Ausgabe 
14.11.1910
 
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.. *) Nach Sturinfels ist der Name entstanden aus Alden- vorfe, Aldendorph = zum alten Dorfe, im Gegensatz zu beut UeuMauten. Tie Schristltg.

Beschreibung und Geschichte

-er Statt Allendorf an -er Lumda.

t Von Heinrich Döll in Mendorf a. d. Lda.

Schon von ferne werden die Wanderer freundlichst gegrüßt von Bem im Tale an dem Bach Lumda liegenden Städtchen Allen- dorf mit seinen obstreichen Gärten und üppigen Fluren, die wieder vielfach, namentlich südlich und nordwestlich, von schön Bewaldeten Hergzifaxu umrahmt such.

Durch fruyM Ausammenziehüttg verschiedener Ortschaften in ein Dorf erhielt es den Namen Allendorf (all ein Tors).*) lieber hie eigentliche Entstehung Allendorfs schwebt ein Dunkel, das Nicht gelichtet werden kann, da durch die großen Franzosenbrünste ibie vorhandenen Urkunden Über die frühere Zeit Allendorfs ver­nichtet wurden. Der Name Allendorf kommt jedoch schon im Lahre 786 n. Chr. vor und das Dorf gehörte wohl zu den ältesten Besitzungen des Landgrafen von Hessen. Es war schon int Jahre 1323 unter Landgraf Otto I. (Heinrich I. Sohn) ein Flecken tunb wurde im September 1323 von der Pfarrei Winden (Winnen) losgelöst und erhielt eigne Pfarrei. Der Ort Möllenbach mußte jfür die Loslösung von der Pfarrei Londorf Einhundert Gulden ian die Kirch en kaffe Londorf zahlen. Seit 1323 erhielt Allen­dorf Marktröcht'e iittS es fand jeden Mittwoch ein Wochenmarkt Statt, der später auf Donnerstag verlegt würde.

Durch die im Jahre 1365 von dem auf dem Schlosse Notmck residierenden Landgrafen Heinrich dem Eisernen (f 1376) und Seinem 1367 kinderlos verstorbenen Bruder Hermann erhaltenen KSttoEiterungen, durch Vertausch von den Orten 1. Todenhausen ton die adligen Geschlechter von Milchling und 2. Möllenbach an die Freiherrn von Rabenau und dadurch erfolgte Ueberlafsnng der diesen beiden in Allendorf zustehenden Gebäude, sowie Er- dauung von neuen Gebäuden konnte es bereits am 2. M ärz 1370 pon Landgraf Heinrich II. zur Stadt erhoben werden. Es Befreite damals seine Einwohner auf sechs Jahre von Beed, Dienst und Schatzung, unter der Bedingung, daß sie eine be­stimmte Summe zur Erbauung einer Stadtmauer bezahlen sollten. IDie Gerichte Lollar und Ebsdorf, sowie die Aemter Homberg !und Burggemünden mußten Hilfe leisten. Dieses Werk war «noch nicht vollendet und schon wurde die Stadt im Jahre 1371 von dem Herzog Otto von Braunschweig und dem Grasen Johann von Nassau überfallen, geplündert, die Einwohner gefangen genommen und weggeführt; 16 Personen starben in Ken Gefängnissen.

Kaum war die Ordnung iuteber hergestellt, so wurde die Stadt im Jahre 1385 von Bischof Kilian von Mainz be­lagert, der jedoch, ohne großen Schaben angerichtet zu haben, wieder abziehen mußte. Freiherr Conrad von Sch Weins­berg hatte die Führung dieser Belagerungstruppe und sein Hanptstarchquartier in der sogenannten Schweinskaute (heute noch vestehende Gewannbezeichnung).

