Ausgabe 
14.7.1910
 
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Die polenfchlacht bei Tannenberg.

1410 15. Juli 1910.

Von Dr. Cavl Schröter (Danzig).

Mit überschwenglicher Ruhmredigkeit und Entstellung der ge- schtchtlichen Tatsachen schickt das PolentuM sich an, in den Juli- tagen dieses Jahres den Sieg, den es vor einem halben Jahr-, tausend über den deutschen Ritterorden bei Tannenberg errang, als eine Großtat slawischer Volkskraft zu feiern und mit nicht mißzuverstehenden Hoffnungen auf eine kommende, staatliche Wiedergeburt des polnischen Nationalgedankens zu begleiten. Das in polnischen Flugblättern der letzten Jahre vielfach unverhüllt 'ausgesprochene Endziel, nicht nur die Provinz Posen, sondern! auch Westpreußen, nicht nur den polnisch redenden Teil Ober- schlesiens, sondern ganz Schlesien mit einem vom Schwarzen bis Zum Baltischen Meere reichenden grobpolnischen Zukunftsreich« zusammenzuschweißen, gibt ernsthaften Anlaß dazu, am Gedächtnis­tage der Unglücksschlacht, sich in die Zeit jenes blutigen Ringens zurückzuversetzen und den Gründen nachzuspüren, die dem weiteren Fortschreiten erfolgreicher deutscher Kolonisationsarbeit durch viele Jahrhunderte Einhalt getan haben.

Zweifellos ist der deutsche Orden von dem Augenblick, als Hermann von Salza im Jahre 1230 den Ordensritter Hermann Balk in Begleitung von 100 anderen ritterlichen Ordensbrüdern, Und einer Handvoll Kriegsknechte als ersten Landmeister in das ihm von Kaiser Friedrich II. zugesicherte Land zur Bekämpfung der heidnischen Preußen entsandte, so zielbewußt und sicher vor- aegangen, daß man noch heute die Siedlungspolitik jenes Mannes, der einem Achilles an Tapferkeit und einem Odysseus an Klugheit glich,. bewundernd anstaunen muß. Es wird dabei manches erst Verständlich, wenn man die kulturelle und politische Vorgeschichte des Ordens, die nicht in Preußen, sondern im fernen Morgew- lande begann, in ihren Zusammenhängen betrachtet, wie sie zum ersten Male umfassend in dem aus der Feder eines gelehrten Offiziers stammenden WerkeGeschichte des deutschen Ritterordens von Max Oeler, Oberleutnant im Deutschordens-Jnfanterie-- regiment" vor wenigen Jahren zur Darstellung gekommen sind. Man erkennt da, daß die größte, weltgeschichtliche Tat des Ordens, das Vorschieben der deutschen Macht und Sprachgrenze eben nicht der Anfang, sondern der Schluß einer weit zurückreichenden Ent­wicklung ist, deren früheste Anfänge in Palästina auf allgemein christliche Ziele gerichtet sind, während' sie sich in Preußen in den Dienst der Kolonisation zum Nutz und Frommen der deutschen Rasse stellt.

Die glänzenden kriegerischen Erfolge des Aeghptdrsultans Sala- din untergraben dem Orden, der damals noch unter der Aufsicht des Johanniterordens steht, den Boden, in deni er wurzelt, und auch die umfangreichen Besitzungen, die ihm König Andreas von Ungarn int Burzenlande schenkt, gehen bald wieder verloren, weil der treulose Monarch, sobald die Ordensritter das Land kultiviert lund durch Anlage von Burgen gegen die Einfälle der wilden Kumanen gesichert haben, die Privilegien zurückzieht und die Ritter vertreibt.

So sieht sich der Orden denn seines hauptsächlichsten Wirkungs­gebietes beraubt, als ihm der Hilferuf des Herzogs Konrad von Masovien, der ihn bittet, zur Bekämpfung der Heiden nach dem Weichsellande zu ziehen, plötzlich ein neues Arbeitsfeld eröffnet. Durch das in Ungarn erlittene Mißgeschick gewarnt, geht Hermann von Salza aber nicht blindlings auf die lockenden Vorschläge ein. Vorsichtig läßt er durch seine Abgesandten die Verhältnisse prüfen und erst nach jahrelangen Verhandlungen mit Kaiser und Papst, deren unbegrenztes Zutrauen er genießt, erst nachdem dem Hoch- weister und seinen Nachfolgern Rang und Stellung eines Reichs­fürsten zugesichert sind, wirft er das ganze militärische Schwer- gewicht des Ordens, der im Orient nur wenig mehr zu verlieren hat, in die Wagschale der Gefchicke.

