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Es war,
(Fortsetzung folgt.)
Erziehung zum guten Geschmack.
Von Joseph Aug. Lux.
Der ante Geschmack ist eine sittliche und geistige Kraft, die das Lebensbild harmonisch stimmt. Schönheit, Tcef- sinn, Gelehrsamkeit scheinen nichts, wenn sie nicht mit dem guten Geschmack gepaart sind. Der gute Geschmack 'st alles zusammen und noch einiges mehr. Er bedeutet nicht nur die sichere Herrschaft über die äußere Form, sondern mich strenge Disziplin des Charakters, Vornehmheit der Gesinnung, Uebung der seelischen Kräfte. Er ist ein durchaus aristokratische Eigenschaft, das Gegenteil von Gemeinheit m Denken wie im .Handeln; das untrügliche Kennzeichen der kultivierten Persönlichkeit, die mit dem Feinsten, das die Welt bietet, in Uebereinstimmung lebt; kurz, Inhalt und Sinn der Kultur. m
Die äußeren Kennzeichen des guten Geschmacks un Alltag beruhen in der Vorliebe für die schlichte, sachliche und ungeschminkte Erscheinung, in der Sorgfalt und Gediegenheit und in der Vermeidung der Verfälschung, des Surrogats und der täuschenden Tetorationsmacherei. Der gute Geschnrack hinsichtlich der äußeren Erscheinung deckt sich mit dem Begriff der schlichten Vornehmheit. Wir fragen uns oft, warum diese oder jene Erscheinung so vornehm!
„Schlafen Sie wohl, Nerle," die Pfarrerin gab ihm! die Hand. Alma erhob sich, und als sie ihm die Hand' reichte, sah er in ein Gesicht, in dem die Erdenwonne wie ein Wunder strahlte, so rein und groß und festlich.
„O, Erde, wie bist du schön!" sagte Uerle und sah das Mädchen an. „Berge von Freude! — und Täler voll Leid! Und Sie, Alma, stehen jetzt auf einem hohen Berg der Freude und sehen die Erde unter sich."
Sie aber neigte sich, faßte seine Hand, küßte sie und sagte: „Uerle, ich danke Ihnen für alle Güte, für alle schönen Stunden. — Ich verstehe Sie ganz, Uerle."
Tunkelrot ward Uerles Gesicht — Tränen traten in seine Augen, er wendete sich ab und ging zur Tür hinaus.
Die Pfarrerin setzte sich ans Spinett und spielte ein Schlummerlied, das sie früher mit ihren Kindern vorm Einschlafen gesungen hatte — und alle Züchter fielen in die alten, trauten Worte ein.
Was die Pfarrerin dazu getrieben, das alte Kinderlieb zu spielen, war ihrem ratlos bangen Herzen wohl kaum klar geworden. 1 ,
Als sie eine Weile schon geendet hatte, hörten sie Uerles rhythmisches Klopfen am Fensterladen, was so viel bedeutete als: Es ist nur der Uerle, macht getrost auf. Und das taten sie, sie öffneten den Laden, da stand Uerle und schaute herein. Die Pchrrerin hatte schon ihre Haube abgefetzt und stülpte sie jetzt eilig wieder auf, und Ulrikchen nestelte ihr Kleid wieder zu und lugte durch die Türe, die in ihr und der jungen Witwe Schlafzimmer führte, begierig heraus
„Mir ist da etwas eingefallen, liebe Frau Pfarrerin, was ich sägen muß — heut abend noch — verzechen Sie." Er war tief erregt, seine Stimnie bebte: „Tie Gesetze der Menschen sind nicht Gottes Gesetze. Böse ist oft gut, und gut ist böse." Er sprach sehr hastig und laut. Es war, als wenn sein Gefühl ihm mit der Stimme durchginge. „Gott aber ist überall und sieht, wie die Brenschen sich ihre Gesetze machen, ost gegen seinen Willen, und er sieht zu und lächelt icher ihr Tun. '
— Und dann — ---dann wollt' ich noch sagen, wenn
Menschen auch nur einen wahrhaft guten, ganz ergebenen treuen Freund haben, sind sie nicht verlassen, und waren sie von der ganzen Welt verlassen. Frau Pfarrerin, ich möchte J-nen das alles sagen, tote im Namen Gottes! —. Quäl eil Sie sich gar nicht. — Legen Sie sich alle ruhig schlafen. — Die Menschen machen einander die größte Qual auf Erden. Wenn ihr denkt, ihr wollt nur helfen — Hellen und gut miteinander jein, so ist alles übrige gar gleichgültig. Verzeihen Sie, Frau Pfarrerin — Gute Nacht." Damit war er auf und davon. -
Ulrikchen sagte: „Ich weiß nicht — mit dem sollte ecu- mal der junge Metzger Bauch reden!"
