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Durch Allerhöchste Ordre Wurde der preußische Mi- Eer a. Freiherr v. Patow, mit der obersten Leitung der Zivilverwaltung in den Territorien Nassau, Oberhessen, Frankfurt und Franken bestimmt. Sitz der obersten Verwaltung war Frankfurt. Provinzialdirektor Dr. Goldmann zu Gießen wurde vom Amte suspendiert und mit Wahrnehmung seiner Geschäfte Rcgierungsrat Pietsch beauftragt.
Am 3. August verfügt der preußische Etappenkomman- dank, Graf v. Hacke, daß von heute ab ein Polizeidiener zu ferner Verfügung am Bahnhof sei. Polizeirat Nover erwidert: „Auf das Schreiben können wir nicht eingehen, weil es Ihnen nicht zurommen kann, uns Befehlezu erteile n." Auf Hacke's Beschwerde verfügt das Kreisamt: „Im Auftrag des Civil-Kömmissarius muß ich Ihnen erklären, daß Sie allerdings int Kriegszustand von dem Militäroberbefehlshaber Befehle anzunehmen und die Weisungen desselben zu beachten haben. Nachher steht Ihnen die Beschwerdeführung zu."
Am 4. September wurde der Friede zwischen Preitßen ünd Hessen geschlossen. Hessen sollte innerhalb 2 Monate 3 Millionen Gulden Kriegssteuer zahlen; so lange blieb noch Oberhessen von preußischen Truppeit besetzt. Hessen tritt an Preußen ab: HessentzHomburg mit Meisenheim fRheinprovinz), Biedenkopf und Vöhl, sowie mehrere Orte rechts der Lahn. Es erhält die ehemals kurhessisch-nassau- ischen Enklaven: Dorheim, Nauheim, Reichelsheim, Nieder- Erlenbach, Dortelweil, Haarheim, Massenheim, Rümpen- heim am Main. Hessen tritt mit dem nördlich des Mains gelegenen Teile, der Provinz Oberhessen, dem „Nord-? beut sch en Bunde" bei.
Anfänglich war auch beabsichtigt, Oberhessen dem preußischen Staate einzuverleiben, tziußland, zum Ver-t mittler angernfen, erhob dagegen Einspruch. Eine Zeitungs- Nachricht aus Darmstadt vom 4. September meldet: „Herr v. Dalwigk und Hofmann sind noch nicht von Berlin zurückgekehrt. Man spricht davon, daß von Seiten einer unserem Hause verwandten Grvßinacht neuerdings Schritte geschehen seien, um die volle Integrität des hessischen uird hessisch-hvmburgischen Territoriums zu erhalten."
In Gießen wurden Stimmen laut, die für die Einverleibung der Provinz Oberhessen durch Preußen, schon aus wirtschaftlichen Gründen, sprachen. Man beschloß, in diesem Sinne eine Adresse an den König von Preußen zu richten. Im „Frankfurter Journal" erschien eine Erklärung von den Unterzeichnern der Adresse an Se. Majestät den König voll Preußen: „ . . . Wir erklären, daß eine im Ver- hältniß zur Gröhe Gießens nicht unbedeutende Anzahl einflußreicher Bürger in gerechter Würdigung der Zeit an Se. Majestät den König von Preußen ein Gesuch um Einverleibung der Provinz Oberhessen oder doch wenigstens der Stadt Gießen gerichtet hat, und daß diese Bürger sich heute noch glücklich schätzen würden, ein Sckerflern zum großen Werke beitragen zu können, welches Preußen zu erfüllen berufen ist."
Auch Grvßherzog Ludwig III., so schwer es für ihn war, mit den geschaffenen Verhältnissen sich abzufinden, opferte gerne seine persönlichen Jnteres en dem allgemeinert Wohl des deutschen Vaterlandes, wie dies folgender hochherzige Erlaß an „Sein Volk", gegeben Worms, den 20. September 1866, zeigt:
meinem
Landes, das
„Wir haben nicht blos die Wunden zu Heiken, die der Krieg Unserem Hessen geschlagen hat. Wtr haben auch die Neuregelung eines gemeinsamenDeut scheu Vaterlandes in einer die gerechten nationalen An
sprüche befriedigenden Weise zu beginnen. Der alte Rechtszustand, auf dem wir seither bauten, ist zusammengebrochen. . . . Aber wie Ich stets seit Regierungsantritt das Wohl Meines hessischen Lar Glückund dieGrößedes gesammtenDeutschen WaterlandesunddieKräftigungdesdasselbe Umschließenden Bandes angestrebt, so werde Ich auch für die Zukunft dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.^ " -6-.
Die Bevölkerungs-ichtigkeit der Großstädte.
Die in Deutschland und Frankreich vor wenigen Tagen vor- venontmenen Volkszählungen, denen am ersten Tage des neuem Lahres die Volkszählung in Oesterreich-Ungarn folgt, werden Swar in den nächsten Tagen noch interessante Mitteilungen über
eine lange Reihe mitteleuropäischer Groß- und Hauptstädte ergeben, die so wichtigen Aufschlüsse über die zu den einzelnen! Großgemeinden gehörech>en Flächen und die Dichtigkeit der menschlichen Besiedlung auf ihneir bieten sie jedoch nicht. Einigermaßen wichtige Vergleichspunkte ergeben sich, wenn man die neuestens statissischerr Mitteilungen über die Welthauptstädte an den für London geltenden Zahlen mißt. Allerdings ist diese größte Stadt! der Erde feine feststehende Größe. In dem sich immer mehr entvölkernden, nur 270 Hektar bedeckenden Geschästsviertel, der City of London, wo fast nur noch gate-keepers, watchmans und Angestellte ähnlicher Art, insgesamt 26 932 Personen Hausen, wohnen auf einem Hektar rund 100 Menschen. In der von! 4 834 000 Personen bewohnten, eine Fläche von 302 Quadratkilometer bedeckenden Country of London, dem sogenannten „Groß^ London", wird ein Hektar Land von durchschnittlich 160 Menschenj bewohnt. Faßt man endlich den 1795 Hektar großen, von 7 429 740 Menschen bewohnten „Polizeidistrikt London" ins Auge, so sinkt die Dichtigkeit der Bevölkerung auf 42 Köpfe pro Hektar. Fürs Pafis mit einer Bevölkerung von 2 763 000 Menschen auf einem! Flächenraum von 7802 Hektar ergibt fick) eine Bevölkerungsdichtigkeit von 354 Personen auf jeden Hektar, an der sich nichts zum Besseren wenden wird, so lange die Landesverteidigung sich! nicht entschließt, die bereits heute gänzlich nutzlosen Befeiriguugs- werke aufzugeben.
