Ausgabe 
14.3.1910
 
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allen Ständen imd Berufskreisen einzelne, die bei ernster treuer Arbeit die große Sehnsucht inr Herzen trugen nach tieferer Erkenntnis, nach reineren Freuden, nach echter Freundschaft, viele, sagen wir, deren Seele aus der Unnatur der Ueberkultur nach unverfälschter Natur verlangte. Und hie und da blitzte es in der dunklen Vvlksmasse wie Licht­funken. Als wir aber genauer hinsahen, da waren die kleinen hellen Punkte Fackelträger, die tauchten einzeln oder zu mehreren in der Menge auf, und wo sie erschienen, da staunte das Volk, einige scharten sich mit die hellen Flammen, andere suchten etwas von dem Feuer zu erhaschen, noch andere gingen bald wieder ihres Weges, aber ihr Auge blickte heller wie nach einer großen Freude. Die Fackelträger aber gingen ihren Weg durch die Völker und trugen ihr Licht in die Herzen und in die Häuser und als unser Auge immer schärfer das Gewimmel durchdrang, da erkannten wir zu unserer Be- stürznng in den Fackelträgern die Schar der gleichgesinnten Freunde, uns selber und unzählige, die wir nicht kannten, deren Antlitz aber leuchtete in tiefer, ernster Freude und die ihre Fackeln hoch hielten und das Dunkel in ihrer Um­gebung erleuchteten.

Als wir noch staunten über das wunderliche Leben und seine vielen Kontraste, führte uns der Engel in eine ent- legenere Gegend und hieß uns durch ein Glas schauen in das Land ferner Zukunft. Wir sahen dies Land vor uns liegen wie ein erhöhtes Plateau. Vom Tale aufwärts führten viele, viele Stufen, und eine unabsehbare Schar von Fackelträgern, allen Zeiten und allen Völkern ent- stammend, schritten langsam die Stufen hinauf. Auf dem Plateau aber sahen ivir sie bald alle in der Mitte auf einem erhöhten Platze. Stolz hoben sie noch einmal ihre Fackeln, so kleine als große, dann warfen sie sie alle auf einen Haufen und hellauf loderte die Flamme, ohne Rauch und Qualm, wie eine einzige gewaltige Opferflamme, wie ein hehres, frohes Frendenseuer, ungetrübt durch irdische Schlacken. Und es war, als ob von dieser geläuterten Flamme ein strahlendes Licht ausging, über die ganze Menschheit, die in dichtem Gewoge das Plateau erfüllte. Freude verklärte jedes Antlitz, Liebe leuchtete aus jedem i Blick, Größe lag bi Schritt und Haltung.

Und als wir aufmerksamer in die. Menge schauten, den Winken unseres Führers folgend, da überkam uns ein großes Erstaunen: Wir erkannten, daß. diese Menschheit sich zu voller Erkenntnis ihrer eigenen und der sie umgebenden Natur durchgerungen hatte. Und diese Erkenntnis prägte ihnen andere Gesetze, forderte von ihnen andere Werke, füllte sie mit Ehrfurcht vor allem Göttlichen und so ver­schieden ihre Gaben und ihre Leistungen waren, alle fühlten sich in Liebe verbunden, zu einem hohen Streben vereint, I und indem sie als Brüder und Schwestern einander förderten, I nur an das Ziel und nicht mehr an lieber- und Unter- I orduung und dergleichen menschliche Begriffe dachten, kamen Werke zustande von so unsagbarer Größe und Schönheit, I daß unsere Sinne das Glück kaum zu fassen vermochten, I und als wir stammelnd und dankerfüllt dem Führer unsere I Freude äußerten, sagte er lächelnd: Auch Eure Fackeln nährten das Feuer, das diese Menschheit durchglüht und | ihre Erleuchtung bewirkte. In ihren ewigen Werken lebt I Mglerch alles Beste und Tiefste, das Eure Seelen ins Leben I ries. Durch die Jahrtausende reicht sich die .bände, was I Ewigkertssinn trug und zeugte, und nicht der kleinste Hauck göttlichen Feuers geht im Reigentänze ewiger Welten und I ewigen Werdens verloren."

