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1910 Nr. 194

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Friedel halb-süß.

Noman von FedorvonZobeltitz.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Madame Bailloud hielt sich für verpflichtet, allen An­feindungen zum Trotz in der Villa Hoche auszuhalten. Das war insofern schlimm, als ihre beständige Gegenwart jede intimere Aussprache mit Andree unmöglich machte. Denn nunmehr, da die Komteß Braut war, waltete Madame Bailloud auch bei grimmigster Migräne ihres Wächter- amtes. Nie wich nicht mehr vom Platze; immer störten ihre forschenden schwarzen Kugelaugen. Aber Andrse sand erneu Ausweg. Sie verabredete mit Fritz ein Stelldichein im Prokuristenzimmer des Geschäftshauses. Da Clamard zu den Chandvns übergesiedelt und Migneau an seinem alten Platz verblieben war, so stand das Zimmer leer und man konnte ungestört miteinander plaudern.

An diesem Vormittage war Fritz durch einen anonymen Drohbrief erfreut worden. Er steckte ihn lächelnd in seine Brieftasche. Die alberne Hetze begann komisch zu werden. Eine in Avize erscheinende Zeitung hatte bereits gemeldet, das Haus Miquelon solle mit der Firma Friedel Der» schmolzen werden. Die Notiz trug ihrer Fassung nach so sehr den Stempel der Wahrheit, daß Fritz stutzig wurde. Er hatte tatsächlich mit Andrse noch kein Wort über die Zukunft gesprochen. Aber es war naturgemäß, daß die Pläne, die man fassen würde, auch die Zukunft der Firma Miquelon betreffen mußten. Und da hatte Fritz beschlossen, seiner Braut vollkommen freie Hand zu belassen und sie nur durch seinen Rat zu unterstützen. Er wollte abwarten; es widerstrebte seinem Feingefühl, sich in ihre materiellen Angelegenheiten zu mischen.

Au der blanken Gemeinheit war er allzeits vorüber- gegangen. Schon die ethische Wertung 'seiner Persönlich- teit hätte ihn immer gehindert, sich einer brutalen Geld­heirat zu fügen. Nun aber kam zum Glück seiner Liebe auch die Freude an der Eroberung. Er verhehlte sich das nicht. Er war kein Idealist, der lediglich in Empfindungen schwelgte: er war auch eine praktische Natur. Er hatte eilt Herzchen gewonnen, und es war kein bitterer Zwang für ihn, zugleich ein paar Millionen mit in den Kauf Au ItBDlItCTt. 1

Als er die Treppe des Gasthofs hinabschritt, begegnete er dein Wirt, der mit kühler Kopfneigung grüßte. Auch in ihm schien das nationale Gewissen erwacht zu sein. Nur der Portier war höflich wie immer; die guten Trink­gelder, die Fritz ihm in die Hand drückte, waren sieg­hafter als das Gefühl inneren Widerstandes.

Im Miquelvnschen Geschäftshause fand er Andrse be­reits vor. Sie flog ihm entgegen und küßte rhn.

Bist du mir gut?" fragte sie. M war gewoynltch W .Eröffnung ihrer WtMaltnng,

Richt die Spur," erwiderte er.Madame Bailloud ist glücklicherweise abwesend da kann ich dir zeigen, tote sehr ich dich verabscheue."

Er nahm sie aus seinen Schoß. Ueber ihnen tickte die Wanduhr. Vom Hofe herüber drang das Geräusch arbeitender Menschen. Aber im Kosen der Siebe ver-, nahmen sie nichts. , . ,

Endlich riß Andrse sich los. Sie stand auf. ^och einmal umschlang sie Fritz.Liebster," sagte sie,ich war nie furchtsam. Aber in den letzten Tagen btn ich es ge­worden. Gegen die heimliche Niedertracht fehlt mir die Waffe. Hast du die Abscheulichkeiten gelesen, die man über uns verbreitet?" , ,

Ich habe sie sogar gesammelt. Aber )te regen mich nicht auf."

Hat man dich auch mit anonymen Schmähschriften bedacht?"

Auch das."

Und bliebst ganz kühl dabei?"

Durchaus. Nur um eins sorge ich mich. Daß ich dich hier allein zurücklassen muß." .

Plötzlich brach Andrße in Tränen aus. Ihre Tapfer­keit hielt nicht mehr stand.Ach, Fritz," rief sie,wo sind meine gesunden Nerven geblieben?! Ich ärgere mich über mich selbst, daß ich nicht den Mut finde, wie du die Schmutzflut, die auf uns niederprasselt, gleichmütig zu er­tragen. Aber wenn du wüßtest, wie schmählich die An­griffe waren wie vergiftet die Pfeile, die meine Mäd­chen ehre treffen sollten, du würdest verstehen, daß ich mich mit allen Fibern sortsehne! Was habe ich denn den Leuten getan? Ich gebe zu, daß ich eine Unvorsichtigkeit be­gangen habe. Der Kuß vor dem Personal entsprach tti diesem Lande der reinen Tugend nicht üblicher Sitte. Selbst die Bailloud war empört. Aber was ist ein Kuß!?"

Nun lachte sie wieder, ivährend noch die Tränen ihre Wangen näßten.

Ein Kuß ist viel," sagte er, glücklich darüber, daß ihre Heiterkeit zurückkehrte.Und grade diesen Kuß vov der kleinen Welt deines Personals hätte man als schönes Symbolnm deuten können. Tat man es nicht, sondern fand sittliche Entrüstung für dieses Verbrechen und stellte dich an den Pranger und mich daneben laß es div rricht gram sein, lieber Schatz, ebensowenig wie alle die anderen Beschimpfungen, mit denen man uns bedacht hat, weil wir uns lieben! Deine Angen sind viel zu hübsch, um über diese Gesellen eine Träne zu vergießen; außer­dem: deine Augen gehören mir. Für eins allerdings plädiere ich auch: ich würde gern sehen, wenn du dich bis zu uu erer Heirat von Epernay fernhalten könntest, fein Mädchen ist schutzloser als ein Mann. und ich möchte dir neue Bitterkeiten ersparen."

Sie war nun wieder ganz verständig, saß aus dem Schreibtischsessel des Herrn Clamard und nickte mit ernstem Gqicht.