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Aus dem Ohmgebiet.
Erzählungen, Sagen und Sitten ans dem Ohmgebiet.
Wie bereits erwähnt, haben sich bei keinem andern deutschen Stamme die früheren Sitten und Gebräuche so rein erhalten wie bei den Chatten. Jnimerhin ist schwer festzustcllen, wäs sie aus ihrer Urheimat herübcrgebracht und was sie später von den Nachbarvölkern übernommen haben. Wie wunderbar, in diesen altehrwürdigen Resten, welche, einem Spiegel gleich, die Jugendzeit unseres Volkes erkennen lassen, den Stempel des Christentums und selbst der heidnischen Urzeit zu erblicken! Sie begleiten das Leben von der Wiege bis zum Grab. In ganz Deutschland findet sich die Sage von der Herkunft der Neugeborenen aus Brunnen und Teichen. Die Welt dachten sich die Germanen einem Brunnen der Unterwelt .entquollen; für die Hessen war dies der Huldaborn am Meißner; und dessen strahlendem Gewölbe entstammen die Menschen. Unter den: Grunde eines sehr tiefen Teiches int Meißner pflegt Fran Holle, die Göttin des Lebens, einen reizenden Garten, wo sich die Seelen der, Verstorbenen! vereinigen und als Kinderseelen wiedergeboren aus die Erde zurück- kehrcn. Mit seinem langen Schnabel taucht dann der Storch, der Diener der Göttin, in die Tiefe des Brunnens und beglückt dann die Frau, sie freilich auch ins Bein beißend, so daß sie das Bett hüten muß. Kein Wunder daher, in Hessen fast überall Brunnen Und Teiche nennen zu hören, aus denen die neugeborenen Kinder hervorgehen, in Kirchhain den Klingelborn, in Marburg den Schröcker Brunnen, in Ziegenhain das Bärbörnchen bechTreysa. Aus tiefen Teichen stiegen auch oftmals häßliche, den Menschen ähnliche Geschöpfe auf, daher sie den Namen Wassermenfchen oder auch Nixen oder Nöcken hatten. Um die neugeborenen Kinder, denen sie nachstellen, zu schützen, wird die Türe der Wochenstube nachts mit einem Schurzband fest zugebunden, und nie läßt man solche Kinder bei Nacht allein. Lassen sich die Nixen unter den Menschen sehen, so erkannt man sie an dem nie trocken werdenden Saume ihres Kleides. In der Nähe von Kirchhain, bei Niederklein, liegt eine Mühle, die Nixenmühle; und aus dem Bach, welcher vorbeifli.eßt, tauchen von Zeit zu Zeit Seemännchen und Seeweibchen, wie die Leute sagen, auf, um sich am Ufer zu sonnen. Auch liegt bei Niedcrklein ein tiefer Teich, der Nixenborn genannt, aus welchem einst drei Nixen, als schöne Jungfrauen verkleidet, der Spinnstube des Dorfes öfter beiwohnten, jedoch sich nie länger als bis 11 Uhr aufhielten, so sehr man sie auch bat. Als nun! einer der Burschen, der eine der Holden liebte, eines Abends die Wanduhr verstellte, so daß die drei Schönen ohne ihr Wissen Um eine Sttinde betrogen wurden, schwammen am..andern Tage drei Blutstropfen auf dem Teiche, und der Bursche starb nach drei Tagen. Noch eine Sage vom Nixenborn: Am spaten Abend geht ein Bursche aus Anzefahr, dem seine Liebste untreu! geworden, nach Kirtorf und singt unterwegs ein Liedchen von ihrer Treulosigkeit, als sich plötzlich bei Amöneburg eine Jungfrau ihm zugesellt .und den Burschen einlädt, mit ihr zu gehen, was derselbe dann auch nach einigem Zögern tut. Beim Nixenborn angekommen, schwindet plötzlich der Boden unter ihren Füßen und sie befinden sich in einem leuchtenden, unterirdischen Saale, wo dem Burschen ein alter Mann zuredet, unter den Nixen eine Braut zu wählen; dann dürfe er auch für immer bei: ihnen bleiben. Alsbald aber schlägt der Bursche das Kreuz, ruft die Mutter Gottes an, und sogleich ist alles um ihn her verschwunden, und er befindet sich wieder auf der. Oberwelt. Aehnlich erging es einst einer Hebamme zu Kirchhain, welche nachts von einem seinen Mann um ihre Hilfe gebeten