NM
Pfingsten.
O Pfingsten, allerschönstes Fest, Es grüßt dich mit Gesang, Was wieder hat gebaut sein Nest Und fern uns war so lang.
Als schwingend sich ins Blau hinauf „Wacht aufl" die Lerche rief. Wie schlug da froh die Augen auf, Was lange Blonde schlief!
Blit Blüten schmückt sich Baum und Strauch Und prangt in zartem Grün — Und m den Menschenherzen auch Fängts wieder au zu blühn.
Warne m ü n d e. I. Troja n.
Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von Strauß und Torney.
(Nachdruck verboten.)
(Fortiesmrg.)
«Drittes Buch.
Aus Agnes Weddigens grünen Heften.
Eisenach, 16. April.
Seit drei Tagen hier. Meine alte Marie mußte ich mir erst Hertelegrap hieven. Zwei Tage war ich ganz allein.
Wie lange ist es her, daß ich- von hier fortging? Ein halbes Jahr nur? Mehr nutzt?
Wer wer rechnet denn hier nach Jahren. Ein halbes Leben liegt dazwischen. Leben — und Sterben.
Tiefes Leben ist ja Ivie Gestorbenfein. Ich gehe durch das große, leere, stumme Haus, durch die Stuben, wo die dicke graue Staubschicht auf den Dischen und Schränken liegt und die Luft kalt wie aus einem Keller mir ins Besicht schlägt.
Ich stehe an den Fenstern, sehe in den Garten hinunter und rede an die Wände.
Ich habe mir angewöhnt, laut mit mir gilt sprechen. Ich antworte mir selbst, widerspreche mir, werde heftig.
Meine alte Marie kam einmal darauf zu, sie starrte Mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte.
Wer lveiß? Jede zu straff gespannte Saite reißt. Ich wundere mich längst, was Menschennatur ertragen kann.
Unten in der Gartenstube habe ich Läden und Mr Verschlossen gelassen.
M ist, als ob die Erinnerung und der Schmerz von
damals fern und dumpf geworden sind Ich will sie niM antasten und aufstören.
In den Eßsaal bin ich hchtte gegangen. Ich Habs mich auf den Platz gesetzt, too er damals saß, an dem Tag, als wir uns kennen lernten. Ich sah alles vor mir: meine Rosen auf dem weißen Tisch, den roten Wein in den Gläsern. Und ihn, sein Gesicht, die Helle Stirn, die Augen.
Und auf einmal hab ich die Arme auf den Tisch geworfen und Stirn und Lippen an das harte Holz- gedrückt» Liebster! Liebster! Wärst du nie gekommen! Wär ich tot!
18. April.
Und wenn er doch noch wiederkäme?
Zwischen aller Qual kommt mir die unsinnige Hoffnung immer wieder.
Ich male mir aus, wie es sein wird. Wie er da in die Tür kommt, vor mir steht, mich ansieht — mit dem Blick von damals, der mich förmlich eintaucht in Wärm« und Glück: Liebling! Ich mußte wiederkommen. Ich kann nicht ohne dich sein. Wir gehören doch zusammen, heuts und immer.
Tie Stimme! Die liebe Stimme!
Oder ich stelle mir vor, wie ich einen Brief in der Hand halte, in seiner Schrift, die ich so genau kenne bis in jeden kleinsten Zug hinein. Und ich warte und horche und fahre zusammen bei jedem Schritt auf der Treppe und jedem Klingelschrillen.
Es könnte doch sein!
Ich glaube, ich stürbe vor Glück!
20. April.
Meine ganze Nacht war voll von roter, blühender Bergheide und großem Wasferrauschen, — und voll von ihm'. Ich war ,bei ihm, ich sah ihn, er sprach zu mir.
Im Erwachen noch eine Sekunde warme, sichere Glücksruhe. Dann ein dumpfes Aufdämmern: was ist doch Schreckliches geschehen? Und dann, mit einem Schlag das Bewußtsein, eiskalt, erstickend: steh aus. Schlepp deine Lash. Es hilft dir nichts.
21. April.
Ich warte jetzt nicht mehr auf Briefe, Schritte, Botschaften. Diese tolle Hoffnung, an die ich mich noch klammern wollte, ist jeden Tag und jede Stunde matter geworden.
Ich weiß, es kommt nichts. Er läßt mich allein. M vergißt mich.
22. April.
Ich bin im Garten durch die regennassen Wege gegangen, auf denen Unkraut aufschießt. Ueberall auf dem Rasen stehen in Büscheln die blaßlila Krokus, Wphodelos, Todesblume.
,Jn Schönheit sterben.' Wer hatte das doch gesagt?
Ach so, ich lveiß. Ich brauche nur ein paar Dutzends