, Am 3. August 1479 zündete ein Blitzstrahl und in kaum! Brei Stunden brannte die Stadt bis auf einige Gebäude ab; touch das Rathaus mit den darin befindlichen Akten wurde ein Raub der Flammen. In den Jahren 1483 und 1575 war ein grostes Pestilenzsterben und erfolgte darauf immer große Hungers- lnot (1575 starben von 1100 Einwohnern 700, so daß nur noch '400 am Leben blieben). Im Jahre 1486 wurden die Führer des Rats »gesetzt; doch erfolgte deren Einlösung bereits im Jahre 1488. Der Stadtgraben (Wallgraben) wurde im Jahre 3.525 infolge untertänigster Bitte des Stadtrats bei dem Land- Mafen Philipp wieder zugeworfen. In den Jahren 1500 bis 1600 ist Allendorf von Bränden und Kriegsvölkern ziemlich verschont Beblieben.

Am 6. Mai 1603 morgens zwischen 10 und 11 Uhr brach -am Kirchberg in Johs. Schale Scheuer eilt Brand aus, welcher sich bis in die Mühlgasse ausdehnte und 56 Gebäude einäscherte. Der Brand entstand durch Brandstiftung eines Weibes, welches gefangen genommen wurde und später int Gefängnis starb. Im Jahre 1606 wurde der erste kalvinische Prediger eingeführt.

Am Pfingfamstag 1624 ist Allendorf mit einem evangelischen Prediger versehen worden. 14 Tage vor Ostern im Jahre 1625 land der erste Viehmarkt statt. An der Pest starben 1628 inner­halb eines Vierteljahrs 250 Personen. Sonnabend nach Ostern im Jahre 1634 verzehrte eine Feuersbrunst 34 Gebäude am Kirch­berg und in der Borngasse, sowie beit Turm in ber Stadtmauer !unb ließ nichts als Trümmerhaufen übrig. Vom 10. August 1635 bis Weihnachten 1635 starben 370 Personen an ber Pest.

Staffr® 1636 Donnerstag und Freitag vor Pfingsten ist vie Stadt von Landgraf Wilhelm von Hessen samt seinem Kriegs- volk ausgeplündert, das Vieh weggetrieben, die Frucht . ab- Beschnitten, vom Felde genommen und verdorben worden. Von

1636 bis 1646 ist Allendorf verschiedene Mal von Kriegsvölkern durchzogen, ausgeplündert und die Ernte usw. zerstört worden.

1646 hat Allendorf ganz leer gestanden, weil die Bürger famt ihrem Gesinde, da Gras und Früchte verdorben, nach Gießen und Marburg ausgewandert waren. 1694 Sonntag Exaudi nachts brach ein Brand aus und verheertei die ganze Marktgasse vom Rathaus bis zum Pfarrhaus, den größten Teil ber Ober- und der Muhlgasse, so daß den armen 1 Einwohnern nichts als die wüste Stätte übrig blieb. Abermals brach im Jahre 1706 Sonntag Jubilate gegen 3 Uhr nachmittags, ein Brand aus, welcher sämtliche nach dem Brand von 1694 aufgebauten und noch andere Gebäude einäscherte. Die Ein-, wohner hatten meistenteils nichts als ihr Leben davon gebracht.. Nach diesem! Brande traten fruchtbare Jahre ein, so daß es den Einwohnern sogar vergönnt war, sich etwas Geld zurück zu legen. Jedoch sollte dieses ersparte Geld nicht allzu große Freude bereiten, denn es brach schon am 17. Oktober 1728 ein ungeheuerer Brand aus, welcher Allendorf wie Sodom zu­richtete. Das Feuer brach bei einer armen Witwe in ber Unter­gasse nahe am Stadttor aus, ergriff rasch die nächstliegenden Gebäude und« in nahezu zwei Stunden standen etwa 200 Ge­bäude in Flammen. Gegen 4 Uhr nachmittags ergriff das Feuer die ganz von den Häusern entfernt, auf einem Hügel liegende Kirche, die von Grund auf ausbrannte; Glocken und Orgel zerschmolzen. Durch diese Feuersbrunst wurden das Pfarr-, frag' Schulz das Rathaus und noch 245 Gebäude eingeäschert, so daß nur Noll) geringere an der Stadtmauer

stehende Wohnhäuser nebst ihren Slstiiciichest stcheg bliehxn. Beim! Brand kamen vier Personen ums Leben. Wegen der grasten HW und des Rauches konnte an kein Löschen des Brandes gedacht werden. Das Lei diesem Brande angebrannte Obertor fiel am 26. Februar 1729, ohne Schaden anzurichtcn, um. Viele Leute wanderten nach diesem Brande aus. Durch Unterstützungen waren die zurückgebliebenen Einwohner im Stande, ihre Gebäude wieder aufzubauen. .

