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Paul Heyse saß in seinem behaglichen Arbeitszimmer in trauten Münchener Heim. Es war Feierabend, der
seinem trauten Münchener Heim. Es war Feierabend, oer Lärm der Gasse drang nicht in das stifte Gemach, in dem der Meister viele seiner besten Werke geschaffen, in dein viel Leid und Freude über ferne Seele dahingegangen war.
Allerlei Gerüchte waren aufgetancht von Ehrungen, die Heimatstadt und Vaterland zu seinem 80sten Geburtstage vorbereiteten. War es möglich? Lagen wirklich morgen
dem fragte er plötzlich:
— Sagen Sie mal, Exzellenz, ist es das Renaissance-
Ludwig liebte derartiges nicht. Wer er hörte ruhig zu, wie er nie einem Grafen und Gesandten und Exzellenz etwas anderes als Interesse entgegengebracht hätte. Trotz
haus mit der pompösen Einfahrt?
— Was denn? Die Grotesktänzerin?
Zu Paul tzeysr's 80. Geburtstage.
Von P a ulin e L a n g e.
Rsguier schnell, denn die Herren rnnßten doch jeden Allge,»- blick zuruckkehren:
— Ich wollte nämlich mit dir über Patsch reden.
Die Ehe ging nicht. Agathe wußte es längst. Ihr Schwager hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Aus dem lustigen Offizier war ein Mensch geworden, der kaum die Miene zu einem Lächeln verzog. Agathe war es aufgefallen, als er und seine Frau sich im Herbst zu beit Jagden in Kölln befanden, daß sie einen kurzen, unfreundlichen Ton gegen ihn batte. Man sah sie nie zusammen. Immer unterhielt sie sich mit den jungen Offizieren, und wenn sie ausritt, war es nicht mit ihren: Mann, sondern! bald mit diesem, bald mit jenem.
(Fortsetzung folgt.)
Graf Tiefenau. Er wollte eben auf den Bahnhof fahren, , um sich zu einem Ordenskapitel der Johanniter zu begeben, als er im Wagen lautlos umjank.
Ein paar der Nachbarn hatten bet dem großen Ktach der märkischen Bodenkreditgesellschaft einen erheblichen ^eü I ihres Vermögens verloren und zogen sich nun sehr zururr. 1 Andere, die wegen Heranwachsender Tochter bisher überall I erschienen waren, wo es heiratsfähige, junge Leute gab, I hatten die Mädchen glücklich an den Mann gebracht und ent- deckterl nun in sich Einsiedleranlagen oder mußten der jungen I Ehe mit zu großen Mitteln helfen, als daß sre nicht Spar- I meister hätten werden müssen. Alles schien verändert, tot !
Als nun eines. Tages der Köllner Park unter dichter Schneedecke begraben lag, daß nur noch der „Neptun herausragte und der große Torbogerr an der Einfahrt, al» auf dem Kanal das Eis glitzerte, fand es Agathe zum erstenmal einsam in ihrem geliebten Köllik, und sie war es selbst, die ihren Mann bat, ein bißchen nach Berlin zu fahren, um ein paar Opern zu hören. ,
Wie immer wohnten sie im Hotel Bristol. Bei Droesigls ' häuften sich bald die Karten von großen und kleineren Herren, von allen, denen sie Besuch gemacht, oder die zu ihnen kamen, weil sie gern hinter den Hunden ritten.
Graf und Gräfin Sczögony hatten eben Agathe verlassen. Es war das letzte Mal, daß sie sich sahen, denn er war Gesandter in Caracas geworden. Auf der Treppe trafen sie Graf und Gräfin Roguier, die zum Tee kamen. Die Gräfin schien gedruckt, doch Seine Exzellenz lebhaft tote nur je. Er hielt es auch nicht lange aus, Ml zu sitzen, en beüauptete, er müsse eine Zigarre rauchen. Agathe bat, es ruhig in ihrem Salon zu tun, dazu war er aber aus Artigkeit nicht zu bewegen, und die beiden Herren zogen ihre Pelze an, setzten die Zylinder auf und gingen unter die Linden. In Wirklichkeit wollte der Graf ein wenig bnm- melnr ___ t
— Die netteste Zeit in Berlin, so gegen Abend, memen Sie nicht, lieber Freund? Das heißt, so weit hier überhaupt etwas nett sein kann.
Er hing sich in Ludwigs Arm: '
— Wie können Sie's nur den ganzen Winter auf dem Lande aushalten? Sie haben ja zwar aus Kölln wirklich ein kleines Juwel gemacht, oder ein großes, so ne Art Kohinor — aber Leute, die repräsentieren tote Sie, gehören den Winter hierher, Sie entziehen sich Ihren Pflichten.
Ludwig lächelte:
— Ich habe auch schon daran gedacht.
— Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und kaufen Sie sich nett Palazzo. Wissen Sie übrigens, daß die Peruanische Gesandtschaft uinzieht? Ins eigene Haus! Die bisherige Gesandtschaft, die sie nur gemietet hatten, das wäre so was für Ihren Geschmack. Sie wird frei, mein Freund, oer Gesandte hat mir's gesagt. Bitte aber ganz vertraulich!
— Mit Vergnügen!--
Graf Regnier hatte seiner Frau gesagt, sie solle nur auf ihn warten, doch die Zeit verstrich, und er kehrte nicht zurück.
Die Gräfin wollte mit Agathe sprechen, aber es kam Besuch dazwischen, und erst als es schon beinahe sieben Uhr war, blieben die beiden Damen allein. Da sagte Gräfin
schon 80 Jahre vollendet hinter ihm?
Die Vergangenheit wurde lebendig — Trauer überschattete das Antlitz des Dichters — sie galt den vielen geliebten Menschen, die ein gutes Stück Weges mut ihm gewandert waren und deren Schritte tote in Wetter, Wetter Ferne verhallten — tote lange schon mußte er einsam ohne sie seinen Pfad weiter wandern. Doch dann gedachte er voller Dankbarkeit all der treuen Liebe, die ihm in [entern langen Leben geworden war, all der herzerquickenden Freundschaft, die er selber hatte üben dürfen, und bewegten Herzens dachte er vor allem der Liebe und Hingebung, die ihm in seiner edlen zweiten Gattin geschenkt wäret,, die nun volle 43 Jahre hindurch Last und Freude des Lebens mit ihm getragen, in stets gleichem, zartem Verstehen ihm immerdar zur Seite gestanden hatte.
Und für tote vieles hatte er sonst zu danken: Not und Sorge toaren seinem Leben fern geblieben, Niedrig kett und Gemeinheit hatten sich nicht in, seine Nähe gewagt und ungebrochenen Geistes durfte er sich in \etnetn Hoheit Alter noch des Lebens erfreuen, ja, während titele ui gleichen Jahren nur noch mühsam vegetierten, hatte er soebeu erst mit voller Frische ein neues Werk der stattlichen Anzahl! seiner Schriften hinzufügen dürfen.
Plötzlich aber legte sich ein düsterer schatten aus ferne lichte Stirn, Schwermut bemächtigte sich feiner. Was mutzte ihm fein frohes Schaffen, sein fester Glaube an das Gute und Hohe im Menschen? War er nicht ein Fremdling geworden in feinem deutschen Vaterlande? Gingen fte nicht anderen Göttern tiach und opferten vor anderen Altären — wiesen sie nicht hohnlachend auf den Lärm der Straße, nannten sie nicht spöttisch Berlin O. utid Whitechapel, wenn er beim geringsten Kinde des Volkes dem,Ädelsbriefe nachforschte, den die große, gütige Allttuttter Natur ihm verliehen hatte? '
Müde schloß er die Augen vor dem Ansturm widerstreitender Empfindungen und ben immer neuen, wundersamen Bildern, die der Vergangenheit entstiegen. Wer was war das? Leise öffnete sich die Tür »seines Arbeitszimmers und herein trat fein geliebter Vater, ganz so schlicht und ernst, so vornehm und ruhig, tote er ihn fern lebelang tit der Erinnerung getragen hatte. Ein schönes Lächeln verklärte das ernste Antlitz, während er leicht dem söhne I die zarte, schmale Hand auf das Haupt legte und sprach: I „Mein Sohn, du mein Stolz und meine »Freude, werde nicht 1 irre an deinem Volke. Wohl sprechen viele ihrer geistigen I Führer eine andere Sprache als du und deine Zeitgenossen, I aber die besten unter ihnen huldigen gleich dir der Schöti- j heil und der Wahrheit. Du aber darfst das Haupt ^hoch | tragen, in allem Hader der Parteien hast du deine Seele | vor Zwiespältigkeit bewahrt, ohne Rücksicht auf äußeren I Vorteil hast du den Mut deiner Ueberzeugung gehabt und I allen Modelockungen zum Trotz bist du deinem eigenen I Selbst getreu geblieben, darum hab en/dir die Himmlischen "sagte Gräfin I auch eine seltene Freude bereitet."
— Nein. Sie erzählten doch von der Gesandtschaft.
.— Natürlich, die Einfahrt mit den Karyatiden. Ah, ein feines Ding! Aber was verstehen die Leute hier in Berlin davon! Da sollten Sie mal nach Bolivia kommen! Ich sage Ihnen. . . Uebrigens, wenn Sie wollen, machen Sie schnell. Denn es sind noch andere dahinter her, und sobald's bekannt wird. . .
Ludwig rief eine Droschke an:
— Exzellenz, würden Sie wohl mal mit hin fahren?
Doch Graf Regnier blieb nicht bei seinem Thema. Wenn sie einer schönen Erscheinung begegneten, gab er seinem Begleiter einen Stoß, dann erzählte er von irgend einem Skandal, der in Aussicht stand.


