Wtb einen Einblick gegeben in ein prächtiges Stück Land Unserer deutschen Heimat. Clara Biebig hat dieses Land in die Literatur eingeführt und ihre Schilderungen bewogen mich, einmal diesen Erdensleck mit Rucksack und Kamera zu durchstreifen — losaelöst von aller Etikette und mutterseelenallein.
Am frühen Morgen fuhr ich mit dem „Lohengrin", einem der großen, aut eingerichteten Salonboote der Kölii- Tüsfeldorfer Dampfschiffahrt-Gesellschaft von Mainz aus rheinabwärts. Das Rheintal lag Noch in zartem Nebel, die weiten Ufer des Rheingaues ruhten noch hinter einem durchsichtigen, feinen Schleier, aus dem die Umrisse der Städtchen und Dörfer in lichten Dämmerfarben hervor- iiigteii. Feucht und kühl strich die Luft über das Deck, und die klargrünen Fluten des Rheines sprangen in schäumenden, spritzenden Wellenkronen an dem weißen Leib des leise schwankenden Schiffes hinauf und netzten Bug und Planken.
Bei Rüdesheim wurde es klar, und in dünnen Strichen tauchte das Riesendenknlal der deutschen Einheit über den ft eilen saftigen Zeilen der Rebenhänge auf. Ein paar Franzosen drängten sieh an das eiserne Bordgeländer und spähten aus ihren Ferngläsern neugierig nach der fernen Höhe, auf der das Denkmal vorläufig noch klein und unbedeutend aussieht. In Bingen kommen neue Fahrgäste in lachenden und plaudernden Gruppen auf das Schiff, darunter zwei Engländer mit glatten, energischen Gesichtern im tadellosen Wanderanzug.' Ein scharfes Gegenstück zu den meisten der deutschen Wanderer, die in ihrem absichtlichen Zigeunerhabit recht fragwürdig aussehen. Auch das Benehmen ist darnach. Bei den Deutschen beständige Ausrufe: Ach, wie schön l Ach, wie romantisch! — Still und ernst, ganz im Banne des Rheinzaubers, die Ausländer. Ihnen ists Offenbarung, feierliche Größe, die man nicht stört, wie man auch nicht einen Gottesdienst stört. Mag sein, sie sind zum allerersten Male an dem schönsten' Strome des Deutschen Reiches, der durch die Jahrhunderte hindurch in Krieg und Frieden die Sehnsucht der Völker war, und die deutschen Reisenden haben das alles schon gesehen, mag sein, aber es verletzt doch den Schönheitsucher und den Naturfreund, meint er in seinem Schauen und Sinnen beständig von lauten, pöpelhaften Ausrufen aus seiner Freude gerissen wird. Ob die vom „Kunstwart" kürzlich veröffentlichten Warnungen über die unangebrachte „Wanderfreude", die sich im Gröhlen und Schreien äußert, einigen Erfolg haben, es ist zu bezweifeln, denn die es angeht „Gevatter Schneider und Handschuhmacher", die stehen weit vom Kunstwart.
Dicht hinter Rüdesheim, im Binger Loch, stoppte das Schiff etwas ab, denn mitten in den Felsen des Rheinbettes lag eines der riesigen eisernen Frachtschiffe, die in langen Schleppzügen Tag für Tag den Strom befahren, als jämmerliches Wrack. Bei einem Zusammenstoß war es in den Grund gebohrt worden. .Heck und Bug lagen tief in dem Wasser, nur das Mittelschiff des geknickten Kahnes ragte hoch aus den Fluten, die um den Mastbarren spielten und mit den zersplitterten Rahen tändelten. Als ich acht Tage später wieder vorbeikam, lag das Schiff noch auf demselben Fleck und solang das Hochwasser nicht ganz bedeutend fällt, wird es auch noch eine Zeitlang liegen bleiben.
Nun traten die Felsenschrossen des Soonwaldes und des Niederwaldes, die ja einstmals ein einziges von der Saar bis nach Butzbach ziehendes Schiefergebirge gebildet haben, dicht an den Strom heran, der gewaltig dahin braust in seinem engen Bett. Rechts und links öffnen sich freundliche, tiefeingeschnittene Seitentäler, in denen kleine, betriebsame Dörfer als bunte Tupfen erscheinen- auf zerrissenen, verwitterten Felsvorsprüngen recken sich graue, efeuumsponnene Burgen und Schlösser in den nun blau und klar gewordenen Himmel hinein, kühn und trotzig wie einst ihre gepanzerten Herren, viele davon ehemalig e hessische Besitzung e n, wie Reichenberg, Rheinfels, die Katz und bie Maxburg, die von allen Rheinburgen am besten erhalten ’ ist.
