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F- er hatte sie am Arm zurückziehen müssen, ihr zuraunen: „üicht dahin, nicht dahin!"
Auf der letzten Bank hatten sie Platz nehmen müssen. Merkte Helene denn üicht, daß niemand neben ihnen sitzen wollte? Gott sei Dank, sie bemerkte es nicht! Sie war 'ganz unbefangen — aber er, er hatte alles bemerkt! Nur zu gut! Drehten nicht alle den Kopf lveg, um seiner: Gm<ß zu vermeiden? Zog es ihnen nicht in seiner Nähe- plötzlich so scharf, daß sie den Platz wechseln mußten? Pah, das bißchen Zugluft durch die Lücken der undicht gefügten Bretterwände, das war's nicht gewesen, das sie vertrieben! Ihn hatten sie meiden wollen, ihn hatten sie schneiden wollen!
(Fortsetzung folgt.)
Marie von Lbner-Efchenbach, die Achtzigjährige.
(1830 — 13. September — 1910.)
Als eine reife, vollendete und abgeklärte Beherrscherin der Mett blickt Marie von Ebner-Eschenbach an ihrem 80. Geburtstag auf die Unzähligen, die sie mit Glückwünschen nmdrängen, die. ihr Lob singen und ihre Kunst preisen. Sie gedenkt vielleicht nicht so der endlichen Freuden als der unendlichen' Leiden, die ihr die Dichtergabe gebracht, der dnnkle Drang nach Schönheit, nach Formen und Gestalten des Lebens, der ihr in die Wiege gelegt war. Was ist ihr, der Kämpferin, der Ruhm? „Berühmt möchte isH sein, sagst du und weißt nicht, was du redest," spricht ficjn einem ihrer letzten Bücher der Weisheit. „Berühmt sein, .heißt, mit nackten Füßen über ansgestreute Glasscherben dahin- schrcilen." Wie schwer hats der Künstlerin gerade ihre aristokratische Abknnst, die hohe Stellicng, die sie ohne ihr Zutun in der Gesellschaft einnahm, gemacht, sich zu dem eigentlichen Beruf und Inhalt ihres Seins durchzuringen. Und was für verführerische Irrlichter lockten zunr raschen Aufstieg: das große Drama nach Schillers und Grillparzers. Vorbild, der stolze Atem der Geschichte, das hohe Pathos des Verses! Aber es Ivar nur eine Kette von Enttäuschungen, die sich lastend um die Reihe ihrer Dramen legte; ihr Leben schien ihr damals „ein einziger unterdrückter Schrei"! Statt der ersehnten Lorbcerzweige ward ihr den dornigen Kranz von Agaven zuteil, den Stachelblumen, die sie später noch, auf ihres Ruhmes .Höhe, zum Symbol für ihr letztes künstlerisches Bekenntnis, ihren Renaissance - Roman „Agave", verwendete.
An ihren Freund Eduard Devricnt, der mit ihr so fest an ihre dramatische Begabung geglaubt hatte, schrieb sie mit 45 Jahren: „Mein Talent hat nicht gehalten, was Sie und ich uns einst davon versprachen; die Ungunst der Verhältnisse war größer, als meine, Fähigkeit, sie zu überwinden. Es ist eine schmale Ernte, die ich jetzt — so ziemlich am Ende meinen Laufbahn angclangt — einheimse . . ." Aber diese „schmale Ernte", die sie als kärgliche Frucht ihres heißen dichterischen, Bemühens traurig-resigniert dem Druck überantwortete, sie war crst der herrliche Beginn ihrer schriftstellerischen Entwickelung und die früheste vollendete Gabe ihres spät gereiften, aber nun, um so herrlicher ausgebildeten Talents.