Ist es nun in der französischen Hauptstadt' der Befestigungsgürtel, der den Lech der alten Lutetia rote mit einer eifern eie Schnürbrust umschließt, so sind es in Berlin die in der Bebauung weit vorgeschrittenen nächsten Vororte, die ähnlich ungünstige Verhältnisse wie in Paris gezeitigt haben. Einem Flächenraum vom rund 64 Quadratkilometer steht eine Bevölkerung von 2 064 1531 Köpfen gegenüber, von denen sich je 331 in einen Hektar Boden- släche teilen müssen. In Wien, das seit der großen Stadterweite- rnng vom Jahre 1890 einen Flächenraum von 181 Quadratkilometer umfaßt und 2 108 000 Einwohner zählt, kommen aus ein Hektar zwar nur 116 Bewohner, das große Areal der Stadtgemeinde rechtfertigt aber keineswegs den Schluß auf das Ob- toalten besonders guter Wohnverhältnisse, >veil weit über dis Hälfte der ganzen Fläche überhaupt noch nicht in Bebauung ge- itvmmen sind und die Wohnungshygiene in den dichtbewohnten alten Stadtteilen nichts weniger als mustergültig sind. In SanÜ Petersburg, das bei einer Bevölkerung van 1 573 000 Personen einen Flächenraum von 859 Quadratkilometer umfaßt, kommen auf ein Hektar zwar nur 185 Bewohner, von denen sich jedoch der weitaus größte Teil auf ein Drittel des städtischen Areals zuq sammendrängt, so daß geradezu heillose Wohnungszustände di« Regel sind. Von den außereuropäischen Weltstädten bedeckt New- Bork, die weitaus größte unter ihnen, 823 Quadratkilometer und! zählt 4 338 000 Einwohner, von denen also durchschnittlich je 53 ein Hektar bewohnen. Für Chicago mit 2166 00 Bewohnern auf 498 Quadratkilometer ergibt sich eine Wohnungsdichtigkeit von 44 und für Buenos-Aires mit 1 242 000 Einwohnern auf!82 Quadratkilometer eine solche von 68 Köpfen. Die größte Stadt Asiens endlich, Peking, mit 1600 000 Einwohnern auf 779 Quadratkilometer weist eine Wohnungsdichtigkeit von 208 auf den Quadratkilometer auf. O. K
Die weiße §rau am Kongo.
Zum zweiten Male wurde vor kurzem König Albert die Renke ausbezahlt, die der belgische Staat jährlich dem regierenden Könige noch fünfzehn Jahre lang als Entgelt für die Einverleibung des ehemaligen Kongostaates zu entrichten und die dieser wiederum, entsprechend der Verpflichtung seines Vorgängers Leopold II., für gemeinnützige Werke zu verwenden hat. Unter diesen Werken nun befindet sich eines, das König Albert allein sein Entstehen! zu verdanken hat und das sowohl von großer humaner wie zivtlj- satorischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist. König Albert entschloß sich nämlich, jährlich 50 000 Franken für die Akklimatisierung! der weißen Fran im Kongostaate auszusetzen.
Es wäre zwar falsch, anzunehmen, daß die Europäerin bisheZ im Kongo unbekannt gewesen sei. Abgesehen von den frommen Schwestern, die sich dort unten heldenhaft der Bekehrung der Schwarzen, ihrem Unterricht und sonstigen Werken der Zivilisation opfern und meist mit dein Leben ihre jahrelangen Kämpfe gegen das mörderische Klima bezahlen —, zählt die Geschichte des Kongostaates wohl einige gute Dutzend Belgierinnen, die seit 1892 Fran! Van Kerkhove als erste das Beispiel gab, ihren Männern nach Afrika folgten uitd meist, nach gewöhnlich zweijährigem Aufsnt- halte, gesund und frisch heimkehrten. Schott der zeitabhängige Kongo- ftaat hatte die Notwendigkeit begriffen, die verheiratete Europäerin heranzuziehen. Der Staat bezahlte die Rückreise, den Frauen höherer Offiziere und Beamten mitunter auch die Hinreise von Antwerpen nach Boma. Wie Fritz Vanderlindeit in seinem; interessanten Buche „Der Kongo, die Schwarzen und wir" erzählt, wurde früher dem Gatten für den Unterhalt seiner Frau an Bord der Dampfer auf dem oberen Kongo nie ein Pfennig in Rechnung gestellt. Erst 1908 verfügte man, daß die Frauen gleich den Männern für die Mahlzeiten an Bord der Sternwheels täglich zwölf Franken zn entrichten hätten. Daraufhin aber erhob fick) ein solcher! Sturm der Entrüstung unter den Kongolesen (so nennt man die am Kongo diensttuenden Europäer), daß der Staat diesen Pensions-


