Mittwoch den H. Dezember
1910
W
Friedel halb-süß.
Noman von Fedorvon Zobeltitz.
lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Drei Tage später konnte der Epernayer Moniteuv triiunphierend verkünden, daß das .Hans Most und Chandon die Firma Miquelon et fils käuflich an sich gebracht habe. Gottseidank, die Ehre der Champagne war gerettet! Wer es kam noch besser: die Komteß Andree d'Hoche hatte auch ihren gesamten Privatbesitz qn Liegenschaften, einschließlich der Meierei, des Jagdschlosses La Vitrine und ihres Palais, an den Grafen Chandon verkauft. Man nannte sogar bie Preise: sie waren fabelhaft hoch, aber falsch. Und mnl vollzog sich merkwürdigerweise abermals ein Stimmungswechsel in dem Schaumweinstädtchen: Fritz würde wieder mit freundlichen Augen angesehen, und als der junge Graf Chandon ihm eine Frühstücks einlad un g in das Hotel schickte, verneigte der Wirt sich fast bis zur Erde. Er hatte feinen inneren Frieden tvieoergefunden.
Am 17. September reiste Fritz ab. Andree und Madame Bailloud waren auf dem Bahnhofe, der seines guten Büfetts halber auch von den Einheimischen viel besucht wird. Mämriglich kannte die Konlteß, kannte auch ihren Bräutigam, lind als es zum Abschiednehmen kam, war Frch ein klein ivenig verlegen und ließ seinen Blick etwas uu- ^111^ Madame Bailloud und die übrige Menschheit!
isen. Andree merkte das und rief heiter: „Fritz, sei nicht feig! Ob es hiesige Sitte will oder nicht: ich verlange einen Kuß von dir. Zweihnndert Leute haben den erste» gesehen —- was kommt es daraus an, ob sich noch dreißig mehr entrüsten!" — Und so fielen sie sich in die Arme und küßten sich, und keine Tugend litt —chiss- brnch dabei, —i
Auch auf dem Schrattsteiner Bahnhöfe ging es lebhaft zu, als Fritz heimkehrte. Auf Schloß Jgelsberg hatte gerade eine Weinprobe stattgefunden, und es hatte sick verbreitet, daß Frch mit dem Nachnnttagszuae eintreffen werde. Da warteten denn der Bauer Nidderkopp und der lauge Rickert, der Weinhändler Koche und der Agent Ringer, der kleine Ottmann und auch Herr Fridolin Beuermamq auf dem Perron und wollten den Heimkommenden begrüßen. Denn die Fama hatte nicht geschwiegen; es war schon bekannt geworden, welchen großen Sieg Friedel halb-suß errungen hatte, einen Sieg, iiber den sich der ganze Rherngau freute. Miquelon fils hatten nicht nur die weltberühmt gewordene Klage reumütig zurückgezogen: der Sieger hatte sich auch lohnende Beute erstritten. Ei, was schwatzte man darüber im grünen Gau! Ein ganzer Kerl, der Fvchi Friedel. Vom Sattel auf den Kontorbock, .und mm dieser schneidige Husarenritt in des Feindes Land! Jeder wußte etwas anderes, keiner etwas Gewisses, aber alle hatten die Glocken läuten hören, daß er auch die Niedertracht
Run humpelte der Opa auf den Perron. Kesselholz! folgte ihm, dann kamen Feßler und Dora. Die Wemhand- ' ,, ~ C .. V X. ..«.«K /Ti fi« t-vt\ rh £
ter traten grüßend näher; Scherzworte und Glückwunsch flogen hin und her. Der Opa strahlte. Er hielt den Kops stramm im Nacken, als sei er noch ein Vrerzrger« Auch er sah wie ein Sieger aus, und es schien ihn M genieren, daß er den gichtischen Fuß uachziehen mußte. Fritz hatte ihm erst vor ein paar Tagen seine Verlobung! angezeigt; er hatte zugleich ausführlich geschrieben, wie alles liege und sich entwickelt habe, und auch von , der Familienchronik des Grafen Ernest Hoche hatte er erzählt. Das war nun eine besondere Freude für den.Opa. Daj hatte man immer von dem alten Hader der Häuser Miquelon und Friedel gefabelt, und schließlich lag die Sache so/ daß die Hoches den Friedels noch dankbar fern mußten« Schade, daß die Veuve Miquelon die Verlobung ihrer Urenkelin nickt erlebt hatte; es war sozusagen die Revanche da ür, daß man den Erfinderruhm der „Remuage“ einem Angestellten der Firma Friedel gestohlen hatte. Der Opa war ein närrischer alter Herr. Als er den Bries Fritzens erhalten hatte, war er in sein Kellersmiktuarium hinab- gestiegen, hatte den Korken einer Flasche Excelsior springen lassen und das volle Glas gegen das verblichene Dagnerreo- typ an der Wand geneigt. „Nun sind wir quitt, Gottfried Hoch," hatte er dabei gemurmelt; „ich trinke aus dein Andenken und auch auf das deine, Nikodemus Keßel- holz. . . ." Und darum hatte er die Flasche mutterseelen- allein geleert, und es bekam ihm g»t.
Sonst hielt er nicht viel von Empfindungen. Sinn- mungen überwand er gern; sie unterjochten die Stahlkraft der Seele. Er nickte wohl freundlich zu dem, was Fritz ihm über sein Herzensglück schrieb; aber die M cklwneich die Andree in die Ehe brachte, interessierten ihn mehr« Da rieb er sich die Hände und schlug sich auf den Schenkel/ und dann ging er hinüber zu Kesselholz, und nun sielen die beiden alten Menschen sich um den Hals, und Durch die die Szene beobachten konnke, war ganz starr vor Verwundern. In ihrer lieben Unschuld stieg ihr ein Tranchen ins Auge, und da Feßler gerade im Hause war, eckte sie stracks zii ihm und herzte ihn tn Begeisterung al>, wogegen er sich keinerlei Abwehr erlaubte. Uebrigens wollt« man nkch der Weinlese heiraten. ,
Der Bahnhofsvorsteher trat grüßend an die Grupp«
zu Falle gebracht hätte. Der Direktor Lesfon war m Zürich verhaftet worden; das hatte man aus den, Zeitungen erfahren. Und nun zeigte sich auch Graf Eldringen: nicht mehr. Das ewig lächelnde Gesicht mit der zu kurzen Oberlippe und den breiten Zähnen war verschwunden« Einige wollten wissen, er habe die Scheidung gegen seins unheilbar kranke Frau eingeleitet und sei in England auf. der Jagd nach einer Mitgift. Aber der Oekonomierat Drehe« war ihm noch vor einigen Tagen in Paris begegnet, jedenfalls schien er den Gau meiden zu wollen, und barnbe« war man sich einig: er tat recht daran.