Nicht als ob ihr jugendliches Streben, die deutsche Bühne zu 'reformieren, eine völlige Verirrung gewesen wäre! Auch ihre Theaterstücke verleugnen nicht das „höchst glückliche Ohr für den Vers, Gewalt des Ausdrucks, eine vielleicht nur zu tiefe Empfindung, Einsicht und scharfe Bcurteilungsgabe", die Grillparzer in den Gedichten des jungen Mädchens gefunden. Ihre bescheidenen Lustspiele, Märchenstücke und Gesellschastsdramcn, die dem kühnen Wagnis der historischen Trauerspiele folgten, bekundeten die treue und reiche Beobachtung, das feine Gefühl für die Wirklichkeit und die scharfe Charakterisierungskunst, die den edlen; Kern ihrer Begabung ausmachen; aber eine gewisse Neigung zu anmutiger Detaillierung, zur möglichst umfassenden und runden Modellierung ihrer Gestalten beeinträchtigte die drama- tische Wirkung. Diese Fehler verwandelten sich in Vorzüge, als sie sich nach harten Kämpfen zu dem Entschluß durchgerungen hatte, zur Novelle überzngehen, aber sie konnte ja gar nicht wählen; der Zwang der Gestaltung war mächtiger in ihr als der Wille. ।
Ihre erste Geschichte „Ein Spätgeborner", der ihre Meisterschaft schon verrät, entstand direkt heraus aus diesen seelischen Kämpfen um den Verzicht auf das Drama. Wie der selig-unselige Dichter ihrer Erzählung fühlte sie sich als „zu spät geboren, um etwas mehr zu erreichen, als eigene Klärung, als Fertigwerden mit mir selber, oder, um es in wenig Worten auszusprechen, Resignation, die nichts zu tun hat mit pessimistischer Kopfhängerei". lind noch 30 Jahre später klingt aus ihrem Künstler- roman „Agave" die wehmütige Erinnerung an das heiße Ringen Und hohe Streben ihrer Jugend hervor. Auf dem durch die Jahre eiserner Selbstzucht und unerbitterlicher Selbstkritik gedüngten Totenfeld ihrer frühen Sehnsüchte und Hoffnungen aber erblühte die schlichte, seelenvolle Blume ihrer Erzählungskunst.
Wir ahnen heute nur hinter dem harnwuischen Gleichmaß ihrer «ätze und der abgeklärten Güte ihres Weitblicks den liefern Born der Schmerzen, der aufgebrochen wqr aus ihrer Seele;
und durch ihre Phantasie strömte, bevor ein so sensibles Mitgefühl, mit dem Leiden der Menschheit, ein so allverstehender Blick für die Wunden eines jeden Herzens sich entwickeln konnten.,
Ihr ganzes reiches 80 jähriges Leben hat Marie von Ebner- Eschenbach auf dem Altäre der Kunst geopfert. Jede Empfindung, der sic Form und Seele geliehen, ist von ihr selbst in aller Stärke und Tiefe durchlebt worden; jede Gestalt, die sie in greifbarer Anschaulichkeit hingestellt, ist von ihrem Herzblut genährt. Sie, die Kinderlose, umschloß die ganze Welt mit liebenden Mutter- armen und spendete ihren geistigen Sprossen von der belebenden, llrlrast ihrer Liebe. Das Weibliche und Mütterliche verleiht, jeder Zeile, die sie geschrieben, den warmen Seelenton, den von innen herausleuchtenden Glanz. Schlicht und einfach lesen sich ihre Geschichten, wie die selbstverständlichen Offenbarungen einer guten großen Frau, die aus dem Schrein ihrer Lebenserfahrung schön geformte Kleinodien mühelos hervorholt. Nur schwer und langsam erschließt sich die hohe bewußte Kunst, die erlesene! Meisterschaft, mit der ihre Werke geschaffen sind. Am eindringlichsten auf den Leser wirkt nämlich bei ihr die angeborene Gabe des Erzählens, das ruhige Abspinnen eines Gcschichtenfadens, die anspruchslose Wiedergabe einer merkwürdigen Begebenheit, worin sie keinem der andern großen Erzähler unserer deutschen Literatur nachsteht. Ueber diesen spannenden Berichten über> sieht man aber leicht den außerordentlichen Reichtum an lebensvollen Beobachtungen, psychologischen Feinheiten, an dichterischem Leben, der ihrer Darstellung erst den poetischen Zauber, die spezifisch künstlerische Atmosphäre verleiht.
