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dem Lysa Gora, über Deutschau und Przyborowo, über Ehivaliborczyee und Pociecha — ach, da fiel ihr aus einmal wieder der arme junge Krugwirt aus der Ansiedlung ein! Wie brachte sie das nur Hanns-Martin bei?
„Ich kann nicht mit dir fahren, ich muß jetzt allein! aufs Feld gehen," sagte er, plötzlich aufspringend. Helene empfand es mit Schmerz: er wollte sie abschütteln. Aber zugleich auch befiel sie ein Schreck: nun würde die Neuigkeit ihm draußen zu Ohren kommen, roh und unvermittelt, diese gräßliche Neuigkeit, die heut in aller Munde war! Besser, sic erzählte ihm selber rasch vom armen Valentin Brauer.
Und sie gab sich einen Ruck, und mit ihrer von Mitgefühl vibrierenden Stimme sagte sie: „Ich wollte dir auch noch etwas erzählen. Denk mal an, Hanns-Martin — mein lieber Hanns-Martin!"
Mit einem Ruf, der wie ein Aufschlnchzeu klang, fiel sie ihm plötzlich um den Hals. Er hatte seine düstren Augen ihr zugekehrt, Und sie. hatte da hinein gesehen in eine Welt von Leid. Sie hing ihm am Halse. „Hanns- Martin" flüsterte sie, nnd Tranen, wie sie sie kaum je geweint hatte, heiße schwere, ahnungsbange Tranen flössen über ihn nnd sie. „Der arme junge Valentin Bräuer ist tot! Im Tupadlo ertrunken — versunken — untergegangen !"
„Untergegangen — so!" Weiter sagte Doleschal nichts. Er faßte sich nur an die Stirn.
Helene war fast erschrocken, wie ruhig er's aufnahm.
„Armer Kerl! Das Land kostet Opfer/" sagte er dann nur noch. Nach den näheren Umstanden fragte er nicht, aber er wischte ihr die Tränen ab, die ihr so heiß aus den Augen gelaufen waren, und verhieß ihr n it einer unendlichen Liebe im Ton, es solle alles, alles besser werden.
Was sollte sie tun, was darauf sagen?! Nur nach seiner Hand greifen konnte sie und die umschließen mit ihren beiden Händen, als wolle sie die festhalten mit aller Kraft. —
Helene hörte nach einer halben Stunde von Hoppe, ihr Mann sei soeben durch den Park hinaus gegangen. Drüben — links vom See — dort drüben konnte sie ihn jetzt auftauchen sehen, wie er, das Parkgrün verlassend, in seinem weißen Sommerrock, die Hände, die den Stock hielten, auf den Rücken gelegt, den Fahrweg erreichte, und kräftigen, weit ausholenden Ganges die von den schweren Ackerwagen durchfurchte Straße dahinschritt. Aber der Anblick der hohen, weithin leuchtenden, so rüstig znschreitenden Gestalt schaffte ihr doch keine Ruhe, ebensowenig wie die Versicherung des Inspektors, daß der Herr Baron ganz heiter gewesen fei, heitrer, als in der letzten Zeit. Und so freundlich!
Das konnte sie jetzt alles nicht mehr täuschen. Ta- war etwas, und das ließ ihr keine Ruhe. Und so hieß sie schleunigst anspannen und ließ fick' hinübersahren nach Przyborowo — aber rechts vom See, damit sie dem Gatten ! nicht begegne.
Im leichten Korbwägelchen, in dem sie so manche frohe Fahrt mit Hanns-Martin gemacht hatte, saß Helene allein. Heute war die Fahrt nicht "froh, obgleich der Traber trabte, so flott wie nur je, und ein loser Wind lustig mit den: Schleier auf ihrem Hut spielte.
Eine seltene Heiterkeit lag heute, im Frühsommer, auf der, im Hochsommer bald so lechzenden, tagtäglich von neuem ausgebrannten Weite. Jetzt war noch alles früh- lingsfrisch und doch schon ernteverheißend. Hoch stand das Korn", fast mannshoch die Aehren; der Welzen war noch grün, aber der Roggen schon gebleicht, sanft gelb wie blondes Haar. Süßer Akazienduft schwebte in der Luft, und ein Schwarm von Bienen summte vom wilden Thymian am Wegrain auf und flog mit dem eilenden Geführt gen Przyborowo. Es blühten die dornigen Akazien in der Allee. Die Mißform der alten, knorrigen, von Wind und Wetter verkrüppelten Bäume war jetzt ganz verdeckt vom zart- gefiederten Laub; schwere Trauben von weißen Blüten schütteten nieder und mengten ihren berauschenden Duft mit dem Geruch rotblühenden, saftigen Klees. Auch die gelbe Lupine sandte einen Gruß, so süß tote Honig Und doch kräftig, von irgendwoher kam noch ein Geruch frischen Heus dazu; in einem Meer von Düften schwamm die Flur, und «in immerwährend traulich-heitres Gesumme durchsegelte die Luft.