„Laß das, Ulrikchen," sagte die Pfarrerin, „davon verstehst du nichts. — Was der Uerle auch sagt, herzlich gut ist's gemeint, und das ist die Hauptsache."
hineinprangt? Mau atmet Sommer. Man sieht eine Gegend init großen Laubmassen und Laubduft und alles in Wonne getaucht. Es ist solch eine Sommerseligkeit und solch Som- merleio in allem, was geschiebt, so aus der tiefsten Seele heraus. Er ist ein Sommerkind. Sehen Sie doch die Menschen an, wie wenig Sonne haben alle in den Augen, kühle Frühlingsaugen, trübe Winteraugen; aber die beiden haben Sommersonnenaugen, da können wir anderen alle nicht mitmachen." ...
„Sie wird sich und mir kein Leid tun," meinte die Pfarrerin.
„Sie ist vom größten Dichter der Welt geliebt," sagte Uerle
„Was Dichter!" sagte die Pfarrerin, „er soll ein guter Mensch sein!"
„Liebe Iran, dein einen brennt sein Haus nieder, dem andern stirbt sein Vieh. Sein Geld verliert einer, seine Ruh der andere — jeder hat zu leiden und bringt Leiden. Quälen Sie sich nicht. Da liegt das Geheimnis der Welt."
Als es gar spät war und es an ein Abschicdnehmen ging, da küßte sich das wundervolle junge Paar vor den Äugen der Mutter und den Augen der Schwestern und Freunde im traulichen Zimmer beim Schein der kleinen Oellampe.
„Du teures, einziges Geschöpf!" sagte der junge Mann hingerissen.
„Daß der Regen dich brachte!" sagte sie still, „mir dich brachte!"
Sie stand leuchtend vor Wonne, und alle, die es wußten, dachtecc an den blühenden Rosenstrauch, der mit tausend Rosen blühte, und der Duft der Rosen waren die glückseligen Gedanken.
Der junge Mann stürzte auf die Pfarrerin zu, küßte ihr die Hand. „Liebe, liebe Frau," sagte er, „Gott behüte uns alle!" Dann ergriff er beide Hände des schönen Mädchens noch einmal.
„Kommt!" sgate er zu einen Begleitern, „kommt!" Dann ging er, ohne fast irgend jemand anzublicken.
„Alma — Kind!" rief die Pfarrerin, als die Türe hinter den Gästen geschlossen war.
Mma achtete nicht auf sie. Wie angstvoll lauschte sie auf die verhallenden Schritte.
„Mein Kind —" sagte die Pfarrerin noch einmal.
Da sank das Mädchen vor ihr in die Kniee. „Ich danke dir," schluchzte sie auf, „daß ich lebe! Ich danke dir! — Ich danke dir!" Und sie küßte die Hände der Mutter. Ihr Haar war ausgegangen, und sie wischte die eigenen Tränen damit von den Händen der Pfarrerin.
„Will er dich denn heiraten?" frag Ulrikchen kühl.
Uerle aber trat vor Ulrikchen hin uu1' sagte: „Lassen Sie sie doch, Judas Jscharioth!"
„Nun ist er ganz verrückt!" meinte Ulrikchen. „Tie andern glauben doch, Sie sähen meine Schwester nicht ungern. Wie leiden Sie denn das?"
„Wahrlich," sagte Uerle, „ich habe sie geliebt und liebe <ie — ja — ja — ja! ich liebe sie!" Seine Steifheit brach tm übermächtigen Gefühl zusammen — und er war frei! frei! — Zum erstenmal im Leben Herr seiner Stimme, seiner Glieder, zum erstenmal schmolzen ihm die Gedanken wie im Feuer. „Ja, ich liebte sie! ich liebte sie ! — aber was will das sagen gegen ihre Liebe!"
„Ach, Uerle, unser guter Freund," sagte die Pfarrerin seufzend und hielt ihr Kind, das vor ihr am Lehnsessel kniete und den Kopf ihr an der Brust barg, mit einem Arm Umschlungen. „Ach, Uerle, ich wollte, Sie wären bei all Ihrem Edelmnte nicht gar so bescheiden. Bei Ihnen wäre sie behütet."
„Ich bin ein gar elender Mensch," sagte Uerle ruhig, „ich finde mich mit allen Dingen gut und bürgerlich ab. Wenn meine Mutter mich strafte, fand ich in jeder Strafe einen süßen Kern; sogar, wenn sie mich prügelte, freute ich mich auf die wunderliebe Versöhnung danach, denn die Prügel kamen ihr selbst hart an, und sie griff mit Freuden nach dem ersten Zeichen meiner Reue."
„Ach, Uerle," meinte Ulrikchen, „Sie spielen mit den Gedanken, als ob Sie uns Geschichten erzählen wollten; das jst immer wie aus dem Buch, wenn man Ihnen Mhört."
„Ja, das ist's ja eben," sagte Uerle traurig. „Und nun schlafen Sie alle wohl, und Gott behüte Sie miteinander."