In dem Jahre 1761 wurde die Stabt öfters von französischen. Truppen durchzogen. Desgleichen wurde die Stadt in den Jahren 17931806 von französischen und preußischen Truppen belagert und hatte für deren Unterhaltung, sogar Stellung von Kleidungs stücken, Transportkosten usw. bedeutende Zahlungen zu leisten.. Kaum Ijntteit sich die Einwohner von diesen Zahlungen erholt, so wurde die totabt in beit Jahren 1813 und 1814 von russischen Truppen durchzogen und auch hierfür mußten bedeutende Summen aufgebracht werden. Die russische Wache befand sich auf bem Rathaus; die Sladtgemeinde selbst hatte 12 Manu dazu zu! stellen. Gegen 1800 wurde in der Gemarkung ziemlich Tabak angepflanzt. Auch ein Justizamt, das in späteren Jahren auf­gehoben und mit dem Landgericht Gießen vereinigt wurde, bestand damals in Allendorf. Jetzt gehört Allendorf zum Land- und Amtsgericht Gießen. Im Jahre 1813 war Oberstleutnant von Schwerin auf einige Zeit bei Christoph Dem und seine Truppen bei den sonstigen Einwohnern einquartiert. Ein Jahr danach (1814) kam die Landwehr auf und mußten die erwachsenen männ­lichen Einwohner von Allendorf in der Woche meistenteils dreimal exerzieren, was für dieselben eine große Plage war. Durch dieses Exerzieren wurde Sonntags öfters der Gottesdienst aus­gesetzt. Diese Landwehr war auch für die Einwohner mit großem Kosten verknüpft, da sich dieselben Gewehr, Tschako, Röcke, Hosen und Gamaschen usw. auf eigene Kosten anschaffen mußten, bis sie 1819 durch Abschaffung der Landwehr wieder davon befreit wurden. 1817 herrschte eine große Teuerung, so baß die Meste Frucht 4 sl. und die Meste Kartoffeln 1 sl. 12 fr. kosteten.

1821 wurden in Allendorf folgende Lokalverordnungen ein- geführt:

1. waren fünf Nachtwächter pro Nacht angestellt,

2. mußten vorhanden sein 36 Feuereimer, 12 Leitern, zwölf Hacken und 1 Laterne,

3. um zehn Uhr abends war Feierstunde mit Ausnahme von Spinnstuben, welche bis 11 Uhr bleiben durften,

'4, wer nach 12 Uhr nachts die Straße ohne Entschuldigung, (Heimgang vom Tanz usw. galt als .Entschuldigung) betrat, wurde bestraft,

5. ein Maß Bier mußte 14 Prozent und Branntwein 30 Proz. Weingeist enthalten,

<6. jeder, der Sonntags beim Kirchenläuten int Felde hütete oder Obst auflas, wurde als Feldfrevler bestraft, und

7, erfolgte nach Beendigung des Gottesdienstes Verlesung aller auf die Gememdeeinwohner Bezug habenden Bekannt­machungen.

Unterni 5. Juli 1827 wurde die letzte noch stehende Pforte! zum Abbruch versteigert.

Im Jahre 1845 wurde ein neues Schulhaus (1. Schnlch' gebaut und imterm 19. Oktober 1845 feierlich eingeweilst. In biesem Jahre wurde der Stadt von der Staatsregierung auch bas Privilegium ziu ber bestehenden Apotheke und Errichtung! einer Arztstelle erteilt. Am 9: Januar 1865 wurde ein Spar-