Blau war der Himmel, zart und licht, von einem freudigen, hellen Blau, das noch nicht den Stahlglauz der Erntezeit hatte. Aber Helene sah nicht hinauf, sah auch nicht umher auf die Heiterkeit, in der die Erde lächelte, wie das Angesicht eines Mädchens, das den Hochzeiter erwartet. Sie sah unverwandt auf ihre Hände, die sie int Schoß gefaltet hatte, und tat sich Gewalt an, Ruhe zu halten, nicht aufzuspringen, nicht in Hast dem hastenden Magen noch vorauf zu eilen, zu rufen, zu schreien: was ist geschehen, o sagt mir doch, lvas ist geschehen?!
Keine Erinnerung kam ihr an vergangene Jahre, in denen sie mit Hanns-Martin sich all dieses Blühens und der duftenden Luft so innig gefreut hatte; ihre Gedanken gingen jetzt immer mir vorwärts: was kam nun, was kam nun, was würde sie hören müssen?!
Ah endlich, da war ja das Gutshaus! Es tauchte auf, aber man war so bald noch nicht da. Kroch denn das Pferd im Schneckenschritt? Barmherziger Gott, nur endlich hören, wissen, was geschehen!
Sie rang die Hände ineinander; in verzehrender Unruhe streifte sie die Handschuhe ab und schleuderte sie in die -Wagenecke. ■
All ihre Ruhe, all ihre Selbstbeherrschung, alles, lvas man ihr anerzogen hatte von frühester Kindheit au, war plötzlich verschwunden. Ihre Unruhe steigerte sich noch von Minute zu Minute. So erregt war sie noch nicht fortgefahren von Deutschau, aber so kam sie in Przyborowo an; jede Drehung der Räder hatte sie weiter hineingebracht in sinnlose Aufregung. Nur das eine hatte noch Sinn, Wert, Interesse: lvas war geschehen- was hatte man ihrem Manu angetan?! Mit einem Sprung war sie vom Wagen; sie war weiter nichts mehr, als ein liebendes, angstverzehrtes, ahnungsdurchrütteltes Weib.
„Wo ist Frau Kestner?"
Tas junge Mädchen im weißen Kleid, das beim Rollen des Wagens neugierig an die Tür gekommen toar, knickste: „Ich werde es Mama sagen" und lief dann kichernd in die große Schrankstube, wo Frau Kestner mit Edbeereinmachen beschäftigt toar. Von bet Mamsell, verschiedenen Mägden und unzähligen Fliegen umgeben, fuhr diese sehr ärgerlich auf, als die Tochter sie störte. „Mein Gott, konntest du nicht sagen, ich wäre nicht zu Hanse?"
„Sie lief aber doch gleich ins Hans 'rein, sic wartete gar nicht erst ab!"
„Unerhört! Geh du, geh du einstweilen 'rein. Ich käme gleich!"
Frau Kestner fuhr sich mit beiden, vom Fruchtsaft rot betropften Händen über den glatten Scheitel. „Sofia, wirf doch nicht immer die kleinen Erdbeeren zwischen die großen! Habe ich nicht gesagt: die großen apart? Ich muß mich doch wenigstens waschen. So geh doch schon, Kornelia, geh doch schon! In den Salon laß sie, hörst du? Ach, ist das lästig! Kommt einem die hier mitten ins Eimnachen! Hanusia, was soll denn das heißen?" Bereits im Fortgehen, das Gesicht schon avgelveudet, hatte Frau Kestner doch noch gesehen, wie eins der Mädchen eine Beere in; den Mund schob. „Naschkatze du, ich werde dich lehren!" Ein rascher Schlag brannte auf dem naschhaften Mund, dann eilte die Hausfrau in ihre Schlafstube.
(Fortsetzung „folgt.)
als
In Clara Vlebigs helmailaud.
Bon Karl Neural h.
I.
(Eine W a n b e r int g d n r ch d i e Eise l.)
Wie unser Vogelsberg, so ist auch die Eifel vielfach unwirtlich und öd verschrien, obwohl das höchstens auf einzelne Strecken, aber beileibe nicht auf das ganze Gebirge zutrifst. Allerdings, wer die Eifel lediglich aus den Schilderungen Clara Viebigs kennt, wird leicht geneigt fein, ihr die traurige Eintönigkeit zuzubilligen, die in den Werken der Dichterin so stark die Stimmung beeinflußt. Allerdings muß ich bekennen, daß ich nur die südliche Eifel, also das Gebiet, das Clara Viebig nur im Vorübergehen schildert, während meiner Ferientage durchwandert habe, aber obschon ich, mit wenigen Ausnahmen, fast immer unter einem regnerischen, trüben Himmel marschieren mußte und von dem scharfen Wind tüchtig ausgebla en wurde: meine Wanderung durch die Eifel hat mich nicht nur froh gemacht, fie hat mir auch einen tiefen, nachhaltigen Eindruck beschert


