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beit seltenen Arten entstand eine wahre Hetzjagd, einzelne Exemplare wurden mit 4000 Mark und mehr bezahlt, eine Art Kaninchenbörse entstand, wo Hausse und Baisse wechselten und Vermögen verloren wurden Eines schönen Tages war die Mode zu Ende: nun sammelte man Orchideen, und eine Weile später nut' glühendem Eis er Streichholzschachteln, die wegen der aufgeklebten Bilder gesucht waren. Ein reicher Japaner, liest in Europa durch seine Agenten — zerbrochene Teetassen sammeln. Eine Zeitlang herrschte die Manie, Frösche und Kröten zu Kollektionen zu vereinen, die oft Riesenvermögen verschlangen.
* Das tapfere Schueiderleiu im L ö w e n ka f i g. Aus Augsburg wird geschrieben: Unsere Bekleidungskünstler stehen von altersher nicht gerade im Rufe allzugroßer Tollkühnheit^ Wohl um diesen Flecken von dcnr Schilde seines Standes abzuwaschen, bat sich in dem Oertchen Laichingen der Schneider-« meister Rapp old um eine Flasche Wein bereit erklärt, in dem L ö w e n k ä f i g der zurzeit dort weitenden Menagerie mit dem Löwenbändiger eine Partie Karten zu spielen. Es lvurden Tisch und Stühle in den Käfig, in dem sich drei Löwen befanden, hineingestellt, der Löwenbändiger, in der einen Hand den auf die Tiere gerichteten Revolver haltend, öffnete mit der anderen ein Hinterpförtchen, durch welches das Schneiderlein schlüpfte, Um sogleich an dem Tische Platz zu nehmen. Das Spiel begann Unter dem Staunen des ziemlich erregten Publikums. Nachdem zwei Partien gespielt und auch noch die Flasche Wein getrunken war, entfernte sich der Gast aus dem Wirtshaus „Zu den drei Löwen", und der Direktor der Menagerie brachte, auf den kühnen Schneidermeister ein dreifaches Hoch aus, in das die Zuschauer freudig einstimmten.
* Delacroix u n d Ingres. Die Zeitschrift „Kunst und Künstler" bringt in ihrem letzten Heft eine hübsche Anekdote (ans den „Souvenirs litteraires" von Maxime du Camp) über das Verhältnis der beiden Maler Delacroix und Ingres, die sich bekanntlich als Häupter entgegengesetzter Schulen heftig befehdeten: 7,Ein Bankier, dem die Spaltungen zwischen der Künstlerschaft Unbekannt waren, hatte die unglückselige Idee, einige Maler zum Essen einzuladen, darunter Ingres und Dslacroix. Döla- croix wurde liebenswürdig begrüßt, Ingres gefeiert. Der kleine, zusammengedrückte Mann mit seiner schmalen eigensinnigen Stirn, seiner schlechten Unterhaltung, die nur auf Raffael und seine Zeit einging, seinen zu kurzen Beinen, seinem dicken Bauch und seinen viel zu breiten Händen hatte eine kolossale Meinung von sich und wußte, daß er ein Meister war. Hier befahl er, ließ sich niemandem vorstellen und hielt alle Anwesenden für Bewunderer seiner Kunst. Es ging zu Tische. Mitten beim Essen fing Ingres an, unruhig zu werden, man hatte ihm eben erzählt, daß auch Delacroix anwesend sei. Er, Ingres, der Bewunderer des Gottes Sanzio, dessen Oberbvnze er ja war, er, der strengste Orthodoxe, am gleichen Tisch sitzen mit einem solchen Ketzer! Er wurde aufgeregt und schoß wütende Blicke. Delacroix, auf den sie sich richteten, zog sein offizielles Gesicht, das er immer machte, wenn er sich nicht behaglich fühlte. Ingres versuchte, sich zu mäßigen, brachte es aber nicht fertig. Plötzlich, nach Tisch, eine volle Kaffeetasse in der Hand, stürzte er auf Dslacroix los mit den Worten: „Herr, Zeichnen, das ist Anstand; Herr, Zeichnen, das ist Ehrensache." — Dabei regte er sich, derart auf, daß er feinen Kaffee über Hemd und Weste warf, schrie: „Das ist zu stark", seinen Hut ergriff uud erklärte: „Ich gehe, ich lasse mich nicht länger beleidigen^" Man drängte sich um ihn, wollte ihn beruhigen, zurückhalten. Vergebens. An der Tür drehte er sich nochmals um: „Jawohl, Anstand! Jawohl Ehrensache!" — Dslacroix war ruhig geblieben. Diaz, der ebenfalls da war, schlug auf sein Holzbein und äußerte zu der völlig bestürzten Frau des Hauses: „Gnädige Frau, er bleibt ein alter Bonze. Rur aus Respekt vor Ihnen habe ich ihm meinen Flegel (das Holzbein) nicht vor den Wanst geschlagen." Alles lachte, aber der Zwischenfall war doch zu auffällig gewesen, und die allgemeine Stimmung hatte gelitten. Dslacroix bewies seine gute Erziehung und„ sprach über Ingres' Fähigkeiten als Künstler, indem er anfügte: „Genie ivird einem manchmal nur unter der Bedingung, etwas exklusiv sein zu dürfen, verziehen."