Wie sich seitdem unser Leben gestaltete und ivie wir suhlten, daß auch wir tm paradiesischen Zwisckenlande helfen dürfen am Werden und Ausbau künftiger Zeiten, das wirst dir selber erfahren, wenn du nach manchen Fahren deinen I Erdenlauf vollendet hast und unserm Kreise zuqeteilt wirst I Vorerst gehe weiter deine Bahn als leuchtendes Vorbild I für alle Zaghaften und Kleinmütigen, lehre sie da?' Leben I 8u zwingen durch Kraft und Schaffensfreude. Die Freunde I erhoben sich und tranken deni Dichter zu, schon hörte er I wieder das Plätschern der Flulen und glaubte den Fischer I zu vernehmen, der zur Heinrkehr mahnte. Er wandte sich I hastig um, da war das ganze Zauberreich verschwunden: I seine Gattin saß ihm gegenüber, lächelte ihm freundlich zu I

sagte: Du schliefest so gut rind hattest einen so froh- I bewegten Ausdruck, als hättest du einen herrlichen Traum.

Da mochte ich dich nicht stören, obgleich Gäste deiner warten. Was träumtest du nur?

Ach, Liebste, erividerte er, so schnell läßt sich das nicht erzählen, aber schön war es und lief wohl auf das Goethefche Wort hinaus:

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, Das Unzulängliche, hier lvird's Ereignis."

Irr den Rotwiesen.

Eine Vogelsberger Sage von H. Weber-St.

Der Bürgermeister ging zum Walde, Zinn Köhler wollt' er, bei» einsamen Mann; Schon sah er, wie empor sich ballte Der Meilerrauch im grünen Tann.

Dort stand des Köhlers dürit'ge Hütte, Umrahmt von grünem Waldgeheg, Nicht weit davon, in Waldesmittc, Lag schwarz der Meiler an dem Weg.

Sieh hin, wer lehnt an jener Tanne, Tie Mütze tief im Angesicht?

Was fehlt dem einsam stillen Manne? Er rührt sich und er regt sich nicht.

Wirr hängen ihm die roten Haare Und lockig nm das müde Haupt, 's ist, als hat!' eilte unsichtbare Gewalt das Leben ihm geraubt. Ein Schurzfell deckt den laugen Körper, Traut liegt der teuerrote Bart, Und um den Mund, da liegt ein herber Und harter Zug nach Krieger Art.

Ist es der Köhler? Nein. Ein Grauen Packt jäh des Mannes ruh'ges Herz, Ihm ist's, als jäh er's bei dem Schauen Im Barte glühn wie feurig Erz.

Als Feuerfunken glühend sprängen Hervor aus seines Bartes Glut, Er fühlte, wie mit heißem Drängen Im Herzen stockte jäh sein Blut. Er sprang entsetzt, er rief im Schrecken Ten Köhler her:Wer ist das dort?" Er deutet hastig mit dem Stecken Er sucht der Feuerbart war fort!

Seid still, es ist der Schmiede-Alte, Ich seh ihn alle Tag und Nacht, Er wohnte früh'r in diesem Walde, Wo man ihm Opfer dargebracht.

Tann brachen sie ihm die Altäre, Und Glocken tönten an sein Ohr, Gesenkt trägt er das Haupt, das schwere:" Es ist der starte Ase Tor!--

Ein Meckern hört man aus dem Walde, Sie schleichen leise in das Halis, Ein Bocksgeruch durchzieht die Halde Irrlichter schwirren ein und aus.

*) Das dem Gewittergotte Tor geweihte Tier ivar der Ziegen­bock. Von diesem Tier haben auch viele Vogelsberger und andere Teckel die Hörner und den gespaltenen Fuß her, mit denen sie in den Sagen auitreteu. Nach nordischer Mythologie wurde der Wagen Tors von zwei Ziegenböcken gezogen, wenn er beim Ge­witter über die Wolken fuhr.

Vüchertisch.

Paul H ey se's 80. Geburtstag, am 16. März d. I., hat die Deutsche Dichter-Gedächtms-Stiftung zum willkommenen Anlaß genommen, um eine seiner frühesten Arbeiten Andrea Delfin in ihrer bekannten SammlungVolksbücher" neu herauszugeben. Tie Novelle, 1859 erschienen, spielt in Venedig zur Zeit des Niedergangs der großen Mceresrepublik. Die tragische Gestalt des Helden, die packende, Schlag auf Schlag sich abspielende Handlung auf fremdartig düsterem Hintergründe machen die Novelle zu einem Volksbuch, wohl geeignet, durch weiteste Verbreitung in unserem Volke dem großen Erzähler ein Denkmal seiner Kunst zu setzen.

Logogriph.

Ich bin ein ivildes reißendes Tier lind manchem Jäger gekährlich gewesen;

Als harmloser Vogel erscheine ich dir, Wird vorn eilt anderes Zeichen gelesen.

Auflösitng in nächster Nummer.

Auslösung des Buchstabcn-Rütsels in vor. Nummer; Der B u ch st a b e Z.

SRebaftiott: K. Neura ! ü. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen-