Ausgabe 
14.4.1910
 
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Nischen Krieg eingeführt worden sind. Mangel an Disziplin, Mangel an einheitlicher Direktion, 'Fehlen der Ordnung, Uebertreibung des Gewichts, das der Soldat trägt, unÄ der Gepäckstücke der -Offiziere, das sind'die Mißbräuche, die in unsere Armeen eingeführt worden sind. Das Gehen­lassen int äußeren Auftreten wirkt ans den militäriscben Weist zurück und diese Nachlässigkeit wiederholt sich in allem Anderen. Man dient nicht mehr mit jener Regelmäßigkeit, jener Pflichtliebe, jener Selbstberlengnnng, die die hervor- ragendsteit Tugenden derer sind, die befehligen, Wie derer, die gehorchen. Zusammenfassend muß erklärt werden, daß die Armee immer den Zustand der Gesellschaft lviederfpie- gelt, in der sie gebildet worden ist. Solange die Regie- rungsgewalt in Frankreich stark und geachtet war, zeigte die Armee eine bemerkenswerte Festigkeit; als aber die heftigen Ausbrüche auf dec Redncrbühne und in der Presse die Autorität erschütterten und überall den Geist der Krit­telei und der Unbotmäßigkeit verbreiteten, hat die Armee darunter gelitten. Wollte Gottz daß das Drama, das sich abgespielt hat, eine Lehre für die Zukrtnft bilde!" Man kann auch den Bemermngen über Bismarck eine Tiefe der Beobachtungskraft nicht ganz absprechen. Der Gefangene auf Wilhelmshöhe ruft da ivehmütig ans:Die Größe des Kanzlers besteht darin, nur Minister ztt sein. Welch ein schrecklicher Unterschied besteht darin, als Minister zu unter­liegen 1)6er als Herrscher besiegt zu werden! Der Minister, Hessen Unternehmungen scheitern, zieht sich zurück und be­obachtet oft mit spöttischer Freude seinen -Nachfolger, wäh- rend der Herrscher feilte Irrtümer wieder selbst gutmacheu oder diese harte Aufgabe feinem Sohne überlassen muß, Herr v. Bismarck hat das Glück, nur Minister zu fein. Da er das Vertrauen des Herrschers -in einem wahrhaft außerordentlichen Grade besitzt, kann er alles wagen und hat nichts zu fürchten. Wenn der Krieg von 1860 Ergeb­nisse gehabt hätte, die den Interessen Preußens zuwider- liefen, würde Euer Kanzler jetzt Hasen in Pommern jagen. Weiter wäre ihm nichts passiert. Eine Berantwvrtnng, die von der königlichen Majestät gedeckt ist, ein großes diplomatisches Talent, ein in der Geschichte fast beispiellos dastehendes Glück, damit kann man alles wagen. Der gegenwärtige Krieg wird eine Frage um zehn Jahre vor- rücken, die früher oder später eine außerordentliche Bedeu­tung in unserem alten und so übervölkerten Europa an- uehmen muß. Ich will "von der sozialen Frage sprechen-. Herr v. Bismarck hat sich nie nin sie gekümmert, er wird; aber dazu gezwungen werden. Aber hat sich denn über-» Haupt jemand auf den Thronen oder in den Räten der Herrscher damit befaßt, sie zu eröffnen? Ich allein. Und Wenn ich wieder zur Macht gelangte, würde das abermals die Frage feilt, die mich am meisten interessierte, denn die Zukunft hängt von ihr ab. Der Kanzler wird an sie zu spät denken, man wird es ja sehen, und dann allein Wirbt man beurteilet! können, ob Herr v. Bismarck ein Wirkliches Genie ist oder ein geschickter Diplomat, der vom Glücke be­günstigt ist." '

Vermachtes.

* Zehn Sohne b e i in Mi l i t ä r. Eine Soldateniamilie, wie sie im ganzen Deutschen Reiche ivohl schwerlich anzntrcffen sein durste, ist die Junghannssche Familie im Orte Nöbdenitz bei Ronneburg. Tas Ehepaar besitzt, wie demTag" mitgeteilt wird, neben fünf Töchtern zehn ftrniiime Söhne, die sämtlich Soldaten gewesen sind, und zwar bei den verschiedensten Truppenteilen. Außer vier Jnsanteristen, die in Altenburg beim 153. Jnkanterie- Regiment ihrer Dienstpflicht genügten, wurden zwei zu den Jägern, einer zu den Pionieren, einer zur Artillerie, einer zu den Husaren und einer zu den Ulanen ausgehoben.

* E i n eigenartiger Kamps gegen die Tuberku­lose wird binnen kurzem in den Bereinigten Staaten beginnen: die nationale Gesellschaft zur Bekämpfung der Schwindsucht wird in allen Bahnhöien und an allen Litüißsäulen der Vereinigten Staaten und wo immer nur Reklameschilder leuchten, große künst­lerisch ausgeführte Plakate anbrmgcn, die dle Schrecken und die Gefahren der Tuberkulose vor Augen führen. Insgesamt werbe» nicht weniger als eine Million dieser Plakate angehestet, die 2,75 m breit und 2,15 m hoch sind und je einen Werl von 4 Mk. darstellen. Die An- regnng zu diesem Plane ging von den amerikanischen Plakat­verlegern ans, die der Gesellschaft gegen die Schwindsucht in 3400 Städten und Gemeinden der Vereinigten Staaten den nötigen Platz für die Plakate umsonst anboien. Der Druckereiverband der Ver­einigten Staaten erklärte sich dann bereit, die Plakate umsonst zu drucken, eine Reihe großer Papierfabriken stiftete das nötige

Papier, und schließlich erboten sich auch eine Anzahl bekannter amerikanischer Künstler, die Entwürfe für die Plakate zu schassen.