Mit einem reinen ästhetischen Entzücken kann man verfolgen, wie sich um den eigentlichen Handlungskern die reichste Fülle von Anschauung, Empfindung und Schönheit kristallisiert. Ans, ihren Kindheitserinnerungen steigen die unvergeßlichen Bildest von Schloß und Dors auf, in denen der würzige frifdje Duft der Jugend mit dem zarten Sonnengold der Reife verschmilzt.,
Als die Schloßherrin von Zdislavitz einen zerlumpten Jungem und ein selbstgefällig die neuen Schuhe musterndes Mädel im! Hofe vor sich sieht, find die Hauptfiguren des „Gcmeindekindes" geboren, dieser einzigartigen Bildnngsgeschichte, in der man „mit Freuden aus tiefem Verderben ein menschliches Herz" sich regen; sicht. Aus dem zufällig gehörten Berichte von einer armen Frau,, die bei der Nachricht von dem Ertrinken ihres Sohnes vor allem nach seinen Kleidern fragte, bildet sie die erschütternd grandioses Gestalt ihrer „Großmutter".
Was Marie Ebner als Menschengestalteriu, als Schöpferin, Unvergeßlicher Erscheinungen ans dem Nichts vermag, erweisen! solche Beispiele. Was die Wvrtkünstlcrin Und die eigenartig! tiefe Denkerin vollbringt, erkennt man am klarsten aus ihren! Aphorismen, wahren. Mustern der Gattung, die. alle Formungen!, eines Gedankens vom scharfgeschliffenen Epigramm bis zur poetischen Vision, von der allegorischen Parabel bis zur symbolistischen Erzählung, umfassen. Ihr Höchstes in dieser Hinsicht, bedeutet wohl ihr 1908 erschienener Band „Altweibersommer", dem als letzte Gabe in diesem Jahre noch ein Meisterbuch Novellen „Genrebilder" gefolgt ist.
Blickt nun die Achtzigjährige auf ihr durch Mühe und Arbeit köstliches Leben und Schaffen zurück, so darf sie wohl das Wort der Schöpfungsgeschichte auf sich anwenden: „Und siehe da, eS war sehr gut." Sie war keine „zu spät Geborene", wie sie wähnte, sondern sie war zur rechten Zeit erschienen, um in einer Blütezeit der Novellendichtung eine bereits ausgeprägt^ Kunstform zu finden, um einer alten stolzen Kultur, der des! österreichischen Adels, einen vollendeten dichterischen Ausdruck zu geben. Sie hat als Frau eine Periode so reichen weiblichen Schaffens eingeleitct, wie sic noch nie vorher geblüht hatte. Marie! von Ebner-Eschenbach bleibt für uns die ideale Verkörperung einer, glücklichen Knlturepoche, in der ein begnadetes Mesen zugleich ganz Frau und ganz Künstler sein konnte.
Vermischtes.
* S in gemeinsamer Gesang tut W ander! Der Ruhm Friedrich Silchers, dessen 50. Todestag am 26. August in Musikkreisen pietätvoll begangen wurde, ließ einen jungen Musikenthusiasten, dessen Schaffen anscheinend aber noch der Sturm- und Drangperiode angehört, nicht schlafen. Der genannte volkstümliche Liederkomponist hat bekanntlich H. Heines Gedicht „Lorelei" in Musik umgesetzt, und nach seiner einfachen Weise wird die erste Strophe z. Ä. folgendermaßen gesungen:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so trau-au-rig bin;
Ein Märchen aus a-alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Lu-uft ist kühl, und es dunkelt, sind ruhig flic-ießt der Rhein;
Der Gipfel des Be-erges su-unkelt
Im Abendso-onnenscheiu.
Der ruhmsüchtige Nachfolger Silchers hat nun dieses Gedicht für den Chorgesang bearbeitet, und nach seinem Kunsterzeugnis wird letzt so gesungen:
Ich weiß nicht, ich wei-ei-ciß picht, ich weiß nicht, ja ich weiß nicht, was soll es, was so-v-oll es, was soll es, ja was soll es, ja was so-o-vll es bedeuten, bedeuten, bedcu-eu-cii-tcn,


