Ausgabe 
13.10.1910
 
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Voll das eine Landkarte sein oder die Grundlage für eine tteue Geheimschrift?"

Zunächst halten Sie das Papier verkehrt in der Hand. Mer auch, wenn Sie es herumdrehen, wird Ihnen der Sinn der Skizze nicht ohne weiteres klar werden. Der Agent hat deshalb Kugertoeife eine Erläuterung beigefügt. Sie sehen, wie sich hrer oben ein anscheinend leidender Regen­wurm krümmt. Er soll bett Rhein darstellen. Darüber er­blicken Sie ein paar Ausrufungszeichen, die sich in sichtlich trunkener Stimmung befinden. Es sollen dies die Türme von Schrattstein sein, und die krankhaften Gebilde dahinter unsere heimischen Weinberge. Wenn ich nun meine ganze Phantasie Mstrenge und das Höchste aus meuter Kunst herauszuholen versuche, so ivürde als elegantester Entwurf für das neue Etikett der neuen Marke doch immer nur dies herausklettern. . . ." Er zeigte Fritz ein Matt, mit dem durch einfache Linien umrandeten Aufdruck:

EXCELSIOR

* K. A. Friedel Schrattstein

Fritz schüttelte abermals den Kopf.Gestalten Sie H das ist ja aber überhaupt keine Zeichnung," meinte er.

Heureka!" rief Feßler,genau so ist es! Gar keine Beichnnng! Seien wir ehrlich, lieber Herr Friedel: in der infachheit liegt die beste Wirksamkeit. Die alten großen Märken der Champagne, Pommery, Cliegnot, Deutz pud Geldermann, Moöt und Chandon, Roederer und wie sie stlle heißen, haben sich immer nur mit dem Typographischen auf dem Etikett begnügt. Da ist jede Illustration vom Uebel: nicht bloß aus Schönheitsgründen, sondern weit sie das Ange unwillkürlich von der Hauptsache ablenkt, vom Namen der Marke. Anders bei den Reklämeplakaten und den Jnsertionsseiten. Da muß wieder das Bildliche wirken Und die Idee des Bildes. . . . Möchte mir also getteigtest Vorzuschlagen erlauben: wählen wir für Deutschland und die übrigen Länder das rein typographische Etikett mit Untiqualettern, und für Frankreich, weil wir uns dort än das deponierte Muster halten müssen, diese wunderschöne Auslage. . . ." Er holte ein neues Blatt aus seiner Mappe, das die gleiche Inschrift zeigte;, dazu Über links in der Ecke des Etiketts eine Keine, zierlich gezeichnete Ansicht Schrattsteins.

Gut," sagte Fritz,ich bin einverstanden. Bin im allgemeinen auch kein Freund überflüssiger Schildereien auf den Etiketten. Was meint der Papa dazu?"

Ueberläßt Ihnen die Entscheidung. Entre nous: er W ein bissel deprimiert und wartet sehnsüchtig auf Ihr Kommen."

Warum deprimiert? Es ist ja doch alles in Ordnung."

Feßler packte seine Blätter wieder in die Mappe. ;Kiebster," begann er zögernd,ich mische mich ungern M die Intimitäten des Hauses. Aber schließlich: wir sind uns nun einmal nähergetreten, und da werden Sie mir ein offenes Wort nicht Übelnehmen. Der Tod Spannnths hat den gangen Gau in Aufregung versetzt. Das war voraus­zusehen. Aber ich habe nicht geglaubt, daß sich die Stim­mung so feindselig gegen Sie richten würoe. Das Be- tzräbnis Spannnths war eine förmliche Demonstration. Ein Piefiges Begräbnis. Alles da, auch viele von der Mosel, Saar, Nahe, aus dem Neckar- und Taubertal, aus Franken und alle von uns; nur Graf Wolfrad, Baron Langern Und Mdderkopp fehlten. Ebenso Helldorf; man sagte, er liege an einer Lungenentzündung krank. Dafür glänzte feine Frau in einer wundervollen Trauertoilette. Sie fiel wieder einmal allgemein auf. Aber bildschön alle Wetter, das muß ihr der Neid lassen! Natürliche an der Seite Gdringens. Wissen Sie, der Männ gefällt mir nicht. Er hat etwas Ekelhaftes mit seinem ewigen Lächeln. . . . sind dann legte der Geistliche los. Hören Sie, das soll eine Vernichtende Rede gewesen sein!"

Wer erzählte Ihnen davon?"