* Die Folgen der Ehe mit einer englische» Frauen- rscWecui (Suffragette) Würden am Samstag in einem1 Polizei­gerichts hos« zu L o ndv n an das Tageslicht gezogen, als Fran Tumiielisse ihren Gatten Wegen böswilligen Verlassens verklagte. Sie widmete sich 'derSache" und mußte zum' Wohl ihrer leidenden und geknechteten Schwestern lange Stunden außerhalb ihres Heims zubringen. Wenn sie dann nach den Strasumkämpfen ermüdet nach Hanse kam und ihr Gatte sie fragte, w sie s» lange gewesen sei, antwortete sie einfach, daß ihn dies nichts - angehe. Schließlich ließ sie feinen Koffer packen und warf ihn zum Hause hinaus. Tann ging sie zum Kadi und verklagte den armen Gatten und- boansvruchte, daß er ihr eine Unterstützung gewähre. Der Richter war «aber einsichtsvoll und wies die Klage ohne weiteres ab.

* Paul Heyses Dank au Italien. Die italienischen Dichter haben zu Paul Hehses 80. Geburtstag dem Dichter ein Huldigungs-Album gewidmet und darin vielfach auf die engen Beziehungen des dentschen Dichters zu Italien hingewieseu. Paul Hehses Antwort besteht in einem herzlich gehaltenen italienischen Briefe an diehervorragenden und lieben Freunde" jenseits der Alpen und in eiitent deutschen Sonett. DerMarzocco" m Florenz gibt in seiner neuesten Nummer den Bries im.Faksimile wieder und teilt das Sonett zugleich im deutschen Originaltext und in der italienischen Uebersetzung Angiolo Orvietos mit. Es lautet:

Au Italien.

Seit ich zuerst mit jugendlichem Triebe Hinauszog, mein Italien, dir zu nahn, Hast düs so wundersam mir angetan. Daß ich für immer dir zu eigen bliebe.

Dock heimlich sagt ich stets: wenn ich dick liebe. Du holde Zauberin, was geht's dich an?

Nie Wollt ich Dank und Lohn von dir empfahl! Was auch zu deinem Preis ich sprach und schriebe.

Nun hör ich liebevoll herübertönen

So brüderlich vertraut zu meinem Ohre Die Grüße, die bn auftrugst deinen Söhnen Und fiihl's, wenn blutsverwandt mit ihrem Chore Ich treu verblieb dem Dienst des ewig Schönen Valsemi il kmgo Studio e il grande ainore!

(Tn vergaltst mir das lange Studium und die große Liebe 1

Vüchertisch.

Charles Dickens, David Coppersield. Roman in drei Bänden (Band 2-4 der ousgewählten Romane und Ge­schichten). Deutsch von Gustav Meyrink. Umschlag- uudTitel- zeichmmg von Prof. W. T i c m a n n. (Geheftet 9 Mark). Vertag von Albert Langen in München. Der Vertag von Albert Langen läßt dem kürzlich erschienenen ersten Bande seiner Aus- waht aus den erzählenden Schristeu von Charles Tickens in der Uebersetzung von Gustav Meyrink jetzt drei weitere Bände folgen, die den berühmtesten .und schönsten Roman des großen Engländers umfassen. Zum Lobe desDavid Coppersield" selbst braucht man wohl nicht viel Worte zu machen. Er gehört zu den höchsten Meisterwerken der Weltliteratur und hat durch die Fülle von Selbst- biographischem, das der Dichter in seine trefflich aufgebaute Hand­lung verwoben hat, eine Wärme und Lebendigkeit einmaligen, die ihm unter den Schriften von Dickens selbst einen besonders hohen Rang verleiht. Meyrinks Berdeutschuug gibt denen unter uns, die den Roman nicht im Original lesen können, diesen znin ersten Mal in seiner ganzen unberührten Frische, zeigt mW, wie sehr unrecht die hatten, die, nach trockenen Ilebcrsetzungen urteilend, manchmal behanplen woftien, die Werke des Brilen seien ein wenig verstaubt und altmodisch geworden. Der Vertag erwirbt sich sicher ein großes Verdienst damit, daß er diesen erlesenen Inhalt in ein er» tesenes Gewand kleidet.

Deutsche Iugendbüch erei. Fridtjof Nansen: Mit Schlitten und Kajak" (10 Pfg.). Es ist ein Ausschnitt aus Nansens großem Werk: Durch Nacht und Eis, und schildert die Mühsalen und Gefahren der Schlittenreise, die Nansen mit seinem Begleiter Johannsen von der Fram ans linternahm, um so vielleicht den Nordpol zu erreichen.

Kapfelriitfel.

Hochwasser Malerei Knackwurst Gemse Konrad Winter Wagen Schneeball Terwisch Hirse Abtei Kaiscrmantel Schnabel Kammer Kontobuch Eiertanz Rügen Eleve Herte Zwirn Schreibtasel.

AuS dein ersten der vorstehenden Wörter sind drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zusammenhängende Buchstaben zu ent­nehmen, so daß sich daraus ein Sprichwort ergibt.

Auslösung in nächster Nummer.?

Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: JbiS Ochtum Hammersifeh Nima Niger Nisib

Eros;

Ioha n n e 5 Brah in s.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'schen Universitäts-Buch- und Steindxnckerei, R. Lange, Gieße».