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9.
Doktor Wolinski in Miasteczko war nicht zu Hause gewesen, als der Wagen gekommen war, ihn nach Chwali- börczyce zu holen. Da hatte sich der Kutscher, auf der: Herrn Doktor wartend, in die Schenke gesetzt, durch deren Läden- ritzen noch Licht schimmerte; der Schenkwirt neben Wb Scheftel hatte auch Bäckerei, darum kümmerte ihn die Polizeiverordnung nicht, denn wer konnte wissen, ob! er Brot buk oder Schnaps schenkte?!
Doktor Wolinski war nach Pociecha-Dorf gefahren. „Spaß, hab' ich 'ne Fahrt gehabt," hatte W Scheftel, der ihn! rufen gekommen, gejammert und b:e Hände hoch erhoben. Er hatte es mit der Ciotka sehr gefährlich gemacht. Nebenbei interessierte den Arzt dieser Fall noch ganz besonders — wie, ein polnisches Weib, angeschossen von einem deutschen Herrn —?!
Die junge Frau Wolinska, die, in Nachtjacke und Nachthaube, sich und den Chwaliborczhcer Kutscher mit der Versicherung tröstete, der Herr Doktor käme nun bald, wurde Lügen gestraft.
Ms Wolinski, in seinem, vom Vorgänger übernommenen alten Kutschkasten von der Hütte der Ciotka zurückgerasselt kam, war er an der Propstei aufgehalten ivorden. Der junge Vikar war unbedeckten Hauptes herausgeeilt und hatte ihn gebeten, doch einmal einzutreten. Ilnd Wolinski war gern gefolgt; die Nacht war rauh, ein Glas Ungar würde erwärmen ,— und überdies drängte es ihn zu einer Aussprache. Mit der Ciotka stand's zwar weiter nicht gefährlich — bei richtiger Behandlung würde die Ladung Fein- schrot im Gesäß keinerlei nachteilige Folgen haben — aber war die ganze Sache nicht doch empörend und tief betrübend?! Armes polnisches Volk, fremdherrlicher Ausnutzung, fr emdherr sichern Uebermut ausgesetzt! Diese Sache Mußte in die Zeitungen. Eine genaue Schilderung mußte gegeben werden. Das arme Weib! Nun lag es darnieder, Nicht imstande, seiner Arbeit nachzugehen; infolgedessen war die Hütte kalt uiid kein Labetrunk da sirr die dürstenden Lippen!
Der Doktor erregte sich sehr; leidenschaftlich bebten seine Lippen: nein, dieser Notschrei durfte nicht ungehört verhallen!
Piotr Stachowiak, der Probst, hörte zu n::t •rotem Kopfe. Hr vergaß dabei nicht, sich einzuschenken. Stöhnend rieb er sich ah und zu die mit 'Flanellbinden dick umwickelten Beine. Au, wie das bohrte und riß und stach! Jede Aufregung mußte er büßen. Mit Zeterrr war ihM, noch in seinem besten Nachmittagsschlaf, die Köchin in die Stube gestürmt; und einen Zusammenlauf hatte es auf -der Gasse gegeben, daß man hätte meinen können, das Dorf brenne.
Seit er seiner leidenden Beine wegen sich so wenig Bewegung machen konnte, war Piotr Stachowiak cholerisch geworden. Mit einem „Psia krew" ließ er jetzt die Faust vie noch immer eine Bauernfaust geblieben, schwer auf den Tisch fallen: wer hieß das dumme Weibsbild denn auch treiben?!
„Sie ist arm." sagte der Vikar, weiter nichts, und schloß daun herb die Lippen.
„Sehr richtig, sehr richtig!" Wolinski nickte ihm zu. ,,Sie sagen's in drei Worten, Herr Vikar! Das empört ja gerade so, daß die Armut unsre Landsleute zwingt, den fremden Herren aufzuwarten! Empörende Zustände! Armut hat es natürlich immer gegeben, aber noch zu meiner KNaben- heit picht in dem Maße. Die letzten fünfundzwanzig Jahre hgbeN Uns wirtschaftlich grausam zurückgebracht. Deutsches Gesindel, das es daheim zu nichts gebracht hat, macht sich hier breit und bereichert sich. Ist es nicht zu bitter, unser Bauer muß zuseh er:, tvie sein Land, seine Muttererde, die er seit Generationen mit seinem Schweiß gedüngt hat, verschleudert wird zu halbem Preis, halb verschenkt wird, an fremde Ansiedler? Unsre alten polnischer: Eoelsitze werden Umzingelt, belaufen, überkrochen von diesen — diesen heftig suchte er nach einem Ausdruck.
„Sageu Sie: Wanzen! Wanzen!" Piotr Stachowiak lachte gemütlich. „Brüderchen, man weiß doch, ist erst ihrer One wo, sind ihrer auch gleich viele da. Nicht weit von Wala hatte sch meine erste Stelle —, Hasen und Füchse sagten sich da gute Nacht, aber Wanzen waren da genug. Und hier, na," er machte eine kleine Pause unb be-
schmunzelte wohlgefällig seinen Witz — „hier herum haben wir nun schon an die hunderte!"
