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Aus dem Jahre 1866: Die Besetzung Gberhessens durch Preußen?)
Durch die schleswig-holsteinische Frage war der bereits bestehende Gegensatz zwischen Prenßen und Oesterreich offen »utage getreten. Die Zukunft mußte die Entscheidung über die Frage bringen, wer die Borherrschaft in Deutschland führen sollte. Ein Krieg zwischen Preußen und Oesterreich stand bevor. Schon im Frühjahr 1866 sah man in den einzelnen deutschen Staaten mit Spannung den kommenden Ereignissen entgegen. So auch in Gießen. Sün 16. April erließ das „Sichte s w i g-h o lste in is ch e C o mi.t ö" sov-, «enden Aufruf: „Durch die Schuld der Regierungen der Bormächte Oesterreich und Preußen stehen wir am Vorabend eines Bürgerkrieges. Es ist die heilige Pflicht jedes Deutschen, das ©einige dazu beizutragen, daß einem so großen nationalen Unglück vorgebeugt wird. Ist die Nation einig, so darf ihrem Willen keine Regierung ungestraft ent-
*) Benutzt: .Ausgeschiedene Polizeiakten.
bet Händler heran. Der Opa stand in ihrer Mitte, kerzen- grade, nur leicht auf seinen Stock gestützt. Er hörte zu und ließ die andern schwatzen. Kothe erzählte, daß er den größten Teil des Lagers der Firma Helldorf aufgelaust habe, dabei noch ein paar Hundert Flaschen Mäuerchen- verg und Klostereck aus dem famosen Jahre 1893. Rickert hatte gehört, daß Diane Helldorf die Beendigung des Konkurses in Berlin abwarten wolle. Mit ihr sei übrigens auch Monsieur Duvinage, der Fechtmeister, aus Wiesbaden verzogen, und man munkelte davon, daß die beiden sich wohl finden würden. Daun wurde über die Erntehoff- nungen gesprochen. Nidderkvpp schimpfte wie immer. Die letzte Regenperiode hätte die günstigen Sommerausfichten arg beeinträchtigt; er behauptete, schon jetzt gingen seine Trauben in Rohfäulnis über. Herr Beuermann widersprach dem; die Stimmen wurden lauter. Ein geistlicher Herr ging grüßend vorbei. Man lüftete die Hüte. Es war der Pfarrer Wediger, der einen Amtsgenossen von der Mosel erwartete.
Nun pfiff es. Der Zug wurde sichtbar. Eine fliegende weiße Wolke zerteilte sich zwischen den Rebenhügeln. Fritz stand am Coupefenster und winkte. Ein Hurra empfing ihn; die Konkurrenz begrüßte ihn mit neidloser Freude. So schien es wenigstens. Ein Dutzend Hände streckte sich ihm entgegen.
Fritz war nicht in der Laune, sich über die Ehrlichkeit der Gesinnung seiner lieben Freunde Skrupel gn machen. Qhe war glücklich, wieder daheim zu fein. An diesem Abend saß er noch lange mit dem Opa zusammen, und das Erzählen ging nicht zu Ende. Auch trübe Momente kamen. Der Kommerzienrat hatte in einer Irrenanstalt untergebracht werden müssen; die Krankheit machte rapide Fortschritte, aber er selbst merkte nichts davon: das Licht Der Wahrheit war in seinem armen Hirn erloschen. Die Scheidung war ausgesprochen worden; vielleicht hatte sie bereits ihren spanischen Edelmann geehelicht und damit das letzte Band gelöst, das sie noch mit dem Rainen Friedel verknüpfte.
So saßen Ahn und Enkel sich gegenüber. Was dazwischen lag, war eine leere Strecke. Aber über diesem Stück Lebensöde spannen sich elastische Fäden vom Alter zur Jugend. Bei dem jubelnoeit Glück seines Enkels' wurde auch der Großvater warm. An seiner harten Natur rührte ein linderes Empfinden: ein Gefühl der Dankbarkeit darüber, daß der Triumph des Gelingens auch ein Triumph des Herzens war.
Der Alte freute sich, die Schwiegertochter in seinem Hause aufnehmen zu dürfen. Es galt nur noch, das obere Stoawerk behaglich einzurichten. Das Mobiliar ihre: Zimmer aus der Villa in Epernay hatte Andröe schon avge- fchickt. Dora Kesselholz überwachte die Arrangements und war der gebietende Geist über eine Kolonne von Tapezierern, Tischlern und Maurern. Sie war glücklich in'ihrer von keinerlei Ehrgeiz bedrängten Anspruchslosigkeit. Bei dem Umschwung der Dinge hatte Feßler sich entschlossen, der Firma treu zu bleiben. Und das war ganz gescheit; denn für die „große Kunst" reichte Jein Talent nicht aus. Für Dora aber war die Hauptsache, daß man nun int schönen Rheingau blieb. —।
«Schluß folgt.)
