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glaubte sie sich selber nicht mehr gewachsen, darum zitterte sie auch so, als der Aufschrei des Entsetzens ans der Küche gellte. Was würde sie hören müssen?!
Löb Scheftel stand in der Küche. Er neigte sich tief bei ihrem Eintritt: „Gott soll hüten, die gnädige Herr--» schäft! Gott der Gerechte, was schreit die Mamsell! Nu. was wird sein, gnädige Frau Baronin? Verzechen die gnädige Fran Baronin gnädigst, daß ich hab' gebracht in Ihre Küche 'ne Hiobspost mit der Hainmelleule!"
„Was ist denn geschehen? So sagen Sie's doch schon!"
„Nu, wenn die gnädige Frau Baronin wünschen, nu, wenn die gnädige Frau Baronin es denn durchaus wünschen!" Löb Scheftel erzählte nur zu gern, was ihm als größte Neuigkeit aus der Seele brannte: voin Verschwinden Valentin Bräuers, des Krugwirts in Pociccha-Ansiedlnng.
„Also ertrunken — im Tupadlv?!" Helene schloß erbleichend die Augen in einem jähen, sie'lähmend über- tommenden Schreckensgefühl.
„Untergegangen?!" Sie schauderte.
„Sie sagen so!" Der Händler zuckte die Schultern und lächelte dann schlau. Sich umsehend, ob auch keiner horche, als Mamsell Julchen und die gnädige Herrschaft, drängelte er sich dicht an Helene heran und tuschelte ängstlich hinter der vorgehalteuen Hand: „Mer känn's nid) beschwören — Gott soll hüten, daß ich tue meinen Mund zum Bösen auf! — aber — ick) will nich leben Und gesund sein! — die gnädige Frau Baronin können dem gnädigen Herrn Baron nur sagen, daß es geht nich zu mit richtigen Dingen,, daß der Valentin Bräuer is nick) gestorben, wie man stirbt 'nes natürlichen Todes. Vielleicht, daß der Herr Baron wird zur Anzeige bringen die Sache — sonst tut's doch keiner hier, wenn er nich hat de Courage — vielleicht, daß er wird sprechen im Reichstag drüber, wenn er wird kommen nach Berlin. Id) wer' nid) lassen den Herrn Baron im Stick), kann er mer nur berufen als Zeuge. Sie, sie" — er rückte noch näher heran, tuschelte noch leiser und machte ein zugleich noch pfiffigeres und noch entsetzteres Gesicht — „sie haben ihn beiseite geschafft — die!"
„Beiseite geschafft? Wen? Wer?" Helene prallte zurück. „Umgebracht, meinen Sie, hat man ihn? Warum?!"
Aufkreischend klammerte sich Mamsell Julchen, allen schuldigen Respekt beiseite lassend, an die Herrin.
Löb Scheftel hob die Hände: „Gott der Gerechte, was en Geseire! Nu, die," — er zeigte mit dem Daumen über die Schulter — „bei mein' Gesund'! — die „Nierozumiem- niemiecku" haben schuld. Haben sie mer nick) auch eingeschmissen 's Ladenfenster, als meine Seele hatte kein Arg und meine Frau und Röschen, meine Tochter, haben geschnarcht in der Kammer?! Haben sie mer nich weg- gefchleppt 's Kälberviertel h- 'n Staat war's! Und 'ne Speckseite, mindestens sünfunddreißig Pfund schwer, und 's Pikseine Geschlinge? Gott meiner Väter, ich bin en geschlagener Mann, en ruinierter Mann!" Er hob jam- lnernd die Hände.
„Habt Ihr sie denn nicht angezeigt?"
„Ei weih!" Löb Scheftel duckte sich, als fühle er schon Schläge auf dem Buckel. „Wer' ich mer dock) nich mengen in so was! Fort is nu mal das Kälberviertel, genau wie'dcr deutsche Krugwirt; der kommt auch nick) wieder. Aber wenn der nu nich täte liegen an einem geheimen Ort, wo sie ihn haben hingeschleppt bei Nacht, und täte nich faulen bereits bei der Hitze, so täte der sprechen: „Verflucht soll'» fe sein bis ins dritte und vierte Glied!""
„Aber Scheftel, Scheftel!" Unglaube, Schrecken, Empörung stritten in Helenens Stimme. „Wie können Sie so etwas sagen, Scheftel? Das sind ja schreckliche Phantasien!"
