NKM MW
l
1
WWWMWn WAWEWis ^WUMUnsMiiM
UM
Das schlafende Heer.
Roman von Clara ÄJie&ig.
(Fortsetzuna.) (Nachdruck verboten.)
Der stumme Kutscher der Britschka hielt an. Der vorderste der Sensenmänner war vor den Wagen getreten; den Hut bis zur Erde ziehend, schien er nach dem Weg zu fragen.
Bräuer wunderte sich: tonnte der denn nicht lesen? Da stands doch groß und breit, deutlich an jedem Kreuzes- tirm, wohin!
„Chwaliborczyce," belehrte der jetzt plötzlich lebhaft gewordene Kutscher und wies nach rechts — und dann ein wenig nach links: „Niemczyce" — und dann ganz nach links: „Przyborowo !"
„Przyborowo — Przyborowo!" Mit einem Aufatmen der Erleichterung wiederholte das die ganze Schar.
Mochten die müde sein! Frau Kettchens blaue Augen musterten die braunen Weiber: ach je, die waren ja noch alle ganz jung, nur eine Alte war dabet!
Die Weiber wiederum musterten sie. Plötzlich trat eine der Braunen, der das rote Kopftuch in einer spitzen Falte über der Stirne Vorstand, dicht an die Britschka, haschte nach dem Kleid der darin Aufrechtstehenden und drückte es demütig an die Lippen. Aus der an den vier Zipfeln zusammengebundenen Plachta*), die ihr schwer auf dem Rücken hing und ihre Schulterir vordrückte, guckte neben dem irdenen Dwojak, dem Zwillingstopf zum Essentragen, neben einer Kesseltülle, einer Hacke und einem Löffelstiels/ in ein Bettkissen eingebündelt ein Kinderköpfchen. Allen Strahlen der Sonne' preisgegeben, schlief der Säugling, beperlt von Schweiß.
Begehrlich funkelten die Augen der jungen Mutter. Hastig langte Frau Kettchen nach ihrem Körbchen: ach, wie mochte der Armen zumute sein! Und sie teilte aus in die ausgestreckten .Hände, denn auch die anderen Weiber hatten sich hinzugedrängt. Alle Müdigkeit schien plötzlich von den erschöpften Gestalten gewichen; die bei der Anstrengung des Wanderns zusammengepreßten Lippen hatten sich, glückselig lachend, geteilt; Dankesbeteuerungen und Segnungen, von denen die deutsche Frau nichts verstand, rauschten nur so dahin.
Peter Bräuer hatte seine Frau gewähren lassen; ihn interessierten die Männer, diese untersetzten, muskulösen, sehnigen Gestalten. Also so sahen die aus?! Hm! Sahen schon aus, als ob sie arbeiten könnten! Mer in Arbeit! nehmen durfte man die drumm doch nicht — nur nicht! Es war eine Gefahr, daß die sich hier festsetzten.
Die Herren hatten schon ganz recht, in der Zeitung^, die man ihm zugestellt, zu schreiben: „Weg mit ihnen,
*) Leintuch.
deutsche Arbeiter her! Mir daun wird man auch deutsches Land haben, und alles" —----
„No, wat is darin?" Ein Zetergeschrei hätte Bräuers Betrachtungen gestört.
Die Halbwüchsigen, die sich im Korn verloren, kamen schreiend angerannt: „Poludnica, poludnica!" , Und He Weiber griffen den Schreckensruf auf: „Poludnica, poludnica!" und gaben sämtlich Fersengeld.
Die Männer blieben zwar stehen, aber auch sie blickten! beunruhigt: war da etwa das Mittagsgespenst, die Poludnica, die, wenn die Sonne hoch steht, durchs Korn streicht, um darin herumstreisende Kinder zu fangen?
Gen Niemczyce zu schlug das Korn int heißen Wind Wellen. Wie flute,wes Wasser schwappte und wogte der goldene Schwall, und die scheitelrechte Sonne goß noch einen goldenen Strom von, Himmel dazu nieder. Mitten in diesem Meer, im blendenden Mittagszauber der Aehren war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht, hell der Hut und das Gewand, hell das Gesicht, und die Flechten wie reifer Weizen.
„Hu, poludnica". Noch einmal kreischten die Weiber laut auf.
Selbst die Bräuers waren erschrocken, hatten sie doch niemand kommen hören und sehen. Im wogenden Gekreid« war jene sacht dahergewandelt gekommen, auf räum kenntlichen Fußpfädchen. Verdutzt starrten sie in das helle Gesicht.
Aber der Kutscher war blitzschnell von der Deichsel gesprungen; den Hut bis zur Erde reißend, wie vorhin! bei der Boza meta, grüßte er ehrfurchtsvoll, untertänig.
Da zog auch Peter Bräuer den Hut, — die schien aber mal eine vornehme Dame!
Ein rascher Blick aus den hellen Augen der biondech Frau streifte ihn, dann nickte sie ihm freundlich zu: „Guten Tag!"
Horch, was ivar das?! War das Musik? Glocken- klang aus heimischem Land? Oder kams vom Himmel herab?!
Frau Kettchen ivar auf den Sitz Wrückgesunken, ihre Lippen fingen plötzlich an zu zucken; heiß schoß es ihr! in die Augen, jähe Tränen der Sehnsucht begannen über: ihre Wangen zu rinnen. Mer es waren auch Tränen der Hoffnung. Einen Nebel legten sie wohl vor ihre Augen; doch der Nebel war nicht grau wie die Schleier des Abends, golden durchleuchtete ihn Acht des Morgens, denn mitten in ihm stand eine freundliche Gestalt, die Frau mit blonden Flechten und hellen Augen, und — sic sprach deutsch.
„Guten Tag," schrien die Kinder; es klang jubelns „Guten Tag, gnädige Frau," rief Valentin keck.
„Guten Tag," sprach auch bedächtig und respektvoll der alte Bräuer; und sein. Weib stammelte leise nach. — es konnte nicht laut sprechen vorn, heftigen Klopfen des gerührten Herzens —:
„Guten Tag!"


