Ausgabe 
13.4.1910
 
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Mittwoch den 13. April

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Ihres Vaters Tochter.

Noinan von Lulu von Strauß und Torney.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Er wär ein paar Airgenblicke still ititb sah mit ge^ furchter Stirn vor sich hin, die Zigarre ivar ihm ausge- gangen. Ich störte ihn nicht, bis er voir selbst wieder ansing.

Na, das iväre alles vielleicht gnt gegangen, wenn 'er den Mund gehalten hätte. Aber weder er noch die Person dachte daran. Da kant denn natürlich die Klat­scherei der jungen Frau zu Ohren. Der Peter Floreng! war wie blind in die andere verschossen und kümmerte sich nicht um die Anna. Er hat es wohl anfangs gar iiicht ernst genommen, als sie ihm schrieb, daß sie zu ihrer Mutter gegangen wäre. Sie war ja immer so weich uW ohne Willen gegen ihn gewesen. Kielleicht ivar das ge­rade ihr Fehler. Na, nachher merkte er ja, wie er dran war. Die Herrlichkeit mit der Französin dauerte nicht lange, er wurde ihr langweilig, und sie brannte ihm einfach mit einem andern durch. Als er dann endlich zur Besinnung kam und nach Haus fuhr, war das Haus leer. Er hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, aber die Anna kam nicht wieder. Es war auch zu schlimm nnd auch Zar öffentlich geworden, was er ihr angetan hatte. Ein Jähr nach der Scheidung ist sie dann ja auch gestorben."

Wir sprachen beide nichts, als er fertig war, eine ganze Weile. Es lag wie ein lähmender Druck über mir. Ich einpfand jetzt erst, wie ich mich an den Gedanken geklammert hatte, etwas anderes. Besseres zu hören.

Aber er sollte nichts davon merken. Ich stand lang­sam auf.

Danke, Onkel Franz. Weiter wollte ich nichts wissen." i Er sah mich ernsthaft an.

Mag sein, daß es gut ist, daß du es weißt. Aber, Kind, Toten soll man nichts Nachträgen"

Laß das, Onkel; bitte, nicht mehr davon sprechen!" sagte ich nur hastig,wie geht es in Weddigenhos? Ver­zeih, daß ich noch gar nicht danach fragte."

Wir waren noch eine steife, unbehagliche halbe Stunde zusammen. Onkel Franz war plötzlich anders, nicht so herz­lich und gemütlich. Ich konnte es schließlich nicht mehr aushalten, Konversation zu machen. Ich sagte ihm, daß ich mich etwas hinlegeu müßte. Er wollte von keinem Dank für sein Kommen hören.

Dumnies Zeug! Einen guten Dienst habe ich dir damit nicht geleistet, das weiß ich. Aber du hast es ja gewollt."

Ich sah ihm vom .Fenster Alls rrach. Der breite, große Mann gi,rg rasch die' Straße hinunter, ohne sich einmal

umzusehen. Eine drückende Verlassenheit kam auf einmal über mich.

In der Nacht bin ich dann nach Hails gefahren. Ich habe kaum klar gedacht die ganzen Stunden, aber auch kein Auge zugetan. Ick) starrte nach dem grellen Licht-i spalt iit dem grünen .Gazeschirm der Deckenlampe, die fort­während leise schütterte, nnd horchte auf das stoßende Dröh­nen der Räder. Ich glaube, ich zählte die einzelnen Stöße.

Frührnorgens kam ich an. Der Weg vom Bahnhof war ganz menschenleer, eine graue, naßkalte Dämmerung in der Lilft. Die alte Marie war itod) nicht auf, Haustür und Läden verschlossen.

Ich saß wohl ,eine Stunde frierend und allein auf den Bank vor meinem eigenen Haus. Und in der Stunde kam so bitter Ivie noch nie das Bewußtsein über mich, daß ich keine Heinlat mehr habe. Heimat ist da, wo man sich zu! Hause fühlt. Und ich? .

30. September. .

Ich habe die überhetzte Fahrt nnd die Gemütsaufregung büßen müssen. Eine Woche lang habe ich gelegen, gang, ohne Kräfte. Es ivar mir fast, als ob ich gefiebert hätte. Marie war außer sich, haß ich unfern alten Medizinalraü rricht haben wollte.

Aber ivns soll inir ein Doktor denn helfen? Ich fühle ja, daß nreine Nerven zerrüttet sind, aber was ich brauche, rann , ich mir selbst verschreiben: seelisches Gleichgewicht, Ruhe. Wer gibt mir das?

Marie hat mich gepflegt, wie eine alte Kinderfrau ihr Baby. Die treue alte. Seele der einzige Mensch, den! ich noch habe!

2. Oktober..

Nein, ich muß mich zusammenuehinen. Ich! muß mich nun mit der Tatsache absindeu.

Wenn nur nicht diese große eiskalte Leere in mir wäre. Was soll die ausfüllen?

Arbeit? Ich habe keine. Ich versuche zu lesen. Aber meine Gedanken sind zu iveitig gesammelt, um etwas Ernstes gu fassen. Also leichtere Lektüre. Aber nur meine Augen fahren die Zeilen entlang, die Seiten herunter, während, ich innerlich ganz andere ".Wege gehe.'

Ich weiß nicht, was werden soll. Mein Leben steht an einem toten Punkt. Kein Ausweg, vorwärts oder rück­wärts.

Aufhören, Schluß machen? Ich habe nicht den Mut dazu.

Einerr Strich unter die Vergangenheit machen, neu an- fttitgeit, das wäre das Rechte. Ich weiß nur nicht wie.

Wenn mir nur nicht alles hier diese Vergangenheit civig wach hielte. Das ist das Schwerste. Vielleicht könnte ich einmal darüber wegkonrmen in ganz anderer Umgebung« zwischen fremden Menschen.

-Aber ich habe nicht die Kraft M irgend einem Ent- schluß. Ich bin müde, müde . ,«