„Phantasien! Phantasien, wie heißt! Was tu' ich mit ’n er Phantasie? Hier is keine Phantasie, hier is, mit Erlaubnis zu sagen, die nackte Wahrheit!" Der Händler wiegte betrübt den Kopf, „'ne traurige Wahrheit, 'ne garstige Wahrheit! Ne, ne, gnädiges Madamchen, mein Sohn Isidor — en gescheiter Mensch en Mensch mit Chochme — hat gesprochen zu mir: „Vater", hat er gesagt, „was tu' ick) in Miasteczko? Bin ich 'n Chammer, 'n Schlemihl, daß ich soll bleiben sitzen hier? Ick) zieh nach Berlin!" Ei weih, was 'n Chochum!" Des alten Händlers Gesicht strahlte plötzlich vor Stolz, nun er seines Sohnes gedachte. „Hat er doch geschrieben, daß er sitzt nich im Dalles, daß er hat schon zu leben in Berlin. Is er getreten in Geschäftsverbin
dung mit 'nem Agenten, so einem, der schafft die Leuts vom Osten nach'm Westen — 'n feines Geschäft, 'en rentables Geschäft! Wird er sich stehen gut dabei mit der Zeit. Und mir wird er kommen lassen nach, nach Berlin. Und wenn es und) dauert noch mehr als ein Jährchen — Gott soll hüten, was kann da passieren alles noch, hier?!" Abwehrend hob der Jude seine beiden Hände, seine Augen waren auf- gerissen, ivie im grausigen Entsetzen, aber dann läd)elte er: „Nu, mer hofft doch!" —
Als Helene die Küche verließ, stand es bei ihr fest, sie mußte ihrem Mann von des jungen Ansiedlers Verschwinden erzählen, lieber, .als daß er es auf solche Weise erfuhr) wie sie es eben erfahren hatte. Schonend würde sie ihm das Schreckliche beibringen, ohne all die Verdächtigungen und Gräßlichkeiten, in denen Löb Scheftel geschwelgt hatte. Diese Kunde würde ihm so wie so schon erregend genugs sein, doppelt erregend in seiner jetzigen Gemütsverfassung und da sein Wohlwollen so ganz besonders dem jungen Bräuer gegolten hatte.
Zögernden Schrittes, zwischen den blonden Brauen eine nachdenkliche Falte, stieg Helene langsam die Treppe vom Souterrain hinauf und ging langsam den Flur entlang, der zum Zimmer ihres Mannes führte.
Dort saß Doleschal am Schreibtisch, genau so, ivie er oft gesessen hatte, vor sick) ein leeres, weißes Blatt. Den rechten Arm auf die Platte gestützt und den Kopf in die Hand gelehnt, sah er hinaus durchs jetzt geöffnete Fenster. Im Sonnenlicht ruhte der See; ivie eine glänzende Metall- platte gleißte sein Spiegel. Auch der Lysa Gora gegen-« über ruhte- flimmernd und strahlenumwoben. Warme, satte, reisende Sommerluft drang in die Stube und Bluinen- dust von den Terrassen des Gartens.
Alles blühte, Hollunder und Jasmin, Rosen und Jeder- nelken, Heliotrop und Geißblatt, die ganze bunte, lustige, düftereiche Frühsommerpracht. Aber er sah sie nicht. Die Stirn zusammengekrampft, einen müden und zugleid) doch erregten Zug um deu Mund, starrte er. Ach, wie tat ihm der Kopf so weh — eine unerträgliche Schwüle war's heute! Die lastete auf ihm. Hatte schon gestern gelastet — vorgestern auch — hatte schon immer gelastet und würde iveiter lasten — immer, immer! Torheit, daß er geglaubt, er würde sich frischer fühlen, wenn er erst wieder bei der Arbeit! Er war auf seine Felder gerannt — kaum acht Tage hatte er sich Ruhe gegönnt nach seinem Unfall — aber dort ging alles ohne ihn, alles war in Ordnung, der! Inspektor hatte gut disponiert, pünktlich konnte die Ernte beginnen. Wie ein Atemholen vor einer schweren Kraftanstrengung lag's jetzt über der Flur, noch war Ruhe — aber diese Ruhe war so schwer zu ertragen, diese Ruhe, die doch keine Ruhe war!
Sollte er wieder in die Kreisstadt fahren?!
Sollte er wieder mit zu gekniffen en Augen, Schweiß auf der Stirn, die Stelle am Luch passieren, jene Stelle — wo — —.-—!
Sollte er wieder bei seinem Freund, dem Landrat, hören: „Nicht zu Hause, zu Herrn von Garezynski gefahren, nach Chwaliborezyee" — — — ?!
Warum kam der Landrat nicht zu ihm?!
Warum kam überhaupt niemand, kein einziger Mensch?!
Der Blick des Einsamen, der auf den blanken See hinausgestarrt, flammte plötzlich auf: ja, jetzt wußte er's — sie mieden ihn alle! Seit vorigem Sonntag wußte er's.
Da war er, wie immer, wenn der Hilfsprediger Ms der Kreisstadt einen Gottesdienst für die protestantischen Besitzer im angebauten Tanzsaal des Prochownik abhielt, mit Helene nach Miasteczko gefahren. Sie hatten auch ihre ältesten Knaben mitgenommen.
Es hatte fast keiner aus dem bekannten Kreise gefehlt; sie waren als die letzten gekommen — da hatten sich aller? Augen ans sie gerichtet.
Noch fühlte Doleschal in der kaum verharschten Wunde seines Schädels das Blut klopfen und dann einen stedjen- den Schmerz: was waren das für Blicke — neugierige^ schadenfrohe, verächtliche Blicke! — die ihn und die Seinen trafen?! Die Leute brauchten fick) gar nicht solche Mühe zu geben, er hatte Feingefühl genug, diese Blicke zu verstehen. Gott fei Dank, daß Helene sie nicht bemerkt! Sie hatte sich durchaus neben Frau Kestner setzen wollen . sah sie es denn nicht, daß diese Frau nicht rücken wollte?


