Montag den 15. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Biebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Stasia lvurde ärgerlich. „Ach Unsinn! Du bist zu dumm! Was Hast du dich zu fürchten? Ein gutes Recht hast du, zu kommen. Ist der .Herr Offizier nicht Vater zu deinem Keinen Zungen?"
„Das ist er, das ist er!" Michalina nickte bestätigend, aber dann kauerte sie sich plötzlich am Grabenrand nieder, zog die Knie hoch, schlang die Arme darum und legte den Kopf auf die Knie.
„Du willst nicht, du willst wahrhaftig nicht?" Stasia war ganz empört. „Ei, warte, das werde ich dem Walenty sagen! He, du bist eine Schöne! Nicht einmal so viel kannst du ihm zu Gefallen tun? Nicht diesen einzigen, kleinwinzigen Gefallen! „Ich habe mich sehr getäuscht", wird er sprechen, „ich habe geglaubt, sie ist eine Freundin zu mir, eine gute — o, ich bin traurig!"
„Ich kann nicht, ich kann nicht!" Michalina hob den Kopf. Ihr Gesicht war ganz von Tränen überströmt; in ihren weinenden Augen war ein verängstigter, zweifelnder, unglücklicher Ausdruck. „Was soll ich tun?! Heilige Mutter! Ach ja, ich möchte ja schon, — ach nein, ich kann nicht, nein! Sage, Stasia," — sie haschte nach der Hand der Braut — „wird den Walenth mir wirklich böse sein, wenn ich nicht für ihn gehe zu Pan Pawel?"
„Sicherlich!"
„O heilige Mutter — er wird mir böse sein! Was tue ich?!" Traurig ließ das Mädchen wieder den Kopf auf die Knie sinken.
„Du bist schuld, wenn der Walenty den Krug nicht bekommt," sprach Stasia vorwurfsvoll. „Und er möchte ihn doch so gerne haben, seine Seele hängt daran!" Sie seufzte: „Armer Walenty, wie wirst du dich grämen!"
Nein, grämen sollte er sich nicht! Entschlossen sprang Michalina auf. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen aus den Augen, und dann zupfte sie ihren Rock zurecht und die Schürze.
„Ich werde gehen. Wiederhole nur noch einmal, was ich sagen soll, daß ich es nicht vergesse!"
Stasia studierte ihr's ein. Es. kostete einige Mühe, bis die braune Michalina begriff, wie sie zu bitten hatte, wie sie drängen sollte.
„Du darfst dich nicht abweisen lassen," lehrte die Klügere, „bist du erst draußen, kommst du nie wieder hinein! Und nicht gar so demütig! Auf dein Recht pochst du, hörst du?!"
„Ich höre wohl, aber auf was soll ich pochen! Auf mein Recht, sagst du? Weiß ich doch nicht, ob ich recht habe! Hätte ich recht, hätte die Pani mich nicht gejagt). Werde ich lieber Litten. „Bitte, gnäd'ger Herr, bitte!"
Und sie hob die Hände und sah mit einem so herzbewegenden Ausdruck drein, daß Stasia ihr um den Hals fiel und sie küßte.
„Dafür muß Walenty dir auch einen Kuß' geben denke nicht, daß ich eifersüchtig bin, o nein! Er soll dich küssen!"
Hand in Hand, wie zwei Freundinnen, setzten sie nun ihren Weg nach Przyborotoo fort.
Je näher sie dem Gutshof kamen, desto schärfer lugte Stasia aus. Richtig, dort auf jener Stoppel kreuzten die Erntewagen, und hoch zu Roß hielt einer dabei! Noch könnte man das Gesicht nicht sehen, aber Stasia erkannte die Gestalt von weitem.
„Geh jetzt, geh," sagte sie hastig zu Michalina und) gab Her noch einen Augenblick Zögernden einen ungeduldiger: Puff in den Rücken. „Psia krew, so geh doch!"
Und als die andre mit gesenktem' Köpf gehorsam davontrottete, rief sie erleichtert hinter ihr drein: „Laß dir Zeit! Uebereile ja nichts! Ich werde hier auf dich warten!"
Ganz verloren kam sich Michalina üor,, als sie den ihr bekannten Hof betrat. Ihre Füße waren schwer wie Blei. Kaum konnte sie die Schritte heben. Aber ihr Herz war ein noch viel schwererer Bleiklumpen. Und sie hatte auch große Angst. Scheu sah sie sich um: wie sollte sie ins Haus hineinlömmeu? Ach, sie getraute sich doch gar nicht! Den Weg hinauf würde sie wohl noch finden zu Herrn Pawels Zimmer — aber wenn ihr unten die Pani begegnete! Wie würde ihr's dann gehen? O weh! Sie zitterte, und ihr Herz, das schwere, schlug tote ein Hammer.
Kaum daß sie sich ein paar Schritte näher wagte, von Stellwand zu Stalltoand drückte sie sich. Wenn doch ein Meitsch käme, den sie nach Pan Pawel fragen könnte! Vielleicht, daß er einmal herauskäm auf den Hof?! Da hieß es warten. Und sie flüchtete hinter die zurückgelehnte Tür des Schweinekobens und verharrte dort regungslos im Winkel zwischen Tür und Mauer, kaum wagend, zu atmen.
Eine halbe Stunde mochte so vergangen sein, sie erschien ihr viel länger; niemand war ihr zu Hilfe gekommen. Ihre Angst hatte sich jetzt ein wenig gelegt, denn sie hatte in einem fort an den Sohir ihres Herrn und an seinen Wunsch gedacht. Der Walenty wollte den Krug doch nun einmal für sein Leben gern haben — also darum voran, voran! Sie durfte nicht zögern.
Wie ein Stoßgebet den Namen „Walenty" auf den Lippen, schickte sie sich an, aus ihrem Versteck herauszutreten und geradewegs aufs Haas loszugehen, als sie drinnen im Schweinestall eine Helle Mädchenstimme hörte.
„He, ihr meine lieben Kinderlein, habe ich ein Schläfchen gehalten? Verzeiht der kleinen Marynka! War teilte Ma- rynra sehr müde, hat sie nicht geschlafen die ganze Nacht, hüt sie eurer Mutter aufgepaßt, daß alte San ntcht frißt liebe Kinderlein! He, dälej, Rozyczka, alte Sau, laß hungrige Kinderlein trinken!"


