Ausgabe 
13.7.1910
 
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Garczynski blieb sehr ruhig; er kannte diese Zufälle. Geschickt das enge Kleid aufschnürerrd, hob er seine Frau aufs Bett und füllte dann die Heine Spritze mit der wasser­hellen Flüssigkeit, die Doktor Wolinski verschrieben hatte freilich nur für den äußersten Notfall. Aber war's jetzt nicht der äußerste Notfall? Vielleicht schaffte der Anblick allein schon Linderung; er legte die Spritze aufs Tischchen aut Bett. Sich über die Leidende beugend, hauchte er erst auf ihre linke, dann auf ihre rechte Wange einen leichten Küß:Gute Besserung, meine Teuerste!" und stahl sich daun auf den Zehenspitzen wieder hinaus. Nach deut Doktor hatte er schon einen Wagen geschickt, auch die alte Nepo- muceua rufen lassen. Etwas andres konnte er wirklich beim besten Willen nicht für sie tun seine Gäste warteten, er hielt die Bank, ohne ihn stoppte das Spiel!

Jädwiga lag, mühsam atmend, wie unter einer schweren Last. Sie fühlte Schmerzen in der Brust, int Magen, im Rücken, ein Ziehen bis in die Fingerspitzen und tim1 die Taille ein eisernes Band.

Kam der Doktor denn noch nicht, wo blieb der saumselige Mensch?! Sollte sie hilflos sterben? Ach, da war keiner, dem sie teuer war! Ihr Mann saß unten bei seinen Spielern, und e r bei seiner Frau!

Ha!" Wieder ein neuer Anfall; sie knirschte mit den Zähnen und verdrehte die Augen. Stasia näherte sich mit einer Wärmflasche; die Herrin hatte über eisige Füße geklagt.

Au, du brennst mich ja! Tolpatsch!" Die Hand der Kranken fiel klatschend auf die Wange des Mädchens. Und dann ein Tritt krach die Wärmflasche flog zum Bett hinaus und ergoß, aufspringend, all ihr heißes Wasser über den Teppich.

Ach, ich sterbe! ich sterbe! Gnade! Heilige Mutter! Au, diese Schmerzen! Bete, Stasia, bete!"

Die Zofe war's gewohttt: wenn die Herrin litt, mußte sie beten. Und so kniete sie denn, ihr elegantes Kleid ein wenig raffend, auf den durchnäßten Teppich nieder, kehrte die Äugen nach oben, legte die Hände zusammen und Begann. Ihr monotones Leiern verfehlte seine Wirkung nicht. Der Herrin starrer Blick begann sich allmählich zu mildern, die Lider zuckten nun senkten sie sich, und Tränen in schier unendlicher Flut strömten darunter hervor.

Bete, bete, ich schenke dir auch die rotseidene Bluse den Sonnenschirm ach, bete nur, bete!"

Stasia leierte noch eine Weile. Ah, nun hatte die Pani die Augen zugemacht! Wenn sie doch rasch einschliefe! Das würde wohl wieder eine schöne Nacht werden! Statt sich zu amüsieren, konnte man wohl gar hier auf den Knien liegen?! Psia krew! Wenn doch wenigstens die Nepomucena bald käme, das alte Gespenst!

Bete, bete!" stöhnte die Herrin.

Ich bete ja iii einem' fort!" Stasia schnitt eine un­artige Grimasse: was scherte sie die rotseidene Bluse und der Sonnenschirm! Eie wollte viel lieber bei Pau Szulc üüf dem Sofa sitzen.

Draußen raschelte es, leise wurde au die Tür geklopft. Aha, die Nepomucena!

Aber es war nur der Bote, den man nach ihr geschickt Hatje. Tie Nepomucena war krank, lag im Bett und schwitzte, unb der Husten quälte sie auf der Brust.

Mrauk?!" Stasia machte ein langes Gesicht.

Krank?" wiederholte auch die Leidende. Sie setzte sich hastig aufrecht in den Kissen, ihr Gesicht rötete sich: die Nepomucena sollte kommen, mußte kommen!

Die Filomena läßt fragen, ob die gnädige Pani nicht will erlauben, ihr zu kommen, anstatt der Mutter?" flüsterte der Bote.

Die Nepomucena soll kommen, auf der Stelle!" Die Herrin schrie laut.O, diese Schmerzen, diese Schmerzen." Nein, das Morphium half diesmal gar nichts!Die Nepo- mucena, die Nepomucena!"

Weniges später jagte ein zweiter Wagen zum' Hoftor hinaus, hin nach den Hütten der Komorniks. Wenn die Nepomucena denn durchaus nicht gehen konnte, so sollte sie fahren.

*

Der Stroz auf dem Hofe hatte längst Mitternacht ge­pfiffen, als endlich Ruhe ins Herrenhaus kam:

Die alte Nepomucena war da gewesen; von zweien ge­führt war sie hinauf gewankt, aber da war die Herrin schon eingeschlafcn gewesen.

