— 362
2.
Auf Niemczyce-Deutschau stand die Gutsherrin, Helene von Doleschal, am Fenster ihres Zimmers nnd schaute, beide Hände auf die Brüstung gestützt, hinunter in den! Garten. Die Terrassen abwärts, unten am See, von wo die leichte Brise wehte, spielten ihre Knaben; sie hörte die hellen Stimmen zu sich Herlaufschallen. Sie wartete, auf ihren Mann; der war gleich nach dem Mittagessens wieder aufs Feld geritten. Kam er jetzt bald?! Sie neigte sich weiter hinaus; zwischen den Blumenbeeten herauf führte das Pfädchen, das er gern einschlug, wenn er, ungeduldig ablürzend, den Braunen allein zum Hof traben ließ und sich, selber durchs Seitenvfortchen in den Garten stahl.
Helene blickte über die Hängerosen unterm Fenster, welche die Glocken ihrer Kronen auf den sammetig geschorenen Rasen niederstülpten, weg, hinüber zum Hügel. Jenseits des Sees ragte der sandige Gipfel, der, mit einer- einzigen Kiefer beflaggt, fast wie ein Berg in der Ebene erschien. Dort hinter jenem Berg lag Kolonie Augenweide! Weg dahin war weit, und Hanns-Martin hatte versprochen, heute noch mit ihr hinzufahren. Neue Kolonisten bauten ein Haus — ob das die Leute waren, denen sie neulich du der Grenze begegnet war, als sie mit ratterndem Leiterwagen und müden Kindern einzogen? !
Wenn Hanns-Martin doch bald käme! Schon legte sich eilt Schatten über die blanke Metallplatte des Sees; die Schwäne, die zurzeit der hohen Sonne im Schwanenhäus-- chen unter der alten Silberpappel der Insel Zuflucht gesucht, ruderten jetzt langsam über die mild beleuchtete Fläche, ihr Bild mit den schön gewölbten Flügelbogen schneeig im tiefen Wasser spiegelnd. Bon den Blumenkissen der Terrassen stiegen verstärkte Wohlgerüche aus; die Heliotrope, Levkojen nnd Reseden, die um Mittag schlaff gehangen, standen jetzt erfrischt. Die waldigen Ausläufer des Parks, bis zum sandigen Hügel hin von beiden Seiten den See umschließend, zeigten um ihre Kronen schon weicheren Flimmer.
Nun kam er wohl nicht mehr zur Zeit!
Enttäuscht wollte Helene vom Fenster zurücktreten, da hörte sie seine Stimme. Die Gruppen der Kaunas und Musen verdeckten noch seine Gestalt, aber jetzt — jetzt war er zu sehen! Eiligen Schrittes stürmte er den kleinen Pfad herauf. Die Knaben hatten ihn entdeckt; ausgelassen umsprangen ihn die vier großen, den kleinen Kurt ließ er aus der Schulter reiten. Das Kindermädchen folgte, während wiederum hinter diesem, zeternd vor Besorgnis um ihres Herrn Küchlein, die alte Pelasia dreinhumpelte.
Die Knaben jauchzten: Hurra, nun rannte Väterchen auch über den Rasen, und der Gärtner durfte doch nicht schelten!
„Helene!" Schon war er unter ihrem .Fenster. Die weiße Mütze aus der erhitzten Stirn zurllckschiebend, schaute er zu ihr hinauf. „Endlich! Entschuldige! Meine liebe Frau! Ich mußte noch aufs Vorwerk, Scheftel aus Miasteczko war da wegen der Milchkälber. Der Vogt wußte sich nicht zu helfen, der Knhschweizer will sich, immer von keinem Stück trennen. Sie zankten. Ich mußte ein Machtwort sprechen "
„Wie du dich um alles kümmerst," sagte sie zärtlich. „Hast du gut verkauft an Löb Scheftel?"
„Es geht. Na," — er klopfte sich mit der Gerte den Staub aus den enganliegenden Reithosen — „lassen wir das! Ich werde mich erst ein bißchen menschlich machen, nnd dann fahren wir."
Sie lächelte ihn an. „Komm hereiy, trink nur erst Kaffee! Die Mamsell hat schon sechsmal fragen lassen, ob sie die frischen Waffeln herausschicken dürfte."'
Weniges später fuhren die Doleschals auf dem leichten Korbwägelchen fort. Kein Diener saß hinten auf. Er kutschierte selber, ein Zungenschlag trieb das gut eingefahrene Pferd an. Der schlichte Schleier, den Helene als einzigen Schmuck um den Hut trug, wehte im Sommerwind.
Dein Park zur Linken, immer am hohen Drahtzaun entlang, führte zuerst die Straße, dann trat sie näher zunt See; mühselig knirschten die Rüder durch, tiefen Sand und dann noch mühseliger hie Hügelsteigung hinan. Aber von oben herab lohnte ein herrlicher Blick auf den glatten See mit seiner bebuschten Insel und auf das weiße Herrenhaus jenseits, mit den Blumenbeeten davor, von den grünen Wipfeln des Parkes wie ein freundliches Bildchen ein gerahmt.
Roch ein paar Räderumdrehungen, und rasch ging es jetzt wieder bergab. Der Sandbuckel mit der einsamen Kiefer schob sich wie eine Schutzwand vor die Oase von Wutschau.
