Ausgabe 
15.1.1910
 
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Ja, titeln Kind, das mnß alles wieder so werden wie tzs war."

Wo er and) hingeht, kann er mich nicht gebrauchen. Ick) seh ihn da und dort. Ach, Mutter, so werd' ich ihm bald lästig werden!"

Sie setzte sich auf einen Grasrain am Wege wie er­schöpft nieder und lehnte den Kopf an ihrer Mutter Schulter.

Ms du den Vater liebtest, war es da auch, als hättest du im Herzen eine Wunde und dein Leben flösse da heraus; auch wenn du die Hände darauf preßtest es nützte nichts?"

Tas Mädchen preßte die Hände aufs Herz, als wenn sie eine Wunde schließen wollte.

Nein," sagte die Mutter,Alma, tuir war, als strömte das Leben mir von allen Seiten zu, als würde ich täglich besser und glücklicher."

Ich liebe ihn zu sehr zu sehr!" schluchzte das Mädchen auf und sank ihrer Mutter an die Brust.

Deine Stirn glüht so und deine Hände," sagte die Pfarrerin.

Mein Kopf schmerzt so sehr/

Der Pfarrerin iZard es ganz angst, wie sie in der lebenverlassenen, ersten Morgenfriche in der großen Stille mit ihrem armen Mädchen mitten zwischen den Korn­feldern saß.

Ihr Kind hielt sich setzt so still bei ihr, als wäre es hingelehnt, bei ihr eingeschlafen.

Mma," sagte die Pfarrerin leise, aber sie bekam keine Antwort. Sie faßte die Hand, die matt herabhing; die brannte wie Feuer, das Gesicht glühte, und das Herz schlug so schnell und heftig, daß sie es spürte.

Krank ist sie, dachte die Pfarrerin bang. Krank war sie, als sie mich weckte. Unbegreiflich war es der Pfarrerin erschienen, daß ihr gutes, rücksichtsvolles Kind sie geweckt hatte und jetzt verstand sie es schreckvoll.

Mma, hör' doch"

Laß mich, laß mich, Mntterchen!" kam leise, wie schlaf­trunken die Antwort.Ich will noch ein bißchen im Bett bleiben."

Sie lag ganz regungslos, die Pfarrerin, über sie ge­beugt, spürte ihren heißen Atem.

Mndwellen fuhren über die Felder hin. Es wogte rings umher. Die Wolken strahlten rosig, die Sonne ging «uf. Bon all der Herrlichkeit sah die Pfarrerin nichts.

Komm, Mma, komm, komm, Kind!"

Keine Antwort. Sie war ganz in sich versunken, lag mit halbgeschlossenen Augen und atmete sehr schnell. Zeit auf Zeit verstrich. Das Mädchen lag teilnahmlos mit dem Kopf auf der Mutter Schoß.

Endlich wußte die Pfarrerin sich nicht mehr zu helfen Und versuchte, sich und Alma anfzurichten.

Ja, ja, Mütterchen, ja ja," sagte das Mädchen dabei in einem führend zustimmenden Ton.

Sie waren nicht gar iveit vom Hause. Die Pfarrerin hob ihr armes Mädchen mühselig in die Höhe, stützte sie, so daß sie sie fast trug, und schleppte sich mit ihr dem Hause zu.

Dort legte die Pfarrerin sie in das Be^t mit den Dornenkronen und den brennenden, durchstochenen Herzen nieder und setzte sich an den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen.

Die junge Witwe kam, um der Mutter wie jeden Morgen dis Fensterläden zu öffnen.

Ja, was ist dir, Mutter?"

Mma ist krank, ruft Uerle, daß er uns den Doktor schickt, wenn er zur Stadt geht!"

Mma lag ganz teilnahmlos in ihren Kleidern auf der Mütter Bett. '

Bist du schon die ganze Nacht auf, Muttercheir? Ja, was ist denn? Was ist beim?' Die junge Witwe trat ans Bett ihrer Schwester und fühlte die starke Hitze, die von ihr ausging.

Fieber!" meinte sie ganz ratlos.

Hilf mir sie auskleiden," sagte die Pfarrerin.

Ms die Kleider, in denen sie gestern so schön und glück­selig war, von ihr abgestreift waren, schlugen ihr die Zähne vor Frost aufeinander. Die Frauen hüllten sie warm ein, ober der böse Frost ließ nicht von ihr ab, warf ihren Körper hin und her. Man sah, wie die Schauer ihr über die bren­nende Haut fuhren,:

Ach, was macht ihr denn mit mir? Was macht W denn mit mir?"

Die beiden anderen Schwestern kamen; eine lief zu Uerle, der war auch gar bald zur Stelle.

Sie ist nicht bei sich, Uerle," sagte die Pfarrerin in großer Bangigkeit, als er eintrat

Da war es aber, als wenn sie Uerles Nähe spürte, Uerle," sagte sie leise, von Frost geschüttelt.Er soll nicht zu mir heraufkommen. Er soll mich nicht so krank sehen.--Wenn ich es nicht weiß, könnte er herein­

kommen. Niemand darf ihn hereinlassen!" sagte sie angst­voll.Versprechen, Uerle, versprechen I Ich kann nicht wach bleiben."