wurde: Erst bei der Nixen- mühle sagte er ihr, daß. er ein Röcke sei, seine menschliche, Fran aber nicht ohne Amme gebären könne. Trotz ihres Sträubens mußte die Frau mit unters Wasser und dann sehen, wie der Röcke das Kind forttrug. Als er wiederkam, steckte er die Hebe- trau einen kostbaren Ring an den Finger,.als sie mit cinernmale wieder oben am Wasser stand und den Ring an ihren'. Finger erblickte. Verwunschene Jungsrauen, welche erlöst werden wollen, zeigen sich an vielen Orten. Nur die Wunderblume, welche am Trinitatissonntage erblüht, verleiht die Macht, verwünschte Jungsrauen aus ihrem Zauberbann zu erlösen. Berge zu offnen und Gold zu heben. Bei Momberg, unweit Neustadt, stand in alten Zeiten ein Wirtshaus, von dem noch der Keller gezeigt wird. Schon zwei Nächte nacheinander hatte einer Frau in Momberg geträumt, daß in jenem Keller ein Hausen Goldes verborgen liege. Als sie in der folgenden Nacht denselben Traum hatte, stand fie schnell auf und ging um Mitternacht hinaus, zu dem Keller, in dem fie tief hinten eine schneeweiß gekleidete Jungfrau und hinter ihr einen Haufen Geldes erblickte. Da fie aber dcw erlösende Wort nicht kannte, wich die Frau wieder zurück, worauf die Jungfrau weinte; näherte sie sich ihr, so lächelte diese« Dieses zauberische Spiel währte, bis die Glocken zu Tage lauteten, und jetzt verschwanden Jungfrau und Schatz. Allerlei Spuk bc- ängstigte früher die Menschen. In einem Garten bei Stirn;* h a i n geht eitle Fran um, das Schlüssclwctbchen. 2lus einem Keller aufsteigend, geht sie bis, zum nächsten Turme und verschwindet darin. Wer ihrem Winken vor dem Keller folgt, dem dreht sie den Hals um. In den Erle» bei KirchhäiN soll es nicht richtig sein, und Wanderern, welche hier nachts voruberkamen, soll sich ein-schwarzer Ziegenbock aufgehockt haben. Andere glauben
mit Tumult und wildem Geschrei, Hundegebell, Peitschenknallen, Rusen und Flüchen das wilde Heer durch die Erlen ziehen zu hören.! Eine feurige Erscheinung, welche bald wie ein langer Bal kein, bald wie ein Drache gestaltet war, wollen die Leute in Kirche Hain ost gesehen haben. Die an manchen Orten üblichen Sitten des Tötens des Drachens ober Umherziehen des Strohmannes deuten den Sieg des Sommers über den, Winter an. In deck Freude Hierüber wurden auch in Rauschenberg auf der Pfingstweide am zweiten Pfingsttag heitere Spiele aufgeführt Und ein Mann mit Blumen geschmückt. Der feurige Drache in K ir ch- I) a i n fuhr über Feld und Wald dahin, schwebte auch ost über der Stadt und ließ sich in einen Schornstein hinab. Man sagt, der Drache sei der Teufel selber gewesen. Dergleichen wunderliche Erzählungen, auch solche« daß sich der Teufel von den Menschen überlisten läßt, wobei es an den betreffenden Orten „nicht recht geheuer" ist, gibt cs die Menge. Junker Hans von Dörnberg hatte in dem Hain bei Neustadt ein Schloß, die Nellenbttrg, und die Herrschaft über fünf Dörfer der Gegend. Um nun aber in ben Besitz einer Stabt zu gelangen, machte er ein Bünbnis mit dein Teufel, ber ihm die vier hochgelegenen Dörfer bei dem fünften im Bruch aufbauen mußte. Die Häuser stellte der Teufel aber bloß auf den Boden hin, weshalb jene Gebäude in Neustadt, wie bte Stadt nun hieß, keine Keller haben. Auf starken Pfählen, welche der Teufel in der neuen Stadt in ben sumpfigen Boden ein ramm en mußte, baute Junker Hans einen hohen, dicken Turm und bann ein Stübchen, auf dem er wohnte und welches er von niemand betreten ließ. Er ritt und fuhr immer auswendig das Gemäuer hinauf und hinab. Ueber Land fuhr er auf einem Wagen mit drei Rädern; die vierte Achse mußte der Teusel, ber auch den Weg vor dem Wagen pflastern und dahinter wieder aufbrechen