Ausgabe 
12.12.1910
 
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Wo soll ich hin?" fragte sie.

Das muß überlegt werden. Zunächst die Geschäfts- frage. Wird Migneau die selbständige Leitung führen rönnen?'

Es ginge zur Not. Für kurze Zeit jedenfalls. Aber ich denke weiter. Höre mich an. Ich habe mich nie hei­misch in Epernah gefühlt. Das war vielleicht meines Vaters Schuld. Er hätte mich nicht in Deutschland erziehen lassen sollen. Ich kann mein Herz nicht teilen. Jetzt noch weniger als sonst. Ich will einen Deutschen heiraten da gehöre ich zu euch. Ich habe reiflich überlegt; habe auch die Möglichkeit erwogen, ob wir das Geschäft be­halten und gemeinsam weiterführen wollen. Es hätte viel für sich und ebensoviel gegen sich. Dein Hauptinteresse wird immer deinem rheinischen Hause gehören; das ist natur­gemäß. Aber auch ich fühle mich hier nicht wohl. Das fühlte ich mich nie, und deshalb, du sahst es ja, schlug ich nllch aus die Seite der Einsamkeit. Nun war vor einer halben Stunde der Graf Chandon bei mir. Clamard hat vorgearbeitet. Moöt und Chandon haben ihr Gebot er­höht. Sie brauchen die uns gehörigen Enklaven ihrer Wein­berge und schielen seit langem nach La Vitrine. Sie ver­sprechen sich auch reiche Erfolge von einer Verschmelzung ihres Geschäfts mit dem unfern; ich wittere so eine Art Trustbildung, der auch Cliquot, Ayala und Goulet nicht fernzustehen scheinen. Nun also: ich möchte verkaufen. Ich habe Chandon versprochen, mich binnen drei Tagen tzu entscheiden. Diese drei Tage würden für dich genügen, in unsere Bücher Einsicht zu nehmen; dann möchte ich von dir hören, was du zu dem Angebot CKandons sagst. Mein Anwalt meint, es sei noch immer um eure halbe Million zu niedrig. Das wird sich finden. Vorderhand ist mir nur darum zu tun, im Prinzip deine Ansicht zu wissen. Bist du für den Verkauf?"

Fritz erhob fich. Ein Ja oder Mein brachte hier die Entscheioung. Aber es war nicht leicht gegeben.

Lieb, die Arrllvort ist schwer. Hinge dein Herz au der allen Firma, so würde ich Bedenken haben. Aber du trägst nicht den Namen der Firma, und dir hast mir ehrlich gesagt, baß dein Herz nicht hierher gehört. Ich will alle Gründe beiseite lassen, ich konstatiere die Tatsache."

Gut," sagte sie.Das Empfinden wäre also für das Ja. Bliebe noch die praktische Seite der Frage zu erwägen, feie liegt immerhin so günstig, daß ich dem Gefühl ruhig nachgeben kann. Der Mammon deiner Braut ist groß."

Ich denke zu klug, als daß ich das übel nehmen würde. Er ist da, und wir werden mit ihm rechnen müssen."

So wollte ich's hören. Die Antwort ist mir lieber, als hättest du mir in schöner Wendung entgegnet, daß dich mein Besitz ohne Besitz noch glücklicher gemacht haben würde. Unsere Liebe wird auch unter den Millionen nicht leiden."

,/Jch glaube dir das auf das bestimmteste versichern zu können."

Sie umschlangen sich wieder. Aber die Hofuhr schlug Mittag, und Die Zeit drängte.

Zurück zum Geschäftlichen," sagte sie.Ein Kuß -wischen Soll und Haben ist zwar sehr süß -V'

Wir wollen daran festhalten!" rief er einfallend.

Aber das Konto nicht überlasten. Fritz, Vernunft! Die Sache ist abgemacht. Heute abend beginnst du mit der Prüfung der Bücher. Wir wollen dem Grafen nicht ein Soustück schenken. Dabei fällt mir ein: noch ein andrer Graf beehrte mich heute früh: Eldringen."

Ist der hier?"

Er hat feine, Kündigung rückgängig zu machen Ver-j sucht und mir bei dieser Gelegenheit seine schöne Seele geöffnet. Es war nicht vonnöten, aber er gedachte wohl, sich in meinen Augen ein wenig zu rehabilitieren. Und da­her erfuhr ich denn mancherlei Interessantes. Man hat im Nheingau arg gegen euch intrigiert, armer Freund."

Das ahnte ich längst. Hat Eldringen Namen ge- Itannt?"

Auch das. Er manövrierte nicht urrgeschickt. Er wollte mirErklärungen" geben. So sagte er. Aber seine Er- Mrungen zerrannen in allerhand Klatsch. Und als schließ­lich ferne glatte Zunge auch kandierte Bosheiten gegen dich fauch habe ich ihn höflich hinauskomplimentiert."