Frau Jadiviga schlief so fest; daß sie nicht einmal mehr die Abfahrt der Gäste gehört hatte. Mit viel Gepoltep war diese vor sich gegangen und mit viel Gelächter. Türen waren geworfen worden; über den Flur schlorrten die Herren und verstrickten die schweren Füße in die Teppiche. Auf den Stufen der Hoftreppe, die die Mitternacht mit ihrem eisigen Hauch überglast hatte, waren ihrer einige fast zu Falle gekommen. Noch auf den Wagentritten strauchelten sie.

Garczynski taten Arm unb Schulter weh, denn er hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich jedem seiner Gäste in den Wagen zu helfen. Der Diener durfte nur ein wenig nachlupfen, die Pelzdecke zurechtzupfen und den Schlag schließen. Erleichtert atmete der Hausherr auf, als die letzte Verbeugung gemacht, zum letzten Mal grüßend mit der Hand gewinkt war:Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! Herzlichsten Dank! Wohl bekomrn's!"

Mit dem befriedigenden Gefühl, ein gutes Stück dem Ziele näher gekommen zu sein, suchte Garczynski sein Bett auf. Er überdachte: das hatte wiederum eine Menge Geld! gekostet, aber der Erfolg würde schon zeigen, daß es sich verlohnte, noch einmal zur Bezahlung der notwendigsten Rechnungen ein Stückchen Wald zu schlagen. Tie Kom­mission würde ja doch wahrscheinlich alles herunterhauen. Eigentlich schade um deu Wald, in dem die alten Gar> czynskis einst Wolf und Bär und Hirsch und Elch gejagt hatten! Pah, jetzt gab's ja doch nur noch miserable Hafen, selten genug Rehe darin, und die Hauptsache war, daß die Kommission kaufte! Und die würde kaufen; augebissen hatte sie bereits. Das heutige Jagddiner hatte das Objekt euch schieden um zwanztgtausend Mark Wert erhöht; viel fehlte nicht mehr am geforderten Preis.

Und die Kandidatur war entschieden auch aussichts­reicher geworden. Alle Gäste hatten ihn ihrer Hochachtung versichert, der Landrat ihn sogar noch vor der Abfahrt heim'?- lich in eine Ecke genommen:Mein Bester, ich höre, Sie motten sich aufstellen lassen bei der nächsten Mahl? Gratnlor! Gratulor!" Er hatte mit den weinmüden Augen ihm zu­gezwinkert und ihm .verständnisinnig die Hand gedrückt'. Wenn die nicht wider ihn waren, wer sollte denn wider ihn sein? Gorka hatte ihm versichert, daß er die Kandidatur wagen könne: von höchster Stelle aus werde die Hand über ihn gehalten, und der Pole dehnte sich behaglich in seinem weichen Bett und gähnte aus Herzensgrund, bann war ja kein Fehlschlag zu fürchten! Der Niemczycer konnte einem ordentlich leid tun wenn der sich etwa mit Hoffnungen trug?!

Ganz ruhig schlief Aleksander von Garczynski ein.i

Der Hauptbau lag nun dunkel, nur im Seitenflügel, int Zimmer von Pan Szulc brannte noch Licht., Man genierte sich da jo wenig, daß man nicht einmal die Row leaux herunterließ. Stasia hatte die steile Dienerstiege, die verfetteten und bespuckten Steinstufen, die zur Ins-, spektorwohnnng führten, manches hinaufgeschafft: Austern, Pastete, Mayonnaise, Kompotts, Torte, Eis und vor allem Wein: Ungar und Sekt. Der kleine Tisch! in der engen Jnspekiorstube war überladen: ,im Waschbecken standen die Sektflaschen.

Gott sei Dank, die Mamsell schlief schon! Die Hatto genug von den Lasten des Tages. Aber der fremde Kochs, den man aus Posen hatte kommen lassen, würde mit- machen. Stasia halte auch einen anstrengenden Tag hinter sich, von: frühen Morgen an war sie auf den Füßen ge­wesen, man hatte sie hier- und dorthin gerufen, überall gebrauchte man sie --- und ivas hatte allein die Frisur Her Herrin für Schweiß gekostet! Und zuletzt noch diese Beterei!

Und doch tanzten Stasia jetzt noch die Augen im Kopf. Nur mit einem ganz leichten Gähnen lehnte sie sich an Herrn Szulc. Ein klein wenig maulte sie: kaum ein Trink­geld hatte es gegeben für all die Plackerei! Alle Herren! hatten in deu Taschen gesucht der Herr Rittmeister !var! ganz schamrot geworden, daß er keinen Taler mehr für sie fand, nur ein lumpiges Markstück!

Hihihi!" Sic kicherte in sich hinein, und dann schüt­telte sie sich vor Lachen, daß ihre langen goldenen Ohr-i gehänge baumelten: die hatte der gnädige Pan einmal! wieder ordentlich Msgeleert.

(Fortsetzmig folgt.)