gegen handeln. Ueberaff im deutschen Vaterlande spricht das Volk ein verdammendes Urteil über die Männer aus, welche die Kriegsgefahr herbeigeführt haben. Ihnen handelt es sich nicht mehr um den Besitz Schleswig-Holsteins, sondern um die Unterjochung Deutschlands. Auch wir wollen ihre Politik als eine verderbliche verurteilen. Zu diesem' Zwecke laden wir die Bewohner Gießens, welche polifische Richtung sie auch verfolgen mögen, zu einer Versammlung und Beratung auf Dienstag den 17. April im Cafo Leib hiermit ein." Das Kreisamt verfügte an die Polizei, der Versammlung kein Hindernis in den Weg zu legen. In der Versammlung ging es ziemlich lebhaft zu. Parlament und Volksheer bildeten den Kern der Reden. „Für dte Abschaffung des stehenden Heeres wurde mit vielen scharfen Worten votiert."
Am 14. Mai wurde bei der hiesigen Polizei gemeldet, daß ein Zug preußischen Militärs von Gundershausen bei Kassel eintrefsen werde; man wisse jedoch nicht, ob das Militär für Wetzlar oder Gießen bestimmt fei. Das Kreis- amt bestimmt, daß nach der Konvention mit Preußen der Durchmarsch gestattet werden solle, die Einquartierung dürfe sich aber ntcht länger als einen Tag ausdehnen; sonst sei die Sache bedenklich. Das preußische Militär kam auch auf längere Zeit nach Wetzlar. Durch diese Einquartierung kamen in den hessischen Grenzorteu, wohin sich dte Soldaten am Sonntag begaben, öfters Exzesse vor.
Am 14. Juni wurde durch Beschluß des Buitdestages in Frankfurt das deutsche Bundesheer gegen Preußen mobil gemacht. Am 16. Juni rückte General v. Beyer von Wetzlar aus über Gießen nach Kassel, das er schon am 19. besetzte. Am 23. Juni erläßt das Großherzogliche Ministerium des Innern eine Verfügung an die Kreisämter, daß das Polizeiamt alle 2 Tage an das Kommando des 8. deutschen Armeekorps in Darmstadt über alle Bewegungen der feindlichen Truppen Bericht erstatten solle. Am 25. Juni wird die Einziehung von Erkundigungen nochmals dringend empq fohlen.
Nach der Besetzung von Frankfurt am 15. Juli durch General Vogel von Falkenstein wurde auch Oberhessen von preußischen Truppen besetzt. In Gießen wurde eine preußische Zivil-Verwaltung eingerichtet. Am 29. Juli erläßt der Königlich Preußische Zivil-Kommissarins, L a n d r a t v. Br i e s e n, folgende Bekanntmachung: „Nachdem die Occupation der Großh. hessischen Provinz Obcr-i Hessen durch die Königlich-Preußischen Truppen erfolgt ist. bin ich als Ci v i l-C om m i s s a r iu s für dieselbe durch das Königl.-iPreußische Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten bestellt und angewiesen worden, die Civil- Berwaltung dieser Provinz unter Autorität deA Oberbefehlshabers der Main-Armee, Herrn Generallieute-i nant Freiherrn v. Manteuffel Excellenz, einstweilen zu führen.
In Abwesenheit Sr. Exeellenz des Herrn Oberbefehlshabers bringe ich dieß hiermit zur Kenntniß der sämmtlichen Behörden und Bewohner der Großh. Provinz Oberhessen mit dem Bemerken, daß die Verwaltung heuts von mir übernommen ist und nach den bestehenden Landes- gesetzen geführt werden wird, soweit die Kriegführung und die Sicherheit der Königlichen Truppen nicht einen Aus-i nahme-Zustand bedingen, und daß die Occupation nicht! gegen die Bevölkerung, sondern gegen die Großherzogliche! Regierung gerichtet ist.
Dagegen spreche ich die Erwartung aus, daß die Behörden und Bewohner sich unweigerlich den Anordnungen Sr. Exeellenz und der meinigen unterwerfen werden und füge die Bitte hinzu, daß dieß mit Vertrauen geschehen! möge."
Am 31. Juli teilt das Polizeiamt der preußischen Landesregierung zu Homburg mit, daß 6 Per-i fönen ermittelt worden seien, die die Bekanntmachung abgerissen hätten. Die preußische Zivilverwaltung forderte von den Beamten Oberhessens die Unterzeichnung nachstehenden Reverses: „Wir erklären uns bereit, den Anordnungen der Königlichen Administration, unbeschay bet des dem Allerhöchsten Landesherrn geleisteten Diensteides, unter den obwaltenden Umständen unweigerlich nachzukommen und Alles zu unterlassen, was die Interessent der Königlich-Preußischen Landesregierung beeinträchtigens könnte." In den Akten findet sich dabei die Bemerkung: „Ich habe die Ausstellung dieses Reverses verweigert undi denselben niemals unterzeichnet. Rover, Polizeirat."