Und überall auf den Hängen Reben und Reben, wo nur ein Plätzchen frei ist, bis hinaus in die schwindeligen Höhen der steil aufstrebenden Berge, wo kaum eines Menschen Fuß hintreten kann. Hier werden in unsäglicher Mühe Deutschlands beste Trauben gezogen, der Rheinwein, dessen vornehmste Vertreter aber doch ans dem Rheingau stammen: der Markobrunner, eine kleine, kostbare
Parzelle, und der Johannisberger, auf den Gütern der Freiherren von Metternich. In der besten Lage des Johannisberges, am Schloß, dessen Rebensaft mit 6 bis 80 Mark für die Flasche bezahlt wird, ist jetzt ein Reblaus- Herd entdeckt worden, der das Gelände auf 3 bis 5 Jahre hinaus unbrauchbar macht. Da aber ebensoviel Jahre vergehen, bis die neu an gepflanzten Stöcke „tragen", kann man sich einen ungefähren Begriff voll der Größe des Schadens machen. Demgegenüber fallen die Entschädigungen, die der Staat für jeden verdorbenen Stock zahlt, gar nicht ins Gewicht.
Im ganzen gibt das Johannisberger Weingelände (26 Hektar) in guten Jahren 180000 Mk. Der beste der rheinischen Rotweine ist der Aßmannshauser, der von manchem Dichter, besonders von Freiligrath, besungen wurde. Die übrigen Weine, namentlich die in dem sogenannten „romantischen Rhein", sind weniger berühmt, wenn es auch in einem alten Spruch heißt:
„Zu Klingenberg am Maine, In Würzburg au dem Steine, Zn Bacharach am Rheine Soll'n fein die besten Weine."
In anderer Hinsicht ist Bacharach jedoch bemerkens- wert. Es ist umgeben von mittelalterlichen Stadttürmen und Mauern, vielfach mit kleinen Wohnhäusern besetzt und bietet uns ebenso wie Ober-Wesel das schöne, anheimelnde Bild einer alten rheinischen Stadt. Dicht bei Ober-Wesel, das von Freiligrath als der schönste Zufluchtsort der Romantik bezeichnet wurde, liegen eine Anzahl Klippen, die sieben I n n g f r a neu, die der Sage nach wegen ihrer Sprödigkeit in Felsen verwandelt wurden. Sie sind aber nur bei niedrigem Wasserstand sichtbar. Nun wird das Tal wieder enger und nach einer Biegung erscheint rechts die Lor etc i (Lurlei), die schon von dem mittelhochdeutschen Dichter Marner besungen wurde, als Versteck des Nibelnngen- Hortes. Die Sage von der Zauberin Lurlei ist eine freie dichterische Erfindung Klemens Brentanos (1802). Seitdem ist die Sage oft behandelt worden und Heinrich Heines Lied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" ist mit bet! Musik Silchers zum Volkslied geworden.
Es ist ein vielgebrauchtes Scherzwort, daß der Deutsche die Lorelei sänge, wenn er luftig unb fröhlich würbe, aber fast ebenso sicher singen die Schiffreifenden bas Lieb, wenn ber imposante, 132 Meter hoch ansteigende Felsen in Sicht kommt. Ich bin noch nie an ber Lorelei vorbeigefahren, ohne baß ich bas wehmütig empfindsame Lied gehört hätte. Die Franzosen schienen mächtig ergriffen unb nach einiger Zeit sagte bet eine leise zu dem anderen ein paar Worte, ich konnte aber nur Henri Enn (Heinrich Heine) verstehen, ber Name des Dichters, beit bie Franzosen von allen beut» scheit Dichtern am meisten verehren.
Dicht hinter dem Köitigstuhl von Rhenfe kamen wir in einen leichten Sprühregen, bet erst toieber aufhörte, als wir in Koblenz anliefen. Hier stiegen die meisten Reisenden ans, andere kämen, aber wenige mir. Die Strecke von Koblenz nach Köln ist leider weit weniger besucht als die von Mainz nach Koblenz, obschon z. B. das Siebengebirge einer der prächtigsten Punkte am ganzen Rhein ist. Mein Reiseplan ging aber diesmal weit vorher landeinwärts unb ich verließ bei Ander n a ch das Schiff; ber einzgie Fahrgast, ber hier ausstieg, alle anderen fuhren weiter stromab auf dem strahlend weißen Schiff.
Eine gelinde Wehmut kam für einen Augenblick über mich. Dem Rheinländer ist der Rhein fein alles, er ist ihm Maß und Wert' für alle andere Schönheit ber Erbe. Rheinluft berauscht, unb in diesem Freudenrausch lebt er sein Leben.
Von Andernach stieg ich auf schönem, schattigem, aber steilen Waldweg hinaus zu dem K r a h n e u b e r g mit seiner herrlichen Aussicht und dann ans gutem Pfad hoch über dem Rhein durch den gepflegten, städtischen .Hochwald. Ueberraschende Ausblicke aus den Rhein öffnen sich hin und wieder, unb nach einer knappen Stunde rastete ich ans einer Bank, bie eine herrliche Aussicht auf bas tief unten liegende Bad Namedy mit dem größten deutschen Geys er, einem Kohlensäuresprudel, der täglich zweimal seine rauschende Wassersäule auswirft. Der Ausbruch wird viel gerühmt, aber man muß ihn von ber ebenen Erbe aus sehen. Bon der großen Höhe, ans der ich auf ihn heruntersah, hatte ich keinen richtigen Eindruck. Als ich ins freie Feld kam, hatte es wieder zu regnen begonnen