Fritz wurde neugierig.Was wollte er von mir, Andree?" !

Sie schüttelte den Kopf.Erspar mir die Wieder­gabe. Ich weiß nicht einmal: was ist Lüge, was Wahr­heit. Ich sah nur llar: der ganze Streit der Firmen Frie­del und Miquelon basiert im Grunde genommen auf einer Intrige. Aber auf einer alten Stils. Scribe hätte die Fäden schlingen können. Verletzte Fraueneitelkeit gab den Ausschlag. Schwache Weiberarbeit, stümperhaft an­gelegt aber sie genügte, einen Skandal in die Welt zu setzen. Nun kein Wort mehr darüber! Der Champagner- rrieg ist aus, der Friede geschlossen und mit den Be­dingungen sind schließlich beide Teile zufrieden. Oder du nicht?"

Er Mete vor ihr nieder und küßte ihre Hände. Dann sprach man verständig miteinander. Fritz hatte einen guten Vorschlag. Andrse sollte nach Erledigung der Verkaufs­formalitäten nach Schrattstein kommen. Die ganze erste Etage im Hause des Großvaters stand leer; da fand sie Herzliche Ausirahme auch während seiner Festungszeit. Und wenn dann wieder der Frühling kam und die Ftieber- blute im Garten des Prokuristen Kefselholz: dann ivollte man heiraten.

Sie trugen fich mit großen Plänen: die wurden wn Abend bei der Durchsicht der Bücher weiter gesponnen. Madame Bailloud war freilich dabei; aber sie hatte sich diskret in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen und häkelte an dem Besatz eines Stuartkrageus, und nur von Zeit zu Zeit streifte ein forschender Blick aus den Kugelaugen die beiden jungen Sente.

Sie sprachen Deutsch miteinander. Fritz bekam Ein­blick in die Vermögenslage seiner Braut. Ein großer Reichtum wartete seiner. Aber er war genügsam gewor­den: es war kein Bild schimmernder Pracht, das diese Millionen vor ihm aufbauten. Mir zu einem sollten sie ihm verhelfen: seinem alten Hause eine neue, fest gegründete Basis zu schaffen, um den Kampf gegen das Uebergewicht Frankreichs auf dem Gebiete der Schaumweinindustrie mit aller Kraft fortsetzen zu können. Andree hoffte, drei Leute ihres Personals, die Elsässer waren, mitnehmen zu können: den ersten Kellermeister, den Likörbereiter und den Doseur. Das waren Männer von Wichtigkeit; es ivar Verlaß auf ihre Zunge, und sie beherrschten die Technik. Sie brachten vielleicht auch unbewußt das große Geheimnis mit, das den Weltfirmen der Champagne noch immer den Ruhm sicherte: ein Geheimnis, das bisher nicht gelöst worden ivar, das möglicherweise in der Erde schlummerte, das' an die Sonne gebunden war oder an dienfließenden Wasser. In Wahrheit glaubte Fritz an alles dies nicht. Die Traube des Rheins ist so köstlich wie die der Marne, und dis Fabrikation verstand man hier so gut wie drüben. Aber hier war man kleinlich, und drüben großzügig: das machte den Unterschied. Fritz war der Ueberzeugung: das ganze Geheimnis der berühmten Häuser der Champagne bestand in ihrer kapitalistischen Stärke, die vor keinem Zinsverlust zurückschreckte, den Ankauf eigener Weinberge in den besten Lagen und die Sicherung der erlesensten Wachstnmer ge­stattete, die ihre Keller mit reichlichen Reserven füllte und ihnen schließlich eine ausgiebige Faß- und Flaschenlagerung erlaubte. Der gelungene Versuch mit der Marke Excelsiov war für Fritz der Beweis, daß der deutsche Schaumwein sehr wohl mit dem französischen rivalisieren konnte. Doch er wollte mehl' uno das sollte die Aufgabe der Zu­kunft sein. Es war keine Arbeit, die auf neue Höhen des Lebens führte. Sie diente dem Luxus. Aber in dem Ge- samtbestande der Kultur ist auch dem Luxus sein Platz an­gewiesen, der einen wirksamen Sporn für wirtschaftliche Betätigung bedeutet. Wie in anderen großen Organismen^ so war er auch in der Schaumweininoustrie die treibende Kraft, die ein Heer von Menschen beschäftigte, den heimi­schen Weinbau förderte und der Wohlfahrt des Landes zugute kam. Es war eine Arbeit, die in ihrer reichert Entwickelungssähigkeit vor allem dann der Mühe lohnte, wenn sie das Spinnennetz irriger Vorstellungen zu zerreißen vermochte, durch die deutsches Geld Jahr für Jahr in riesigen Massen nach dem Auslande geführt; würde.

. (Fortsetzung folgte