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Samstag tat (5. Januar
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Sommerseele.
Von Helene Böhlau.
(Nachdruck verboten.) ^■rrtfcbiing.)
Nachts träumte die Pfarrerin, ein weicher, lautlos fliegender Vogel flöge an ihr vorüber und streifte sie mit den Flügeln — und streifte sie immer wieder und wieder. Sie dachte im Traum: das ist nun eine Schleiereule, und war begierig, sie zu sehen. Der Vogel war aber so schnell im Flug, daß sie nie einen Eindruck von ihm haben konnte — dann war eis ihr, als sagte die Schleiereule „Mutter" zu ihr — „Mutter!" — ganz leise, wie aus der Ferne, und sie erwachte und sah ihre Tochter Alma angekleidet vor sich stehen. Die sagte wie geistesabwesend in einer wie von Weh durchtränkten Betonung: „Mutter — Mutter?"
„Ja, was machst du denn da, Kind?" fragte die Pfarrerin schlaftrunken.
Alina antwortete nicht gleich. Sie hatte das kleine, offen brennende Oellämpchen in der Hand, „Mutter," sagte sie, „es wird jetzt schon hell."
„Ach, es ist noch tiefe Nacht. —: Du hast ja Licht gemacht."
„Nein," sagte Alma, „es brennt noch von abend her."
(Jetzt war die Pfarrerin ganz munter und setzte sich im Bette auf. „Hast du noch gar nicht geschlafen?"
Das Mädchen stand gerade aufgerichtet mit dem Lämp- chen in der Hand. — „Mutter," sagte sie, „ist es denn mög- lich, einen Menschen so zu lieben, daß man ohne ihn gar nichts inehr ist?"
„Kind," antwortete die Pfarrerin ernst, „ich habe euren Vater sehr lieb gehabt und bin nun doch eure gute Mutter geblieben." —
Alma schien nicht auf sie zu achten.
„Es heißt," sagte die Pfarrerin, „du sollst nicht andere Götter haben neben mir. — Wir sollen Gott über alles lieben."
„Gott — Gott — ach — ja Gott!" sagte das Mädchen langsam vor sich hin.
„Alma, du träumst ja, du bist ja gar nicht recht wach, Kind, was ist dir denn?"
„So bang'," sagte sie. — „Ach Mutter, steh' doch auf und geh' mit mir hinaus vors Haus, ins Feld, da wird mir's besser werden."
„Alma, tote kommst du mir denn vor? — Jetzt bei nacht!"
„Es lvird schon hell — komm mit!" bat das Mädchen Dringlich.
„Nun, weshalb denn nicht?"
Die Pfarrerin erhob sich. Während sie ihre Strümpfe änzog, schaute sie besorgt auf die Tochter, die immer noch mit deut Lämpchen stand.
„Setz' doch die Lampe nieder, Alma, und mach' die Läden auf!"
Alma tat es, wie in Gedanken verloren, und die erstes Morgeudäntmerung drang ins Zimmer.
Tie Pfarrerin spülte sich das Gesicht ab, um völlig wach zu werden. „So, nun können wir gehen!" meinte sie.
Alma nahm der Mutter Hand, als sie aus dem Pförtchen getreten waren.
„Merkst du," sagte die Pfarrerin, „jetzt istfs in den Linden still, jetzt schlafen die Bienen."
Kett: Lüftchen regte sich noch. Das matte Licht ivar gleichmäßig weißgrau. Die Aehrenfelder lagen wie schlafend. Es war die große, tiefe Stille der ersten Morgendämmerung. Kein Bewußtsein tvachte rings umher. Das gibt dieser stillen, stillen Stunde das Urweltliche — das Herzbeklemmende. — Das Wort erstirbt im Munde.
So gingen Mutier und Tochter auch schweigend int großen Schweigen.
Die erste Lerche schmetterte aus grauem Licht ihr Lied. Wie gewaltig das klang, als erfüllte ihr Gesang den ganzen Himmelsraum.
„Mutter" — sagte das Mädchen, „vor kurzem noch kannte ich ihn nicht. Kannst du dir das vorstellen?"
„Ach, Kind, red' doch nicht so!"
„Sag' mir, mtlß eine solche Liebe auch wieder vergehen? Ist das möglich?"
„Gewiß, Kind —. sie muß zu Ende gehen, denk' doch selbst!"
Die Pfarrerin spürte, wie die brennende Hand ihres Mädchens itt der ihren aufzuckte.
Mein Gott, dachte die Frau, wie sie leidet! Sie ist zu klug, um tticht alles zu sehen.
„Sag' mir," bat Alma, „wie war mein allererster Tag aus Erden? — Schien die Sonne?"
„Ja," sagte die Pfarrerin, „du warst ja mein einziges Sommerkind, kaum warst du geboren und in die Wiege gelegt, da wurde die Wiege ans offene Fenster gestellt. Es war mittags zwölf Uhr und zur Rosenzeit: aber das weißt du ja. Die Kletterrosen nickten zum Fenster herein.
Draußen ivar es wundervoll sonnig. Die Bauern waren alle zur Heuernte hinaus. Das Dorf war ganz still, und ich lag in meinem Bett und war voller Dank und Freude über dich.
Der Vater hatte sich zu seinen drei Mädchen gar sehr einen Buben gewünscht. Als er dich aber so friedlich in deinen Kissen liegen sah, tvar auch er voller Freude über sein viertes Töchterchen und legte dir eine frische Rose auf deine Wiege."
„Und man wird geboren, um zu sterben. — Mir ist so angst" — sagte Alina leise; „ich bin nicht mehr mein eigen — wohin er geht, zieht er mich »rach. — Ich möchte wieder »nir selbst gehören, es war doch alles so schön und ruhig."