Küpka und der lange Rickert. Und Kothe in Wies­baden man spricht überhaupt von nichts anderem. In den Trauerzug -geriet ich versehentlich mitten hinein: ach wollte zum Oekonomierat Dreher und dachte nicht an die Stunde des Begräbnisses. Da schritt auch FrM Svaunuth dicht an mir vorüber am Arme ihres Schwagers Otto. Ach sah sie zum ersten Male. Eine eigentümliche Erschei­nung etwas Hoheitsvolles ein sehr feines blasses' Gesicht unter schönem dnnkelm Haar brünett, mit großen Und strahlend eil Augen. Die möchte ich- einmal mglen,"

Arme 'Frau,'" sagte Fritz unwillkürlich. Er holte Zi­garren und steckte sich selbst eine Kryfanty an- gedankenlos und rein mechanisch.Ach, lieber Feßler, wenn Sie wüßten, wie schwer es mir wird, über diese Unglücksgeschichte hinans- znkommen! Ich habe wahrhaftig seit damals noch- keine ruhige Nacht gehabt; sich leide unter Gedankenflucht stnd Selbstvorwürfen ich fühle misch! schuldig und hin es doch nicht! i Also Sie sahen Fran Spannuth? Ich wünschte, es fände sich für mich Gelegenheit, mich einmal mit ihr aussprechen zu können. Aber das ist natürlich unmöglich. Und der Geistliche hat, statt Drost zn spendett, angeklagt und geeifert? Wer war es?"

Pfarrer Wediger."

Ah der? Kein Wunder." .

Er soll förmlich in Ekstase geraten sein. Hat auch Worte-fallen lassen, wegen derer man ihn an den Kragen fassen konnte. (Sine unmittelbare Wirkung- Hatseine Hetzrede jedenfalls schon hervorgerufen. Haben Sie nicht die Wies­badener Blätter gelesen?"

Ich habe seit Tagen in keine Zeitung geschaut."

Die haben genaue Berichte gebracht. Eine Anzahl junger Burschen hat in der Nacht von Montag zu Dienstag eine Reihe Fensterscheiben in der Billa Ihres Vaters zer­trümmert. Aber das ist noch nicht alles. Sie entsinnen sich des kleinen Weinbergstreifens' rechts oberhalb der Kirche?"

UttsersKirchenstücks" natürlich! Muschelkalk und Prallfonne die einzige Strecke nnsers Terrains, die nie versagt."

Ich weiß. Ihr Vater nahm mich zurzeit der Edelfäule einmal mit auf das Kirchenstück. Er hält viel davon. Ich glaube, die Traube gehört mit zu dem Geheimnis seiner Liköre. Also, nun denken Sie diese Infamie! Man hat die Reben herausgerifsen oder die Stöcke zerschnitten. hat den ganzen Weinberg verwüstet!"

Fritz erblaßte. Rebenschändung war im Gau Unbekannt. Wo kam dieser wahnsinnige Haß her?!Und der Wäch­ter?" fragte er. Seine Stimme zitterte.

Der wird ja immer erst zur Zeit der Reife bestellt! Ich bitte Sie um Gottes willen, inj Unserer friedlichen Gegend ist doch nichts zu fürchten! Ist jemals eine Untat derart vorgekommen? Und nun scheint's auf einmal, öifö ob alle bösen Geister entfesselt worden wären!"

Fritz schritt unruhig auf und ah.Was darf ich Ihnen vorfetzen, Feßler? Ein Glas Wein, einen Kognak?"

Niente. Ich danke. Eine Zigarre ,die hab ich schon."

Ist die Untersuchung -eingeleitet?"

Natürlich. Aber ich glaube an kein Resultat. Kessel- Holz spüvt umher wie ein Jagdhund. Er hat Witterung nach dem Klostereck, während der Opa zu der Ansicht neigt, die Attentäter säßen ans Spannuthschem Gehege. Jeden­falls ist Ihrem Vater die Sache sehr zu Herzen gegangen'. Es kommt dazu, daß Ihre Frau Mutter den Gedanken Ihres Abschieds absolut nicht verwinden will; da werden deut Papa auch häusliche Szenen nicht erspart sein."

Er kennt sie ®ur Genüge, lieber Freund. Aber er war niemals der Herr im Häufe. Ich denke, es wird sich manches ändern. Was haben Sie sonst noch an erfreu­lichen Neuigkeiten?"

Feßler lächelte gutmütig.Nur noch eine wirklich! er­freuliche. Aber sie geht leider bloß mich allein an. AM letzten Festspielabend in Wiesbaden bitt ich dem Kaiser vorgestellt Mrden."

Meine Hochachtung! Gratuliere. Und wie kam das?"- (Fortsetzung folgt.)

Aus dem Ohmgebiet.

Berühmte Männer und Geschlechter.

Von den Verwaltern (Meiern) des Königshofes zu Groß- s e e l h e i m sind leider keine Namen auf uns überkommen. Zwar soll auf den Höhen des Burgwaldes der Majordomus Karl Martell, bekannt durch seinen glänzenden Sieg über die Ara­der bei Tours in .Frankreich (732 n. Ehr.), seine Siegeszeichen auigerichlet haben; doch! sind diese Nachrichten sagenhafter Natur, obschon es Nicht ausgeschlossen erscheint, daß auch Karl der Große auf seinen mannigfachen Heerfahrten gegen die Sächselt auch unser Ohmgebiet durchstreifte. Soll doch schon in der Mitte des! sechsten Jahrhunderts der Frankenkönig Siegbert bei Hals­dorf im.Wohratal die Sachsen und Dänen, besiegt haben. Erst M Bälrifätius pexdMen sich die NMrichtest LU steWW