einmal hatte er sich bei ihm festgesetzt, mit ihm übeic diesoziale Frage" zu plaudern. Natürlich kam man binnen kurzem auf das Geschäft zu sprechen, und da erklärte Nidder­kopp denn kurz und bündig:Herr Leutnant, bei euch in Schrattstein fehlt dreierlei, nämlich ein frischer Zug, eine feste Hand und eine Sparbüchse. . .

Als Fritz nach seinem Duell mit Spannuth vom Nieder­wald heimführ, dachte er bereits daran, den Abschied zu nehmen. In seiner verzweifelten Stimmung war er ge­neigt, die ganze Schuld auf seinen bunten Rock abzuwälzen, der ihn zu dem Zweikampfe gedrängt habe. Nun sah er die Aufregung im Elternhause: die unfaßliche Situation einer Geldebbe bei einem Geschäft, das Millionen abgeworfen hatte. Und im Augenblick stand sein Entschluß felsenfest: hier mußte er Eingreifen. Er wußte genau, daß Vater wie Großvater herzlich wenig von feiner kaufmännischen Begabung hielten aber das lockte ihn doppelt. Er sah auch die Stürme mit der Mutter voraus er fürchtete fie nicht: er sehnte sie sogar herbei, denn sie sollten luft­reinigend wirken.

Die Verstimmung.über die Mitteilungen Feßlers war 'trotziger Kampflust gewichen. Daß ruchlose Hände das Kirchenstück" zerstört hatten, empörte ihn maßlos. Es war weniger der materielle Verlust, der ihm nahe ging, als das Gefühl, sich einer heimlich wühlenden Niedertracht gegenüber zu sehen. Gegen sie aber war ein starker Selbst­schutz, der mit der Deckung auch den Hieb verband, besser als eine Zuflucht bei den Geeichten.

Fritz stand (tuf und reckte sich. Es wär keine erfreu­liche Zeit, die ihn erwartete; im Gegenteil: nun begannen die Sorgen für ihn. Bis dahin hatte er sie nicht kennen gelernt. Die Erbschaft seiner Großmutter hatte ihm ein bequemes Auskommen gesichert; schlug er einmal über die Stränge, so war es nicht schlimm: er fand immer Deckung daheim. Auch im Ofsiziersberus waren ihm Unbill und Aergernis erspart worden; die Uhr des Dienstes lies gleich­förmig ab, die Vorgesetzten waren ihm gewogen, mit den Kameraden stand er sich gut.

Nun aber wurde es anders. Eine gräue Frau pochte gn seine Lebenstür. Er erschrak nicht vor ihr, er wehrte ihn amch nicht; er ließ sie ein. Denn das wußte er: sie brachte ihm keine Entmutigung, sondern neue Kraft.

Ihm war, als trete er jetzt erst in das volle Lebefi hinein.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, zog die Schubl- fächer auf urH begann seine Papiere zn ordnen. Viel unnützes Zeug, das perbrannt werden konnte! Wäh­rend er die Briefschaften sichtete, zerriß und in den Papier- torb warf, trat fein Bursche ein. Es sei Eine dagewesen, meldete er, eine Frauensperson, wohl ein Dienstmädchen, dis habe das für den Herrn Leutnant abgegeben. Er hielt

ein kleines Kuvert in der Hand: aus hellblauem streifigen^ Papier mit einem goldenen Monogramm aus der Verschluß­klappe.

An dem Papier erkannte Fritz den Absender. Der Brief kam von der Mieze. Er öffnete und las ihn:

Mein Herzens-Friedelchen!

Paula war eben bei mir und hat , eben mit mir ge­sprochen und mir erzählt, was Du mit ihr gesprochen hast. Es ist zu süß von Dir, daß Du für mich sorgen willst, und darauf kannst Du Dich verlassen, da ßich niehmals vergessen werde, was Du für mich getan hast. Du kannst mir auch glauben, daß ich nicht mehr in Dein Leben trethen werde, nun heißt es Abschied nehmen für immer und ewig, ich vergieße heiße Tränen, aber es hielft nichts. Denn es muß fein, und auch Paula sagt, so wäre es am besten und ersparte uns ein langes Hinunohergeziehe. Mein liebes Friedelchen, wenn Du so gut sein willst, schicke das Geld direkt umgehend an meine Adresse, ich gebe Quittung dafür. Aber es eilt nämlich wegen dem neuen Laden an der Rheinpromenade, er geht sonst fort und wir möchten ihn so gern haben.