Der deutsche Orden befand sich gerade damals in der denk-, bar günstigsten Lage, um wahrhaft großes zu leisten. Als echte Herrenmenschen traten sie nicht mit dem Verlangen, daß der ihnen folgende Schwarm von Ansiedlern als befruchtender Völker­dünger sich unter dem slawischen Völkergewimmel auflöst, sondern Mit der fest vorgezeichneten Politik, zu germanisieren und die Keime deutscher Kultur zum Wachstum zu bringen, unter den sarmatisch wilden Stämmen auf. Ihr ritterliches Christetttum in strenger Selbstzucht gestählt und dank seiner straffen mili­tärischen Organisation schier unüberwindlich, begnügt sich nicht Mit der äußerlichen Ueberwindung des auf tiefer Kulturstufe! befindlichen Feindes. Zur scharfen Schneide des ritterlichen Schwertes gesellt sich vielmehr noch der wirtschaftspolitische Geist der Handelsbeamten, die in einem besonderen Brüderkorps zu- sawmengefaht sind, und eine weise Bodenpolitik, die Städte baut, verwüstete Dörfer wieder aufrichtet und neue in der Einöde des preußischen Waldes entstehen läßt. Und während der Orden' innerhalb eines knappen Jahrhunderts seine Besitzungen und Festungen bis tief nach Livland hinein vorschiebt und über die Reumark hinweg eine verbindende Brücke nach Gesamtdeutschland hinüberschlägt, erreicht er den Höhepunkt seiner Macht, als deren äußerliches Zeichen das prachtvolle, gotische Ordensschloß der Marienburg aus dem Boden emporwächst.

Wenige Jahrzehnte spater begannen sich unMerklich, aber unaufhaltsam dte Verhältnisse zu Ungunsten des Ordens M andern. Auch die wohlwollendste Beurteilung vermag es nicht hmwegzudisputieren, daß unter den Rittern Luxus und ander« Mißbrauche emzureißm begonnen hatten, von denen der strenge Hochmeister Werner von Orselen sagte:wo man eins der Ge­lübde brrcht, sind alle Regeln zerbrochen". Allerdings darf es Nicht als ein Symptom innerer Zerrüttung gedeutet werden,- wenn der Ordensritter JohaiiN von Endorf, ein schon oft be- straster zügelloser Mann, den vom Gebet in der Hauskapell« zurückrehrenden Hochmeister Werner von Orselen aus niedriges Rachsucht mit dem Dolche niederstößt, denn es ist nur die Greuel- tat eines einzelnen Entarteten, wie sie sich unter allen Verhält), Nissen und in allen Zeiten ereignen kann. Biel gefährlicher aber, beginnt dem Orden das erwachende Selbstbewußtsein der deut- scheu Städte, die Organisation des sich bedrückt fühlenden deutschen Landadels in dem ritterlichen Eidechsenbunde und vor allem die Nachbarschaft des erstarkenden Polenreiches zu werden, das sich besonders seit der Vermählung des lithauischen GroßsürsteN Jagello mit der Erbtochter des Polen- und Ungarnkönigs Ludwig von Anjou mehr und mehr als Todfeind des Ordens entpuppte^ Die noch immer Respekt einflößende geistliche Ritterrepublik be=, kam dies zunächst nur in Gestalt diplomatischer Hindernisse zn spuren, die ihr von polnischer Seite in den Weg gelegt wurden! Die Christianisierung Lithauens durch Jagello, der den römisch- katholischen Glauben annahm, raubte dem Orden die äußerlich« Existenzberechtigung als Vorkämpfer gegen das Heidentunl, und so standen die Zeichen schon längst auf Krieg und Sturm, als 1407 der vorsichtige und friedliebende Hochmeister Konrad von! Jungingen verschied, der iwch auf dem Sterbelager, alle ver» wandtschaftlichen Interessen dem Wohle des Ordens hintansetzend) die Ritter davor warnte, seinen Bruder Ulrich dessen leidem, schastliches, draufgängerisches Temperament er kannte, zum Hoch­meister zu wählen.

