Ausgabe 
14.7.1910
 
Einzelbild herunterladen

w

Donnerstag den H Juli

ZW

Itil

et'

Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Der hübsche Inspektor schlang den Arm um die Lustige. Gre sahen miteinander .auf dem harten Ledersofa, dessen Heufüllung durch verschiedene Schlitze herausquoll. Szulc spießte mit seinem Tascheumesser die Leckerbissen auf Gabel und Messer hatte man nicht, Stasi« mit den Fingern. Nur ein paar Biertulpen waren oben, so tranken sie den Sekt Ms diesen. Uebermütig goß das Mädchen die Neige seines Glases dem Mann auf den Kopf:Wohl be­komme es dir!"

Der Posener Koch amüsierte sich königlich; ei, konnte die saufen!

Die Männer hätten sie gerne trunken gemacht, aber Stafia widerstand schlau: sie würde sich schön hüten, dazu konnten sie sich andre holen!

Ja, das wollten sie auch! Szulc schlug auf den Tisch. Eine, noch dazu eine, die nicht trunken war, war viel zu wenig! Wenn die Hofmägde nicht struppig waren, nicht voll vom Staub .des Ackers oder der Kuhjauche, waren sie hübsch genug!

Stafia lachte: mochte er sich deun doch welche holen! Aber daß er sich nicht verriet, wenn er zum Mägdehaus tappte! Leise, leise! Und dann mußte man durch die Gitterstäbe des Fensterchens die Hand zwängen und an­pochen, dann machten sie auf.

Er lachte sie aus: als ob er das uicht selber wüßte! Ihrer fünf, die Hübschesten, fanden sich bald ein, rvie durften sie zögern, wenn Pan Inspektor sagte:Dales!"

Mit rotgeschlafcnen Backen, die Zöpfe hängend, die Augen erschrocken aufreißend, drückten sie sich erst stumm auf einen Haufen. Aber der süße Wein, den man ihnen reichlich gab, löste ihnen bald die Zungen. Die schwatzten und saugen; am liebsten hätten sie getanzt. Die kleine Jn- spektorstube, die so niedrig war, daß man die Decke fast mit der Hand erreichen könnte, war überfüllt. Auch den Schreiber, ber nebenan wohnte, hatte man noch zuziehen müssen. Man mußte sich dicht zusannneudräugen, jeder Mann hatte zwei Mädchen auf dem Schoß.

Ein Gekicher, ein Gejuchze, ein Gepolter, ein Gekreisch, ein Gesinge, ein Gegröhle war in der Jufpektorstube, daß der Stroz, der seine einsame nächtliche Runde über den Hof machte, unterm Fenster stehen blieb und verlangend Mir seinen roten Angen hinaufplierte: die tranken, wenn doch auch für ihn etwas abfiele! Er pfiff, daß sie doch merkten, daß einer rrnterdes für sie wachte.

Da öffnete sich das niedrige Fenster:He, Stroz!" Der Stroz glotzte nach oben mit offenem Munde. IM Lichtstreifen, der aus der Stube fiel, schwenkte ein Arm

eine Flasche.He, Kopf hintenüber, Maul auf! SolU auch was abkriegen! Aufgcpaßt!"

Der Nachtwächter riß Pen zahnlosen Mund auf unbi streckte gierig die Zunge aus.

Von oben herunter goß jetzt eine Sekttraufe, aber sie traf nicht ins geöffnete Dor; auf die Pflastersteine unterm! Fenster plätscherte sie.

Da kniete der alte Mann nieder und leckte.

Oben waren sie jetzt alle des süßen Weines voll. Tie Hofmägde lachten sinnlos. Pan Szulc hatte sie heimlich mit ihren langen Zöpfen aneinander gebunden; nun hieß er sie aufstehen, und sie rissen sich, kreischend zu Boden.

In diesent Augenblick öffnete sich die Tür. Auf der Bordschwelle stand der junge gnädige Herr, im eleganten Nachthemd, nur die Hosen an. Sein Knabengesicht blickte mit weit-aufgerissenen Augen.

Psia krew!" Der Inspektor taumelte auf, um hastig die Lampe zu verlöschen. i

Aber St asm hatte noch Besinnung genug: 's war ja nur Pan Bolek, das machte nichts!

Und sie sprang auf den jungen Menschen zu, faßte ihn um den Hals und zog ihn vollends in die Stube.

Der Tag graute, frostig und nüchtern. Wie Opfer der Seekrankheit über Bord, beugten die Hofmägde ihre Köpfe über die Fensterbrüstung. Drinnen auch ein Bild der Ver­wüstung. Flaschen und Schüsseln und Ueberreste amBoden, schwerer Zigarettenduft in der Luft, gemischt mit dem Duft der Weinneigen.

Grünblaß saß Herr Boleslaw auf dem Ledersofa zwischen Stafia und Herrn Szulc. Vergebens pries der Inspektor lallend einen kräftigen Schnaps an. Der junge Herr schüt­telte verneinend den Kopf, wie zerbrochen hing er in des Mädchens Armen. Auch Stafia war jetzt kreidebleich, aber durch ihr umnebeltes Gehirn schoß doch noch ein Gedanke: der junge Herr mußte zu Bett fort zu Bett! Sie rüttelte ihn, er fiel ihr weinend um den Hals.

Drunten ertönte plötzlich ein donnerndes Pochen «M hölzernen Hoftor Wortwechsel Schlüsselrasseln, zögernd machte der Stroz, auf. Ein Wagen fuhr ein.

Hetzt gellte ein Reißen an der Klingel noch ei im mal eilt Läuten wurde es, ein unausgesetztes. Das kam aus dem Zimmer der Herrin!

He, Stasi«, pst!" Der Nachtwächter pfiff unterm1 Fenster.Js sich Pan Doktor gekommen für gnädige Pani! Stafia, he, du!" . '

Aha, sie wurde verlangt! Aus alter Gewohnheit tauq ntelte Stasi« auf. Der Knabe entglitt ihren Armen, sie ließ ihn fallen. lieber ihn weg stieg sie und stolperte zur Tür.

Aber weit kam- auch sie nicht. Ihr schwindelte sie wußte gar nichts Mehr mochte die läuten, läuten, läuten! In einem Winkel des Ganges sank sie hin.