Nichts begrenzte nun mehr den Blick. Felder, Felder, Felder. Einzig in der Ferne, hinter Chwaliborczyce, ein paar Waldlinien; aber sie erschienen heut noch ferner als sonst, der staubige Dunst, der über der reifen Ebene lagerte, hatte das Blau des Kiefernforstes verhängt.
Ueberall wurde Weizen gehauen. Auf Deutschauer Land waren die Hemden der Schnitter alle weiß. Die Leute schassten schwer. Jeder Mann hatte ein Weib hinter sich, oft ein kaum erwachsenes Mädchen, das, mit keuchender Brust, in unablässig gebückter Stellung hinter ihm drein schritt und die Schwaden raffte, die unter der blanken Sense fielen.
„Wir hätten Schnaps für sie mitnehmen können," sagte Helene, „bei dein Staub tut's ihnen not!"
„Schnaps? ! Du weißt, ich bin nicht für Schnaps. Die Vögte sind angewiesen, Kaffee auszuteilen. Aber wie das Volk so ist! Kaffee wollen sie nicht, dann trinken sie lieber gar nichts."
„Sie sind eben mal Schnaps gewöhnt," entschuldigte sie. „Bei uns zu Hause gab es auch immer Schnaps in der Ernte. Mutter mischte ihn selber: ein Liter Kartoffelfpiri- tus, ein Liter Wasser und ein bißchen Himbeersaft dazu. Weißt du, cs war für mich das größte Vergnügen, wenn ich mit meinem Pony her umfahren durfte, ihn austeilen. Und wir waren doch ganz deutsch!"
„Nein, Fusel nicht," sagte er fast eigensinnig, und eine Falte der Verstimmung trat ihm zwischen die Brauen.
Sie schwieg, kannte sie doch ihren Mann viel zu genau, um in solchen Momenten dagegen zu reden.
Noch hatten sie Deutschauer Land zu beiden Seiten, aber ein Zipfel von Chwaliborezyce schob fich wie ein Keil von links her, mitten hinein, und aus der Weite zur Rechten tauchten jetzt die Akazien von Przhbvrowo auf. Auf Chwali- borczycer Land gab's rote Hemden; ihre blutige Farbe, grell leuchtend im staubfarbenen Erntedunst, überschrie jede andere.
(Fortsetzung folgt.)
Erinnerungen an Earl Vogt.
Von Dr. Walther C l c in m.
Die lange Jahre der Neuen Freien Presse gelieferten geistreichen Beiträge Carl Vogts haben diesen so ungemein vielseitigen Gelehrten in Oesterreich allgemeiner bekannt gemacht, als dies in feinem Heimatlande der Fall ist.
Als ich im Spätsommer 1885 die Universität Genf bezog/ hatte ich auch zu dem bescheidenen, au chemin du soleil levant! gelegenen Gelehrtenhause eine warme Empfehlung: Die meines Vaters, eines gleichaltrigen Landsmannes und Freundes von Carl Vogt. Gleich beim ersten Mittagessen in seinem Hause fragte er mjH, ob ich wohl die Clemmsche Feinzunge und den feinen Hessengaumen geerbt habe: Dann müsse ich ihm sagen können, ob der leckere Hasenpfeffer, dem wir mit bester Eßlust zusprachen, von einem Feld- oder einem Waldhasen stamme! Ich mußte treilich eingestehen, meine Darwinistischen Studien nicht aus diesen Obergipfel der Vollkommenheit getrieben zu haben.
Derlei Scherze liebte der greife geistvolle Gelehrte, Forscher und Staatsmann — war er doch neben seinen Professnren für Geologie, Zoologie und vergleichende Anatomie damals schweize- rischer Groß- und Nationalrat, er, der alte Reichsregentschastsrat und Präsident des Rumpfparlaments von anno 49!
Aber auch Ernstes aus seinem Leben wußte er mit liebenswürdiger Heiterkeit zu berichten: Wie er, geächtet und zum Tode verurteilt, nicht sogleich von Stuttgart aus zur Schweizer Grenze floh, wo die Häscher auf ihn lauerten, sondern sich im Walde aufhielt und als Förster verkleidet kaltblütig mehrmals in die Stadt zurückkehrte, wo er feinen Steckbrief mit der auf seine Ergreifung ausgesetzten Belohnung mit behaglichem Schmunzeln las! Wahrlich, es gehörte ein gewaltiger Grad von Kaltblütigkeit zu solchem Tun, wie er ihn ja bei seiner Flucht vorher auch schon gezeigt hatte., Meül Freund, feilt (einziger) Sohn William, erzählte mir davon, wie in die Tagung der „Reichsregentschast" hinein die Botschaft gebracht ward, daß Militär int Anrücken begriffen sei, um die „Rebellen" festzuuehmen; da ließ Bogt einen Wagen kommen, in dem er mit anderen Genossen Platz nahm, fuhr kaltblütig zum bereits militärisch besetzten Tore, wo er der Torwache noch die Ehrenbezeugung als Präsident der Monat-Republik abnahm, und fuhr gemächlich zum Tore hinaus, die verblüfften Häscher hinter sich lassend.
Wie schwer aber unter der Unversöhnlichkeit der damaligen Regierungen diese — leider ins Ausland verdrängten — besten Söhne des Vaterlandes, wie Carl Vogt, Carl Schurz und Kinkel, zu leiden hatten, das geht, aus einer anderen Erzählung hervor, die ich aus seinem Munde gehört habe. Als feine Tochter mit ihrem Manne nach Königsberg, wohin der Schwiegersohn aus


