Ausgabe 
13.7.1910
 
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1910 Nr. M

M

Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Doleschal fühlte sich ganz, beschämt. Er hatte sich heute so wenig um die Dame des Hauses gekümmert gar nicht er hatte es nicht einmal bemerkt, daß sie sich beim Dessert schon zurückgezogen. Es war wirklich liebens­würdig von ihr, ihm das nicht nachzutragen! Ja, die Frauen waren doch immer noch die Großherzigen in dieser Welt voller Kleinigkeiten!

Willig folgte er der Zofe, die in ihrem, für eine dienende Person unverhältnismäßig eleganten Kleide, mit ihren langen, baumelnden Goldgehangen in den Ohren, vor ihm her huschte. Er sah nicht ihr verschmitztes Gesicht. Die Treppe hinauf, durch einen langen halbdunklen Gang führte sie ihn, dann öffnete sie rasch eine Tür und schloß diese eben so rasch und leise wieder hinter ihm. Es wäre ihm an einem andern Tag vielleicht ausgefallen, daß sie so heimlich tat, als führe sie ihn zu einem Stilldichein; heute hatte er des nicht acht.

Sie hatte ihn in Frau Jadwigas Zimmer eingelassem Auf der roten rissigen Tapete lag ein vertrauliches Halbi- hunkel; die verhängte Lampe auf dem Tischchen warf nur einen weichen Schein auf die Dame im Sessel und auf das elegante, seidenverhängte Himmelbett hinter ihr. Das ganze Zimmer war durchduftet von dem Parfüm, das Frau Jadlviga liebte.

Sie war noch in Toilette; der schöne weiße Hals frei. Ungezwungen reichte sie ihm die Hand.Sie wollen schon fortgehen, Baron?" Ihre langbewimperten Lider schlu­gen rasch auf und nieder, jvie die zarten Flügel eines Schmetterlings.

Gnädigste Frau, ja! Ich bin heute ein schlechter Ge­sellschafter, verzeihen Sie aber aber Sie wissen vielleicht" ihm kam's plötzlich wie ein rettender Gedanke, sich dahinter zu verschanzenwelch ein Malheur ich heute bei der Jagd gehabt habe?"

Ich weiß. Sie Guter!" Sie nahm' seine Hand und drückte sie herzlich; fast liebkosend glitt ihr Blick über ihn hin.Das tut mir ja so leid! Mußte gerade Ihnen das Hieren! Wenn's einem andern passiert wäre, meinem

an zum Beispiel," sie lachte hart und zog wie in plötzlicher Schmerzempfindung die Brauen zusammen der hätte sich gar nichts daraus gemacht. Aber beunruhigen Sie sich nicht, bleiben Sie nur noch, ich habe ja schon nach Pociecha geschickt. Es hat gar nichts auf sich, es geht der Person ganz gut!"

Sie! Sie haben sich schon erkundigen lassen? O!" Er war völlig überrascht.Gnädiglste Frau, das haben Sie getan?"

Sie lachte wie ein Kind, dem eine Ueberraschung ge­glückt ist. Und dann sagte sie leise, fast schüchtern, mit gesenktem Blick:Ich wußte ja, daß es Sie freuen würde!"

Liebe gnädige Frau!" Er faßte ihre Hand und küßte sie. Aber diesmal war es nicht bloß der blonde Schnurr-- bart, der ihren Handrücken streifte, sie fühlte seine kühlen und doch so warmen Lippen.

Für einen Moment schloß sie die Augen ah, das war dasselbe wonnige, zum Bergehen angenehme Gefühl, das sie stets durchrieselte unterm Kratzen der alten Nepo- mucena! Mehr mehr! Sie öffnete die Lippen, den Kopf ein wenig hintenüber legend, schlug sie die großen schwimmenden Augen auf.

Er sah den Blick nicht. Neben ihr sitzend, sah er gerade aus und fprach wie zu einer Dritten, in einem warmen Gefühl:Das Büste, was wir haben, sind doch unsere Frauen! Eines Mannes größtes Glück ist eine gute Frau!"

Wie er das sagte! Ganz einfach, schlicht, in eineml Ton, den sie noch nicht von ihm gehört hatte aber das galt nicht ihr, nein, das galt einer andern jener seiner Frau!

Wie das Fell einer Katze, das man gegen den Strich! streichelt, vibrierte ihr Gesicht. Ihre Nasenflügel bebten nervös, die kurze Oberlippe zuckte. Das Taschentuch in ihren Händen zu einem Bällchen drehend und wieder auseinander zerrend, hörte sie gar nicht mehr, was er sprach. Diese Worte galten nicht ihr sie fühlte das. Und ein Haß stieg in ihr aus gegen jene langweilige blonde, deutsche Frau. Und auch gegen ihn. Er war beschränkt o, diese großen,- blonden, deutschen Männer, o wie dumm! Sie gähnte.

Sie sind abgespannt!" Doleschal sprang hastig auf. Verzeihung, ich. hätte längst gehen sollen, aber Ihre große Güte und Liebenswürdigkeit haben mir das Herz warm gemacht. Haben Sie tausend Dank! Nun" ein freund-- kicher Glanz machte sein Gesicht sehr anziehend,nun, rasch zu meiner Frau!"

Sie hielt an sich, bis sein fester Tritt draußen auf dem Gang ausgehatlt hatte, bis sie drunten nicht mehr seine Befehle an den Kutscher hörte, auch nicht mehr das Rollen seines Wagens auf dem hartgefrornen Hof; daun brach sie in ein Lachen aus. Das war einmal verlorene Mühe ge­wesen haha nicht einmal angesehen hatte er. sie!

Glühendes Rot der Beschämung und des Zorns stieg ihr zu Kopf. Das Lachen ging in ein Weinen über, üi ein heftiges ungebärdiges Schluchzen. Sie biß in ihr Taschen­tuch, zerriß es und schleuderte die Fetzen in einen Winkel; ihr Schluchzen wurde zum Schreien. Ein Krampf schnürte ihr die Brust zusammen; in die Kehle stieg es ihr wie eine Kugel. Kaum noch daß sie den Klingelzug erreichte.

Als Stasia nach geraumer Weile erschien, lag die Herrin porni Bett auf den Knien, stöhnend- das Gesicht verzerrt. Kein Kognak half, keine Eau de Cologne; die Zofe lief, den Herrn zu rufen.