Ausgabe 
15.9.1910
 
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vonnerrtag den <5. September

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Das schlafende Heer.

Roman von Clav« Viebig.

kFortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Ein Argwohn hatte in Doleschals Seele Wurzel ge­faßt, ein Mißtrauen, das sich nicht mehr herausreißen ließ. Ja, alle wußten es, daß man ihn geschlagen hatte am Weg, ihn getreten und ihm ins Gesicht gespien! Sie erzählten sich's, daß er Prügel bekommen hatte, Prügel wie ein Schuljunge, dem man die Hosen stramm zieht, weil er noch keine Ehre zu verlieren hat. Er aber hatte seine Ehre verloren.

Er hatte sich jetzt zu scheuen vor jedes Menschen Auge nein, Gott sei Dank, es war gut, daß keiner zu Besuch kam, er hätte sich sonst verleugnen lassen müssen! Er mochte niemanden sehen, konnte niemanden sehen, durfte niemanden sehen! Selbst Helenens helles und doch so tiefes Auge war ihm eine Qual. Es stieß ihn aus ihrer Nähe fort.

Und doch fühlte er, wie er sie liebte, heißer denn je. Sie liebte, die ihm nur Gutes getan, ebenso heiß wie das Land, das ihm nur Bittres getan. Sie waren beide für ihn eins er hatte ihnen beiden Leib und Seele ge­geben. Aber war er der Mann, sie beide zu beglücken? Nein, er tvar es nicht! Wäre es nicht besser, er wäre nicht mehr da?! Vielleicht, daß sie dann, ohne ihn, beide glück­lich wurden! Wenn die Knaben erst groß waren Jüng­linge, Männer dann würden die aufstehen und preisen sie selig. Helene, die treue Mutter, würde wieder jung sein mit ihnen und glücklich, und das Land, das weite im Schmuck seiner Mehren, würde auch jung werden und glücklich!

Diese Hoffnung war die einzige, an die er sich hielt sein einziger Gedanke. Er konnte nichts anderes mehr hoffen.- ,

Mein lieber Mann," sagte Helene, als sie zu ihm ins Zimmer trat, und legte den Kopf des Zusammen­schreckenden an ihre Brust.An was dachtest du eben wieder?"

An dich, an dich, ich denke immer an dich!"

Und an unsre Kinder!" Sie lächelte ihn trostreich an.

Ja, an die auch!" Mit einem tiefen Atemzug kam es aus seiner Brust, wie Befreiung, wie Erlösung; aber er lächelte doch nicht.

Sie sah's mit Angst, wie finster er war.Wollen wrr nicht ein bißchen spazieren gehen oder fahren, Hanns- Martin? Ich habe noch nicht deinen Weizen an der Grenze gesehen!"

Nein, dorthin nicht, nicht dorthin!" Wie kam sie darauf? Wußte sie etwas? Warum gerade dorthin, an die Przhborowoer Grenze?! Er fuhr auf und streckte ab- wehrend die Hand ins Leere, als jej da etwas Schreckliches:

Am Luch was willst du da? Nein, dorthin nicht! Ich will auch nicht so in die Nähe von Pvzpborowo. Hast! )u nicht gemerkt, wie sie letzten Sonntag grüßten, so stets, zurückhaltend, fast verächtlich?! Ja, verächtlich!"

Sie hatte etwas erwidern wollen, er schnitt ihr däs Wort ab. Er stampfte mit dem Fuß:Verächtlich! M ist fo!"

Ich habe das nicht bemerkt, Hanns-Martin!" ,

Wenn du's nicht bemerkt hast, wohl dm!" Sem« Stimme nahm jetzt einen weicheren Ton an, statt des herben/ klanglosen:Meine geliebte Frau!"

Zart, fast scheu nahm er ihre Hand und legte sre srch auf den heißen Kopf.Laß sie da liegen, sie ist so äN-i genehm kühl! Kühl wie die Erde!"

Lange blieben sie so. Er, am Schreibtisch sitzend, die Stirn tief geneigt über das leere, unbeschriebene Blatt. sie wieder über ihn geneigt, ihre Hand aus seinem Scheiter Sie wagte nicht zu sprechen; sie fühlte es zucken unter ihrer Hand, fühlte alle Pulse vibrieren in seinem armen, geplagten Kopf. Nein, das ging so nicht länger fort! Sie »rußte an ihren Vater schreiben, ihn bitten, sofort her> zukommen an Paul schreiben> an den Landrat, an alle die Leute, die Einfluß auf ihn hatten. Er mußte hier fort, er mußte sich' schonen. War es wirklich die Wahl, die Wähl nur,.die ihn so aufregte?! . . ,

Zweifel, Befürchtungen, Ahnungen stiegen rn Helene auf, die sie nicht mehr zurückdrängen konnte: da mußte etwas mit Przhborowo nicht in Ordnung sein. In der Tat, Hanns-Martin hatte recht, die Przhborower waren selt­sam ! Als sie sich neben Frau Kestner hatten setzen wollen! am Sonntag, war diese da nicht zusammengezuckt und rasch abqerückt, viel weiter, als notig gewesen wäre?!

Was ihr damals nicht gleich ausgefallen war, jetzt stek es ihr nachträglich auf; das Mißtrauen ihres Mannes steckte sie an. Sie empfand unbestimmt und doch deutlichst' da war etwas, was nicht sein sollte. Kestner hatte steif gegrüßt, so steif, als kenne er sie kaum, als seien sie nrcht seine Gutsnachbarn, als seien sie vor allem nicht die guten Freunde seines Sohnes. Und andre hatten ebenso steif gegrüßt: Klinkor auf Ustaszewo, Müller auf Wilhelmshöh, die Bismarcksauer, Amtmanns, auch der Laskowoer und aus Michalcza Frau von Libau. Mit Blicken, Blicken, voN denen man nicht sagen konnte, was sie enthielten, hatten die sie gestreift. m

Da war etwas! Darum war auch ihr armer Mann so verstört, so in sich gekehrt, so elend, so ganz anders als in früheren Tagen! . . ,,, _ M

Ich werde sie fragen, sre musfews mir sagen!" Der jungen Frau weiches Gesicht wurde straff in Energie. Wenn man erst weiß, was geschehen ist, dann kann man ja auch helfen und sie würde ihm helfen, ihrem Manne, gewiß und wahrhaft helfen, mit Liebe, mit Treue! Helfen mit ihrem festen Glauben an einen Gott, der über allem ist, über diesen Weizen- Md Räbenfeldern, über dem See »M