Paula sagt, ich möge Dir nur ganz kurtz schreiben, um Dir das Herz nicht schwer zu machen. Aber einen recht süßen Abschiedskuß sende ich Dir doch noch und bitte Dich, denke niauchmal zurück an

Deine liebe kleine Mieze."

Rrrrr' ein Riß auch durch diesen Brief! Fritz füllte einen Scheck aus und packte ihn zusammen mit einigen Photographien der Mieze.

9hm war auch dies letzte Kämmerchen voll heiterefi Sonnenscheins geschlossen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus Vorposten vor Paris.

Persönliche Erinnerungen von Georg B u ß'< (Nachdruck verboten.)

Der Herbst ist der größte aller Maler als wir itttj September 1870 von den blutgetränkten Gefilden Sedans in ziemlich gerader Linie siegesstolz gegen Paris marschierten, hatte er schon hundertfache gelbe, braune, violette und rote Töne in Flur, Wald und Gärten gesetzt. Gegen solches Kolorit mit feinen und feinsten Reizen erscheint das der vielgerühmten Landschaften eines Rousseau, Coignet, Daubigny und Corost des Zaubers ent­kleidet. Gelb, Braun, Violett und Rot lagen mit dem Grünf in einem erbitterten Kampfe, in dem dieses mählich sterbensmüdS verging. Und zur Verschönerung des herbstlichen Bildes hingen! zwischen den welkenden Blättern der Obstbäume und Spaliers reife Früchte und lugten zwischen dem der Rebstöcke in lockender Fülle schon volle Trauben.

Aber für landschaftliche Stimmungsbilder hatten die braven Soldaten der Maasarmee und der brüten Armee wenig Sinn/ höchstens für die Gaben der verehrungswürdigen Göttin Pomona« Vorwärts" lautete die Parole,vorwärts" gegen Frankreichs Hauptstadt,vorwärts", um den Gegner mitten ins Herz zu treffen. Und so wurde, trotzdem die Tornister schmählich drückten und die barbarischen Kommißstiefel talergroße Blasen an den Fersen und eisenharte Hühneraugen an bett Zehen erzeugten, mit einem Elan marschiert, als ob der Weg gerabezn ins Paradies führe.

Bekanntlich soll der Weg zuM paradiesischen Bezirk sehr eng Und beschwerlich fein. Der unserige war nicht besser, denn je firehr Kilometer unsere Beine zurücklegten, nm so zahlreicher wurden die gefällten, fürsorglich über die Chaussee gelegten Bäume, untl so feindseliger blickten die Pisangs, wollte sagen paysans, und uni so leerer und öder wurden die Dörfer, Schlösser und Villen, bis schließlich überhaupt kein Mensch mehr zu sehen war; denn dis tapferen Bewohner hatten sich aus Grauen vor den wilden Völker­schaften, so man Ulans, Prnssiens und Bavarois nennt, unter! Anführung von Maire und Eure schleunigst rückwärts konzentriert.. Auf Ehrenpforten, weiß gefleibete Jungfrauen und einen Bürger­meister in Frack und weißer Weste, der höflich gesagt hatte:Soyezi le bien-venu!" hatten wir zwar nicht gerechnet, aber daß dis schäbige Gesellschaft nicht einmal ein Atom von Kuh, Kalb/ Schwein, Gans und Huhn zurückgelassen hatte, war höchst un­nobel, und um so mehr, als eines Kriegers Magen an Ueöersüllungl nie zu leiden pflegt. Unnobel war auch das mit liebevollem Fleiß durchgesührte Belegen der Chaussee auf vier- bis fünf­hundert Schrüte mit Glasscherben nicht nur unnobel, sondern auch töricht, denn beiderseits dieses Polterabendscherzes besaß der Acker genügende Breite, um uns das Umgehen des Hinder­nisses bequem zu gestatten. Ebenso töricht' erschien, daß die Herrschaften zahlreiche Getreidemieten abgebrannt hatten, während die Frucht in den Scheunen zurückgeblieben war.

Der von allen klassischen Sekundanern mit Fleiß Und Schweiß studierte Xenophon Und seine .Griechen riefen, als sie nach langen