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den Lehrstuhl berufen war, gezogen wat, war es dem Vater n ich t möglich, die an sich schon gewaltige Reise zu seinem Kinde aus dem direkten Wege durch Deutschland zurückzulegcn, da er noch immer geachtet war: Er mußte den ungeheuerlichen Umweg um Deutschland herum wählen, um sich mit seiner Tochter ein Rendez-vous zu geben und auf neutralem Boden eine Zufammcn- kunft mit ihr bewerkstelligen!
Eine andere Anekdote aus Vogts Leben hat mir mein Freund William vor vier Jahren, als wir uns auf der Aerzte- und Naturforscher-Versammlung in Stuttgart trafen, erzählt, und die ich — ein schönes Beispiel bescheidener Freundestreue! — aus meines Vaters Munde nicht zuvor gekannt hatte. — Bekanntlich war Vogt, der zuerst in Gießen Medizin studiert hatte, auch ein Schüler Liebigs gewesen. Ans der Flucht vor seinen Verfolgern wandte er sich der alten Heimat zu und geriet dort in Gefahr, ergriffen zu werden. Mein Vater war damals Assistent bei Liebig und Vorsteher der Prüparatcabteilung. Plötzlich össnet sich die Tür, und Vogt stürzt herein. „Sie siird mir auf den Fersen und werden mich ergreifen, wenn Du mich nicht verbirgst und Dich für mich ausgiebst!" Des großen Liebig Labo- ratorium war eine international geheiligte Weihestätte der Wissenschaft; da hinein drangen die Schergen nicht so ohne weiteres., Als sie bei Liebig die Erlaubnis eingeholt hatten, war die Verwandlung vollbracht: Bogt stand als Assistent am Arbeitstische und mein Vater hatte das Laboratorium verlassen, um als falscher Vogt die Spur abzulenken auf sich. Angenehm war ja bei der damaligen Demagogenriccherej solcher Tausch nicht sind er konnte der Freundschaft harte Probe auferlegen: Als aber mein Vater sich, ausgewiesen hatte und zu seiner Arbeitsstätte zurückkehrte, war die List bereits von Erfolg gekrönt und Bogt bereits über alle Berge, der Meute keine Spur mehr lassend!
Neue Goetheverse.
Eine große Menge bisher unbekannter und ungedruckter Verse Goethes lyrischen oder satirischen Charakters bringt zum ersten Male der eben erscheinende Schlußband der Gedichte in der Weimarer Sophien-AuSgabe. Was hier an Nachträgen, an Paralipon>enis zu den Massen Goethischer Poesie aufgehäuft ist, das biegt bei einer so unerhört reichen Ernte ja selbstverständlich unter der Spreu auch noch manches edle unb reise Korn. Da erscheint gleich ein ganzer Hauke scharsgeschlissener venezianischer Epigramuw, ins Reisetagebuch mit flüchtigem Bleistift geschrieben, zum Teil unvollendet oder der letzten Feile entbehrend. Ein anderes Mal begreiit mnn nicht, warum Goethe Verse wie diese nicht ausgenommen hat:
Immer glaubt ich gulmüthig von Anderen etwas zu lernen, Vierzig Jahr ivar ich alt, da mich der Jrrtmn verließ, Thöricht wat ich immer, daß Andere zti lehren ich glaubte; Lehre Jeden bit selbst, Schicksal, wie er es bedars.
Eiir anderes, nicht ausgenommenes venezianisches EpigrautM lautet:
Immer hab ich dich heilige Sonne nut Freuden verehret, Wenn du aus trübem Geivölk oder nach Nebel mir kamst, Niemals aber so fröhlich als im venetischen Pfuhle, Wenn du nach Regen erschienst, freudig die Gondel dir dampft.
Wie ein Bekenntnis stehen die Distichen da:
Was ich geschrieben habe, das hab ich vertraulich den Deutschen Hingelegt unb nun steht es die ewige Zeit.
Manches hab ich gefehlt in meinem Leben, doch keinen
Hab ich belistet. .
Aus den neunziger Jahren werben bann eine Reihe von Uebersetzungsversuchen aus der Ilias und der Obyssee veröffentlicht, bie Goethe vornahni, al? er in seiner Freitagsgefellschaft den Homer vorlas unb bei dieser Gelegenheit ihm bie Mängel bet Vossisthen Uebersetzung besonders' betulich wurden, bann an§ späteren Jahren Uebertragungen au§ Byrons Manfred.
Atif einem kleinen Blatt, das er in Italien beschrieb, findet sich eine Strophe, die wie eine Absage des in der Fremde Gereisten gegen die Ungebundenheit der Jugendzeit klingt :
Ich habe bie Tage
Der Freiheit gekannt;
Ich hab sie bie Tage Der Leiden genannt.
Ein Blättchen Schreibpapier nahm bie Strophen aus r
Willst bu wirksam jein, Bediene dich deiner Kraft Jung in Gesellschaft Alt allein.
Vielleicht für den Faust bestimmt, weil auf einem zum ersten Akt des zweiten Teiles gehörigen Blatte stehend, waren die Zeilen:
O> bleibe ruhigen Bezirken
Treu, deiner Lampe Nachlrevier.
Auf Menschen ist nicht leicht gu wirken, Doch aus das willige Papier.
Tann wieder finden sich Sinnsprüche wie dieser:
Kirschkerne wirb niemand kauen,
Rian kann sie verschlucken, doch nicht «erbauen.
Ober es heißt:
Das Haus ist wohlbegrünbdt,
In dem sich ein Knab oder Mägdlein findet, Das weiß mit redlichem Bemühn, Der Eltern Fehler zurecht zu ziehn.