. * Der Ursprung des Wortes „romantisch". Wer eigentlich das Wort romantisch, das seit über einem Jahrhundert eine so ungeheuere Rolle in unserer gesamten Aesthetik spielt, zuerst tu Umlauf gesetzt hat, ist noch immer nicht mit absoluter Sicherheit erwiesen. Gewiß ist, daß es in England zuerst in der Mitte des 17. Jahrhunderts aufkam und dort zu Anfang des 18 durch Schriftsteller wie Thomson und Pope allgemeiner gebräuchlich gemacht wurde. Doch bezog sich der Begriff „romantic" damals noch vorzugsweise auf die Landschaft und wurde von französischen Uebersetzern demgemäß noch lange Zeit mit „romanesgue", „pit- toresque", „sauvage" oder ähnlichen Umschreibungen wiedergegeben. Gcknz vereinzelt und verfrüht scheint das franzö>ische Wort „romantigue" schon 1734 int Berner „Spectuteur" gebraucht zu fein, beit Büchmann deshalb als Ursprungsstelle bezeichnet: jedenfalls aber nahm der Sprachgebrauch von dieser ersten Prägung so wenjg Notiz, wie später von der Benutzung des Wortes durch Le Tourneur (in der Vorrede zu seiner fran- zösischen Shakespeare-Uebersetzung von 1776) oder den Margnis
de Girardin, der es im letzten Kapitel seines Buches „De la composition des paysages" (1777) näher definiert. Vielmehr scheint — wie Alexis Franyois in einem Aufsatz der eben er- schienenen Annalen der Rousseau-Gesellschaft (Genf, A. Jullien) nachweisen will — Jean-Jacques Rousseau wie der Schöpfer des Begriffes, so auch der des Wortes romantique geworden zu fein. Er gebraucht es zum ersten Male im 5. Spaziergang seiner „Rsveries du promeneur solitaire", die 1777 geschrieben, aber erst fünf Jahre nach seinem Tode, 1782, veröffentlicht wurden, „Die Ufer des Bielersees," heißt es hier, „sind wilder. und romantischer als die des Genfersees." Als diese Zeilen geschrieben wurden, stand die ganze gebildete Welt im Zeichen Ronsseaus und seiner Schriften, und insofern darf man, auch wenn der uns heute so geläufige Ausdruck schon gelegentlich, früher zur Verwendung kam, doch in Rousseau denjenigen sehen, der ihn in Umlauf gesetzt und eingebürgert hat. In Deutschland wurde das Wort ein literarischer Parteiname, seitdem Ludwig Ticck 1800 seine Gesamtgedichte unter dem Titel „Romantische Dichtungen" herausgegeben hatte.
*Die Riesenhüte unserer Dainen. Eine „Danleu- spende" besonderer Art widinct I. V. Widmann dem vor einigen Tagen beendeten Eidgenössischen Schützenfest in folgendem Gedicht des Berner „Bund":
Wenn an den Niesenhüten unsrer Damen Ter Umfang auf die Krempe sich beschrankte, So sprächen wir am End: „In Gotte? Namen!" Ein Radhut roärS, der uns nicht weiter krankte. Jedoch deS Rades Nabe! Dieser Tops, Markierend einen Riesemvasserkopf, Das ist die Scheußlichkeit, die uns verleidet Die Trägerin, daß man sie lieber meidet.
Nun stecki Instinkt bekanntlich in den Leuten Und jede Mode hat was zu bedeutem Auch diese! Sichtlich wird sie sagen wollen, Wie sehr der Kops dem heul'gen Weib geschwollen, Was auch kein Wunder, da früh die Modernen Niel mehr als einstmals ihre Mütter lernen.
Nur scheint ein Riesendickkops als Symbol Recht problematisch. Tenn, auch wenn er hohl, Kann er mit ausgednnsnem Umsang prahlen, Die Null auch ist die dickste von den Zahlen.
Uud schließlich: wäre das Symbol selbst treffend, Fürs Auge bleibt der Anblick albern äffend, Sieht wider alle wahren Proportionen Man aus normalem Leib das Klotzding thronen, 's ist MaSkeuspuk! Ein Hut von Riesenweibern Schwankt vor uns her aus ordinären Leibern. Das Auge protestiert mit Leidenschaft, Denn die Erscheinung wirkt — kretinenhaft.
Brutal ist sie gemeint, will gleichsam sagen:
„Das Weib ist Trumps, das Weib darf alles wagen, Gigantisch von der Fußzeh bis zum Wedel Bedarfs ein Dach sür einen Vorivellschädel."
Doch ach! wir glaubens nicht, wir bösen Männer, Und nach wie vor sind immer wir Entbrenner, Nur sür das eine, das uns selber fehlt: Tas Zarte, das ein holdes Weib beseelt.
Ihr Jüngferchen, die ihr die Arme schlenkert, Mit Monsterhüten durch die Lauben plänkert: Ter Mann, den ihr euch wünschtet zum Gemahl, Der starke, — hat ein andres Ideal.
Drum, ob das Schützenfest auch jetzt zu Ende, Müßt ich euch eine schönste Tamenspeude: Ihr stiftet euren Hut als Schützenscheibe Und würdet so zum reizvoll echten Weibe.
Nreuzrittsel.
=—y—"=-i In die Felder nebenstehender
—!------ Figur sind die Buchstaben a a a
aabbeeeeeegggh h iiioopppp rrrrr —।--——=-i rrrrr s s ttttvv der-
I !I art einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen i । r~ gleichlautend folgendes ergeben:
I 2. Sagenhaftes Mesen.
3. Einer aus dem hohen Pferde.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Kühn war das Wort, w e i l e s d i e T a t n i ch t w a r
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts°Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»