Der Doktor lachte nicht mit. UM Gorkas ausdrucksvollen Mund zog ein flüchtiges Lächeln, aber etwas Verächtliches war in diesem Lächeln.
Wolinski sagte ernst:
„Kann man es unfern: Adel verdenken, daß er sich! fortmacht aus dieser Nachbarschaft?! Und — was fast noch schlimmer ist — unser Landvolk verläßt uns auch. Unsre Burschen, unsre Mädchen — Polens Zukunft — ziehen zu fremden Ernten, in die Fabriken des Rheiulanoes, Gott weiß wohin. Unfern Landleuten hat Man die Söhne verschickt, hundert Weilen weit, zuM Militär, nun bleiben die da, wo sie Lohn finden. Was follen sie auch hier?! Unser Wohlstand liegt darnieder, wir haben kein Geld. Und „deutsche Arbeiter, nehmt deutsche Arbeiter!" ist die Losung, Der Pole muß nachstehen!"
„Sie würden aber doch wohl keinem Polen zureden, bei einem Deutschen Arbeit zu nehmen?" sprach rasch der Vikar. „Eine Mark Tagelohu bei einem polnischen Besitzer ist besser als zwei Mark bei einem solchen Deutsch- tumsförderer!" Er schwieg einen Augenblick und setzte dann hinzu im Ton einer überzeugenden Feierlichkeit: „Gott wird ihm diese eine Mark verdoppeln; er wird mit ihr ebenso west reichen als mit jenen zweien!"
„Sehr gut, sehr gut," rief Piotr Stachowiak erfreut, „das werde ich mir merken! Das ist mal ein einleuchtender Trost!"
„JÄ," — der Arzt zuckte die Achseln und seufzte — „dann müssen wir ebe:: zusehen, daß unsre strammen Burschen, unsre frischen Mädel fremdem Lai:d ihre Jugendkraft geben. Daß von polnischen Müttern polnische Kinder geboren werden, die doch deutsch sprechen und deutsch denken!"
„Sie irren!" Gorka lächelte fein. „Deutsch sprechen! — vielleicht! Aber deutsch denken, niemals!"
„Wieso?" Wolinski hob den Kopf, den er kummervoll in die Hand gestützt hatte und sah den Vikar an: dieser junge Mann mit der schmächtigen Gestalt hatte eine Unbeugsam- keit im Ausdruck, eine Zuversichtlichkeit im Ton, die wahrhaft beruhigte!
„Trinkt, Brüderchen, trinkt!" schwatzte Piotr Stachowiak dazwischen und schenkte die Gläser voll. „Prost!" Er stieß gegen das noch unberührte Glas seines Vikars: „Alles kann er, nur das Trinken nicht! Zulpt den ganzen Abend an einem' Gläschen. Gelobt sei Jesus Christus und seine Mutter Maria — ja, die Hand unsers Herrn Erzbischofs reicht weit!" Behaglich dehnte er sich: „Sehen Sie, Doktor, mein Seelchen, wenn mir hier so ’n Mädel in die Ernte zieht oder in die Fabrik oder sonst wohin in Dienst, bann' rede ich erst mit ihr — ich!" Er stieß sich mit dem plumpen Zeigefinger vor die Brust und nickte bekräftigend. „Und! da ist wirklich keine, die meine Mahnung vergäße!"
„Ach, ich bitte Sie, Hochwürden, tvie wollen Sie das kontrolliere::?" Der Arzt war noch nicht überzeugt, bedenklich schüttelte er den Kopf. „Da müßte man doch der miserabelste Stümper im Berus sein, ein Esel, wenn man nicht wüßte, daß, wenn das heiße junge Blut wallt, alles andre vergessen wird. Polnisch — deutsch — a bah, da gibt's dann kein Bedenken mehr, alles egal!"
Wieder spielte das feine Lächeln um den Mund des Vikars. Er war aufgestanden; die eine Hand auf den Tisch gestemmt, reckte er sich, als sei ihm die eigne Länge noch! nicht lang genug. „Und wenn auch! Haben Sie aber je gehört, daß eine Mutter ihrer Kinder vergäße? Und wären sie noch so weit, unsre Kirche wird immer über sie -wachen!" Er setzte sich wieder.
„Ja, ja, ich weiß wohl, man tut sehr viel: eigne Ge-^ Meinden, eigne Geistliche, eigne Zeitungen, eigne Kassen aber —"
„Na, siehst du wohl, Doktorchen" — der Probst Hub! sein dröhnendes Lachen wieder an, — „warum denn bange sein?"
„Sie werden ausziehen und Seelen gewinnen, weit eher« M daß sie die eigne verlieren," sprach Gorka'.
(Fortsetzung folgt.)


