Ausgabe 
14.11.1910
 
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und Vorschußverein gegründet, welcher Yente noch besteht. Im Jahre 1876 ivurde die Straßenbeleuchtung (Petroleumlaternen) eiligeftlhrt. Bei der im .Jahre 1884 durch freiwillige Gaben erfolgten neuen Vergoldung des Kirchenkuöpfes unb des Kreuz.es befanden sich in ersterem alte vermoderte, meistenteils unlesbare Papiere. Bei den in den Jahren 1882 bis 1889 abgehaltenen tzrühjährsmärkten fanden Verlosungen und Prämiierung von Vieh- und landwirtschaftlichen Geräten statt. Im Jahre 1902 wurde die Bahnstrecke LollarLondorf erbaut und erhielt Allendorf dadurch Bahnstation. Am 4. Juli 1904, morgens gegen 2 Uhr, brach Feuev ans und brannten die Gebäude des Kaufmanns Reuning in der Treiserstraße vollständig und noch einige Gebäude in der Marktstrasfe teilweise ab. Im Jahre 1905 wurde eure Hochdruckwasserleitung für die Stadt Allendorf von der Firma I. A. Brand jun. in Kassel erbaut. _ , . .

Gegenwärtig findet die Erbauung eines neuen Schulhauses statt, welches noch im Laufe des Wintersemesters vollendet imd wahrscheinlich int Frühjahr 1911 bezogen werden soll. Ferner findet in der Gemarkung Feldbereinigung statt.

Nach der Volkszählung vom 1. Dezember! 1905 beträgt die Zahl der Einwohner Ullendorfs 1125 und zwar 1037 Lutheraner und 88 Israeliten. An Schulen sind drei lutherische mit 202 Schülern vorhanden; außerdem existiert noch eine Handwerkersonntags- z eichenschule. Die Stadt Allendorf hat eine evangelisch- lutherische Kirche. Ferner sind dort ein Betsaal der ölt- lutherischen sogenannten Zionsgemeinde und .. ein« Israelitische Synagoge vorhanden. . An Ss-rettten bestehen zurzeit ein Man gerars njsgmrej u, gegründet 1906, ein Kriegerverein, gegründet 1881, ein Radfahrerverein, gegründet 1905, ein Turnverein, gegründet 1907, ein Viehkasseverein, eme Bürger- stiftung und ein Ortsgewerbeverein, gegründet 1909. Allendorf besitzt ferner eine Postagentur und Telegraphenstation. Zum Schlüsse bemerke ich noch, daß sich dieStadt" durch schwere Schick- sale nie ganz erholen und zu einer bedeutenden Größe erheben konnte, wozu ihr Aussicht geboten war.

Krieg, Pest und besonders Brandunglücke untergrichen alle Bemühungen und jeglichen Aufschwung.

Ich gebe diese wenigen Notizen über Allendorf an der Lumda mit dem innigsten Wunsche wieder, daß der liebe Gott die Gemeinde Allendorf cm der Lumda mit allen ihren Gliedern unter seinen heiligen Schutz nehmen und für jetzt und für alle Zukunft reichlich segnen möge.

Die grau im Mittelalter.

Tie Geringschätzung und Verachtung der Frau im Mittelalter ist von der Wissenschaft bisher als ein unbestreitbares Dogma auf­genommen worden; trotz aller Frauenhuldigttng und Idealisierung, wie sie sich im Minnedienst und in der ritterlichen Lyrik ent­faltet, habe man in dem schönen Geschlecht die Teufelin gesehen, die Eva des Paradieses, ohne die Adam immer ein Heiliger ge­blieben wäre und die Erlösung nicht notwendig geworden sei.

Gegen diese aus vielen Stellen der poetischen und kirch­lichen Literatur belegte Anschauung wendet sich nun Prof. Heinrich Finke in einer AbhandlungDie Stellung der Frau im Mittel- alter", die er in der von Prof. Hinnebercf herausgegebenen Jnter- uattonalen Wochenschrift veröffentlicht. Zunächst hebt er hervor, daß die Literatur aller Zeiten fast ganz durch Mannesgedanken entstanden und von Männerhand niedergeschrieben sei. In jeder Epoche und in jedem Schrifttum hat demFrauenlob", rote das Mittelalter einen begeisterten Verherrlicher der Frau nannte, der Weiberfeind gegenüber gestanden, und unser Zeitalter, in dem die Befreiung der Frau und ihr Ansehen so hoch entwickelt sind, hat die grimmigsten Frauenhasser, einen Schopenhauer, Nietzsche, Meininger oder Strindberg gesehen. Gut und böse ist stets über die Frauen geredet worden, und gerade die Wut, dte gegen das Weib gerichtet wird, spricht von dem stärksten Einfluß, den sie auf den Mann ausübt. Bon der asketischen Denkrichtung des Mittelalters, die die Jungfräulichkeit über die Ehe stellte, geht der stärkste Impuls der Frauengegnerschaft aus. Aber wenn ein Bischof auf dem Konzil von Mucou behauptete, die Frau dürfe nicht Mensch genannt werden, oder die Frage aufgeworfen wurde, ob das Weib eine Seele habe oder nicht, so sind das allein­stehende Sonderbarkeiten, zu denen wohl mißverstandene Aeußcrun- gen des A m b r o s i u s und Augustin, nach denen die Frau nicht nach dem Ebenbild Gottes geschaffen set, Anlaß gegeben haben. Die Lehren der Scholastiker, die hauptsächlich von der berühmten Stelle im Briefe des Paulus an die Epheser ausgingen, bemühten sich, den äußeren sozialen Vorrang des Mannes auf­recht zu erhalten und damit doch die persönliche innere Gleich- werttgkeit der Geschlechter in Einklang zu bringen. So wurde von dem wichtigsten und maßgebendsten Scholastiker Thomas von Aquino betont, daß vor Gott die beiden Geschlechter gleich seien. Der von Paulus hervorgehobene Vorrang des

