Donnerstag den (5. Januar
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Sommerseele.
Von Helene Böhlau.
(Nachdruck verboten.) svonievnng. i
Mle waren von dem Eindruck benommen, die beiden Stollbergs ganz hingerissen. Die Töchter schauten mit einer gewissen Ehrfurcht ans ihre Mutter und fühlten durch den Erfolg, den sie,hatte, so recht deutlich, was sie ihnen war.
Die Stollbergs meinten, sie begriffen nicht, daß noch kein großer Tonkünstler diese iuundervollen Kräfte und Mächte in Musik gesetzt hätte. Diese Freude, die nach Zimmet und Zinnemameu duftet, und von der Hellen, warmen Sonne beschienen ist, — und dazu die einsame Sündenqual der Mutter.
„Es ist ein Großes um diese ulten Geschichten," sagte der junge Goethe, „ihr geheimnisvolles Entstehen macht sie unendlich reizvoll, imb das von Mund zu Mund ist ein lebendiger Gruß von längst vergessenen Menschen."
„Nie hat die Mutter auch nur <y.it Wort verändern dürfen an ihren Geschichten, und sie hat's mit ihrer Mutter genau so gemacht wie wir."
„So ist durch das eigensinnige Festhalten der Kinder," meinte der verehrte Gast, „der alte kostbare Schatz auf uns gekommen und wird über uns hinweg von Mund zu Muno, von Generation zu Generation weiter lvandern."
Alma sagte: „Das sind die Werke der Frauen, damit sie doch auch etwas getan haben und nicht ganz leer ausgehen."
„Als wenn sie leer ausgingen!" ries er. „Sie sind da! — und alles ist voller Innigkeit und Poesie und sanfter Kraft. Wenn man um.sich schaut, alles was heimisch und lieb und vertraut ist, was das Leben wert macht, ist durch sie. — Wir sind an all das so gewöhnt, daß wir es kaum bewußt gewahr werden. — Wenn es fehlte, welche Oede, welche Kargheit! — In jeder Stadt müßte ein Denkmal „der Mutter" stehen, und kein Jahr dürfte vergehen, daß nicht den Tag brächte, an dem das Bild festlich bekränzt würde, an dem nicht ein heiteres, inniges Fest vor diesem Bild gefeiert würde, ein Dank- und Freudenfest, an dem jeder seiner eigenen Mutter gedächte. — Solch ein Fest wäre not- wendiger gewesen als das Fronleichnamsfest der frommen Nonne Roswitha."
Die Pfarrerin schaute auf und sagte: „Das ist ein gar tvunderlicher Gedanke, und wenn dem so wäre, wie Sie sagen, würde gar manche arme Mutter, die es sich ungelohnt und unerkannt, Tag und Nacht bitterlich sauer werden ließ, getröstet und aufgerichtet werden."
„Ja," sagte der lebhafte Gast der Pfarrerin in großer Wärme und Liebenswürdigkeit, „es ist eine rohe, barbarische Welt, in d^r ein jeder sich von seiner Mutter hat opferfreudig lieben, behüten, mit Güte überschütten lassen, und
es ist nie zu einer großen Dankesäußerung der Menschheit gekommen.
Es ist doch gewiß, daß in der Welt dem Menschen nichts notwendiger ist als die Liebe.
Herr Gott, wenn ich an meine eigene Mutter denke! Was mir blühte, blühte durch sie. — Sie feiern alles Erdenkliche, aber das Beste! Einzige! das lassen sie unbedankt — und diese Danklosigkeit, dies Totgeschwiegenwerden liegt auf den Frauen. Die Katholiken haben ihre Feier und ihren Dank der Gottesmutter gebracht. — Ach, hätten sie's ein wenig deutlicher gemacht! Und wir altckugen Protestanten haben auch dies schöne Symbol als unverständig beiseits getan."
Die Pfarrerin sagte: „Sie sind ein guter Mensch. Ich meine, etwas besseres kann ich I inen nicht sagen, auch wenn Sie anderes zu hören gewöhm find. I h wollte wünschen, es käme die Zeit, in der man Ihr schönes Fest feiern würde." Der Pfarrerin wurde es leichter und weniger bang ums Herz. Am liebsten aber wäre sie zu ihm bingetreten und hätte gesagt: So lieb und wert Sie uns sind, ich bitte, vergessen Sie unser Häuschen und mein armes Kind, eilen Sie, gehen Sie! — Sehen Sie nicht, wie des Kindes Augen an J.-nen hängen, ms wären Sie allein auf Erden?
Ja, wenn nur des Mädchens Augen an ihm gehangen hätten; aber auch er umfaßte sie mit seinen Blicken, hielt sie fest, sog sie mit seinen Augen an sich. — Sie schienen beide in der Kraft ihrer Blicke zu leben.
Alle gingen sie jetzt wieder in dem langen Gartengrundstück auf und nieder. Niemand dachte an ein Aufbrechen.
Der Wend war so schön, die schlafende Sommerherrlichkeit 'lag wie ein unfaßbares und doch vertrautes Wander um sie her. Geheimnisvoll dufteten die Blumen, geheimnisvoll schien der Mond, und die vollaubigen Bäume rauschten hin und wieder einen schwermütigen A.kord dazu.
Uerle hielt sich zu der Pfarrerin. Er ging neben ihr her wie ein guter Sohn, der seiner Mutter Kummer tragen hilft.
„Guter, lieber Uerle, was sollen wir machen?" fragte die Pfarrerin nach langem Schiveigen. „Da gehen sie miteinander ganz weltvergessen, ivas mögen sie wohl reden?"
Uerle schwieg.
„Lieber Uerle," sagte die Pfarrerin wieder, „so gar manches Mal schien es mir, als stände meine Alma Jmen nahe, als wäre sie Ihnen teuer. — Helfen Sie doch!"
„Helfen?" — sagte Uerle wie gedankenlos. „Frau Pfarrerin, das ist nun jetzt ein Schicksal. Ich glaube, da können wir alle nichts machen; ivas wir auch täten, würde grob und töricht sein. Die sind beide Sommermenschen."
„Ach, Uerle — was soll das heißen?" Die Pfarrerin schüttelte traurig den Kopf. „
„Haben Sie darauf gemerkt," sagte Uerle wieder bedächtig, „Ivie in des jungen Werthers Leiden zu allem, was geschieht, die Bäume ^rauschen, wie der Soinmer in alles