Nicht alles sind goldene Worte. So unternimmt Goethe einmal den schnurrigen Versuch, die 15 natürlichen Pflanzenklassen aus Jnssieus „Genera" plautarum“ säuberlich in Hexameter zn bringen, was ihm aiischeinend übergeworden ist, denn er hat es schließlich doch nicht zustande gebracht. Alls einem Fetzen Schreibpapier steht der schölle Vers:
Der beste Diener ist der größte Schelm.
Einer Kindersabel, die Goethe auf der Rückseite eines Theaterzettels schrieb, gibt er ben Schluß:
So lange wir im Wandern, sind Geduld'und Hoffirmig unsre Waffen.
So jung wie alt gewöhne sich ans Klaffen: Das merke dir, mein Kind.
Das umfangreichste Goethesche Gedicht, das hier zum ersten Stale in bie Werke ausgenommen wird, obwohl es in Privatdrucken schon öfters verbreitet wurde, sind bie an ein Motto des Tibull angeknüpften Stanzen des „Tagebuches", ein lockeres Reiseerlebnis, bas die Lehre befräftigen soll: „Die Krankheit erst bewähret ben Gesunben", uild das mit bem hübschen moralischen Schwänzchen ausgeht:
Unb weil zuletzt bei jeder Tichtuugsweise Moralien uns "ernstlich fördern sollen, So will auch ich in so beliebtem Gleise Ellch gern bekennen, was die Verse wollen: Wir stolpern ivohl ans unserer Lebensreise, Und doch vermögen in der Welt, der tollen,. Zwei Hebel viel'anss irdische Getriebe: Sehr viel die Pflicht, linendlich viel bie Siebe!
Das ßeldgehötz.
Der Kmistwart schreibt:
Bon der Landstraße biegt der Fahrweg seitwärts hinüber! nach dem Dorfe. Er führt über die etwas tiefer gelegene Wiesen- mnlde, durch die der geradegelegte Bach fließt, eine kleine steinerne Bogenbrücke spannt sich darüber. Bon hier aus leitet der Weg sanft lehnan und, ehe noch die Aecker des Dorfes beginnen, durch ein Feldgehölz, von ben Leuten kurz „der Buschs genannt. Zwischen seinem Eichen-, .Hasel-, Faulbaum- und anderem vielstäin- migen Strauchwerk erheben sich eine ganze Anzahl einzelner größerer Schirmbäume: Birken, Eichen, Buchen und etwas abseits vom Wege am Rande auch ein mächtiger wilder Kirschbaum. Heitere Kindheitserinnerungen knüpfen sich an ihn, seinetwegen! komme ich heute eigentlich hierher. Und ich hatte recht: die ganze junggrüne Maienpracht blieb hinter seiner blühenden, strahlenden Herrlichkeit zurück! Leise Lüste trugen mir schon Von,' weitem seine zarten, säst unmerklichen Düfte zu, und nun über- schaue ich die ganze Sonnenseite seiner stolzen, vom starken Stamm und dunkeln Aesten getragenen Krone. Daran hängen selig im Aelherblan die Hunderte der blendenden Blütcnbüschel, und ein gleich selig Lied summt leise aus ihm hervor, das stimmen die tausend kleinsten, leichtbeschwingten Gäste an, die bei ihm ein- kehren. Finkenschlag schmettert hoch oben von ihm herab, und! im tieferen Gezweig tönt Schwarzplättchens Hochzeitsgesang und! rechts unb links der flötende Chor der Amseln und Drosseln., Bogel Kuckuck aber strich mit lachendem Rufe ab, als ich kam. Sag mir, Fink, was hatte denn die Frau Kuckuck hier zu schaffen? „Das, das, das, das weiß! i nit, is mir a ganz egal!" erwidert! er im flottesten Allegro fortiffimo, und die letzte Silbe schwingt: er besonders übermütig hervor. Fink, du bist ein Leichtfuß! Lagen nicht fünf Eier in deinem Nest und sinds nicht plötzlich ihrer sechs? Auch das ist ihm „ganz egal". Aber in vierzehn Tagen werden bittere Nahrungssorgen beginnen, die der Nimmersatte Gauch im Nest über die ganze Familie herausbeschwören wird. Auf Wiedersehn übers Jahr! ruf ich ihm und meutern Kirschbaum zu, und strebe nach dem Dorfe. —
Und wieder ist ein Jahr ins Land gegangen, wieder iffS Frühling, und wieder zieht michs nach den Dächern und Giebeln der alten Heimat. Glockentöne bringen aus der Ferne an mein Ohr: es ist Sonntagmorgen. Im beglückenden Genuß der also feierlich gestimmten Frühlungswelt erreiche ich gemach den sanften Höhenrücken, hinter dem mein freundliches Ziel liegt. Aber — etwas wie Entsetzen saßt mich — was ist das? Die Häuser sehe ich, aber wo ist der Busch? Wo ist mein Kirschbaum? Bin ich denn ganz irregegangen? Nicht doch, es stimmt ja alles: dort! die Straße, dort der Fahrweg über die Wiese, und drüben die Gehöfte des Dorfes. Keine Täuschung: das ganze Gehölz ist verschwunden, ausgerodet! Dafür reicht das Haferfeld nun den Hana herunter bis auf die Wiese, sind außerdem: auch der Weiher, in den der Bach mündete, ist nicht mehr da. Graswuchs wuchert an seiner Stelle ... .
Es ist schon besser, ich kehre um — aus den Augen das zerstörte Bild! Doch nein, im Dorfe will ich fragen, wie sichs zugetragen hat. Wer es getan hat? Der Pächter drüben vom; Rittergut. „Ja, der macht ein gutes Geschäft dabei," sagt ein Bauer, „vorigen Herbst haben wirs jm Tagelohn umgefchlageu;