Mannes sei etwas Nebensächliches, komme erst in g tratet ßintL Andererseits aber stellte Thomas den Mann als den MaßstaH für das Weib hin und betont, daß die Frau nurein verstüu« melier Mann" sei, womit er aber keinen Mangel bezeichnet habe« will.

Aus dieser etwas gezwungenen Darlegung des großen Lehrer» haben dann Andere weitgehende, für die Frau höchst ungünftige Folgerungen gezogen. So äußert sich sein berühmter Schüler Aegidius Colonna, die Frau seiein böses Kraut, ba# schnell wachst", sie werde eher reif, weil die Natur sich weniger um sie kümmere, sie sei unenthaltsam, geschwätzig, veränderlich, windig, hochnäsig und höchstens, wenn sie fromm sei, weichherzig und mitleidig. Noch schlimmer geht der heilige Antonin Do« Florenz in seinem Alphabet von den bösen Weibern vor; aber es ist dabei zu bemerken, daß er, wie auch andere kiuch- liche Schriftsteller, die Schale seines Zorns nur über di« schlechten Weiber ausgießt, während tr die guten lobt. So geht auch neben der Verdammung und Schmähung der Hexe« und gottlosen Frauen, die stets so stark hervorgehoben werden, eine viel weniger beachtete Anerkennung des weiblichen Geschlechte» her, insoweit es fromm und Gott wohlgefällig ist. Vor allem ist aus den Predigten, in denen die Priester so scharf die Unsitte« verurteilen, keine Verachtung der Frau herausMlxseV,.das schwach« Geschlecht trifft hier ein komisch-gemütlicher Tadel, über den die Zuhörerinnen-.selbst nm meisten gelacht haben mögen. So wen« feit Westfale Dietrich Vrye im Anfang des 15. Jahrhunderts auf der langen Damenschleppe lauter lachende Denfelchen sitzen sieht, die eifrigst den Straßenstaub sammeln, oder wenn er daS bekannte Beispiel der Eitelkeit anführt, daß die Frau an keinem Fenster ober Spiegel Vorbeigehen könne, ohne sich darin zu be­schauen. Typisch für diese gutmütige Verspottung der Frau ist Die Auszählung der weiblichen Fehler durch einen französischen Prediger, der vor allem ihre Plaudersucht schildert; daher habe auch Christus bei seiner Auferstehung der Frau, der er erschien, anbefohlen, das wundersame Ereignis überall zu verkündigen, den« er wußte, wie gut sie den Auftrag aussilhren werde. Die derb« Verspottung der Frau, die nach der Verhimmlung der Ritterzeit in allen Literaturen einsetzt, ist als ein notwendiger Rückschlag an* zusehen, mit der sich das aufstrebende Bürgertum, gegen die sentimentale Idealisierung wendet. Eilte besondere Eigentümlich­keit des Mittelalters wird man in diesen derben Schnurren und Schwänken, in der griesgrämigen Bitterkeit, mit der der alte Boccaccio über die Frauen herfällt, in dem sarkastischen Hohn des Jean le Meung, der int zweiten Teil des RosenromanS ein Gegenbild zu der minniglichen Stimmung im ersten bot, in dem überlegenen Humor Chaucers nicht sinden können. Hat doch der Aegyptologe M a s p e r v die Achnlichkeit der Schwänke im alten Memphis mit denen des Mittelalters nachgewiesenl All diese literarischen Aeußerungen geben kein rechtes Bild von der Welt der Praxis. Hier standen Frauen und Männer in tätiger Arbeit nebeneinander, und selbst in asketischsten Kreisen gewann der Gedanke von der Minderwertigkeit der Fran nicht in allem Geltung. Als z. B. Ende des 11. Jahrhunderts der Bußprediger Robert von Abryssel den Orden von Fontevrauld schuf, da wurden Doppelklösler eingerichtet, in denen Mönche und Klosterfrauen nebeneinander sich der Krankenpflege und Wohltätigkeit widmeten. Die Leitung und Verwaltung der ganze« gewaltigen Organisation, der sich mehr als hundert Klöster mit tausenden von Männern und Frauen angeschlossen hatten, lag in den Händen einer Aebtissin, ihr mußten auch die Priester gehorchen. Jedenfalls kann von einemSklavengesühl der Frau" oder von ihrer allgemeinen Mißachtung im Mittelalter nicht die Rede sein.

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummert

Auflösung der Charade in voriger Nummer: Trauerweide n.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckereh R. Lange, Gießen.