Drei Jahre später war der wegen des Besitzes von Samos giften entbrennende Krieg mit Polen da und am 15. Juli 1410 standen sich die zum Entscheidungskampfe bereiten Heere in der Südwestecke der heutigen Provinz Ostpreußen, hart au der Grenze, Westpreußens, zwischen dem Luwensee und dem Groß-Damerauep See bei den Dörfern Schönwäldchen, Grünfeld und Tannenberg gegenüber. Die heute von üppigen Getreidefeldern und Wiesen! eingenommene Oertlichkeit erinnert durch nichts mehr an den blutigen Kampf, der hier einst viele Stunden lang tobte. Selbst von der Kapelle, die int Jahre! <1413 zu Ehren des in der! Schlacht gefallenen Hochmeisters errichtet wurde, ist nichts mehr! übrig geblieben als die unweit der Straße von Tannenberg nach Ludwigsdorf liegenden, sehr zerstörten Fundamente, die in ihrer, Bedeckung mit Gras und Erde den Eindruck eines prähistorischen! Ringwalles machen. Bon dem damals mit der Kapelle Verbund denen Kloster aber fehlt vollends jede Spur. Zur Zeit bet) Schlacht war der nördliche, tiefere Teil des Feldes von weit) ausgebreiteten, unwegsamen Sümpfen und Moorbrüchen ein­genommen, während auf der int Süden sich anschließenden Hoch­ebene und noch weiter gegen die polnische Grenze zu dichte! Wälder begannen, hinter denen das polnische Heer feinen Auf­marsch vollzog.

Auf die Kunde von der Zerstörung Gilgenburgs, wo die tatarischen Hilfstruppen Jagellos unerhörte Grausamkeiten verübt und die in die Kirche geflüchteten Frauen und Mädchen lebendig verbrannt hatten, war das Ordensheer tags zuvor bis Löbau) gelangt und war am Morgen des 15. Juli nach einer Nacht voll schrecklicher Gewitter und Sturzregen, in der niemand auch nur einige. Stunden Ruhe finden kann, ermüdet drei Meilen, weitermarschiert, als die Spitzenreiter auf der Hochebene auf di« Vorposten des Litauer Fürsten Witowd stießen. Schnell hatte: das Ordensheer sich in Schlachtordnung aufgestellt, während di« größtenteils erst durch die Wälder heranrückeuden Polen zögerten', den angebotenen Kautpf anzunehmen. Drei für das deutsche Heer unersetzlich kostbare Stunden, in denen das Ordensheer nach dem Urteil vieler militärischer Kritiker sichere Aussicht gehabt hätt«,- den unfertigen Feind durch einen energischen Angriff gründlich zu besiegen, verrannen ungenützt, bis endlich gegen die Mittags­zeit bei glühender Hitze der linke Flügel des Ordensheeres mit den' Truppen des Großfürsten Witoivd ins Gefecht kam. Nach fast weiteren drei Stunden tarnen die litauischen Scharen ins Wanken, das bald zu einer völligen Niederlage ausartete. Unberührt frisch dagegen war der rechte Flügel des Polenheeres, tvo über) König Jagello und seinem Feldherrn Zindram das große polnisch« Reichspanier wehte. Hier fiel, nicht zum wenigsten, weil cinl Teil des Ordensheeres sich zu tief in die Verfolgung der Litauer eingelassen hatte und, statt dem anderen Flügel beizustchen, sich mit Beute belud, nach langem Ringen die Entscheidung zu un- gunsten des Ordensheeres, das nach anfänglichen Erfolgen feind Flügel zurückbiegen mußte und auch in seinem geschwächten, über­müdeten Zentrum langsam zurückgedrängt wurde.

Vergebens riet dem Hochmeister seine Umgebung, den in diesem Augenblick noch möglichen geordneten Rückzug einzuleiten.Das soll, so Gott will, nicht geschehen," gab er zur Antwort,bennv wo so mancher brave Ritter neben mir gefallen ist, will ich nicht aus dem Felde reiten." An der Spitze von sechzehn noch frischen! Fähnlein stürzte er sich, während der Bannerführer vom Kulmer-