mußte, halten. Das alles ward jedoch dem Teufel zu bescywer- lick, und er wollte Junker Hans die Verschreibung zurückgeben, worauf dieser jedoch nicht einging. In die Papiermühle bei Kirchhain, die damals noch eine Mahlmühle war, kam eines Abends ein unbekannter Mann mit einem Sack voll Frucht, bte er wollte mahlen lassen, und würbe von einigen leichtfertigst Gesellen zum Kartenspiel eingeladen, dem dann der Fremby auch folgte. Derfelbe gewann aber über Erwarten Spiel aus Spiel, bis einem der Spieler eine Karte unter ben Tisch fiel, beim Aufheben mit Schrecken einen Kuhfuß mit gespaltenem Hufe unter dem Rocke des Fremden erblickte und in seiner Angst riet: Herr Jesus! Im Nu fuhr der Teufel vom Tifche auf, verschwand! durch bas offene Fenster und ließ nur einen erstickenden -schwefel- dunst in ber Stube zurück. An bem „hohen Steine", nördlich von dem Schlosse Rordeck, treibt ber Teufel sein Unwesen! und verfolgt unter mancherlei schreckhaften Gestalten den einsamen Wanderer. Die grausenerregenden Felsmassen sind beim Herabstürzen hier und da hängen geblieben und würden bet ber: geringsten Erschütterung einstürzen. An der Stelle des einige hundert Schritte hinter dem Schlosse Rordeck am Walde gelegenen Hilbersdorfer Teiches soll vor alter Zeit das Dorf. H i l b e r s horf gestanden haben. Durch ein Erdbeben versank dasselbe mit großen Felsmassen, so daß hier mehrere Quellen zum Vorschein kamen, aus beiten ber Hilbersborser Teich entstanden ist. Manche Flurbezeichnungen mit „Teufel" beuten aut grausige Erzählungen hi», die im Laufe der Zeit verloren Qcgangen sind, so die Teufelshohl bei G r o ß s e e l h e .i m , der Tettfelskops bet Rüdigheim, der Teufelsgraben bet Rauschenberg und ein gleicher bei Betziesdorf. Wodan, in den Teufel verwandelt, hält Gelage mit den Hexen ab, welcye durch bie Lustg reiten und das Wetter machen; die Hexen waren ursprünglich Waldgöttinnen. Gleich dem Junker Hans in Neustadt hatte auch Anna Schnabel aus Betziesdorf, die der Hexetikunste beschuldigt wurde und sich deren selbst beschuldigte und dazu Giftmischerei getrieben hatte, dem Teufel ihre Seele verschrieben.. Erst 18 Jahre alt, war sie zum Feuertode verurtci t woroen; doch wurde das Urteil dahin gemildert, daß sie durch das Schwerk hingerichtet werden sollte. Und die bamaltge Regentin, bte Land- gräfin Hedwig Sophie von Hessen (1663—1677), begnadigte sw mit dem Begräbnis lauf dem Weidenhäuser Totenhofe zu Marburg) Am 8. Mai 1674 wurde sie unter Absingen des Liedes:
O Welt, ich muß dich lassen" vom Schlosse herab durch bte Stabt zur Richtstätte geführt. Nach dem Volksglauben soll an der Stelle, wo ein Unschuldiger hingerichtet wurde, leine Pslanze gedeihen. Ans dem Richtberge in der Nähe von Neustadt wurde einmal jemand hingerichtet, der bis zu seinem Tode seine Unschuld beteuerte und hinzufügte, er sei so gewiß unschuldig, als fortan kein Baum mehr auf diesem Berge wachsen wurde was sich daun au.ch erfüllt haben soll. Jui Jahre lc>98 wütete tn Reust adt eine verheerende Viehseuche, wovon der Schultheiß zu Neustadt am 12. Dezember 1605 an den Schultheißen zu Marburg berichtete. Die Bürgerschaft suchte hier und dort Rat, jedoch ohne Erfolg. Da trat Johannes Kohler ans Ntedcrurs ans mit der Behauptung, er könne dem großen Viehsterben Halt gebieten. Man solle, so sprach er, ein neues, noch nicht gebrauchtes Wagenrad mit einer gleichfalls unbenutzten Achse nehmen und das Rad so lange herumtreiben, bis es Feuer gebe, und durch dieses „Notfeuer" zwischen den Pforten alles Rindvieh treiben. Der Urheber der Radikalkur wurde, aber 160t> zu Marburg wegen Hexerei verbrannt. Von zwei guten alten Freunden ans Lange n stein erstach ber eine den nnberert