Gewiß nicht, Mma, bis Sie gesund sind!"

Sie nickte. Die Augenlider lagen schwer über den Augen.

(Schluß folgt.)

Alte und neue ttostüme.

Eine Anregung.

Bon Professor Hermann Kaulbach*).

Es ist.ein schönes Bderkmak unserer Zeit, daß sie in dem lebenden Geschlecht den Sinn und die Pietät für das Vergangene erweckt und betätigt. Große Städte und kleine Ortschaften unseres! Vaterlandes rechnen es sich zur Ehre und Pflicht, Museen und Sammlungen zu schaffen, in denen die Trachten und Geräte unserer Vorfahren in der Mannigfaltigkeit ihrer Geschmacksrichtung und ihrer Bedürfnisse gezeigt und so vor dem Untergang bewahrt werden. Neben prähistorischen und römischen Ausgrabung««! prangen die kunstvollen Rüstungen des Mittelalters und leuchten die schweren Seidenstoffe der Zopfzeit neben den spießbürgerlich geblumten Fähnchen unserer Großmutter. Aber mit diesen ist es in den Sammlungen fast überall zu Ende. Es ist, als ob die charakteristischen Gewänder der folgenden Geschlechter mach nicht des Aufbewahrens würdig wären. So kommt es, daß unsero Kinder schon nicht mehr wissen, wie ihre Großeltern sich ge­tragen haben, noch weniger (wenn nickst eine verblaßte Photoi- graphie zu Hilfe kommt), wie der Vater gekleidet war, als er die Mutter in der Tanzstunde kennen lernte.

Warum das? Warum dieser Halt vor einer Zeit, die wir noch miterlebt haben? Muß eine Bäode erst den hundertsten Geburtstag ihrerErfindung" begangen haben, um für uns interessant zu werden? Wird ein Kostüm oder ein Kleidungsstück erst dann begehrenswert, wenn cs den hundertjährigen Leidensweg aus dem modrigen Speicherschranke durch zahllose Antiguitätcw läden, durch Malerateliers und Maskcngarderoben zurückgeleigt hat?

Sind die politischen Ereignisse unserer Gegenwart etwa des­halb weniger wichtig und bedeutungsvoll, weil wir sie täglich mit­erleben und weit wir sie täglich im Morgenblatt lesen können? Ist eine Mode deshalb weniger fiiiturgeschichtliches Moment, weil sie uns noch auf lebenden Menschen und tn den SclMufenstern! an der Straße statt in den Glas schränken der Museen entgcgeit- triti? Jede Bibliothek sammelt die Tageszeitungen, die Witz­blätter, alle die ephemeren Kundgebungen der Gegenwart, denn! sie bilden ein wertvolles! Merkmal ihres Denkens und Empfindens. Aber die Kunst- und Kostümsammtungen machen, soweit ich sie kenne, unerbittlich Halt an der Schwelle des vorigen Jahrhunderts, sie schließen ab mit der sogenannten Biedermeierzeit, gerade als ob diese das nicht zu übertreffende Ideal menschlicher Kleidung geschaffen hätte. Warum gehen die Sammler nicht weiter bis auf unsere Zeit, bis ans die Stunde!, in deo x< i Diese Zellen! schreibe? Wo findet man in den Museen die Krinotinrnröcke, die Mantillen, die geblümten Schals unserer Mütter, Ivo jene großen! Damenstrohhüte, die manletzter Versuch" nannte?. Holt sie! Euch doch, Ihr Museumsdirektoren, so lange sie noch zu haben! sind! Sie liegen ja noch in den alie.it Truhen und in den! Schränken der Kinder und Enkel! Holt sie, erbettelt sie Euch, jetzt, und überlasset diese Arbeit nicht einer späteren Generation, für die es viel schwerer und kostspieliger sein wird, diese dann! endlichhistorisch" gewordenen Kostbarkeiten zu sammeln!

Als ich kürzlich durch die Kostümsäle unseres Nationalmuseums wanderte, begegnete mar eine äußerst elegant gekleidete junge! Dame; sie trug einen jener Hüte, dio an alles eher, als an eine Kopfbedeckung erinnern. Strohgeslecht, Federn, Blumen, ein Auto- mobilschleier darüber, all dies durchspießt mit langen goldenen! Nadeln es war ein Chaos von Sonderbarkeiten, lieber ihre Schultern hatte sie einen».leuchtenden Kimono geworfen, ein Traum! in Farbe und Schnitt. Am Handgelenk hing ihr ein Täschchen- glitzernd, schillernd, weiß Gott, aus welchem Stoss gemacht.

Ja, warum läßt sich eine Kbstümsammlung solch ein Pracht­stück weiblicher Mode vom Jahre 1909 entgehen? Ist- dies gtz-

*) TieMünchener Neuesten Nachrichten" VM'öffeUtlichen den folgenden Aufsatz des Kürzlich verstorbenen Kchrstlers, der auch! bei unseren Lesern zweifellos großes Interesse finden wird.